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Archiv der Artikel die mit Redaktion getagged sind.

Jugendliche Medien in Mainz – und der Blogger mittendrin!

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Werte Leser, ich grüße euch. Und zwar von den Jugendmedientagen in Mainz, genauer gesagt aus dem Newsroom der Messezeitung politikorange, die in den Räumlichkeiten des ZDF Quartier bezogen hat. Es geht um Fernsehen und bewegte Bilder.

Was geht? Voll Medien, ey!

Mein Schreibstil dürfte euch befremden. Er ist ja jetzt auch fruchtig, frisch, jugendlich. Frische Presse braucht frischen Stil. Hier arbeite ich in der Redaktion eines Periodikums, das eine erstaunliche Tradition hat. Weil mir eine Teilnahme am normalen Programm zu unspektakulär und passiv war, bin ich jetzt Teil eines Team von ambitionierten Ehrenamt-Redakteuren. Darunter Politik- und Publizistik-Studenten. Das ZDF lässt uns alle erdenkllichen Freiräume, sodass sich dieses Medium wirklich unabhängig nennen darf.

Danksagung

Einziges Manko: Die reguläre Unterbringung ist katastrophal. An dieser Stelle möchte ich einem Dortmunder Journalistik-Studentenpärchen danken, das mir auf sehr freundliche Art und Weise Asyl gewährt hat. Ansonsten hätte ich nämlich in einer kalten Turnhalle auf einer millimeterdünnen Isomatte in einem überaus schlecht gefütterten Schlafsack übernachten müssen. Und wieder einmal zeigt sich: Das Dortmunder Journalisten-Netzwerk funktioniert. Freunde in der Not finden sich über den Institutsverteiler. Vielen Dank – ich habe sehr gut auf eurer Couch geschlafen und freue mich schon auf zwei weitere geruhsame Nächte.

P.S.: Meine überaus freundliche Sitznachbarin sowie Redaktionskollegin Susanne möchte an dieser Stelle gegrüßt werden. Gerne komme ich dieser Bitte nach. Liebe Susi, ich grüße dich und danke dir für abwechslungsreiche Kurzkonversationen während der gefürchteten Mittagsdurchhänger!

Falschinformationen in NDR-Beitrag: “Das ist verantwortungslos”

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR. Quelle: NDR

Hartwig Ahlgrimm, stellvertretender Bürgermeister des Örtchens Zossen, wirft dem NDR schwere Verleumdung vor. “Nicht nur meine Person wurde beschädigt, sondern auch die Stadt Zossen”, schreibt Ahlgrimm in einer E-Mail, die ich am Montag erhalten habe und die sich auf eine Medienkritik zum NDR-Beitrag “Meine Stasi” bezieht. Der NDR will sich keine Fehler eingestehen, hat aber eine fragliche Passage aus einem Internet-Text nachträglich entfernt.

Die Vorgeschichte: Der Reporter wird “überprüft”

In der NDR-Dokumentation wird ein kurzes Gespräch zwischen Ahlgrimm und dem Journalisten Hans-Jürgen Börner gezeigt, in der Ahlgrimm nach einer Genehmigung für öffentliche Dreharbeiten fragt. Börner weist diese Frage entschieden zurück und erklärt, Ahlgrimm liege mit seiner Forderung falsch. Zuvor hatte Börner vergeblich versucht, den ehemaligen Stasi-Hauptmann Manfred Mohr zu einer Stellungnahme zu seiner DDR-Vergangenheit zu bewegen. Mohr arbeitet als Journalist für die Märkische Allgemeine – das NDR-Team hatte ihn vor dem Gebäude der Zossener Lokalredaktion angesprochen und war von Mohr abgewiesen worden. Im Film begibt sich Mohr in die Redaktion, dann sagt Börner: “Kaum ist Mohr am Arbeitsplatz, werde ich auf der Straße überprüft.” Es folgt, wodurch sich Ahlgrimm jetzt beschädigt sieht.

