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Archiv der Artikel die mit zeitung getagged sind.

Neue Campus-Zeitung “Pflichtlektüre”: Mit Volldampf ins Experiment

Studenten-Blatt: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen künftig alle Ehre machen. Foto: Nils Glück

Studenten-Blatt im Tabloid-Format: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen bald alle Ehre machen. Foto: Nils Glück

Mehr Auflage, mehr Reichweite, mehr Themen: Die neue Campuszeitung Pflichtlektüre wird an gleich vier Universitäten im Ruhrgebiet gratis verteilt. Mit 50.000 Exemplaren setzt das Periodikum, das von der Dortmunder Journalistik entworfen wurde, neue Maßstäbe – zumindest was die Quantität angeht. Ob das neue Printprodukt auch den Ansprüchen der Studierenden gerecht wird, muss die Zukunft erst noch zeigen.

Neu konzipiert: Die “Ruhr-Allianz” hat ihr eigenes Heft

Für die inhaltliche Konzeption und Leitung ist die Dortmunder Zentralredaktion zuständig. Um Anzeigen und Vertrieb kümmert sich dagegen die WAZ. Redaktionschefin Vanessa Giese erläuterte zum Heftstart im Deutschlandfunk, wie man sich auf die neue Herausforderung vorbereitet hat: Ein völlig neues Konzept musste her, das zwar auf Campus-Themen basiert, aber nun auch verschiedene Lokalteile einbezieht. Denn die Pflichtlektüre ist die logische Folge aus der Ruhr-Universitätsallianz und das Heft wird zudem an der zusammengelegten Universität Duisburg-Essen verteilt.

Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück

Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück

Ende einer Ära: Die “Indo” ist Geschichte

Der Start der Pflichtlektüre Ende Oktober war zugleich das Ende der bisherigen Dortmunder Campus-Zeitung InDOpendent, die seit 1991 zahlreiche Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit erhalten hatte. Das traditionsreiche Medium mit aktuellen Nachrichten, Interviews und Hintergrundgeschichten vom Uni-Geschehen hatte einen guten Ruf – umso kritischer sind nun die ersten Stimmen zur neuen Zeitung. Denn was bislang in der “Indo” in einem ganzen Heft seinen Schwerpunkt fand, wird nun im vierseitigen Dortmunder Lokalteil abgehandelt. Die Frage drängt sich auf, ob das neue Medium so weiterhin interessant bleibt für die Leserschaft aus Dortmund. Ein Blog-Autor mutmaßt sogar, die InDOpendent sei das erste “Opfer” der Ruhr-Allianz.

Experiment mit Laienschreibern

Die wohlhabende WAZ bezeichnet das Ganze als “interessantes Experiment”, denn allzu viel steht für sie nicht auf dem Spiel. Anders sieht das bei den redaktionell Verantwortlichen aus: Denn während in der Dortmunder Zentralredaktion Journalistik-Studenten an dem Heft arbeiten, ist man auf den anderen Campi auf Laienschreiber angewiesen, die nun speziell geschult werden sollen. Ob das langfristig den qualitativen Ansprüchen genügen kann, muss sich erst zeigen: Die Messlatte, die die Indo angelegt hat, könnte jedenfalls kaum höher liegen.

Kritik bleibt da nicht aus: Die taz moniert den unkreativen Namen der Zeitung und beäugt das WAZ-Engagement misstrauisch. Immerhin: Tagespresse und Nachrichtenagenturen haben die Neuerscheinung bundesweit erwähnt und dadurch die große Erwartungshaltung bestätigt. Und auch die Marketing-Abteilung hat sich mit einem eigenen Werbespot ordentlich ins Zeug gelegt.

Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng

Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng

Am Institut herrscht Enthusiasmus

Als Journalistik-Student kann ich sagen: An Enthusiasmus vor Ort mangelt es nicht. Wir haben die ersten Hefte eigenhändig an die Leser verteilt (siehe Eldoradio-Beitrag) und arbeiten geradezu fieberhaft an der Optimierung unserer Zeitung. Zwei komplette Seminarkurse widmen sich der Frage, wie man die neue Zielgruppe möglichst genau erforschen und die Heftinhalte den Lesern schmackhaft machen kann. Ein Konzept für den Bereich “partizipativer Journalismus” ist ebenso in Mache wie eine neue Internetplattform, die für crossmediale Einbettung sorgen soll. Und nicht zuletzt schuftet ein aufgefrischtes Redaktionsteam für die Heftinhalte, die den akademischen Leser interessieren. Das Experiment hat also gerade erst begonnen.

