Beiträge mit dem Tag ‘tv’

Jugendliche Medien in Mainz - und der Blogger mittendrin!

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Werte Leser, ich grüße euch. Und zwar von den Jugendmedientagen in Mainz, genauer gesagt aus dem Newsroom der Messezeitung politikorange, die in den Räumlichkeiten des ZDF Quartier bezogen hat. Es geht um Fernsehen und bewegte Bilder.

Was geht? Voll Medien, ey!

Mein Schreibstil dürfte euch befremden. Er ist ja jetzt auch fruchtig, frisch, jugendlich. Frische Presse braucht frischen Stil. Hier arbeite ich in der Redaktion eines Periodikums, das eine erstaunliche Tradition hat. Weil mir eine Teilnahme am normalen Programm zu unspektakulär und passiv war, bin ich jetzt Teil eines Team von ambitionierten Ehrenamt-Redakteuren. Darunter Politik- und Publizistik-Studenten. Das ZDF lässt uns alle erdenkllichen Freiräume, sodass sich dieses Medium wirklich unabhängig nennen darf.

Danksagung

Einziges Manko: Die reguläre Unterbringung ist katastrophal. An dieser Stelle möchte ich einem Dortmunder Journalistik-Studentenpärchen danken, das mir auf sehr freundliche Art und Weise Asyl gewährt hat. Ansonsten hätte ich nämlich in einer kalten Turnhalle auf einer millimeterdünnen Isomatte in einem überaus schlecht gefütterten Schlafsack übernachten müssen. Und wieder einmal zeigt sich: Das Dortmunder Journalisten-Netzwerk funktioniert. Freunde in der Not finden sich über den Institutsverteiler. Vielen Dank - ich habe sehr gut auf eurer Couch geschlafen und freue mich schon auf zwei weitere geruhsame Nächte.

P.S.: Meine überaus freundliche Sitznachbarin sowie Redaktionskollegin Susanne möchte an dieser Stelle gegrüßt werden. Gerne komme ich dieser Bitte nach. Liebe Susi, ich grüße dich und danke dir für abwechslungsreiche Kurzkonversationen während der gefürchteten Mittagsdurchhänger!

Web-Extra: “Die leere Dröhnung jeden Tag” - Daily Soaps für die Gebührenzahler

TV-Kritiker Holger Kreymeier teilt das Fernsehprogramm gerne in gut und schlecht ein. Daily Soaps, so befindet er in der Vorschau auf die kommende Folge von “Fernsehkritik.TV“, sind eindeutig schlecht, weil qualitativ billig. Der Gebührenzahler jedoch kommt nicht billig davon, denn auch die Öffentlich-Rechtlichen bringen die täglichen Seifenopern. Ein Aufruf zur Rebellion:

Oliver Pocher mit Negativ-Preis ausgezeichnet: Dreiste Verhöhnung des Fußball-Europameisters

Fernseh-Komödiant Oliver Pocher erhält die diesjährige Trophäe des “Watchdog” - allerdings nicht, weil er besonders gut aufgepasst, sondern weil er sich während einer Fanfeier mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorbildlich daneben benommen hat. Mit primitiven Fan-Gesängen habe er die spanischen Europameister verhöhnt, sagt das “netzwerk kritischer fernsehzuschauer” (NKF) in seiner Begründung für die Verleihung des “Preises der beleidigten Zuschauer”. Die fernsehkritische Organisation vergibt den Negativ-Preis seit 1989. Welche Verhöhung gemeinst ist, lässt sich anhand eines Video-Mitschnitts der besagten ZDF-Übertragung vom 30. Juni erkennen - sogar Bundestrainer Joachim Löw äußerte sich später kritisch dazu:

Kein Ausrutscher: Entgleisungen haben bei Pocher Tradition

Es war nicht Pochers erster Ausrutscher. 2005 verklagte eine Zuschauerin den TV-Entertainer, weil er sie während einer Live-Schaltung für die Sendung “Wetten, dass…” beleidigt hatte. Die Frau erstritt 6.000 Euro Schmerzensgeld. Im April dieses Jahres sorgte dann eine öffentliche Schelte Harald Schmidts für Aufsehen. Pocher wurde am Ende der Sendung “Schmidt und Pocher” von Schmidt heftig kritisiert (”kleine, miese Type”), weil er sich einer Gast-Künstlerin gegenüber unhöflich verhalten hatte (ARD, 24. April 2008):

