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Archiv der Artikel die mit verbrechen getagged sind.

Modernes Texas: Bewaffnete Lehrer sollen Amokläufer erschießen

In einem Bezirk in Texas dürfen Lehrer ab kommenden Montag mit dem Colt zum Unterricht erscheinen (siehe unter anderem Star Telegram sowie Spiegel Online). Damit sollen nicht etwa unartige Schüler in Schach gehalten werden – vielmehr sollen die Lehrer das Gesetz selbst in die Hand nehmen, falls es zu einem Amoklauf kommen sollte.

Das Bizarre an der Geschichte: In dem besagten Bezirk gibt es nur eine Schule, an der nicht mehr als 110 Schüler unterrichtet werden. 50 Lehrer und sonstiges Personal, inklusive angrenzendem Kindergarten, dürfen jetzt mit der Waffe am Gürtel herumlaufen. Schließlich ist die nächste Polizeistation weit entfernt.

Dass die Amerikaner Angst vor Amokläufen haben, ist berechtigt: Die Liste der jüngsten Vorfälle an Schulen und Universitäten ist lang. Doch anstatt speziell ausgebildete Sicherheitsbeamte einzustellen, wie es in anderen Einrichtungen üblich ist, schicken die Texaner ihre Lehrer zum Schießtraining. Auch verfügt die besagte Schule bereits über eine Sicherheitsschleuse und Videoüberwachung.

Texanische Logik: Mehr Waffen bedeuten mehr Sicherheit

Man sollte die 110 Schüler stattdessen zur regelmäßigen psychologischen Untersuchung schicken, um Amokläufen vorzubeugen. Denn dass mehr Waffen automatisch auch mehr Sicherheit bedeuten, glaubt man wohl nur noch in Texas. “Er finde es gefährlicher, die Waffen aus der Schule rauszuhalten, als sie mit reinzunehmen”, gibt Spiegel Online den verantwortlichen Schulinspektor wieder.

Man stelle sich das mal vor: Ein Amokläufer in der Schule, Panik bricht aus. Mittendrin stehen Lehrkräfte, die den Held markieren und den Amokschützen im Kreuzfeuer niederstrecken wollen. Da sind menschliche Kollateralschäden vorprogrammiert, auch wenn die Lehrer zuvor an einem Programm zur Konfliktbewältigung teilnehmen und einen Waffenschein erwerben mussten.

Verfassungsgericht bestätigt Recht auf Waffenbesitz

Hoffnung machen die vielen kritischen Stimmen, die nach dem Entschluss zu hören waren: Was, wenn ein Schüler dem Lehrer seine Waffe entwendet? Oder was geschieht, wenn eine Lehrkraft selbst die Kontrolle verliert und zum Amokläufer wird? Die Gefahr dürfte sich durch die vielen Waffen nicht verringern, sondern im Gegenteil erheblich erhöhen.

Für uns Europäer klingt das alles absurd. Dass die Uhren in Sachen Waffenbesitz in den Vereinigten Staaten etwas anders ticken, zeigt auch eine Entscheidung des obersten Gerichtshofes, wonach jeder US-Bürger das Recht auf Waffenbesitz hat. Und in Texas darf schon im Verdachtsmoment geschossen werden: Wer am schnellsten zieht, bekommt auch vor Gericht den Zuschlag – ginge es dabei nicht um Leben und Tod, könnte man darüber sogar lachen.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • stern blogs – American Venture – Texas Gun Control (21. August 2008)
  • Welt Online – USA: Lehrer in Texas dürfen bewaffnet unterrichten (17. August 2008)
  • UniSpiegel – USA / Amokläufe: Bewaffnet zur Vorlesung (14. April 2008)

  • Mehr zur amerikanischen Waffenkultur im Internet:

  • stern.de – Selbstjustiz in Texas: Joe Horn macht kurzen Prozess (1. Juli 2008)
  • Spiegel – USA: “Man kann von Besessenheit reden” (30. Juni 2008)
  • sueddeutsche.de – Debatte um Waffengesetze in den USA (18. April 2008)
  • Welt Online – Kriminalität: Die Stadt, in der Waffenbesitz Pflicht ist (26. März 2007)
  • Spiegel – Texas: Rücklings erschießen (20. März 1995)

  • Film-Tipp zu diesem Thema:

  • Michael Moore: Bowling for Columbine (2002)Trailer
  • Netzwerk der Betrüger: Deutsche Bürger versinken im Daten-Morast

    In Deutschland werden massenhaft Bankdaten missbraucht. Quelle: Steve Woods, stock.xchng

    In Deutschland werden massenhaft Bankdaten missbraucht. Quelle: Steve Woods, stock.xchng

    In Deutschland herrscht Korruption, zumindest was den Datenschutz angeht. Diesen Eindruck gewinnt momentan der interessierte Nachrichtenkonsument – und endlich erfährt er in ganzer Breite und im Detail die ungeschönte Wahrheit darüber, wie seine sensiblen Personen- und Bankdaten rücksichtslos aufgespürt, gespeichert und zum Teil illegal weitergereicht werden.