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Online-Werbemarkt: Allianz gegen Google? Die Zeitungsverlage formieren sich

Quelle: Vince Smith, flickr.com

Quelle: Vince Smith, flickr.com

Google will künftig mit Yahoo! auf dem Online-Werbemarkt intensiv kooperieren – zumindest in Übersee. Das macht nicht nur Politikern und Wettbewerbshütern zunehmend Sorge, sondern neuerdings auch Zeitungsverlegern. Am Montag bezog die World Association of Newspapers (WAN) offiziell Stellung gegen das Kooperationsvorhaben der beiden Werbe-Giganten (siehe Pressemitteilung).

Google könnte für die Zeitungen zum Problem werden

Wo sieht die WAN das Problem? Ganz einfach: Sie fürchtet ein faktisches Werbe-Monopol seitens Google, denn der Deal mit der Konkurrenz dürfte langfristig vor allem dem unangefochtenen Marktführer nutzen. Als Konsequenz der Kooperation dürfte nämlich das Volumen und damit die Attraktivität der Yahoo!-eigenen Werbung sinken, die nach wie vor bestehen bleiben soll. Kein Wunder, dass der Yahoo!-Aktienkurs nach Bekanntwerden der Zusammenarbeit deutlich absackte.

AdSense-Anzeigen auf der Homepage der Washington Post: Google-Werbung ist hochprofitabel für die Verlage - bleibt sie das auch?

AdSense-Anzeigen auf der Homepage der Washington Post: Google-Werbung ist hochprofitabel für die Verlage - aber bleibt sie das auch?

Weniger Konkurrenz bedeutet mehr Macht für Google, und diese Macht könnte der Konzern auf dem Anzeigenmarkt dafür nutzen, die Preise beliebig zu diktieren. Für viele Online-Ausgaben von Zeitungen liefern kontext-basierte Werbeanzeigen (wie z.B. Googles AdSense) bereits heute einen Großteil der Einnahmen. Hier befürchtet die WAN, Google könne die Auszahlungen an die Verlage verringern – und für die Verlage gäbe es im Monopolfall keine Alternative zum Google-Werbeprogramm.

Die Zeitungen könnten für Google zum Problem werden

Richtig interessant wird die Debatte aber erst durch den Hinweis der WAN auf ihr neues Rechteprotokoll ACAP, wie intern.de in einem Artikel vermutet. Demnach könnten die Verlage der Suchmaschine ihre Online-Inhalte einfach verweigern, sollte ihnen Googles Machtstellung auf dem Werbemarkt zu unheimlich werden. Dann dürfte Google ein Problem haben – denn in der WAN sind weltweit nicht weniger als 18.000 Zeitungen organisiert. Und eines kann Google gar nicht gebrauchen: Schlechte Suchergebnisse.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!

Dieser Kommentar stammt aus dem Wintersemester 2007/2008 und bezieht sich auf den Brand von Ludwidgshafen, bei dem im Februar 2008 neun Menschen ums Leben gekommen waren. Weiterlesen ‘Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!’ »

Wenn die Zeitung anrückt: Tipps für Pressesprecher und Medienagenturen

Notizblock, Stift, Pressemappe: Pressegespräche machen niemandem richtig Spaß. Zu den offiziellen Informationsveranstaltungen mit Organsitoren, Initiatoren, Sponsoren und Vertretern erscheinen oft schlecht bezahlte und entsprechend schwach motivierte Honorarschreiber. Vermeintlich wichtige Persönlichkeiten reichen Kaffee und verkünden den “Damen und Herren von der Presse” ihre mehr oder weniger wichtigen Botschaften.

Oft habe ich mich im Lokaljournalismus darüber gewundert, wie wenig Gedanken sich Pressesprecher und Medienagenten über ihre Aufgabe zu machen scheinen. Sie sollen ihre Botschaften möglichst attraktiv an die Journalisten weitergeben, machen dabei aber oft grobe Anfängerfehler. Hier also ein paar gut gemeinte Tipps aus der Sicht eines Berichterstatters.

Die geladenen Gäste: Kompetenz geht vor!

  • Laden Sie nicht zu viele Gesprächspartner ein (maximal vier bis fünf Personen). Es droht Verwirrung und eine endlose Sitzung, von der niemand profitiert. Die aufkommende Langeweile führt zu Verärgerung und Missmut auf beiden Seiten. Falschinformation und Öberflächlichkeit im späteren Bericht sind die Folge.
  • Neue Gesichter bitte, keine altbekannten Repräsentanten. Die sind in der Regel zu unmotiviert und verfransen sich in Nominalfloskeln – statt zum tausendsten Mal den Bürgermeister einzuladen, sollten Sie vielleicht ein Mitglied des städtischen Organisationsteams zu Wort kommen lassen.
  • Unbedingte Kompetenz: Nur Leute einladen, die etwas zu sagen haben oder eine eigene Meinung vertreten. Die bloße physische Anwesenheit einer Reihe von Personen ist kein Grund für einen Pressetermin.

