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Protestieren, bis der Bund einspringt: Wie die Uni Lübeck gerettet wurde

Protestler in Kiel

Eine Stadt sieht gelb: Lübecker Demonstranten in Kiel. Quelle: StudentenPack (flickr.com); AstA Uni Lübeck

„Die Universität zu Lübeck ist nach Schließung des Fachbereichs Medizin in Lübeck nicht überlebensfähig.“ Dieser bürokratisch anmutende Satz hat in der schleswig-holsteinischen Stadt Ende Mai für Aufregung gesorgt. Die Kieler Landesregierung unter Peter Harry Carstensen plante, die Uni Lübeck faktisch dem Tode zu weihen.

Kahlschlag-Carstensen gegen das Protestbündnis

Was folgte, war ein enormer Proteststurm. Schnell wurde klar, was das Aus der Uni für die ohnehin strukturschwache Region bedeuten könnte: Noch weniger Arbeitsplätze, noch weniger Dynamik, noch weniger Perspektive. Auch in Flensburg bestand die Gefahr, dass hier auf akademischer Ebene bald tote Hose sein könnte – Carstensen und Kumpanen setzten auf Kahlschlag.

Dabei standen die Spar- und Bündelungspläne im krassen Widerspruch zu der von Kanzlerin ausgerufenen Parole, in Krisenzeiten dürfe an der Bildung nicht gespart werden. Bezeichnenderweise war es dann auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das mit einer Millionenzahlung schließlich aushalf und die Uni vor dem Garaus bewahrte.

In der Zwischenzeit hatten sich Studenten, Wirtschaft und Lokalpolitik in und um Lübeck zusammengetan und penetrant protestiert. Auf der Straße setzte eine ganze Stadt das in die Tat um, was zuvor via Internet organisiert worden war: Nein sagen und Paroli bieten. Im Interview erklärt ein Beteiligter, warum das zum Erfolg geführt hat.

Ein Protestler im Interview: “De Jager hat komplett versagt”

Ivo Heinecke (21) ist freier Mitarbeiter im AStA der Universität Lübeck. Der Informatik-Student hat über Wochen Demonstrationen mitorganisiert und erklärt im Interview unter anderem, wie man in wenigen Stunden ein Protest-Portal aufbaut und einen Wissenschaftsminister gehörig unter Druck setzt.

NilsOle.net: Ivo, ist der Kampf jetzt gewonnen?

Ivo Heinecke: Ja und nein. Beim Kampf um die Uni ging es im Kern darum, dass der Bereich Medizin wegfallen sollte. Dieser Bereich ist relativ bedeutend, ohne den läuft an der Uni nicht viel: Wir haben fünf Studiengänge, über 50 Prozent der Studierenden sind für Medizin eingeschrieben. Die anderen Studiengänge hängen an der Medizin, wie zum Beispiel das Fach „Medizinisches Ingenieurswesen“. So etwas kann man nicht einfach wegsparen, nur weil es um 25 Millionen Euro geht. Da die Medizin jetzt erhalten werden soll, scheint der Kampf gewonnen, so ganz trauen wir dem Braten jedoch noch nicht.

Die Rettung kam von dort, wo man es nicht erwartet hatte: Aus Berlin.

Heinecke: Der Bund hat jetzt die Finanzierung des Instituts für Meeresforschung in Kiel zu 90 Prozent übernommen, und damit kann das Land Schleswig-Holstein die 25 Millionen Euro woanders einsparen. Mein Vertrauen in die Aktion ist allerdings begrenzt – man hat gesehen, dass hier recht viel Hinterzimmerpolitik gemacht wird.

Der Bund trickst also herum, weil das Land sich nicht bewegen wollte?

Heinecke: Ja, kann man so sagen. Am Institut für Meeresforschung soll es darüber auch Unmut geben, weil dem Institut dadurch angeblich Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen. Nach meinen Informationen ist es aber weiterhin möglich, Drittmittel anzuwerben in Zusammenarbeit mit der Uni Kiel. Der Bund hat mit der Aktion aber die Landesregierung gerettet – diese hat eine Stimme Mehrheit, bereits fünf Abgeordnete hatten zu dem Zeitpunkt bereits klar gemacht, dass sie der Unischließung nicht so zustimmen werden.