    Der Daten-Handel floriert – unterstützt von Naivität und juristischer Milde

    Denn bereits eine Woche nach dem Schleswig-Holsteinischen Datenskandal wird klar: Es ist viel schlimmer, als zunächst angenommen – das, was die Datenfahnder bislang festgestellt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Informant hat sich öffentlich geoutet und behauptet, er allein verfüge über 1,5 Millionen Datensätze von Bundesbürgern, die auf dem Adressmarkt verkauft würden. Im aktuellen Spiegel-Interview schildert er minutiös, warum sich frühere SKL- oder NKL-Spieler Sorgen machen sollten. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit sind ihre Bankdaten schon längst weiterverkauft worden – illegal zwar. Aber für viele Callcenter und Gewinnspielbetreiber stellt der Datenankauf die sicherste Einnahmequelle dar. Sind Kontonummer und Bankleitzahl erst einmal in der Datenbank, wird gnadenlos abgebucht. Das geht, weil juristische Konsequenzen in Deutschland harmlos und der Umgang vieler naiver Bundesbürger mit ihren eigenen Daten grob fahrlässig ist.

    Gelegenheit macht Diebe: Datenmissbrauch im digitalen Zeitalter

    Denn viele Bürger kontrollieren nicht einmal ihre Kontoauszüge oder akzeptieren die Abbuchung gutgläubig, weil sie davon ausgehen, dass dem Dienstleister eine Einzugsermächtigung vorliegt – schließlich schreibt das Gesetz es so vor. Viele sind auch schlicht zu bequem, als dass sie wegen zweistelliger Euro-Beträge genauere Nachforschungen anstellen würden.

    Es ist zum Einen diese Gutgläubigkeit, die den Datensumpf erst richtig morastig werden lässt. Zum Anderen ist es aber auch die Tatsache, dass digitale Daten heute so einfach und unauffällig kopiert, weiterverarbeitet und klammheimlich missbraucht werden können. In einem Geschäft, in dem eine gültige Bankverbindung bares Geld wert ist, macht Gelegenheit eben Diebe.

    Tatort Callcenter: Erst freundlich lächeln, dann dreist abbuchen. Quelle: Astin le Clercq, stock.xchng

    Tatort Callcenter: Erst freundlich lächeln, dann dreist abbuchen. Quelle: Astin le Clercq, stock.xchng

    Outsourcing liegt auch in der Callcenter-Branche im Trend

    Dass sich in Großteilen der Callcenter-Branche alles nur um die Bankdaten dreht, hat im vergangenen Jahr der umstrittene Enthüllungsjournalist Günter Wallraff mit verdeckter Recherche eindrucksvoll bewiesen. Er verkleidete sich, wurde Callcenter-Agent und dokumentierte, wie schmutzig die Datensammler und Gewinnspiel-Verkäufer zur Tat schreiten. Das Problem ist auch, dass in dem Kampf um Daten und Telefonverträge vieles ausgelagert und über Drittfirmen abgewickelt wird, deren Machenschaften im Einzelnen vom ursprünglichen Auftraggeber nicht überprüft werden können. So passiert es, dass illegale Geschäfte von einer Drittfirma unter dem Namen des “seriösen” Auftraggebers abgeschlossen werden – bestes Beispiel sind hier die staatlichen Klassenlotterien. Auch das hat Wallraff uns erklärt.

    Günter Wallraff: Der Datenschutz-Pionier hat uns die Augen geöffnet

    Wallraff argumentiert völlig richtig: Es mag zwar sein, dass viele Callcenter sich nicht an den illegalen Geschäften beteiligen und jetzt zurecht einen Imageschaden beklagen. Solange sich in der Branche aber nichts bessert und die Bundesregierung keine gesetzlichen Verschärfungen beschließt, sollte jeder Callcenter und jeder Daten-Dienstleister (siehe Deutsche Telekom) unter Generalverdacht stehen.