In der Kürze liegt die Würze!

  • Fassen Sie sich kurz! Nur was wirklich neu und relevant ist, interessiert. Wieso eine stadtbekannte Organisation seit 65 Jahren bestimmte gesellschaftspolitische Aufgaben übernimmt, ist nicht zu erwähnen – gute Redakteure haben all das vorab recherchiert oder fragen explizit nach, wenn es von Belang ist.
  • Kommen Sie zum Punkt, ausgiebige Lobhudeleien sind fehl am Platze (“und ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal ganz herzlich der stellvertretenden Bürgermeisterin Frau Dr. Schmidt-Meier für ihr außerordentliches und ehrenamtliches Engagement danken, ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen”). Solche Sätze wird jeder erfahrene Redakteur in voller Länge überhören und dabei auf die Uhr schielen.
  • Stattdessen lieber möglichst genaue Fakten in einer separaten schriftlichen Information nennen – bei Vereinen Mitgliederanzahl, Jahresbeitrag, Gründungsjahr. Bei Firmen Anzahl der Mitarbeiter, Jahresumsatz und Standorte. Ganz wichtig für die Pressemitteilung: Volle Namen und Funktionen der wichtigsten Personen sowie deren genaue Kontaktdaten (Handy-Nummer!). So vermeiden Sie Fehler bei Namensnennungen in der Zeitung und ermöglichen spätere Nachfragen!
  • Nehmen Sie sich Zeit für Fragen. Wer gar nicht erst reden will, scheut sich vor Spontanität und wirkt in der Öffentlichkeit nicht glaubwürdig (einmal wurde ich mit den Worten begrüßt: “Wir wollen in 20 Minuten hier fertig sein, also beeilen Sie sich bitte”). Freuen Sie sich über aufdringliche Journalisten: Je mehr Fragen Sie gestellt bekommen, desto größer wird Ihr Thema in der Zeitung erscheinen.
Quelle: Bjorn de Leeuw, stock.xchng

Quelle: Bjorn de Leeuw, stock.xchng

Lügen und Schleichwerbung sind die falsche PR-Strategie!

  • Seien Sie ehrlich. Wer unpräzise Angaben macht, lädt zur kritischen Gegenfrage ein und kommt am Ende schlechter weg, weil er unglaubwürdig wirkt. Beim Pressetermin zum Richtfest eines Bürogebäudes: Wenn es Verzögerungen beim Bau gegeben hat, geben Sie das lieber gleich zu. Vermeiden Sie auch Superlative, die sich nicht belegen lassen. Später wird in der Zeitung stehen, das Gebäude sei wohlmöglich gar nicht das höchste der Stadt.
  • Keine Schleichwerbung platzieren oder Gesprächsgäste aus Gefälligkeit einladen (“und nun möchte ich das Wort an den Inhaber der bekannten Firma Fliesen-Reinhold geben, Herrn Dieter Reinhold, der die Aktion tatkräftig unterstützt hat und für den diese Spendengala zur festen Tradition geworden ist”). Sponsoren aus der Wirtschaft sind wichtig und werden daher in der Regel auch in voller Länge im Artikel genannt. Sie müssen aber nicht unbedingt beim Pressetermin anwesend sein.
  • Eine Zeitung ist keine Werbeagentur, die sich alles in die Feder diktieren lässt. Ein Firmenchef sagte mir zum Abschied des Pressetermins: “Schreiben Sie mal ne schöne Annonce”. Respektieren Sie bitte die öffentliche Aufgabe der Journalisten, die auch mal kritische Fragen stellen – oder googeln Sie mal das Wort “Journalismus”, bevor Sie bei Gegenfragen die Augen verdrehen oder ausfallend werden. Kostenlose Werbeplatzierungen werden Sie nirgends finden, erst recht nicht in der Zeitung.

Bei Fotos: Bitte nicht nur freundlich lächeln!

Quelle: Gözde Otman, stock.xchng

Quelle: Gözde Otman, stock.xchng

Manchmal möchte der anwesende Pressefotograf seiner beruflichen Pflicht nachkommen. Hier ist folgendes zu beachten:

  • Nehmen Sie sich Zeit für ein gutes Foto – es lohnt sich! Vor der Kamera zu posieren ist manchmal ungewohnt und anstrengend. Die Alternative für Sie ist: Es wird kein Bild abgedruckt und niemand liest den Artikel in der Zeitung.
  • Anschaulichkeit: Erklären Sie am lebenden oder toten Objekt, was sie der Öffentlichkeit zeigen wollen. Ein Gruppenbild mit ein paar bewegungslosen Repräsentanten ist unattraktiv. Wenn der Bürgermeister einen neuen Spielplatz einweiht, sollte er auch mal die Rutsche hinunterrutschen – das ist ungewöhnlich, wirkt menschlich und erzeugt sehr viel Aufmerksamkeit in der Zeitung. Wenn Sie als Verein eine Ehrenplakette verleihen, bringen Sie die Plakette in der Schatulle zum Termin mit. Wenn Sie als Klinik-Direktor über einen Geburtenzuwachs informieren wollen, halten Sie das Pressegespräch doch im Kreissaal ab – da gibt es was zu gucken. Das ist viel besser als ein steriles Besprechungszimmer.
  • Nicht jeder muss aufs Bild. Die wichtigsten Personen und Einrichtungen werden in der Regel im späteren Artikeltext genannt. Und bitte nicht traurig sein, wenn ein anderes Bild in der Zeitung landet als das von Ihnen favorisierte.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Storyboard – das Kommunikationsblog – Zehn Dinge, die PR-Leute tun können, um Public Relations neu zu erfinden (19. Mai 2008)
  • Storyboard – das Kommunikationsblog – Was ist eigentlich Qualitäts-PR – und was nicht? (19. Mai 2008)
  • Pädagogischer Austauschdienst – Tipps für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (August 2007)
  • Online-Marketing-Praxis – Wie Sie Pressegespräch und Pressekonferenz optimal nutzen
  • IHK Reutlingen – Tipps für die Öffentlichkeitsarbeit

  • Buch-Tipp:

  • Deg, Robert: Basiswissen Public Relations. Professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. 2007
  • Früher Stasi, heute Zeitung: Berichteschreiber in deutschen Redaktionen

    Quelle: NDR

    Quelle: NDR

    Ein Redakteur sollte unabhängig und unbestechlich sein – so weit die Theorie. Dass in deutschen Redaktionen noch unzählige ehemalige Stasi-Spitzel sitzen und in leitenden Funktionen arbeiten dürfen, ist daher umso verwunderlicher. Bezeichnend ist, dass sich gerade die eifrigsten Berichteschreiber ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen.

    Aktueller Fall: Die Berliner Zeitung

    In der Redaktion der Berliner Zeitung saßen nach neuesten Erkenntnissen zeitweise mindestens acht Redakteure, die zu DDR-Zeiten eine kleine Nebentätigkeit besaßen. Zwei von ihnen haben als Inoffzielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ihre Kollegen bzw. sich gegenseitig bespitzelt. Einer ist aus freien Stücken gegangen, der andere darf nicht mehr über Politik schreiben. Bei der Berliner Zeitung kommt die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht – denn welcher noch aktive Redakteur will schon seinen Job riskieren?

    Ungeliebter Eindringling aus dem Westen: Ein Journalist wird beschattet

    Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

    Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

    Einer, der damals selbst unter Beobachtung stand, ist der ehemalige ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner. In seiner Dokumentation “Meine Stasi” (Vorschau-Video) stellt er diejenigen zur Rede, die ihn zwischen 1986 und 1989 bespitzelt haben. Damals erlebte und dokumentierte Börner die Lebensumstände der DDR-Bevölkerung aus nächster Nähe.

    Als unliebsamer West-Eindringling, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, wühlte Börner dort, wo es dem Regime am meisten weh tat. Freie Recherchen waren gefährlich für die DDR-Führung – in einem Stasi-Schulungsfilm über die Machenschaften von West-Korrespondenten heißt es:

    Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden.

    Übersetzt heißt das: Die Korrespondenten interviewten vor allem die kritischen Geister der DDR.

    Börner klingelt an Türen: “So schlimm war’s ja wohl nicht!

    Börner arbeitet nun seine umfangreiche Personenakte durch – schließlich war er damals verantwortlich für westdeutsche Propaganda und bedurfte unbedingter Observierung. Bald wird er fündig und klappert seine früheren Beschatter ab, sofern sie noch am Leben sind. Die Spitzel lauerten überall: Selbst der freundliche Puppenspieler Günter Gerlach war ein IM – seine Frau kann es sich bis heute nicht erklären. Hier gelingt Börner ein guter Einblick in das perfide Überwachungssystem der DDR. Die Recherche wird zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung – entsprechend subjektiv ist die Dokumentation. Börner ist im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

    Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

    Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

    Frank Schulz lehnt eine Stellungnahme zu seinen früheren Stasi-Aktivitäten ab, Reiner Dietrich macht die Tür erst gar nicht auf. Rainer Walther, ehemaliger Direktor der renommierten Palucca-Tanzschule, stellt sich dem Interview und gibt seine Aktivitäten kleinlaut zu. Er lacht peinlich berührt und relativiert: “Also so schlimm war’s ja wohl nicht!”