In die Reihe der Entgleisungen gehört auch ein Kommentar von Pocher anlässlich der Comet-Verleihung an den Musiker Mark Medlock, in dem er auf dessen Homosexualität anspielt. Viele Fernsehkritiker stufen die Blödeleien von Oliver Pocher als grenzwertig bis geschmacklos ein. Der Fernsehkritiker Holger Kreymeier führt in seiner Sendung “Fernsehkritik.TV” eine eigene Rubrik namens “Pocher klein mit Hut“, in der er die Fehltritte des TV-Entertainers dokumentiert.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

ProSieben und die Sexstudie: Anal-Empirie und Dildo-Durchschnitt

Quelle: ProSieben

Quelle: ProSieben

Was kommt dabei heraus, wenn man einen Katalog von Sexbegriffen mit Umfrage-Ergebnissen und einem Hauch von Porno paart? Richtig: Der ProSieben Sex Report 2008. Der Sender hatte vorab nicht mit großen Worten und Zahlen gegeizt: Man habe “die größte, repräsentative Untersuchung zum Thema Liebe und Sexualität, die es in Deutschland je gab” durchgeführt (siehe Pressemeldung). Heute wird die dritte Folge ausgestrahlt - dabei war es bisher schon langweilig genug.

Die Online-Umfrage der “Sexstudie”: Zweifel sind angebracht

Zweifel an der Repräsentativität der Umfrage sind berechtigt, schließlich fand die gesamte Befragung online und noch dazu anonym statt - doppelt anonym sozusagen. Und wie bereits die erste Folge des Sex-Reports erklärt, wird “nirgendwo mehr geschummelt” als beim Thema Sex. Die freiwilligen Teilnehmer wurden öffentlich und ausschließlich über das Internet angeworben (siehe Pressemeldung) - einschlägige Foren und Blogs verlinkten begeistert auf die Fragebogen-Seiten. Eine seriöse Stichprobenauswahl sieht anders aus. Da mag die Zahl der Teilnehmer noch so astronomisch sein.

Online Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Online-Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Ein interessantes Interview dazu hat die Fernsehzeitschrift TVdirekt mit einem der verantwortlichen Wissenschaftler gemacht. Darin behauptet Dr. Jakob Pastötter tatsächlich, man habe einen “Querschnitt der deutschen Sexualbefindlichkeit” ermittelt. Ich bezweifle, dass eine Umfrage, die ausschließlich auf einem Internet-Fragebogen basiert, dafür als Grundlage dienen kann - denn sexuell aufgeschlossene Menschen werden sich eher an solch einer Befragung beteiligen als Sozialphobiker. Und ältere Menschen besitzen seltener einen Internetanschluss als jüngere, beteiligen sich also auch seltener an solch einer Umfrage. Wie will man unter solchen Bedingungen zur Repräsentativität gekommen sein?

Die Sendung: Lautes Gestöhne zur Begrüßung

Nun zur eigentlichen Sendung. Zu Beginn der ersten Folge gibt es lautes Gestöhne auf die Ohren und nackte Tatsachen auf die Augen. “Au weia”, soll der Zuschauer wohl denken, “jetzt geht’s zur Sache”. Während die Eckdaten der “Sexstudie” vorgestellt werden, läuft im Hintergrund Synthesizer-Musik wie in einem Porno-Film.

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank. Quelle: ProSieben

Hundert Probanden werden persönlich rangenommen: Sie müssen explizite Fragen zu ihrem Sexualleben explizit beantworten. Auch hier muss davon ausgegangen werden, dass es sich um besonders aufgeschlossene Menschen handelt - sie stellen also keinen Durchschnitt dar. Auffällig ist auch, wie optisch jung und gestylt die Versuchspersonen sind. Schlanke, fast makellose Körper wandeln über die Mattscheibe (eine Befragte soll sogar eine Pornodarstellerin sein). Entspricht das etwa einem repräsentativem Bild unserer alternden Gesellschaft? Wer von dem Sexleben von Senioren zumindest etwas erahnen möchte, dem sei der Kinofilm “Wolke 9″ empfohlen. Auf ProSieben lernt man nichts über die ältere Generation - das wäre ja auch ganz gegen die Jugendwahn-Tradition der Privatsender.