Der Ordnungsamtsleiter wollte nur seine Pflicht tun

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex?

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex? Quelle: NDR

“Es ging in keiner Weise darum, dem Filmteam die Aufnahmen zu verbieten oder eine Drehgenehmigung zu verlangen”, schreibt Ahlgrimm weiter. Am Telefon schildert er die Situation so: Während einer Dienstbesprechung sei er in seiner Funktion als Leiter des Ordnungsamtes auf das Kamerateam aufmerksam gemacht worden. Die Zossener Lokalredaktion der Märkischen Allgemeinen liege gegenüber von dem Gebäude. Dort habe sich ein Fernsehteam aus fünf bis sieben Personen “im Straßenbereich aufgebaut”. In der E-Mail heißt es weiter:

Fakt war, dass das Team den öffentlichen Verkehrsraum über den Gemeingebrauch genutzt hat. Und hier schreibt die StVO, § 29 (Bundesrecht) zwingend vor, dass es dafür einer Erlaubnis bedarf. Dies wollte ich Herrn Börner mitteilen und dann unmittelbar alles regeln. Leider kam es dazu nicht, weil Herr Börner mich immer unterbrach. Meine Aussage lautete, bzw. sollte lauten : „Wenn Sie Filmaufnahmen im öffentlichen Verkehrsraum machen … (und diesen über den Gemeingebrauch nutzen, bedarf diese Sondernutzung der Verkehrsfläche einer Genehmigung).
Das Team stand in einer Zufahrt auf einer Ladestraße und zu einem Grundstück, sowie auf der Ladestraße selbst, die der Belieferung der anliegenden Ladengeschäfte dient.

Er habe Herrn Börner “ruhig und sachlich” auf die Ordnungswidrigkeit hinweisen wollen, aber Börner habe “aggressiv” reagiert. “Das Wort ‘Drehgenehmigung’ ist gar nicht gefallen”, sagt Ahlgrimm heute. Als Ordnungsamtsleiter habe er zudem das Recht, die Personalien von ordnungswidrig Handelnden zu überprüfen. “Man muss sich auch an die Regeln halten”, sagt Ahlgrimm. Eine Genehmigung einzuholen sei gängige Praxis. “Das müsste Herr Börner eigentlich wissen.”

NDR: “So etwas habe ich noch nie gehört”

Der NDR widerspricht hier vehement. Anke Jahns, Redakteurin der NDR-Sendung Zapp, hat den Beitrag betreut. Eine solche Genehmigung sei nicht nötig, sagt sie auf telefonische Nachfrage. “Ich arbeite schon viele Jahre beim Fernsehen. Aber so etwas habe ich noch nie gehört.” Auch als Ordnungsamtsleiter habe Ahlgrimm nicht die Berechtigung für das Einfordern einer solchen Genehmigung. “Ich verstehe sein Verständnis von Pressefreiheit nicht”, so Jahns.

“Querverbindung” zur Stasi? NDR dementiert

In meiner Medienkritik hatte ich einen indirekten Zusammenhang zwischen der Befragung Mohrs und dem Erscheinen Ahlgrimms erkannt. Dies weist der stellvertretende Bügermeister in der E-Mail zurück:

All dies wäre aber kein Problem für mich, wenn nicht diese verantwortungslose „Querverbindung“ zum Inhalt der Filmaufnahmen erfolgt wäre.

Weder die Durchführung der Filmaufnahmen, noch deren Zielstellung waren mir und der Stadtverwaltung bekannt. Allein aus dieser Feststellung lässt sich wohl ableiten, dass die „Querverbindung“ Verleumdung in höchster Potenz ist. Auch war weder der Stadtverwaltung, noch mir persönlich bekannt, dass ein Herr M. – ehemaliger Stasimann – bei der MAZ arbeitet. Und es gab auch keinen Anruf der MAZ.