    Einsichtig bis renitent: “Vielleicht war ich geil auf diesen Job”

    Bettina Schuster, damals bei Fernsehaufnahmen als Pressesprecherin der VEB-Porzelanmanufaktur anwesend, gibt bereitwillig, aber sichtlich nervös Auskünfte über ihre Vergangenheit als IM “Fuchs”. Sie wirft dem ehemaligen Korrespondenten vor, mit seinen Äußerungen “immer ein bissl gestichelt” zu haben – sie mochte den kritisch-kommentierenden Unterton des Journalisten nicht. “Ironie” sei das gewesen, sagt Börner heute. Man könnte es auch einfach Meinungsfreiheit nennen.

    Warum hat sie da mitgemacht, will der Journalist wissen – warum hat sie ihn bespitzelt? “Vielleicht war ich geil auf diesen Job.” Dann sagt sie, der Journalist habe sogar das Porzellan politisieren wollen, und das habe ihr nicht gefallen. Überhaupt sei damals alles ein Politikum gewesen, suggerieren die Aussagen von Ex-IM Ernst Brüch. Selbst ein Börner-Bericht über die Kurmöglichkeiten in der DDR stand damals im Verdacht, eine anti-sozialistische Nachricht zu transportieren.

    Ein Redakteur mit zweifelhafter Berufsmoral

    Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit.

    Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit. Quelle: NDR

    Der Film droht an dieser Stelle abzuschweifen. Zu selbstgefällig stellt sich der Journalist als gerechter Kämpfer dar, der niemandem vertrauen will. Zuletzt aber gewinnt das Stück an Brisanz: Manfred Mohr, Diplom-Journalist und ehemaliger Hauptmann der DDR-Staatssicherheit, machte Ende der 80er Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zu Börners Aktivitäten. Börner spricht ihn an – er stehe heute “nicht für ein Gespräch zur Verfügung”, sagt Mohr. Das Ganze liege jetzt 20 Jahre zurück. Zitat:

    Mohr: “Das ist Geschichte”. Börner: “Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten.” Mohr: “Wenn Sie das machen möchten, bitte. Aber ich nicht.”

    Mohr arbeitet für die Märkische Allgemeine, die dem FAZ-Verlag angehört. Er hetzt dem Störenfried den stellvertretenden Bürgermeister der Ortschaft Zossen auf den Hals, Hartwig Ahlgrimm, der aber beruhigend inkompetent ist und nach der Dreherlaubnis fragt. Interessante Frage: Wie schafft es ein Lokalredakteur, dass sich ein politischer Vertreter für ihn in Bewegung setzt und einen Journalisten unter Behauptung falscher Tatsachen einschüchtern will? Dieser Redakteur scheint nicht nur Probleme mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit seinen beruflichen Verpflichtungen zu haben.

    Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

    Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

    Wie viel liegt noch im Verborgenen?

    Und auch Bolko Bouché, Inhaber eines Medienservices, gesteht erst im zweiten Anlauf seine Stasi-Zusammenarbeit, die er einen Tag zuvor noch vehement geleugnet hatte. So wird zum Ende des Films deutlich, dass Börner immer noch als aufmüpfiger West-Reporter wahrgenommen wird, als einer, der unbequeme Fragen stellt und sich dabei auch noch clever vorkommt. Es kommt zum alten DDR-Reflex: Drohen.

    Wir Wessis haben’s leicht – bei uns wird niemandem unterstellt, ein verdeckter Spitzel gewesen zu sein. Ist es deshalb ungerecht, wenn ein ehemaliger West-Journalist in den Akten von anderen Menschen wühlt? Wohl kaum. Für den Journalismus ist letztlich vor allem erschreckend, dass eine derart stichprobenartige Recherche so vieles zu Tage fördert – wie viele andere Berichteschreiber mit Doppelfunktion arbeiten noch unbemerkt in deutschen Redaktionen?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • taz.de – DDR-Oppositioneller über Berliner Zeitung: “Tödlich für eine Zeitung” (28. August 2008)
  • Abgeschrieben: Schludrige Springer-Zeitungen unter sich

    Links Bild am Sonntag vom 17. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Hier sind wenigstens noch im Text große qualitative Unterschiede festzustellen. Foto: Nils Glück

    Links Bild am Sonntag vom 17. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Hier sind wenigstens noch im Text große qualitative Unterschiede festzustellen. Foto: Nils Glück

    Dass zwei Zeitungen, die im selben Verlag erscheinen, mitunter das Gleiche schreiben, ist an der Tagesordnung – die Verantworlichen nennen das in der Regel Synergie. Als die Bild-Zeitung zum Beispiel kürzlich die Flugreisen der Annette Schavan groß anprangerte, ließ auch der Aufreger-Artikel im Springer-Blatt Welt Kompakt nicht lange auf sich warten (siehe Foto). Was mich aber aufregt: Wenn die eine Zeitung von der anderen eindeutig abschreibt.

    Das Letzte von der der letzten Seite

    So durfte ich heute folgende Zeilen auf Seite 32 der Welt Kompakt lesen:

    15 000 – Das ist die Zahl der Kinder, die in Deutschland jedes Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch werden. 250 – Das ist die Zahl der polizeibekannten Sexualstraftäter – allein in Leipzig. Eine Stadt ist in Angst. Das nach dem Mord an dem kleinen Mitja eh schon traumatisierte Städtchen, wird immer verstörter.

    Ich erinnerte mich an die Bild am Sonntag vom 24. August, wo es auf der Titelseite heißt: “Es gibt jedes Jahr mehr als 15 000 (!) Fälle von sexuellen Übergriffen auf Kinder!” Auf Seite 6 der BamS heißt es: “Allein in Leipzig laufen 250 Sex-Verbrecher frei herum”.

    Links Bild am Sonntag vom 24. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Dasselbe Bildmotiv, dieselbe reißerische Wortwahl, dieselben Fakten. Foto: Nils Glück

    Links Bild am Sonntag vom 24. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Gleiches Bildmotiv, gleiche reißerische Wortwahl, gleiche Fakten. Foto: Nils Glück

    Nun kann man sich gerne vergeblich über die “faktische” Berichterstattung der Bild-Zeitung zum Fall Michelle empören. Schlimm finde ich nur, dass in der Redaktion der Welt Kompakt ein Stümper zu sitzen scheint, der Aufmachung, Wortwahl und “Faktenlage” eins zu eins von der Bild übernimmt. Zudem scheint er kein Kenner der deutschen Sprachlogik zu sein, wie der Abschluss des hochdramatisierenden Textes zeigt:

    Leipzig kann nicht schlafen, bis er nicht geschnappt ist.

    Wie wäre es mit dem Wörtchen “solange” statt “bis”? Ich zumindest kann nicht schlafen, solange die Welt Kompakt so einen Schwachsinn abdruckt – sogar die letzte Seite ist mir dafür zu schade!

    Absolut neutrale Mediensatire: Die FAZ sucht Undercover-Agenten

    Quelle: redbaron, STOCKXPERT

    Quelle: redbaron, STOCKXPERT

    Mit der verdeckten Recherche ist es immer das Gleiche: Wie man es auch anstellt – nachher wird man dafür kritisiert. Günter Wallraff sagt immer, er habe Missstände aufdecken wollen, die ihm ansonsten verborgen geblieben wären. Im ersten Semester hat sich der FAZ-Journalist Oliver Jungen in unseren Studiengang geschlichen. Beziehungsweise in drei Lehrveranstaltungen des Studiengangs, die alle an einem Tag stattfanden. Daraus hat er sich ein Gesamturteil über unsere Dortmunder Journalistik zusammengewurschtelt.

    Die Empörung der betroffenen und angeblich falsch zitierten Bachelor-Erstis war groß, fast schon peinlich groß (siehe Kommentare). Denn die Defizite der Recherche lagen auf der Hand:

    • Repräsentative Aussagen über einen Studiengang erreicht man nicht durch stichprobenartige Besuche von beliebig ausgewählten Lehrveranstaltungen.
    • Die Zitate dürften allenfalls sinngemäß wiedergegeben sein. Schließlich hatte der gute Herr Oliver Jungen nicht die Möglichkeit, sich Notizen zu machen. Versteckte Mikrofone schließe ich aus – der faule Autor hätte sich niemals die Mühe gemacht, die Aufnahmen auszuwerten.
    • Voreingenommenheit ist eine Zierde. Dass der Autor es nicht geschafft hat, ein aktuelles Vorlesungsverzeichnis auszudrucken und den richtigen Raum zu finden, ist symptomatisch für die Arbeitsweise des Herrn Jungen. Resultat: Verdammt schlechte Laune. Auch hatte er ganz offenkundig null Bock auf das frühe Aufstehen und die Universität im Allgemeinen, wie er bereits in der ersten Passage seines Berichts zugibt.

    Ich habe mich damals jeder ernsthaften Kritik enthalten – dazu bin ich viel zu cool. Solch eine journalistische Provokation verdient nur eins: Satire. Allen seriösen Journalisten mit investigativen Ambitionen sei also die folgende Stellenanzeige ans Herz gelegt.

    Twitter meets newspaper: Die Redaktionen zwitschern sich eins

    Heute hat die Welt Kompakt, meine neue Abozeitung, mit der Nachricht aufgemacht (siehe Foto), sie sei im Netzwerk Twitter die beliebteste Redaktion unter den zwitschernden Newsrooms. Sie beruft sich dabei auf ein Medien-Ranking der Website medienlese.com. Zu dieser “Auszeichnung” gratuliert sogar die Mutterredaktion.