Zurück nach Lübeck: Geht die Uni jetzt gestärkt aus den Protesten, oder hat das Gezerre euch vielleicht sogar geschwächt?

Heinecke: Ich denke, wir gehen gestärkt aus den vergangenen Wochen. Wir konnten einige Punkte durchsetzen: Die Universität bleibt mit allen Studienplätzen erhalten, wir werden eine Stiftungs-Uni nach niedersächsischem Vorbild. Dadurch soll das Land entlastet werden. Wir als AStA werden allerdings die Drittmittelvergabe kritisch begleiten.

An vielen Unis ist nach den Bildungsstreiks im Herbst 2009 Ernüchterung eingetreten, weil nur wenig durchgesetzt werden konnte. Warum hat das bei euch geklappt?

Heinecke: Der Protest war existenziell für uns. An den Bildungsstreiks hatten sich in Lübeck nur relativ wenige Studenten beteiligt, hier gab es keine Hörsaalbesetzungen. Aber jetzt, als es um unsere Uni ging, war der AStA sehr gut aufgestellt, sowohl finanziell als auch personell. Das Ganze hat sehr viel Kraft gekostet und wir sind jetzt ziemlich erschöpft, aber es ging dabei einfach um alles.

Wer hat den Protest gestartet?

Heinecke: Als AStA haben wir glücklicherweise ein Gremien-Wochenende miteinander verbracht, kurz nachdem die Sparpläne bekannt geworden sind. Wir konnten uns also vorbereiten und eine Strategie entwickeln. So war es auch möglich, sehr viele Aktionen zu starten. Finanziell, materiell und logistisch kam die Hilfe mitten aus der Bevölkerung. Unser Kopierer hat mittlerweile 130.000 Exemplare auf dem Zähler, so viele Poster und Flyer haben wir gedruckt. Das ist wirklich unglaublich.

Welche Instrumente, außer Infoblättern, habt ihr eingesetzt?

Heinecke: In erster Linie haben wir Demonstrationen organisiert. Und es gab die Website, über die wir gut Druck aufbauen konnten. Selbst Daniel Günther, hochschulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein, hat gesagt, seine erste Informationsquelle zu dem Thema sei unsere Internetseite gewesen – dabei war die Landes-CDU doch unser politischer Gegner. Während der ganzen Zeit gab es eine ganze Reihe kreativer Aktionen, wie etwa die Exilvorlesung in Berlin, die wirklich Spaß gebracht haben. Außerdem noch Flash-Mobs, oder Smartmobs, wie sie ja heißen, wenn es um etwas Politisches geht.

Dreh- und Angelpunkt ist euer Online-Portal “Lübeck kämpft”. Wie baut man so eine Basis auf?

Heinecke: Zum Glück haben wir erfahrene Informatiker an der Uni, die Plattform haben wir gleich am ersten Wochenende gestartet. Mit Hilfe der WordPress-Software und verschiedenen Erweiterungen lässt sich so etwas recht schnell realisieren. Zu Beginn hatten wir das Problem, dass das System den vielen Zugriffen nicht standgehalten hat. Nach einigen Ausbesserungen lief die Seite dann aber reibungslos.

Kommen wir mal zu dem politischen Streit. Wie sah die Kommunikation mit den Landespolitikern aus?

Heinecke: Direkt mit den Politikern zu reden war ziemlich schwierig, weil die immer ihre Wir-müssen-sparen-Platte abgespielt haben. Der Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (CDU) hat einmal sinngemäß gesagt, man müsse eben zwei Stücke aus der Torte herausnehmen, damit man die Sahnehaube erhalten kann. Mit den Tortenstücken waren die Uni-Standorte Lübeck und Flensburg gemeint, mit der Sahnehaube die Uni Kiel. Solche Aussagen sind ein Unding.

Dialogbereitschaft haben die Landespolitiker aber schon gezeigt, etwa am 1. Juli, als man sich zu einer öffentlichen Diskussion in Lübeck getroffen hat.

Heinecke: Von einem echten Dialog kann doch keine Rede sein. Bei der besagten Diskussion sind keine wirklich neuen Punkte genannt worden. Zu Beginn der Proteste sind wir mit einigen Bussen nach Berlin gefahren, wo Jost de Jager und Peter Harry Carstensen im Landeshaus getagt haben. Während der Demo sind die Herren dann zu uns gekommen und wollten sich angeblich unseren Fragen stellen. Was wir erlebt haben, war aber eher ein Monolog: Als es um inhaltliche, tiefgreifende Fragen gehen sollte, haben sich die beiden wieder zurückgezogen. Das war typisch – als aber die Rettung aus Berlin kam, haben die verantwortlichen Politiker ihre Kommunikationsstrategie geändert.

Inwiefern wurde die Strategie geändert?

Heinecke: Die Leute, die uns zunächst wegsparen wollten, stellen sich plötzlich als Sieger dar, die durch viel Verhandlungsgeschick eine Universität gerettet haben. Die Wahrheit ist allerdings, dass die Abstimmung über die Sparpläne für die Landesregierung zum Desaster geworden wäre, denn mehrere Mitglieder der Koalition haben offen gegen die Uni-Schließung protestiert und hätten wohlmöglich ihre Zustimmung verweigert. Dann wäre die Regierung in Kiel gescheitert.

Trotzdem haben die Politiker sich zumindest euer Anliegen angehört.

Heinecke: Das stimmt. Verschiedene Landtagsabgeordnete haben den AStA besucht, darunter Gerrit Koch (FDP) und Daniel Günther (CDU). Die Kommunikation mit de Jager allerdings hat sich im Wesentlichen darauf beschränkt, dass einige Studenten sein Fahrzeug per Sitzblockade festgesetzt haben, als er mal in Lübeck war. Mittlerweile gibt es hier eine recht starke Abneigung gegen diesen Minister, auch auf persönlicher Ebene.

Woher kommt diese Abneigung?

Heinecke: Da gibt es verschiedene Gründe. Der Dialog war sehr schwierig, auf kritische Fragen gab es keine ehrlichen Antworten. Stattdessen hat de Jager wie ein Wasserfall von oben herab gepredigt, wir konnten ihm nichts vermitteln – so war zumindest mein Eindruck. In einem Interview hat er die Großdemonstration in Kiel als „sportliche Herausforderung“ bezeichnet. Der Mann hat wohl vergessen, dass es sich hierbei um die größte Kundgebung in der Geschichte von Schleswig-Holstein gehandelt hat. Seine Aussage ist in diesem Zusammenhang völlig inakzeptabel.

Während der Demo in Kiel schien die Stimmung tatsächlich recht aufgeheizt. Ist es noch in Ordnung, wenn Akademiker einen Landesminister als „Versager“ beschimpfen?

Heinecke: Ich finde, Jost de Jager hat komplett versagt. Er hat blauäugig und wissend um die wirtschaftlichen Folgen den Wissenschaftsstandort Lübeck riskiert. Es ist diesem Wirtschaftsminister offenbar nicht möglich gewesen, irgendeine Art von Risikoanalyse für den Wegfall der Medizin zu machen. Zum Vergleich: Die Industrie- und Handelskammer Lübeck hat das in zwei Wochen geschafft. Laut IHK hängen rund 10.000 regionale Betriebe am Uni-Standort Lübeck. In einer stichprobenartigen Befragung hat die IHK herausgefunden, dass 19,1 Prozent dieser Betriebe im Falle einer Uni-Schließung abgewandert wären. Für die ganze Region hätte das katastrophale Folgen gehabt.

Es wurde viel über die Hintergründe gemunkelt, warum es gerade den Standort Lübeck treffen sollte.

Heinecke: Man muss wissen, dass Jost de Jager eine gewisse Vorgeschichte hat. Bereits 2005 hatte er in seiner Funktion als Staatsminister geplant, die Uni-Standorte Lübeck und Kiel miteinander zu fusionieren. Es gibt Dokumente, die belegen: Die Uni Kiel sollte dabei bevorzugt werden. Die Sparpläne, die der Minister jetzt umsetzen wollte, waren im Grunde also nur aufgefrischt worden. Wenn man sich das Kieler Kabinett ansieht, fällt zudem auf: Auffallend viele Minister, darunter Ministerpräsident Carstensen, haben an der Universität Kiel studiert. Das ergibt einen faden Beigeschmack.

Wie sah das Verhältnis zur Uni Kiel während der Proteste in Lübeck aus?

Heinecke: Da muss man differenzieren. Die Kieler Studenten haben uns stark unterstützt, dass finden wir echt toll. Auch der AStA hat uns sehr geholfen. Das Kieler Universitätspräsidium macht allerdings weiterhin Hinterzimmerpolitik. Erst 2009 soll sich das Präsidium mit Jost de Jager getroffen haben, um mögliche Sparpläne zu besprechen, die eine Schließung unseres Standortes beinhalteten. Dieser Vorschlag ist offenbar exakt von der Haushaltsstrukturkommission übernommen worden: Der Uni Lübeck sollte das Herz herausgerissen werden, damit meine ich den Bereich Medizin. Alternative Vorschläge, die Einsparungen zwischen den beiden Standorten solidarisch zu schultern, hat de Jager abgelehnt.

Am 16. Juni fand die Großdemo in Kiel statt. Wie wurde das organisiert – ein Professor soll sogar einen Sonderzug gechartert haben?

Heinecke: An dem Protestzug waren Studenten aus Flensburg, Kiel und Lübeck beteiligt, die sich gemeinsam zu einer Kundgebung vor dem Landtag getroffen haben. Was die Organisation angeht, kann ich nur für uns Lübecker sprechen: Es gab einen Sonderzug mit rund tausend Studenten, in dem auch der Uni-Präsident und Pressevertreter mitgefahren sind. Wir hatten eine ganze Reihe Busse, ein paar Fahrradfahrer sowie Leute, die mit Auto und Bahn angereist sind. Auch die Ortsverbände von CDU und FDP wollten Busse anmieten – das hat nicht geklappt, weil der Lübecker AStA bereits alle gemietet hatte.

Wer hat das Geld für diese Aktionen gegeben?

Heinecke: Das waren sehr viele. Wir haben Spenden gesammelt, aber auch lokale Firmen und Einrichtungen wie etwa die Possehl-Stiftung haben etwas beigetragen. Auf unserer Internetseite haben wir genau aufgelistet, wer uns unterstützt hat. Ohne die große Hilfe aus der ganzen Stadt hätten wir das niemals geschafft.

Trotz Facebook und Twitter: Ohne klassische Medien lässt sich keine Politik machen. Was die über euch berichtet haben, hat euch zum Teil nicht in den Kram gepasst.

Heinecke: Wir waren oft unzufrieden mit der Berichterstattung. Über die 14.000 Studenten in Kiel hat die Tagesschau zum Beispiel nichts gebracht. Über einen späteren Sternmarsch in Lübeck gab es einen Bericht, das hat uns entschädigt. Man muss aber auch sagen, dass wir zu Beginn noch gar keine Erfahrung mit Pressearbeit hatten. Später sind wir da routinierter geworden, in vielen Medienhäusern hatten wir feste Ansprechpartner. Zu guter Letzt haben auch viele überregionale Zeitungen und Rundfunkstationen über die Rettung berichtet.

Eine Szene aus Kiel ist besonders im Gedächtnis geblieben: Wissenschaftsminister de Jager ist von Studenten umringt und wird von Polizisten abgeschirmt. Dann kommt es zum Sturz. Die Kieler Nachrichten haben geschrieben, Studenten hätten den Minister gerempelt.

Heinecke: Dieses Gerücht hat der Minister wohl selbst in die Welt gesetzt, ich weiß es aber nicht genau – das war insgesamt sehr unschön. Denn in einem Video ist genau dokumentiert, wie de Jager auf dem Rasen ohne Fremdeinwirkung ausrutscht, da ist kein Student in der Nähe. Die Polizei hat uns das später bestätigt.

An der Uni wird jetzt nicht mehr gespart, aber die Einschnitte im Landeshaushalt treffen dennoch viele Menschen in Schleswig-Holstein.

Heinecke: Dass gespart werden muss, darin sind sich doch alle einig. Trotzdem sind einige Punkte an diesem Sparpaket sehr fragwürdig. Das betrifft ganz besonders die Bildung, aber auch zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Es gibt etwa momentan Privatisierungspläne für das Uniklikum Schleswig-Holstein an den Standorten Kiel und Lübeck. Das Schlimmste am derzeitigen Sparpaket ist, dass wegen der akuten Finanznot alte Vereinbarungen über Bord geworfen werden. Da brauchen wir dringend mehr politischen Widerstand, um die nötigen Einsparungen gerechter zu gestalten.

Absolut neutrale Mediensatire: Die FAZ sucht Undercover-Agenten

Quelle: redbaron, STOCKXPERT

Quelle: redbaron, STOCKXPERT

Mit der verdeckten Recherche ist es immer das Gleiche: Wie man es auch anstellt – nachher wird man dafür kritisiert. Günter Wallraff sagt immer, er habe Missstände aufdecken wollen, die ihm ansonsten verborgen geblieben wären. Im ersten Semester hat sich der FAZ-Journalist Oliver Jungen in unseren Studiengang geschlichen. Beziehungsweise in drei Lehrveranstaltungen des Studiengangs, die alle an einem Tag stattfanden. Daraus hat er sich ein Gesamturteil über unsere Dortmunder Journalistik zusammengewurschtelt.

Die Empörung der betroffenen und angeblich falsch zitierten Bachelor-Erstis war groß, fast schon peinlich groß (siehe Kommentare). Denn die Defizite der Recherche lagen auf der Hand:

  • Repräsentative Aussagen über einen Studiengang erreicht man nicht durch stichprobenartige Besuche von beliebig ausgewählten Lehrveranstaltungen.
  • Die Zitate dürften allenfalls sinngemäß wiedergegeben sein. Schließlich hatte der gute Herr Oliver Jungen nicht die Möglichkeit, sich Notizen zu machen. Versteckte Mikrofone schließe ich aus – der faule Autor hätte sich niemals die Mühe gemacht, die Aufnahmen auszuwerten.
  • Voreingenommenheit ist eine Zierde. Dass der Autor es nicht geschafft hat, ein aktuelles Vorlesungsverzeichnis auszudrucken und den richtigen Raum zu finden, ist symptomatisch für die Arbeitsweise des Herrn Jungen. Resultat: Verdammt schlechte Laune. Auch hatte er ganz offenkundig null Bock auf das frühe Aufstehen und die Universität im Allgemeinen, wie er bereits in der ersten Passage seines Berichts zugibt.

Ich habe mich damals jeder ernsthaften Kritik enthalten – dazu bin ich viel zu cool. Solch eine journalistische Provokation verdient nur eins: Satire. Allen seriösen Journalisten mit investigativen Ambitionen sei also die folgende Stellenanzeige ans Herz gelegt.

Journalistik: Rechtfertigungsversuche eines Kanalarbeiters

Ich habe es nicht leicht. Wenn mich jemand nach meinem Studiengang fragt, nehme ich all meine Kraft zusammen, hole tief Luft und sage: “Journalistik“. Was dann folgt, läuft immer nach dem selben Schema ab, die Reaktionen sind immer die gleichen: “Was is das denn?!” – “Willste Journalist werden oder wie?!”