    In Deutschland herrscht also weiterhin akuter Aufklärungsbedarf, was den Datenschutz angeht. Dank des neuen öffentlichen Interesses an diesem Thema und vor allem dank Günter Wallraff, der die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert hat, steht die Datenkorruption dieser Tage auf den Titelseiten. Das ist ein Signal, das Hoffnung macht.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • heute.de – Bundestag will sich um Datenschutz kümmern (19. August 2008)
  • ZDFmediathek: Bei Anruf Abzocke (Video vom 11. Dezember 2007)
  • Zeit Online – Themenseite Datensicherheit
  • Medien Monitor – Günter Wallraff: Mission Missstände
  • Gladbecker Geiseldrama: Die Mär vom moralischen Journalisten

    Zwei Verbrecher, zwei tote Geiseln. Hunderte Journalisten, die handeln, und einige hundert Polizisten, die zuschauen. Schließlich ein Sondereinsatzkommando, das kurzen Prozess macht. Die Konstellation des Gladbecker Geiseldramas ist einfach – schwieriger ist auch 20 Jahre danach die Frage, warum es zu den zwei Toten kommen musste. In einer umfangreichen TV-Dokumentation hat der WDR gestern die Geschehnisse vom August 1988 noch einmal aufgerollt. Die Chronologie der Ereignisse ist auch bei Spiegel TV dokumentiert. Die Süddeutsche Zeitung schreibt ausführlich zum damaligen Geisel-Desaster.

    Chaos in der Einsatzleitung – mit fatalen Folgen

    Außer Frage steht, dass die Einsatzleistung bei den Verhandlungen mit den Tätern und vor allem bei der späteren Verfolgungsjagd versagt hat. Es gelang der Polizei nicht einmal, die Telefonleitung in die Bankfiliale zu sperren, sodass Journalisten in aller Ruhe mit den Geiselnehmern plaudern konnten. Eine lückenlose Abschirmung der Täter von der Öffentlichkeit hätte verhindert, dass Degowski und Rösner sich in ihren Allmachtsfantasien bestätigt sahen angesichts des enormen Medieninteresses. So aber dachten die beiden Gangster, dass ihre Waffen sie mächtig und die umlagernden Journalisten sie unverwundbar machten. Der stundenlange Stillstand der Verhandlungen führte insbesondere in Bremen dazu, dass die Täter sich gezwungen sahen die Initiative zu ergreifen und “ernst zu machen”.

    Rudelbildung: Die Journalisten im Reality-Rausch

    Außer Frage steht wohl auch, dass den Journalisten in den Tagen der Geiselnahme jegliches Gespür für die Situation fehlte. Es ging nur um eine Story, die eine Zukunft hatte angesichts der versagenden Polizei. Kriminelle, die mit der Pistole rumfuchteln, geben schließlich ein gutes Bild für die Titelseite ab. Unbeschwert und euphorisch schritten die Reporter zur Tat angesichts der Szenen, die so filmreif und gleichzeitig so verführerisch echt waren.

    Journalisten als Regisseure

    Problematisch ist nur, dass die Journalisten aktiv ins Geschehen eingriffen. Sie waren nicht Beobachter, sondern fast schon Regisseure. Das Drehbuch las sich vielversprechend, jetzt mussten die Journalisten dafür sorgen, dass es in der Story eine finale Klimax, zumindest aber ein Happy End geben würde. Auf der Autobahn wurden Polizeiwagen von Pressefahrzeugen abgedrängt. Während der Kölner Eskalation, dem Gipfel der anbiedernden Perversion in einer Fußgängerzone, reichte man den Verbrechern Kaffée und Gebäck ins Fluchtauto. Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur beim Kölner Express, lotste das Auto aus der Innenstadt – seine wahren Motive mögen vielschichtiger gewesen sein als zunächst unterstellt. Denn die Situation war im wahrsten Sinne des Wortes festgefahren: Zwei aufgeputschte, zunehmend aggressive Geiselnehmer drohten durchzudrehen – inmitten einer Traube von aufgegeilten Schaulustigen. Ein finales Blutbad in Köln wäre kein Happy End gewesen. Da war es wohl besser für alle Beteiligten, den Film wieder auf die Autobahn zu verlegen. Das Ende kam dann doch mit Schrecken – und war nur noch mit dem Teleobjektiv zu dokumentieren.