    Für alle Gestrigen: Ein fleißiger Blogger erklärt euch hier, was Twitter ist. Eigentlich lohnt eine Erklärung aber gar nicht, denn dafür ist bei Twitter kein Platz. Twitter ist kurz, schnell, mobil und in jeder Hinsicht unverbindlich – und daher sehr einfach. Und daher recht populär.

    Ja, was zwitschern sie denn?

    Obwohl 857 Tweet-Abonnenten sich für mich nicht gerade nach viel anhören – so viele wollen nämlich wissen, was die Redaktion in Berlin denn so alles daherzwitschert. Zum Beispiel gibt es fünf “Tweets” für den gestrigen Donnerstag. Da verrät ein Jemand am frühen Abend, dass man immer noch keinen Aufmacher für die Titelseite hat. Später sagt dieser Jemand, dass man mit einem Wirtschaftsthema aufmachen und dass es eine Doppelseite über Madonna geben wird. Schließlich steht da: “das twitter-vögelchen prangt auf der 1″.

    Die Message: Dabei sein ist alles. Der Mehrwehrt: Null

    Ich frage mich natürlich: Wo liegt da der Informationswert? Dass Menschen in ihrem Privatleben Twitter benutzen, um das Freundes-Rudel zu organisieren, macht Sinn. Twitter kann sogar für oppositionellen, politischen Widerstand genutzt werden, wie der clevere Twitter-Gründer im Interview erklärt.

    Auch kann sich die Redaktion sagen lassen, sie sei modern. Zur Bestärkung dieses Verdachts lassen sich auch der Handy-Code aus der Printausgabe, das redaktionseigene Video-Blog und die MySpace-Seite des Teams hinzuziehen – alles sehr “up-to-date”. Mehr aber leider auch nicht – redaktioneller Mehrwert gleich null.

    Die Konkurrenz ist etwas besser im Zwitschern

    Wesentlich interessanter finde ich das Twitter-Profil von Titanic, dem absolut weltbesten Satire-Magazin. Denn hier gibt’s nichts zu lesen, sondern es werden nur Weiterleitungen auf aktuellen Content, also echte Informationssubstanz (!), geliefert – Titanic hat nämlich einfach seinen RSS-Feed bei Twitter eingestellt. Das kann man sich mal abonnieren für den Lacher zwischendurch.

    Zeit Online, man höre und staune, hat es mit ihrem toten EM-2008-Tweet auf Platz vier des oben genannten Rankings gebracht – das sagt leider auch etwas über die Relevanz der heutigen Titelseiten-Meldung von Welt Kompakt aus: Die ist nämlich nicht vorhanden. Dafür so viel Platz auf der ersten Seite – sinnlos. Die Redaktion scheint gestern tatsächlich Probleme mit dem Aufmacher gehabt zu haben.

    Crossmedia: Burda-Verlag will Bratpfannen verticken

    “Change or die.” Wer am neuen Medienmarkt überleben will, muss seine Marketingkonzepte drastisch ändern – soweit die Theorie. Doch was Burda-Vorstand Christiane zu Salm gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vorgeschlagen hat, klingt richtig innovativ: Die Verlage sollen künftig kein bedrucktes Papier mehr verkaufen, sondern Bratpfannen. Und außerdem sollen sie noch Werbespots drehen.

    Im Labor zischt und brodelt es

    Die Frau hat sich etwas vorgenommen. Nur was, das weiß sie wohl noch nicht so genau, oder sie will es nicht verraten. Als neuer “Vorstand Crossmedia” des Burda-Verlags zu München muss sie experimentieren. Seit vielen Jahren basteln die Verlage in ihren Entwicklungslaboren an einem Ausweg aus der Zeitungsflaute, hin zu neuen, lukrativen Ufern im Internet. Holtzbrinck hat’s probiert mit dem StudiVZ-Aufkauf und dem hippen Nachrichtenportal zoomer. “Wir entwickeln gerade für einen Markenartikler eine neue Community”, sagt zu Salm geheimnisvoll.

    “Vorstand Crossmedia” hört sich nach jemandem an, der aus dem Journalismus kommt oder zumindest mal damit zu tun hatte. Zu diesen Personen gehört die Neue aber nicht. Sie studierte BWL und machte sich als MTV-Geschäftsführerin einen Namen. Dann machte sie aus einem Frauensender die Quizhölle 9Live – das Blatt nennt die Abzockmaschinerie einen “einträglichen Anrufsender”. Eins steht fest: Frau zu Salm ist clever und kann mit Geld umgehen.

