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Gladbecker Geiseldrama: Die Mär vom moralischen Journalisten

Zwei Verbrecher, zwei tote Geiseln. Hunderte Journalisten, die handeln, und einige hundert Polizisten, die zuschauen. Schließlich ein Sondereinsatzkommando, das kurzen Prozess macht. Die Konstellation des Gladbecker Geiseldramas ist einfach – schwieriger ist auch 20 Jahre danach die Frage, warum es zu den zwei Toten kommen musste. In einer umfangreichen TV-Dokumentation hat der WDR gestern die Geschehnisse vom August 1988 noch einmal aufgerollt. Die Chronologie der Ereignisse ist auch bei Spiegel TV dokumentiert. Die Süddeutsche Zeitung schreibt ausführlich zum damaligen Geisel-Desaster.

Chaos in der Einsatzleitung – mit fatalen Folgen

Außer Frage steht, dass die Einsatzleistung bei den Verhandlungen mit den Tätern und vor allem bei der späteren Verfolgungsjagd versagt hat. Es gelang der Polizei nicht einmal, die Telefonleitung in die Bankfiliale zu sperren, sodass Journalisten in aller Ruhe mit den Geiselnehmern plaudern konnten. Eine lückenlose Abschirmung der Täter von der Öffentlichkeit hätte verhindert, dass Degowski und Rösner sich in ihren Allmachtsfantasien bestätigt sahen angesichts des enormen Medieninteresses. So aber dachten die beiden Gangster, dass ihre Waffen sie mächtig und die umlagernden Journalisten sie unverwundbar machten. Der stundenlange Stillstand der Verhandlungen führte insbesondere in Bremen dazu, dass die Täter sich gezwungen sahen die Initiative zu ergreifen und “ernst zu machen”.

Rudelbildung: Die Journalisten im Reality-Rausch

Außer Frage steht wohl auch, dass den Journalisten in den Tagen der Geiselnahme jegliches Gespür für die Situation fehlte. Es ging nur um eine Story, die eine Zukunft hatte angesichts der versagenden Polizei. Kriminelle, die mit der Pistole rumfuchteln, geben schließlich ein gutes Bild für die Titelseite ab. Unbeschwert und euphorisch schritten die Reporter zur Tat angesichts der Szenen, die so filmreif und gleichzeitig so verführerisch echt waren.

Journalisten als Regisseure

Problematisch ist nur, dass die Journalisten aktiv ins Geschehen eingriffen. Sie waren nicht Beobachter, sondern fast schon Regisseure. Das Drehbuch las sich vielversprechend, jetzt mussten die Journalisten dafür sorgen, dass es in der Story eine finale Klimax, zumindest aber ein Happy End geben würde. Auf der Autobahn wurden Polizeiwagen von Pressefahrzeugen abgedrängt. Während der Kölner Eskalation, dem Gipfel der anbiedernden Perversion in einer Fußgängerzone, reichte man den Verbrechern Kaffée und Gebäck ins Fluchtauto. Udo Röbel, damals stellvertretender Chefredakteur beim Kölner Express, lotste das Auto aus der Innenstadt – seine wahren Motive mögen vielschichtiger gewesen sein als zunächst unterstellt. Denn die Situation war im wahrsten Sinne des Wortes festgefahren: Zwei aufgeputschte, zunehmend aggressive Geiselnehmer drohten durchzudrehen – inmitten einer Traube von aufgegeilten Schaulustigen. Ein finales Blutbad in Köln wäre kein Happy End gewesen. Da war es wohl besser für alle Beteiligten, den Film wieder auf die Autobahn zu verlegen. Das Ende kam dann doch mit Schrecken – und war nur noch mit dem Teleobjektiv zu dokumentieren.

Die Mär von der Moral

Warum taten die Journalisten das – warum ließen sie alle Hemmungen fallen? Abgesehen davon, dass viele Journalisten keine Hemmungen besitzen, lautet die Antwort: Weil sie es konnten. Die Polizei hinderte sie nicht. Heute sagen viele, die Journalisten hätten merken müssen, wie unverantwortlich sie sich damals verhielten – zum Beispiel, als sie Rösner ausführlich interviewten oder als sie Fotos im gekaperten Bus machten. Dabei vergisst man aber, dass der praktische Journalismus in erster Linie als Handwerk, als Handlungsmechanismus verstanden wird – hingehen und einsammeln, was da ist. Das ist ein Reflex, der durch den konkurrenzbedingten Drang zur Information entsteht: Statements abgreifen, Fotos machen, Fragen stellen. Wer das beste Material sammelt, gewinnt am Schluss. Und wenn eine Geiselnahme mit freiem Zugang stattfindet, gibt es Unmengen an exzellentem Material, mit dem sich die Konkurrenz abhängen lässt. Heute wäre das keineswegs anders: Stell dir vor, es ist Geiselnahme, und keiner geht hin – ist das etwa realistisch?

TV-Tipp:

  • Spiegel TV Special zum Gladbecker Geiseldrama: Samstag, 16. August, 22.05 Uhr bei VOX (Vorschau).

  • Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • stern.de – Gladbecker Geiseldrama: Irrfahrt quer durch die Republik
  • Hinz & Kunzt – Lebenslinien: Udo Röbel über seine Rolle im Gladbecker Geiseldrama
  • Medienhure – Das Medienmagazin – Das Geiseldrama von Gladbeck: Medien. Mittäter. Mörder.
  • DerWesten – Im Westen – Geiseldrama Gladbeck: Kritik an Polizei
  • RP ONLINE – Geiseldrama von Gladbeck: Geiselnehmer Degowski bittet um Gnade
  • Welt Online – Geiselgangster Degowski bis 2013 in Haft
  • Gedenken: An der Berliner Mauer sind immer mehr Menschen gestorben

    1.303 Namen auf engstem Raum: Die “Arbeitsgemeinschaft 13. August” hat zum heutigen 47. Jahrestag des Mauerbaus eine doppelseitige Anzeige in der Welt Kompakt (siehe Foto) geschaltet. Es handelt sich um eine Todesliste mit den Namen derer, die an den DDR-Grenzen gewaltsam zu Tode kamen. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August ist Träger des Berliner Mauermuseums am ehemaligen Checkpoint Charlie.

    Die Anzeige macht Eindruck, nachdenklich und neugierig, zumal nicht nur die Menge der Verstorbenen, sondern auch biografische Details genannt werden. Erschütternd hoch ist der Anteil der jungen Menschen unter 30:

    unbekannt (männl.), (ca. 20-30), † 13.09.73, Leiche bei Rerik angespült

    Graner, Wolfgang, NVA, (19), DDR, † 31.05.71, erschossen bei Fahnenflucht

    Huhn, Reinhold, (20), † 18.06.62, Berlin; von Fluchthelfer erschossen

    Statistischer Streit: Wie tödlich war die DDR-Grenze wirklich?

    Die Neugier trieb mich ins Netz. Bei Welt Online muss ich lesen, in makaberer Statistik-Sprache:

    Nach Angaben der “Arbeitsgemeinschaft 13. August” kamen 1.303 Menschen an der DDR-Grenze ums Leben. Damit stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 58.

    Das wirft die bizarre Frage auf: Wie viele werden nächstes Jahr an der Mauer gestorben sein? Etwas taktvoller und mit weniger Ironie wäre besser. Denn am Streit um die Mauertoten zeigt sich, wie wenig die DDR-Geschichte bislang aufgearbeitet worden ist.

    Um die genaue Anzahl der Todesopfer, die man direkt oder indirekt dem SED-Apparat anlasten möchte, wird seit jeher gestritten. Auch 19 Jahre nach der Grenzöffnung tauchen immer neue Quellen und Belege auf. Man mag jetzt sagen: Ob es nun 1.000 oder 1.300 Menschen waren – das alles ist schon schrecklich genug! Eine genaue Quellenanlayse und Zählweise ist aber deshalb wichtig, weil längst nicht mehr nur zynische SED-Altkader die Verbrechen an der Grenze und im Zusammenhang mit der Grenze herunterspielen. Das hat die perfide Debatte um den Schießbefehl an der DDR-Grenze gezeigt, die genau vor einem Jahr begann – am Jahrestag des Mauerbaus zu Berlin.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Der Tagesspiegel – Deutsch-deutsche Teilung: Streit um Zahl der Mauertoten eskaliert
  • FOCUS Online – Hubertus Knabe: „Die DDR wird verharmlost“
  • einestages – Niemand hat die Absicht …: Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler
  • Die Ausstellung “Körperwelten”

    Dieses Referat befasst sich mit der umstrittenen “Körperwelten”-Ausstellung des Leichenplastinators Gunther von Hagens. Zunächst werden das Plastinationsverfahren, die Ausstellung sowie die Intentionen des Künstlers kurz vorgestellt. Anschließend folgt eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten, die zur Ausstellung geäußert wurden und sich hauptsächlich mit der Frage beschäftigen, inwiefern eine solche Ausstellung menschlicher Leichenpräparate moralisch vertretbar ist. Auf einem separaten Handzettel werden außerdem die wichtigsten Aspekte zusammengefasst. Weiterlesen ‘Die Ausstellung “Körperwelten”’ »