Auch hier widerspricht Anke Jahns: “Es gibt keine direkte Verbindung.” Für sie ist die Aufregung des stellvertretenden Bürgermeisters unangebracht: “Wir haben ihn nicht falsch dargestellt. Ich kann seine Kritik nicht verstehen.”

Die Querverbindung liefert der NDR – in der Vorschau zur Dokumentation

Allerdings: Die Querverbindung stellt der NDR tatsächlich her – und zwar in einem separaten Beitrag, der vorab in “Zapp” am 27. August gesendet worden war (Link zum Video). Darin heißt es nach Mohrs Abgang:

Hier, in der Lokalredaktion Zossen, arbeitet der ehemalige Stasi-Hautptmann heute. Er flüchtet vor seinem Opfer Börner und wird danach sofort aktiv, telefoniert offenbar mit Amtsträgern im Rathaus. Dem ARD-Redakteur sollen die Aufnahmen in Zossen verboten werden.

Videovorschau vom 27. August: Suggestivjournalismus vom NDR.

Videovorschau vom 27. August: Suggestiv- journalismus vom NDR.

Unmittelbar danach folgt das mitgeschnittene Gespräch mit Ahlgrimm. Das ist journalistisch äußerst fragwürdig, denn hier wird etwas unterstellt, was so offenbar nicht stattgefunden hat. Auch die anschließenden Kommentare Börners im TV-Studio suggerieren, dass es sich hierbei um alte DDR-Verhaltensmuster handelt.

Jahns, die auch für diesen Beitrag verantwortlich ist, will sich hier keinen Fehler eingestehen und pocht auf die Verwendung des Wörtchens “offenbar”. Gleichzeitig räumt sie ein, aus dem Internet-Text sei nachträglich diese fragliche Passage entfernt worden. Grund dafür sei aber nicht Ahlgrimms Kritik, sondern eigene Recherche, so die Redakteurin.

“Das ist verantwortungslos”

Hartwig Ahlgrimm ist jetzt sauer – schließlich sei er selbst ein “Stasiopfer”, wie er schreibt, “und dies mehr als Herr Börner”. Er sieht den Fehler bei den NDR-Redakteuren. “Das ist verantwortungslos und unter der Gürtellinie”, sagt Ahlgrimm am Telefon. “Ich kann die Situation von Herrn Börner verstehen, aber das darf einem solch gestandenen Redakteur nicht passieren.”

Immerhin: Nach einer Beschwerde des örtlichen Pressesprechers beim NDR habe der Sender eine Richtigstellung zugesagt, so Ahlgrimm. Ein Team der NDR-Sendung Zapp sei am vergangenen Sonntag nach Zossen gekommen. NDR-Redakteurin Anke Jahns sagt dazu, man habe auch Herrn Ahlgrimm nochmals interviewt und werde kurzfristig entscheiden, ob der Beitrag heute Abend (23 Uhr, NDR) auf Sendung gehe. Als “Richtigstellung” will sie das aber keinesfalls verstehen.

Ahlgrimm: “Behalte mir rechtliche Schritte vor”

Man darf also gespannt sein. Für Hartwig Ahlgrimm steht fest: “Mir sind meine Persönlichkeitsrechte verletzt worden.” Falls der NDR keine Richtigstellung sende, werde er notfalls vor Gericht ziehen: “Ich behalte mir rechtliche Schritte vor. Das ist aber nur das letzte Mittel.” Schließlich habe er niemals Recherchen verhindern wollen. Vielmehr begrüße er die Nachforschungen zur DDR-Vergangenheit: “Ich hätte Herrn Börner sogar die Kamera gehalten.”

Früher Stasi, heute Zeitung: Berichteschreiber in deutschen Redaktionen

Quelle: NDR

Quelle: NDR

Ein Redakteur sollte unabhängig und unbestechlich sein – so weit die Theorie. Dass in deutschen Redaktionen noch unzählige ehemalige Stasi-Spitzel sitzen und in leitenden Funktionen arbeiten dürfen, ist daher umso verwunderlicher. Bezeichnend ist, dass sich gerade die eifrigsten Berichteschreiber ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen.