    Verlage als Versandhändler – Journalismus adé

    Aber kann sie auch mit Verlagen umgehen? “Journalistisch gestaltete Inhalte sind sehr schwer zu refinanzieren”, sagt sie und meint damit das Internet. Online-Journalismus allein ist nicht lukrativ, weil keiner dafür Geld hergeben will. Und deshalb will sie künftig “Commerce, Inhalt und Monetarisierung zusammenbringen”. Soll heißen: Der Verlag soll in erster Linie nicht Journalismus, sondern Anzeigen und alles Mögliche verkaufen – Beispiel: “Wer dann auf die Homepage von ‘Elle klickt, kann vielleicht eine Designertasche kaufen.” Und wer auf der Homepage eines Burda-Haushaltsblättchens surft, bekommt schwups ‘ne Bratpfanne angedreht.

    So einfach ist das: Christiane zu Salm will “den Leser zum Kunden” machen. Das Burda-Produkt wird quasi Neckermann, Otto, MediaMarkt und Frauenzeitschrift in Einem, und das alles hocheffizient sowie crossmedial.

    Zukunft der Verlage: Werbung über alles – Hautpsache kosumorientiert

    Denn was Crossmedia angeht, so soll die Kraft des Unternehmens künftig in der Werbeproduktion gebündelt werden: Der Verlag soll Print-Anzeigen und Online-Werbespots selbst bereitstellen, sagt Frau Crossmedia. Aufgabe des Medienerzeugnisses hinsichtlich eines beworbenen Produktes soll es sein, “Sehnsucht zu erzeugen, den Konsumenten für das Produkt einzunehmen”.

    Eins steht fest: Ich werde nicht ins Internet gehen, weil man mir auf dem Papier ein tolles Video verspricht. Mich überkommt eher ein schauriges Gefühl bei dem Gedanken, dass Redaktion, Vertrieb und Anzeigen künftig ein Bereich werden sollen. Denn ändert der Konsument (ehemals Leser) seine Vorlieben, muss ich als Journalist plötzlich nicht mehr über Politik und Kultur, sondern über Bratpfannen und Handtaschen texten.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FTD.de – Serie: Die Zukunft der Zeitung
  • taz.de – Dossier: Die Zeitung der Zukunft
  • Positives aus China: Zeitungsmarkt wächst rasant – trotz Zensur

    Die Chinesen sind fleißige Zeitungsleser, und der Boom auf dem Markt hält an. Das ist aus den jährlichen Berichten der World Association of Newspapers (WAN) zu entnehmen. Chinas Zeitungsmarkt ist nach Zahlen aus dem Jahr 2007 der weltweit größte: Im Reich der Mitte wurden demnach pro Tag 107 Millionen Zeitungsexemplare verkauft. Bei der Presse-Reichweite konnten die Bezahlzeitungen gegenüber 2002 einen Zuwachs von über 20 Prozent verzeichnen.

    Steigende Zeitungsvielfalt, intensive Lektüre

    In Asien steigt seit fünf Jahren die Zahl der Zeitungen, die man für Geld haben kann. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist heute in einem beeindruckenden Bericht des chinesischen Journalismus-Studierten Luo Lingyuan zu lesen: “In den vergangenen zwanzig Jahren sind so viele neue Zeitungen gegründet worden, dass man von einem regelrechten Boom sprechen kann.”

    Die Chinesen nehmen sich 20 Minuten mehr Zeit für die tägliche Lektüre als die Deutschen, und auch die Reichweite der chinesischen Presse steigt seit Jahren.

    Chinesische Presse: Weltoffen bis kritisch – aber staatlich zensiert

    Von einer vielfältigen, weltoffenen, teilweise sogar kritisch-objektiven Presse in China ist heute auf Seite acht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu lesen. Dass diese positive Entwicklung nicht über die Tatsache hinwegtäuschen kann, dass in China Zensur herrscht, macht ein weiterer Artikel klar: “Generell gilt, dass alles, was das Herrschaftsmonopol der Partei, das Leben der Staatsführer, religiöse Fragen sowie Tibet und Taiwan betrifft, tabu ist beziehungsweise ausdrücklicher Genehmigung bedarf.” Mark Siemons beschreibt in seinem Text anschaulich, welche “gegensätzliche Wirklichkeiten” in China für Journalisten gelten: Freiraum auf der einen, strenge Zensur und Verfolgung auf der anderen Seite. Die gelungenen TV-Beiträge vom NDR vermitteln diesen Eindruck sehr eindringlich – unbedingt anschauen!

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • NDR – Dokumentation: Unbequem und unbestechlich – Chinas Kämpfer für die Wahrheit (Video in ARD-Mediathek)
  • NDR – Video: Mutig – Chinesische Reporter kämpfen gegen Zensur
  • Welt Online – Medien: Weltweit steigen die Zeitungsauflagen – leider nicht in Deutschland
  • Schweizer Presse: Zusammenfassung der “World Press Trends 2008″ der WAN
  • Chinesische Botschaft Berlin – Chinesische Presse im Aufwind