    Die Mär von der Moral

    Warum taten die Journalisten das – warum ließen sie alle Hemmungen fallen? Abgesehen davon, dass viele Journalisten keine Hemmungen besitzen, lautet die Antwort: Weil sie es konnten. Die Polizei hinderte sie nicht. Heute sagen viele, die Journalisten hätten merken müssen, wie unverantwortlich sie sich damals verhielten – zum Beispiel, als sie Rösner ausführlich interviewten oder als sie Fotos im gekaperten Bus machten. Dabei vergisst man aber, dass der praktische Journalismus in erster Linie als Handwerk, als Handlungsmechanismus verstanden wird – hingehen und einsammeln, was da ist. Das ist ein Reflex, der durch den konkurrenzbedingten Drang zur Information entsteht: Statements abgreifen, Fotos machen, Fragen stellen. Wer das beste Material sammelt, gewinnt am Schluss. Und wenn eine Geiselnahme mit freiem Zugang stattfindet, gibt es Unmengen an exzellentem Material, mit dem sich die Konkurrenz abhängen lässt. Heute wäre das keineswegs anders: Stell dir vor, es ist Geiselnahme, und keiner geht hin – ist das etwa realistisch?

    TV-Tipp:

  • Spiegel TV Special zum Gladbecker Geiseldrama: Samstag, 16. August, 22.05 Uhr bei VOX (Vorschau).

  • Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • stern.de – Gladbecker Geiseldrama: Irrfahrt quer durch die Republik
  • Hinz & Kunzt – Lebenslinien: Udo Röbel über seine Rolle im Gladbecker Geiseldrama
  • Medienhure – Das Medienmagazin – Das Geiseldrama von Gladbeck: Medien. Mittäter. Mörder.
  • DerWesten – Im Westen – Geiseldrama Gladbeck: Kritik an Polizei
  • RP ONLINE – Geiseldrama von Gladbeck: Geiselnehmer Degowski bittet um Gnade
  • Welt Online – Geiselgangster Degowski bis 2013 in Haft
  • Gedenken: An der Berliner Mauer sind immer mehr Menschen gestorben

    1.303 Namen auf engstem Raum: Die “Arbeitsgemeinschaft 13. August” hat zum heutigen 47. Jahrestag des Mauerbaus eine doppelseitige Anzeige in der Welt Kompakt (siehe Foto) geschaltet. Es handelt sich um eine Todesliste mit den Namen derer, die an den DDR-Grenzen gewaltsam zu Tode kamen. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August ist Träger des Berliner Mauermuseums am ehemaligen Checkpoint Charlie.

    Die Anzeige macht Eindruck, nachdenklich und neugierig, zumal nicht nur die Menge der Verstorbenen, sondern auch biografische Details genannt werden. Erschütternd hoch ist der Anteil der jungen Menschen unter 30:

    unbekannt (männl.), (ca. 20-30), † 13.09.73, Leiche bei Rerik angespült

    Graner, Wolfgang, NVA, (19), DDR, † 31.05.71, erschossen bei Fahnenflucht

    Huhn, Reinhold, (20), † 18.06.62, Berlin; von Fluchthelfer erschossen

    Statistischer Streit: Wie tödlich war die DDR-Grenze wirklich?

    Die Neugier trieb mich ins Netz. Bei Welt Online muss ich lesen, in makaberer Statistik-Sprache:

    Nach Angaben der “Arbeitsgemeinschaft 13. August” kamen 1.303 Menschen an der DDR-Grenze ums Leben. Damit stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 58.

    Das wirft die bizarre Frage auf: Wie viele werden nächstes Jahr an der Mauer gestorben sein? Etwas taktvoller und mit weniger Ironie wäre besser. Denn am Streit um die Mauertoten zeigt sich, wie wenig die DDR-Geschichte bislang aufgearbeitet worden ist.

    Um die genaue Anzahl der Todesopfer, die man direkt oder indirekt dem SED-Apparat anlasten möchte, wird seit jeher gestritten. Auch 19 Jahre nach der Grenzöffnung tauchen immer neue Quellen und Belege auf. Man mag jetzt sagen: Ob es nun 1.000 oder 1.300 Menschen waren – das alles ist schon schrecklich genug! Eine genaue Quellenanlayse und Zählweise ist aber deshalb wichtig, weil längst nicht mehr nur zynische SED-Altkader die Verbrechen an der Grenze und im Zusammenhang mit der Grenze herunterspielen. Das hat die perfide Debatte um den Schießbefehl an der DDR-Grenze gezeigt, die genau vor einem Jahr begann – am Jahrestag des Mauerbaus zu Berlin.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Der Tagesspiegel – Deutsch-deutsche Teilung: Streit um Zahl der Mauertoten eskaliert
  • FOCUS Online – Hubertus Knabe: „Die DDR wird verharmlost“
  • einestages – Niemand hat die Absicht …: Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler