Beiträge mit dem Tag ‘sucht’

Digitale Datenflut: Die Netz-Neurose als Volkskrankheit

Ich muss heute noch bloggen. Das habe ich mir vorgenommen - jeden Tag ein Eintrag, der Aktualität halber. Für die Besucher, für die Googler, für die Suchmaschinen, für das Ego. Das ist mein persönlicher Beitrag zur digitalen Datenflut, die der Spiegel in seinem aktuellen Titelthema größtenteils für “Verschmutzung” hält. Nun, verschmutzen will ich hier wirklich nichts - und vielleicht hast du ja gerade gegoogelt und freust dich jetzt, weil du genau das gefunden hast, wonach du gesucht hast: Eine selbstkritische Reflektion zum aktuellen Spiegel-Titelthema.

Es geht um die Frage, ob das Überangebot an digitalen Informationen für den Mensch schädlich sein kann. Und ebenso platt-provokant wie die einstige Schlagzeile “Sind deutsche Schüler doof?” (es ging damals um den Pisa-Test) kommt auch dieses Titelblatt daher: “Macht das Internet doof?”

Piep! Der fatale E-Mail-Kontrollzwang

Als angehender Journalist ist für mich das Internet unentbehrlich geworden, ich bin tatsächlich ein “Informationsarbeiter”. Der Spiegel sagt, dass laut statistischen Erhebungen solche Personen “etwa 50-mal pro Tag” ihre E-Mails kontrollieren. Auf mich trifft das nicht zu - denn bei mir flattern die E-Mails automatisch und pausenlos ins Postfach, rund um die Uhr - dann piept’s laut. Dass es deswegen bei mir piept, kann ich nicht bestätigen.

Digitale Zeitverschwendung - die Zeitung als Oase der Ruhe

Der Befürchtung, man verschwende im Internet seine Zeit, muss ich aber leider Recht geben. Denn die Mails enthalten selten interessante Infos - stattdessen nur Dinge wie “Hi, ich wollte euch nur nochmal darauf hinweisen, dass das Treffen wie immer heute im Asta-Seminarraum stattfindet.” Die meisten Mails lese ich gar nicht mehr. Mit der Folge, dass ich wirklich wichtige Informationen verpasse.

Was den Nachrichtenkonsum angeht, bin ich fast 100-prozentig auf tagesaktuelle Printmedien umgestiegen - weil News-Portale einfach zu aktuell sind; es geht tatsächlich zu schnell. Um am Ende des Tages Verlässliches im Netz gelesen zu haben, muss man ständig die Reload-Taste drücken. Das kostet Zeit und lenkt ab.

Der Netz-Neurotiker: In den Fängen der Prokrastination

Apropos Ablenkung: Wer zur Spezies der “Digital Natives” gehört und ständig googelt, SMS schreibt, E-Mails sichtet und telefoniert und dabei wieder auf sein Postfach schielt, der verliert seine Prioritäten aus den Augen. Das ist das Schicksal derer, die mit dem weltweiten Netz groß geworden sind. Permanente Frage: Was wollte ich noch gerade machen - und ist das überhaupt so wichtig? Der Spiegel nennt das Stichwort, das die heutige Studentengeneration nur allzu gut kennt: Prokrastination, das zwanghafte Aufschieben von anstehenden Aufgaben. Dass der digitale Dschungel dieses Aufschieben unterstützt, weiß jedes StudiVZ-Mitglied. Auch ich hätte Besseres zu tun als jetzt hier zu bloggen - zum Beispiel könnte ich das Buch über Prokrastination lesen, das ich mir neulich gekauft habe. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag…

So stecke ich in einem verflixten Dilemma. Ich werde von der Informationsflut mitgerissen. Ich bin Informationsarbeiter und kann gar nicht abschalten: Ein Arbeitstag ohne E-Mail ist undenkbar (piep: schon wieder zwei E-Mails…). Wie soll ich recherchieren ohne Suchmaschine, Hausarbeiten schreiben ohne den Online-Duden? Wie soll ich meine Ausarbeitung schreiben ohne die StudiVZ-Community zu fragen, worüber wir denn überhaupt schreiben sollen. Wie soll ich mich ohne Handy zum Teamtreffen treffen? Und wie soll ich meinen Freunden dann sagen, dass ich auf Internet-Entzug bin und mal wieder was unternehmen will, wenn ich keine SMS mehr senden kann?

