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Franz Josef Wagner: Der Schmierlappen wird 65

Gestern ist Franz Josef Wagner, früherer Chefredakteur der deutschen Boulevardblätter Bunte und BZ, 65 Jahre alt geworden. Glückwunsch nachträglich für einen, der weiß, wie man mit schlechtem Journalismus viel Geld macht – das verdient Respekt. Schlimm ist jedoch, dass am gestrigen Donnerstag in der Welt Kompakt eine Lobhudelei auf den “Gossengoethe” (Teaser) zu finden war. Eckhard Balfanz, ein früherer Meldungsschreiber und offenkundiger Arschkriecher bei Bild, hat sie verfasst. Ob “die tollsten Weiber” oder “drauf geschissen” – diese Glückwünsche standen dem Wagner-Sprachgebrauch in nichts nach. Nur hat Balfanz sich wohl im Blatt vertan.

Bewunderung für einen Schluderer

In seinen Geburtstagsgrüßen offenbart dieser Herr Balfanz, dass journalistische Grundregeln für ihn hinfällig sind. So richtet er folgende Worte an Wagner und bezieht sich dabei auf Wagners Redakteursarbeit:

Sie wollten nicht ausgewogen alle Aspekte beleuchten. [...] Dafür habe ich Sie bewundert.

Dass Franz Josef Wagner ein Choleriker erster Güte ist, lernen wir hier ebenfalls. Choleriker gibt es aber wohl in fast jeder Redaktion. Die Arbeitsweise Wagners wird hier allerdings als exemplarisch gefeiert – das stinkt gewaltig.

“Post von Wagner”: Gebrabbel eines Kitsch-Opas

Denn wenn Wagner eines kann, dann unsachlich und polemisch daher quatschen, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Am besten lässt sich das anhand des Falls Natascha Kampusch beweisen. Am 29. August 2006 schrieb der Boulevardgott in seiner Kolumne “Post von Wagner”, an das Entführungsopfer gerichtet: “Alles, was ich weiter schreibe, sind Klischees, leere Worte.” Drei Tage später verglich er den Entführer mit einer Bestie und sinnierte abschließend: “Was mich erschreckt an dieser Angelegenheit ist, dass Bestien zärtlich sein können.” Am 7. September: “Vielleicht liegt es an mir. Ich dachte, dass Sie kurz geschorenes, verdrecktes, ungewaschenes Haar haben. Ich dachte, Sie wären das Mädchen der tausend Schrecken.” Er bezeichnet die 18jährige Natascha als “Dream-Girl”.

Die deutsche Sprache ist nicht seine Stärke

Dass Franz Josef Wagner ein sabbernder Schmierlappen der Extraklasse ist, wäre somit bewiesen. Sein kitschig-schmonzettenhafter Stil paart sich mit einer schludrigen Sprache, die selbst die liebevolle Bezeichnung “Gossengoethe” nicht mehr rechtfertigt. So bezeichnet der Kolumnist am 8. September 2006 Frau Kampusch als “Wunder an Sprachkultur”, weil sie Fremdworte wie “Inkognito” oder “Defizit” beherrscht. Von solcher Raffinesse kann Wagner nur träumen. Er schließt mit den Worten:

Liebe Natascha, wissen Sie, was ich in Ihrem Interview vermisst habe? Ich habe das kleine Mädchen Natascha vermisst. Natascha 10 kam nicht vor. Natascha 10 ist ein Wesen, das es nicht mehr gibt. Natascha 10 ist das Kind auf den Fahndungsfotos. Es ist wie gestorben, dieser Teiltod macht einen traurig. In der Nacht Ihres Interviews, dachte ich an dieses Kind, das es nicht mehr gibt. Es wurde einem das Herz leer.

Ein warmes Stück – aber leider ziemlich scheiße

Mit Verlaub: Ein gewisser Grad der Perversion war auch schon an den Vortagen zwischen den Zeilen zu verspüren. Aber hier drängt sich der Gedanke auf – besonders vor dem Hintergrund des “Dream-Girls” -, dass Wagner in eben dieser Nacht autosexuelle Handlungen an sich vorgenommen hat, bevor er dies schrieb. Der umstrittene Henryk M. Broder meinte dazu: “Nicht einmal Wagner kann zugleich schreiben und wichsen, denn wenn das Händchen schlapp macht, geht den Worten die Luft aus.”

Eckhard Balfanz schrieb gestern in der Welt Kompakt, Wagner habe immer ein “dichtes, lebendiges, warmes Stück” schreiben wollen – der Autor meint damit die redaktionellen Ergüsse des Großmeisters. Zugegeben, warm ist “Post von Wagner” schon. Ein Stück warme Scheiße.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • BILDblog – F. J. Wagner endlich wieder so alt wie Mick Jagger
  • NDR Zapp – Spezial vom 19.04.2006: Ich bin Wagner – Du bist Deutschland
  • medienlese.com – In zehn einfachen Schritten: Schreiben wie Franz Josef Wagner
  • Post an Wagner: Kritisches Blog zur Bild-Kolumne
  • Welt Online startet interaktives Reise-Voting – ohne Enthusiasmus

    Zwei Reporter, kein Plan und die Web-Community: Nach diesem Prinzip funktioniert die heute gestartete Europareise von Welt Online. Die Besucher des Portals dürfen zweimal täglich abstimmen, wohin die Reise zweier Reporter gehen soll und welche Aufgaben die Protagonisten bewältigen müssen. Ein guter crossmedialer Versuch, denn das Ganze wird natürlich auch für die Printausgabe des Springer-Blattes verwertet. Nur mangelt es dem Projekt an Spritzigkeit und Enthusiasmus.

    Die Verbindung von virtueller Web-Demokratie und realer Reiseplanung klingt erst einmal so interessant, dass ich doch glatt die Zeitung beseite gelegt und mir die Aktion im Web angesehen habe.
    Anscheinend läuft das Voting mit vorgegebenen Wahlmöglichkeiten, die die Redaktion im Voraus bestimmt. Wäre ja auch zu schön zu beobachten, wie die beiden Akteure grandios an der Herausforderung scheitern, binnen eines Tages von Berlin nach Kapstadt zu pilgern. Oder vielleicht an den Nordpol. Dass die User ihren Spaß auch so haben, zeigt das heutige Voting: Die beiden sollen unter freiem Himmel in Hamburg übernachten – die Wettervorhersage prognostiziert leichten Regen und dazu ein frisches Lüftchen.

    Bleibt nur zu hoffen, dass die geschundenen Reporter ein Sonderhonorar für ihren planlosen Einsatz kassieren. Schaut man sich die ersten Einträge im Reise-Videoblog an, sieht es nicht danach aus: Viel zu sachlich, vorbereitet-ausformuliert und teils unbeholfen sprechen die beiden ihre Statements in die Kamera. Urlaubsfreude kommt da überhaupt nicht auf – mit ernsthaften Mienen spielen sie die Ahnungslosen, bleiben dabei aber leider dem steifen Korrespondentenstil treu.


    Lahmes Video-Blog: Gutes Konzept + glanzlose Protagonisten = Langweilig.

    Kein Wunder also, dass sich am heutigen Voting bislang nur gut 100 User beteiligten und sich die Kommentierungswut auch in Grenzen hält. Die Protagonisten sind nicht spritzig genug, man kennt sie nicht – sie sind ja nichtmal lustig. Wären Gülcan und Elton mit von der Partie, wäre vermutlich mehr los. So ist es mir nach einem Tag egal, wohin die Reise durch Europa gehen wird – wenn es auch der Welt gelungen ist, mich auf ihre Internetseite zu locken.