Aktueller Fall: Die Berliner Zeitung

In der Redaktion der Berliner Zeitung saßen nach neuesten Erkenntnissen zeitweise mindestens acht Redakteure, die zu DDR-Zeiten eine kleine Nebentätigkeit besaßen. Zwei von ihnen haben als Inoffzielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ihre Kollegen bzw. sich gegenseitig bespitzelt. Einer ist aus freien Stücken gegangen, der andere darf nicht mehr über Politik schreiben. Bei der Berliner Zeitung kommt die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht – denn welcher noch aktive Redakteur will schon seinen Job riskieren?

Ungeliebter Eindringling aus dem Westen: Ein Journalist wird beschattet

Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

Einer, der damals selbst unter Beobachtung stand, ist der ehemalige ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner. In seiner Dokumentation “Meine Stasi” (Vorschau-Video) stellt er diejenigen zur Rede, die ihn zwischen 1986 und 1989 bespitzelt haben. Damals erlebte und dokumentierte Börner die Lebensumstände der DDR-Bevölkerung aus nächster Nähe.

Als unliebsamer West-Eindringling, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, wühlte Börner dort, wo es dem Regime am meisten weh tat. Freie Recherchen waren gefährlich für die DDR-Führung – in einem Stasi-Schulungsfilm über die Machenschaften von West-Korrespondenten heißt es:

Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden.

Übersetzt heißt das: Die Korrespondenten interviewten vor allem die kritischen Geister der DDR.

Börner klingelt an Türen: “So schlimm war’s ja wohl nicht!

Börner arbeitet nun seine umfangreiche Personenakte durch – schließlich war er damals verantwortlich für westdeutsche Propaganda und bedurfte unbedingter Observierung. Bald wird er fündig und klappert seine früheren Beschatter ab, sofern sie noch am Leben sind. Die Spitzel lauerten überall: Selbst der freundliche Puppenspieler Günter Gerlach war ein IM – seine Frau kann es sich bis heute nicht erklären. Hier gelingt Börner ein guter Einblick in das perfide Überwachungssystem der DDR. Die Recherche wird zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung – entsprechend subjektiv ist die Dokumentation. Börner ist im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

Frank Schulz lehnt eine Stellungnahme zu seinen früheren Stasi-Aktivitäten ab, Reiner Dietrich macht die Tür erst gar nicht auf. Rainer Walther, ehemaliger Direktor der renommierten Palucca-Tanzschule, stellt sich dem Interview und gibt seine Aktivitäten kleinlaut zu. Er lacht peinlich berührt und relativiert: “Also so schlimm war’s ja wohl nicht!”

Einsichtig bis renitent: “Vielleicht war ich geil auf diesen Job”

Bettina Schuster, damals bei Fernsehaufnahmen als Pressesprecherin der VEB-Porzelanmanufaktur anwesend, gibt bereitwillig, aber sichtlich nervös Auskünfte über ihre Vergangenheit als IM “Fuchs”. Sie wirft dem ehemaligen Korrespondenten vor, mit seinen Äußerungen “immer ein bissl gestichelt” zu haben – sie mochte den kritisch-kommentierenden Unterton des Journalisten nicht. “Ironie” sei das gewesen, sagt Börner heute. Man könnte es auch einfach Meinungsfreiheit nennen.

Warum hat sie da mitgemacht, will der Journalist wissen – warum hat sie ihn bespitzelt? “Vielleicht war ich geil auf diesen Job.” Dann sagt sie, der Journalist habe sogar das Porzellan politisieren wollen, und das habe ihr nicht gefallen. Überhaupt sei damals alles ein Politikum gewesen, suggerieren die Aussagen von Ex-IM Ernst Brüch. Selbst ein Börner-Bericht über die Kurmöglichkeiten in der DDR stand damals im Verdacht, eine anti-sozialistische Nachricht zu transportieren.

Ein Redakteur mit zweifelhafter Berufsmoral

Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit.

Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit. Quelle: NDR

Der Film droht an dieser Stelle abzuschweifen. Zu selbstgefällig stellt sich der Journalist als gerechter Kämpfer dar, der niemandem vertrauen will. Zuletzt aber gewinnt das Stück an Brisanz: Manfred Mohr, Diplom-Journalist und ehemaliger Hauptmann der DDR-Staatssicherheit, machte Ende der 80er Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zu Börners Aktivitäten. Börner spricht ihn an – er stehe heute “nicht für ein Gespräch zur Verfügung”, sagt Mohr. Das Ganze liege jetzt 20 Jahre zurück. Zitat:

Mohr: “Das ist Geschichte”. Börner: “Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten.” Mohr: “Wenn Sie das machen möchten, bitte. Aber ich nicht.”

Mohr arbeitet für die Märkische Allgemeine, die dem FAZ-Verlag angehört. Er hetzt dem Störenfried den stellvertretenden Bürgermeister der Ortschaft Zossen auf den Hals, Hartwig Ahlgrimm, der aber beruhigend inkompetent ist und nach der Dreherlaubnis fragt. Interessante Frage: Wie schafft es ein Lokalredakteur, dass sich ein politischer Vertreter für ihn in Bewegung setzt und einen Journalisten unter Behauptung falscher Tatsachen einschüchtern will? Dieser Redakteur scheint nicht nur Probleme mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit seinen beruflichen Verpflichtungen zu haben.

Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

Wie viel liegt noch im Verborgenen?

Und auch Bolko Bouché, Inhaber eines Medienservices, gesteht erst im zweiten Anlauf seine Stasi-Zusammenarbeit, die er einen Tag zuvor noch vehement geleugnet hatte. So wird zum Ende des Films deutlich, dass Börner immer noch als aufmüpfiger West-Reporter wahrgenommen wird, als einer, der unbequeme Fragen stellt und sich dabei auch noch clever vorkommt. Es kommt zum alten DDR-Reflex: Drohen.

Wir Wessis haben’s leicht – bei uns wird niemandem unterstellt, ein verdeckter Spitzel gewesen zu sein. Ist es deshalb ungerecht, wenn ein ehemaliger West-Journalist in den Akten von anderen Menschen wühlt? Wohl kaum. Für den Journalismus ist letztlich vor allem erschreckend, dass eine derart stichprobenartige Recherche so vieles zu Tage fördert – wie viele andere Berichteschreiber mit Doppelfunktion arbeiten noch unbemerkt in deutschen Redaktionen?

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • taz.de – DDR-Oppositioneller über Berliner Zeitung: “Tödlich für eine Zeitung” (28. August 2008)
  • Twitter meets newspaper: Die Redaktionen zwitschern sich eins

    Heute hat die Welt Kompakt, meine neue Abozeitung, mit der Nachricht aufgemacht (siehe Foto), sie sei im Netzwerk Twitter die beliebteste Redaktion unter den zwitschernden Newsrooms. Sie beruft sich dabei auf ein Medien-Ranking der Website medienlese.com. Zu dieser “Auszeichnung” gratuliert sogar die Mutterredaktion.

    Für alle Gestrigen: Ein fleißiger Blogger erklärt euch hier, was Twitter ist. Eigentlich lohnt eine Erklärung aber gar nicht, denn dafür ist bei Twitter kein Platz. Twitter ist kurz, schnell, mobil und in jeder Hinsicht unverbindlich – und daher sehr einfach. Und daher recht populär.

    Ja, was zwitschern sie denn?

    Obwohl 857 Tweet-Abonnenten sich für mich nicht gerade nach viel anhören – so viele wollen nämlich wissen, was die Redaktion in Berlin denn so alles daherzwitschert. Zum Beispiel gibt es fünf “Tweets” für den gestrigen Donnerstag. Da verrät ein Jemand am frühen Abend, dass man immer noch keinen Aufmacher für die Titelseite hat. Später sagt dieser Jemand, dass man mit einem Wirtschaftsthema aufmachen und dass es eine Doppelseite über Madonna geben wird. Schließlich steht da: “das twitter-vögelchen prangt auf der 1″.

    Die Message: Dabei sein ist alles. Der Mehrwehrt: Null

    Ich frage mich natürlich: Wo liegt da der Informationswert? Dass Menschen in ihrem Privatleben Twitter benutzen, um das Freundes-Rudel zu organisieren, macht Sinn. Twitter kann sogar für oppositionellen, politischen Widerstand genutzt werden, wie der clevere Twitter-Gründer im Interview erklärt.

    Auch kann sich die Redaktion sagen lassen, sie sei modern. Zur Bestärkung dieses Verdachts lassen sich auch der Handy-Code aus der Printausgabe, das redaktionseigene Video-Blog und die MySpace-Seite des Teams hinzuziehen – alles sehr “up-to-date”. Mehr aber leider auch nicht – redaktioneller Mehrwert gleich null.

    Die Konkurrenz ist etwas besser im Zwitschern

    Wesentlich interessanter finde ich das Twitter-Profil von Titanic, dem absolut weltbesten Satire-Magazin. Denn hier gibt’s nichts zu lesen, sondern es werden nur Weiterleitungen auf aktuellen Content, also echte Informationssubstanz (!), geliefert – Titanic hat nämlich einfach seinen RSS-Feed bei Twitter eingestellt. Das kann man sich mal abonnieren für den Lacher zwischendurch.

    Zeit Online, man höre und staune, hat es mit ihrem toten EM-2008-Tweet auf Platz vier des oben genannten Rankings gebracht – das sagt leider auch etwas über die Relevanz der heutigen Titelseiten-Meldung von Welt Kompakt aus: Die ist nämlich nicht vorhanden. Dafür so viel Platz auf der ersten Seite – sinnlos. Die Redaktion scheint gestern tatsächlich Probleme mit dem Aufmacher gehabt zu haben.

    Mut zur Lücke: “Sommerloch” bei Welt Kompakt

    In ein Sommerloch der wörtlichen Art haben heute Leser von Welt Kompakt geblickt. Ein Viertel von Seite acht blieb unbenutzt, stattdessen stand dort dick und fett: “Chef ist im Urlaub, Kolumne fällt aus”. Zumindest in meiner E-Paper-Ausgabe (siehe Screenshot). Wo sonst also die kritische Kolumne eines erfahrenen Schreibers prangt, war heute gähnende Leere. Und war ich heute morgen noch über ein missratenes Textstück vom Vortag hergezogen, so muss ich diese Zeitung jetzt mal loben.

    Offen und ehrlich – die Welt Kompakt kann sich’s leisten

    Denn kaum eine Redaktion gibt es offen und ehrlich zu, wenn ihr mal der geschriebene Stoff ausgeht – wenn kurz vor Redaktionsschluss plötzlich ein Loch auf der Seite klafft. Dann muss man ein nettes Solo-Bild reinsetzen, oder eine Pressemeldung wird geschwind umgeschrieben. Oder man lässt das Loch unkaschiert und hofft auf das Verständnis der Leser. Das ist mutig, aber dieses Blatt kann sich das leisten.

    Panne oder Revolte der Redaktion?

    Interssieren würde mich nur der Hintergrund dieser Panne. Wusste der Chef nichts von der Kolumne und konnte er im Urlaub nach hektischen Telefonaten nicht mehr rechtzeitig reagieren? Wollte er den Blattplanern eins auswischen, weil die seine Abwesenheit nicht eingeplant hatten, und stellte er nun ostentativ sein Handy aus? Oder handelt es sich gar um einen Spontan-Urlaub des Chefredakteurs, weil er sich mit seiner Mannschaft überworfen hat, und wollen sich die Redakteure jetzt mit dieser demonstrativen “Panne” rächen?! All dies sind noch offene Fragen. Liebe Redaktion, ich erwarte Aufklärung am Montag!