Aufgeschlossene Menschen plaudern indiskret und ohne Balken

Eine Bürokauffrau plaudert von ihren “Porno-Fantasien” und von der Anzahl ihrer Sexpartner - “hundert? Weiß ich nicht”. Der “Verhörspezialist” nagelt die Befragten mit dem Lügendetektor und stellt nachher richtig fest, man könne nicht immer über alles reden, “weil ich sonst vielleicht mein Gesicht vor der Gesellschaft verliere oder vielleicht auch vor mir selbst”. Da kann man nur hoffen, dass die besagte Bürokauffrau ein Ego aus Beton hat.

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Apropos Diskretion: Der Sex-Report funktioniert nach dem Motto “Mensch, was sind wir Deutschen doch unverklemmt.” ProSieben behauptet im Vorspann, Sexualität sei öffentlich geworden. Stimmt - denn sexuelle Verrohung wurde jüngst in allen Medien und Varianten umfangreich behandelt (siehe unter anderem Bild und Spiegel TV). Dass jede individuelle Intimität vom Privaten ins Öffentliche wandert, muss aber hoffentlich nicht befürchtet werden.

Oswald Kolle und die verfehlte Sex-Revolution

Um es kurz zu machen: Der ganze Film ist öde. Begriffe wie Analsex, Oralsex oder Gruppensex lassen den aufgeklärten Zuschauer nicht mehr aufhorchen. Auch ein historischer Exkurs, in dem Oswald Kolle ein paar Worte zu den schlimmen, alten Zeiten sagen darf, fördert nichts Neues zutage. Die eigentliche Erkenntnis bleibt sogar gänzlich außen vor. So stellt der Film zwar eine “sexuelle Revolution” seit 1968 fest - und dass die Deutschen immer häufiger Sex haben. Auf der anderen Seite zeigen die Fakten: Ende der 1960er Jahre hatten die Deutschen 130 mal Sex im Jahr, heute 139 mal. Das ist gerade mal eine Steigerung von sieben Prozent - von einer echten Revolution kann also keine Rede sein.

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Fazit: Erfrischende Widersprüche statt praktische Sex-Tipps

Eines ist jedoch positiv: Der Film ist genauso widersprüchlich wie die Sexualität selbst. Sexuelle Leistung wird bei ProSieben zur Schau gestellt, gleichzeitig heißt es: “Kein Wunder, dass sich viele Menschen inzwischen sogar bedrängt fühlen von der öffentlichen Leistungsschau sexueller Alleskönner.”

Fazit: ProSieben hat im Vorfeld mächtig die Werbetrommel gerührt. Das Springer-Blatt Welt Kompakt half sogar mit einer Aufmacher-Doppelseite mit und verkaufte das als redaktionell aufbereitete Wissenschaft. In Wirklichkeit liefert der Sex-Report aber keine neuen Erkenntnisse. ProSieben frischt das auf, was aus unzähligen Untersuchungen und aus dem Bravo-Liebeslexikon längst bekannt ist. Der Film gibt Umfrage-Ergebnisse wieder, hat aber keinen Ratgeber-Charakter und bietet deshalb für den aufgeklärten Zuschauer keinen Anreiz. Daran ändern auch die zahlreichen Softporno-Collagen nichts.

Web-Extra: Medienkritiker David Harnasch über den Sex Report 2008

Der für das Nachrichtenportal zoomer als “Meinungsmacher” arbeitende David Harnasch hat ebenfalls etwas zu dieser Fernsehsendung zu sagen:

Reaktionen in den Medien:

Reaktionen in der Blogosphäre:

Jürgen Emig und die Korruption: Journalismus ad absurdum

Jürgen Emig, langjähriger Sportchef beim Hessischen Rundfunk (HR), muss ins Gefängnis - wegen Untreue und Bestechlichkeit. Der Journalist hat über Jahre Schmiergelder und finanzielle Mittel, die für den Sender bestimmt waren, für sich eingestrichen. Insgesamt geht es um mehrere hunderttausend Euro, die unter anderem für Schleichwerbung geflossen sind. Und obwohl er in Revision gehen wird, wird sich eine Haftstrafe für Emig wohl nicht mehr vermeiden lassen. Zu detailliert konnten ihm seine Aktivitäten nachgewiesen werden. Erstaunlich ist, dass selbst HR-Intendant Helmut Reitze das frühere Finanzierungssystem des Senders als “das Einfallstor für die korrupten Machenschaften von Emig” bezeichnet (siehe Pressemeldung).