Das Problem ist nicht einmal, dass die Leute sich nichts unter so einem Nischen-Studiengang vorstellen können – sie erahnen zumindest, dass es etwas mit Journalismus zu tun haben muss. Hätte ich “Jura”, “Medizin” oder “BWL” gesagt, wären sie zufrieden gewesen. Sie unterstellen, Journalist könne ja jeder werden – das stimmt. Und dass man dafür keine Ausbildung benötige – da bin ich anderer Meinung.

Journalisten: Diese widerlichen Faktenverdreher!

Das Problem liegt ganz woanders: Journalisten haben einen sehr schlechten Ruf. Und dass jemand an die Universität geht, um dort zum widerlichen Reporter ausgebildet zu werden, macht die Leute tatsächlich aggressiv. Journalisten sind ja im Volksmund die, die so lange rumschnüffeln und blöde Fragen stellen, bis sie sich ihre “Wahrheit” zurecht recherchiert haben. Das sind verlogene, schmierige und hinterhältige Empathie-Heuchler, die für eine gute Story auch ihre Oma verkaufen würden.

Ein Jurymitglied der Studienstiftung reagierte im Bewerbungsgespräch spontan so: “Aha, Sie studieren also … ähm … Journalistik. Jetzt sagen Sie mal: Jedes Mal, wenn ich Journalisten was erzähle, schreiben die was ganz Anderes in die Zeitung, lauter Unsinn. Warum machen die das?!” Mein Gegenüber schien geradezu erbost über meine Studienwahl und unterstellte mir gleich schlechte Manieren. Kein Wunder, dass die FAZ die Bachelor-Studenten der Journalistik als “Kanalarbeiter” bezeichnet hat.

Fakten: Warum es sich lohnt, in Dortmund anzuheuern

Journalistik hört sich nach Beliebigkeit an, nach Schwammigkeit, nach Verlegenheitswahl und Pillepalle. Das stimmt nicht. Ich kann nur immer wieder die Vorzüge des Dortmunder Journalistik-Studiums betonen (siehe Studienführer):

  • Praxisnähe: Wir sind keine verstaubten Theoretiker, die nach dem Studium unvorbereitet in die Berufswelt stolpern. Wer nach Dortmund kommt, hat bereits ein Minimum an journalistischer Erfahrung. Unsere Lehrredaktionen sowie zahlreiche praktische Veranstaltungen und Projekte sorgen dafür, dass man den Bezug zur Arbeitsrealität nicht verliert. Darüber hinaus werden über das Institut für Journalistik viele Praktikumsplätze und Jobangebote vermittelt.
  • Integriertes Volontariät: Nach vier Semestern geht es ins einjährige Volontariatspraktikum bei einem unserer zahlreichen Kooperationspartner – Tageszeitungen, Radiosender, Fernsehredaktionen sowie Nachrichtenagenturen halten hochkarätige Volo-Plätze für die Dortmunder Studenten bereit.
  • Vielfältige Lehrveranstaltungen: Ein breit gefächertes Angebot an unterschiedlichen Vorlesungen und Seminaren sorgt dafür, dass sich jeder sein eigenes Fachgebiet suchen kann. Kommunikationswissenschaften, Medienökonomie, Medienrecht und journalistische Vermittlung sind nur einige Beispiele.
  • Guter Ruf: Das IfJ genießt nicht nur im Ruhrgebiet einen guten Ruf. Ein solider Abschluss und praktische Erfahrungen signalisieren dem Arbeitgeber, dass man den Willen und das Zeug zum Journalisten hat. Hier sprach die FAZ hämisch vom “Dortmund-Stempel”.

Aber: Journalist sein ist kein Wunschkonzert!

Dass man deswegen aber automatisch eine Festanstellung als Redakteur bekommt, soll jetzt keiner glauben. Man sollte nicht nur zeitlich und geographisch flexibel arbeiten können, um sich auf dem Markt über Wasser zu halten. Eine böse Erinnerung habe ich an das erste Semester, als wir im Fach Medienökonomie die Vorzüge der Künstlersozialkasse für freie Journalisten kennen lernen durften. Auch empfahl der Dozent, sich bei der VG Wort anzumelden: “Wenn Sie als Redakteur viel schreiben, können Sie damit jährlich mehrere hundert Euro rausschlagen.” Festanstellung und Tarifbezahlung sind in den Redaktionen die Ausnahme geworden – da hilft auch der “Dortmund-Stempel” nicht weiter.

Zynismus und Galgenhumor sind also unbedingte Voraussetzung für ein Journalistik-Studium, wenn man sich trotz des guten Abiturs auf das Wagnis des Medienberufes einlassen will. Aber nur wer wagt, der gewinnt!

Mehr zu Medien-Studiengängen im Internet:

  • Zeit Online – Irgendwas mit Medien: Studienfächer wie Publizistik sind begehrt (15. Mai 2008)
  • Journalismus.com – Journalismus an der Uni
  • medienstudienfuehrer – Die Suchmaschine der Medienmöglichkeiten
  • studieren.de – Journalismus: Berufsziel Journalist
  • Bibliotheks-Menschen: Nachts im Lesesaal

    Unsere Uni-Bibliothek hat rund um die Uhr geöffnet. Wenn ich nachts um drei nicht schlafen kann, gehe ich rüber in die Bibliothek. Wenn ich Ruhe zum Lernen brauche, setze ich mich in den Lesesaal und schlage die Bücher auf.

    Dort trifft man viele verschiedene Menschen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie müssen still sein. Und alle sind dort, weil sie sich etwas vorgenommen haben. Etwas, für das sie Ruhe brauchen. Verschaffen wir uns also einen Überblick über die verschiedenen Bibliotheksbenutzer, die Gestalten im Lesesaal. Vom äußeren Verhalten lässt sich auf die innere Gemütslage schließen. Mehr noch: Wir können diese Figuren in eindeutige Kategorien einordnen.

    Der Fleißige: Bitte nicht stören!

    Der Musterknabe unter den Lesenden und Arbeitenden: Adrette und korrekte Kleidung sowie Kurzhaarfrisur lassen auf Bodenständigkeit schließen. Er hebt selten den Kopf, und wenn er das tut, dann nur um mit einer gestrengen Miene auf sein ausdrückliches Missfallen über den doch recht störenden Lärmpegel hinzuweisen. Er wird gestört durch: Ein lautes Handyklingeln, ein Flüstern, ein Stuhlrücken, ein Knistern. Er hat einen Hang zur Überempfindlichkeit. Von ihm selbst ist nur das seichte Rascheln von Papier zu vernehmen. Manchmal auch das Tippen seiner Laptop-Tastatur – ist aber nicht vorgsehen. Sollte diese Person sich jemals vom Lesepult erheben, so führen ihn seine Schritte auf dem kürzesten Weg zum Kopiergerät, um einen wichtigen Auszug zu vervielfältigen. Pragmatisch dosierte Schlücke aus der Wasserfalsche verhindern den zeitaufwändigen Gang zum Abort. Zeit ist knapp – Zeit ist Geld.

    Der Entspannte: Keep it easy, Alta!

    Entspannte Personen gibt es viele in einer Bibliothek, die 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Hier trifft man sich zum Abhängen mit den freundlichen Kollegen. Das Multimedia-Notebook auf dem Tisch, den iPod am Ohr, das Handy in der Hand. Gechillter Flüster-Smalltalk in der Gruppe: “Wann ist die nächste Party? Hast du schön gehört, dass dieser oder diese Schluss gemacht hat mit jenem oder jener – voll krass, oder?” Und: “Wie krieg ich eigentlich mein Handy so, dass ich das so mit dem Computer connecten kann, verstehste?” Logisch, dass der Entspannte sich nicht mit dem Fleißigen versteht. Denn die Kommunikationsfreudigkeit auf der einen beißt sich mit dem Ruhebedürfnis auf der anderen Seite. “Fresse halten!”, bedeutet der Vorzeigestudent. “Streber!”, gibt ihm das gleichgültige Gesicht zurück. Sowas kann sich leicht zu einem ernsten Konflikt auswachsen und verbreitet sich dann wie ein akustisches Erdbeben im ganzen Saal. Am besten ist es daher, wenn der Fleißige etwas vom Verhalten des Entspannten übernimmt, um einer Eskalation aus dem Wege zu gehen.

    Der Zeittotschläger: Allein mit sich selbst

    Dieser Typus von Bibliotheksgenosse ist leider sehr häufig anzutreffen. Er wäre gerne ein Fleißiger, doch er schiebt seine heeren Lernvorhaben zwanghaft vor sich her – bis zur völligen Erschöpfung. Er hat diesen Ort aufgesucht, um jeglicher Form der Ablenkung auszuweichen. Nun, da es keine Ablenkung mehr gibt, ist er ganz allein mit seiner Prokrastination. Statt zu lernen, blickt er stumm und mit getriebenem Blick umher und vollführt gelangweilte Übersprunghandlungen: Stifte sortieren, die Notizen überfliegen. Aus dem Fenster schauen. Den Sitznachbar anschauen. Das Handy anschauen. Die Bücher neu stapeln. Er beugt sich über die Bücher, liest aber nicht. Was auch kommt, er wird nicht lernen, doch er will und muss hier sitzen. Es ist ein trauriges Schauspiel – diese Gestalt kann einem Leid tun.

    Der Verschlafene: Die Philosophie der kleinen Schritte

    Die Bibliothek ist sein Zuhause. Den Kopf hat er in die Bücher gelegt oder in den Armen vergraben. Das letzte Kapitel konnte er gerade noch beenden, bevor ihm die Augen zufielen. Die letzte Nacht hat er hier verbracht, und die Nacht davor ebenfalls. Er ist ein stiller Zeitgenosse und kein Workaholic – wenn er nicht mehr kann, macht er ein Zehn-Minuten-Nickerchen und setzt seinen Weg der Lektüre unbeirrt fort. Er hat die Zeit auf seiner Seite, denn auf lange Pausen verzichtet er. Im Minutenschlaf bereitet sein Gehirn den Lernstoff für ihn auf. Irgendwann wird er alles in sich aufgenommen haben, dann steht er auf und schlurft mit schweren Augenlidern davon.

    Der Gestresste: Alles oder nichts

    Bis vor wenigen Stunden gehörte er noch zur Gruppe der Zeittotschläger. Zu den Fleißigen kann er nicht gehören – dazu ist sein Verhalten zu chaotisch. In wenigen Stunden beginnt die Prüfung, und der Bücherstapel will nicht kleiner werden. Seine Gemütslage schwankt zwischen Wahnsinn, Euphorie und Fatalismus. Koffein und Wachmacher haben ihn mürbe gemacht. Der Puls rast. Seine Exzessivität führt zu Schweißausbrüchen und panischen Überreaktionen. Das Gesicht vergräbt er in den Händen, wenn eine weitere Passage unverstanden bleibt. Wie ein getriebenes Tier blickt er hektisch um sich, hofft auf die Hilfe der Anwesenden. Doch niemand kann ihm beistehen, niemand teilt seine Qualen. Und die Uhr tickt unaufhaltsam in Richtung Verderben: Bald geht es in den Prüfungssaal, zur Schlachtbank, zum letzten Schafott. Apathisch wandern seine Blicke die Regale ab. Dort reiht sich ungelerntes Wissen bis in die Unendlichkeit.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • WDR.de – Mediathek regional – Studieren in der Nacht (Video)
  • 1LIVE – Magazin – Nachtschicht für Streber: In der 24-Stunden-Uni-Bibliothek
  • DerWesten – im Westen – Länger lernen
  • Radio Do 91.2 – Dortmund heute: Radiobeitrag zur 24-Stunden-Bibliothek vom 7. November 2007 (MP3)
  • Radio Kurzschluss, Herne – Radiobeitrag zur 24-Stunden-Bibliothek vom 6. Januar 2008 (MP3)
  • Dortmunder UB-Blog – Zentralbibliothek rund um die Uhr geöffnet