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • departure Blog - David Weinberger: Information Overload ist ein Business-Modell
  • ReadWriteWeb.com - Info Overload: The Problem
  • Das Kulturmanagement Blog - Der Kampf gegen die Informationsflut
  • Spiegel Online - Bürowelt: Arbeitshindernis Technik
  • Medien Monitor - Redaktionsblog: Im Netz verheddert
  • Computerspielsucht: Die tägliche Überdosis Illusion

    Die Jugend von heute greift nicht mehr zur Flasche oder zum Joint, sondern zu Maus und Tastatur. Die Rede ist von der Computerspiel-Sucht, die nach jüngsten Meldungen unter deutschen Kindern beängstigend um sich greift. Auch wenn es sich nur um eine Stichproben-Untersuchung handelt, so klingen die ersten Erkenntnisse einer Studie der Uni Koblenz-Landau erschreckend.

    Elterliche Resignation vor dem maskulinen Urtrieb

    Lasst die Jungs doch spielen, sie können’s doch eh nicht lassen. So oder so ähnlich scheinen viele Eltern zu resignieren, wenn sie ihre Schützlinge tagein, tagaus vor dem Computer sitzen sehen. Vielleicht ist es ja nur natürlich, dass das maskulin-pubertierende Individuum auf der Suche nach der Befriedigung eines Urtriebes, der sich nicht sublimieren lässt, nunmehr virtuell auf Jagd gehen muss. So muss der junge Mann Armeen kommandieren, Feinde massakrieren und jenen blutrünstigen Triumph feiern, den die heutige Zivilisation ihm verwehrt. Am PC lässt sich das zumindest befriedigend simulieren. Und wenn alle Gegner erledigt sind, waren die Verluste an Mensch und Material auch noch so groß, streicht sich der Kriegsheld den Schweiß von der Stirn und atmet durch.

    Das Problem: Hier ist bei heutigen PC-Spielen immer seltener Schluss. Die Zeiten, in denen man sich tagelang durch etliche Level kämpfen musste und zu guter Letzt der Vorhang fiel, sind längst vorbei. Damals erwachte der schlaflose Zocker schließlich aus seinem Spielrausch - und das Ausmaß der vertrockneten Pizza-Reste, Cola-Dosen und Energy-Drinks, die sich rund um den PC stapelten, war noch überschaubar. Half-Life war so ein Spiel der alten Sorte, oder Age of Empires. Oder Tetris.

    Zeitloses Zocken: World of Warcraft und der Fluch des nächsten Quests

    Moderne Spiele sind endlos geworden. Titel ohne Mehrspieler-Modus verkaufen sich nicht mehr. Als Paradebeispiel gilt dabei World of Warcraft - hier ist die Zeitlosigkeit das Erfolgsrezept. Die virtuelle Spielewelt, in der sich die Online-Gamer bewegen, wird ständig ausgebaut und der User zahlt einen monatlichen Beitrag für die Suchtbefriedigung. WOW sind bereits viele zum Opfer gefallen: Fleißige Familienväter, die vor der Kiste versackten. Gestandene Studenten, denen irgendwann die Exmatrikulation in den verstopften Briefkasten flatterte, weil ihnen WOW wichtiger war als ihr Werdegang. Schüler, die ihr Abi vergaßen im Wettlauf um den nächsten Quest.

    Der Öffentlichkeit wurde das Thema Gaming nur nahe gebracht, wenn es um Gewalt ging. Die BpB hat diese Debatte der Unsachlichkeiten und Polarisierungen dokumentiert. Dass PC-Spiele aber ein Massenphänomen geworden sind und ein erhebliches Suchtpotenzial besitzen, davon war lange Zeit keine Rede.

    Der Blick in den Kulissen-Code: Alles ein großer Bluff

    Bevor ich mit 13 Jahren zum Web Publishing kam, habe ich selbst oft gezockt - meistens Command & Conquer, damals ein Strategie-Spiel der Extraklasse. Irgendwann habe ich mit dem Programmieren angefangen, und siehe da: Der Reiz des Spiels ließ nach. Wer begriffen hat, wie Computerprogramme funktionieren, versteht irgendwann auch die Sinnlosigkeit des Gaming.

    So erfüllt jedes Programm eine bestimmte Funktion: Es gibt Programme, die bewirken, dass Züge pünktlich ankommen und wieder abfahren. Es gibt Programme, die berechnen Aktienkurse und sorgen für Wirtschaftlichkeit. Es gibt Programme, die stellen dir den Wecker.

    Und leider gibt es auch Programme, die haben keinen Sinn - diese Programme spulen Animationen und Geräusche ab, wenn man Knöpfe drückt. Von denen profitiert niemand, die bringen weder Menschen sicher von A nach B, noch sorgen sie für Effizienz. Sie erzeugen Illusionen und wirken in konzentrierter Form wie Drogen - diese Programme heißen Videospiele.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • PC Games - Kritische Studie zeigt: Wer viel spielt, ist nicht gleich als süchtig einzustufen
  • ZDF - 37 Grad - Im Strudel der virtuellen Welt