Beängstigend ist nicht nur, mit welcher ungebremsten Gier ein hochbezahlter Journalist sich seine Machtposition zu Nutze gemacht hat - erstmals wird ein ARD-Führungsmann wegen Korruption verurteilt. Beängstigend ist vor allem, wie über Jahre redaktionelle Beiträge skrupellos verkauft oder absichtlich manipuliert wurden. Journalismus ad absurdum.

Schleichwerbung: Wirksame Positionierung für solvente Sponsoren

Hessischer Rundfunk: Für Sport-Beistellungen war Emig zuständig. Quelle: HR-Pressestelle

Hessischer Rundfunk: Für Sport-Beistellungen war Emig zuständig. Quelle: HR-Pressestelle

Denn es geht auch um Schleichwerbung. Emig nahm Geld von Sponsoren an, die sich damit Sendezeit und positive Berichterstattung erkauften. Bei öffentlichen Veranstaltungen ließ Emig Kameras so positionieren, dass Werbetafeln besonders wirksam ins Bild gerückt wurden. Das erschreckende Ausmaß der Emigschen Unverfrorenheit hat der Spiegel ausführlich dokumentiert - und das Magazin stellt richtig fest: Der TV-Zuschauer und Gebührenzahler war letztlich der Verlierer des Systems, denn er musste sich zum Zwecke der illegalen Bereicherung hinters Licht führen lassen (”Es gab nur einen Dummen: den Zuschauer, der seine TV-Gebühren auch und gerade für das Versprechen zahlt, unabhängigen Journalismus zu bekommen.”).

Beistellungen: Öffentlich-rechtliche Expansion und illegale Abzweigungen

Die illegale Methode, Teile von akquirierten Beistellungszahlungen für sich zu behalten, erscheint dagegen vergleichsweise simpel. Schon zu Prozessbeginn machte Emig deutlich, dass er die Hauptschuld beim Sender sieht: Schließlich sei der Hessische Rundfunk jederzeit auf “Beistellungen” angewiesen gewesen (die umstrittene Praxis wurde 2004 eingestellt). Tatsächlich war Emig für die Eintreibungen der Beistellungen zuständig, und der HR dürfte sich über sein Engagement gefreut haben. So konnte der Sender neues Personal einstellen und noch mehr Sport senden - Emig sorgte für öffentlich-rechtliche Expansion. Auch die Sponsoren waren mit der persönlichen Betreuung durch den Sportchef sehr zufrieden: Sie fanden ihre Werbung zielgruppengerecht im Großformat auf der Mattscheibe wieder, eingebunden in nervenaufreibende Großereignisse des Sports.

Intendant Helmut Reitze: "hr war Opfer, nicht Täter". Quelle: HR-Pressestelle

Intendant Helmut Reitze: "der hr war Opfer, nicht Täter". Quelle: HR-Pressestelle

Korruption: Niemand will etwas gewusst haben

Die Verantwortlichen beim HR konnten oder wollten nichts von Korruption wissen - nach wie vor beteuern sie ihre Unwissenheit. Und Jürgen Emig dachte wohl, er habe durch sein langjähriges Engagement ein Anrecht darauf, dass auch mal für ihn etwas rausspringt. Die FAZ nennt eine Summe von 440.000 Euro.

Trauriges Fazit: Der HR hat von Emigs legalen Aktivitäten über Jahre finanziell erheblich profitiert - die illegalen will niemand erkannt haben. Jetzt macht der Sender Schadensersatzforderungen geltend. Für den größten Schaden gibt es aber keinen Ersatz: Der gesamte öffentlich-rechtliche Apparat hat einen Teil seiner journalistischen Glaubwürdigkeit verloren. Und daran ist nicht nur Emig, sondern auch der Hessische Rundfunk schuld.

Mehr zu diesem Thema im Internet: