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Protestieren, bis der Bund einspringt: Wie die Uni Lübeck gerettet wurde

Protestler in Kiel

Eine Stadt sieht gelb: Lübecker Demonstranten in Kiel. Quelle: StudentenPack (flickr.com); AstA Uni Lübeck

„Die Universität zu Lübeck ist nach Schließung des Fachbereichs Medizin in Lübeck nicht überlebensfähig.“ Dieser bürokratisch anmutende Satz hat in der schleswig-holsteinischen Stadt Ende Mai für Aufregung gesorgt. Die Kieler Landesregierung unter Peter Harry Carstensen plante, die Uni Lübeck faktisch dem Tode zu weihen.

Kahlschlag-Carstensen gegen das Protestbündnis

Was folgte, war ein enormer Proteststurm. Schnell wurde klar, was das Aus der Uni für die ohnehin strukturschwache Region bedeuten könnte: Noch weniger Arbeitsplätze, noch weniger Dynamik, noch weniger Perspektive. Auch in Flensburg bestand die Gefahr, dass hier auf akademischer Ebene bald tote Hose sein könnte – Carstensen und Kumpanen setzten auf Kahlschlag.

Dabei standen die Spar- und Bündelungspläne im krassen Widerspruch zu der von Kanzlerin ausgerufenen Parole, in Krisenzeiten dürfe an der Bildung nicht gespart werden. Bezeichnenderweise war es dann auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das mit einer Millionenzahlung schließlich aushalf und die Uni vor dem Garaus bewahrte.

In der Zwischenzeit hatten sich Studenten, Wirtschaft und Lokalpolitik in und um Lübeck zusammengetan und penetrant protestiert. Auf der Straße setzte eine ganze Stadt das in die Tat um, was zuvor via Internet organisiert worden war: Nein sagen und Paroli bieten. Im Interview erklärt ein Beteiligter, warum das zum Erfolg geführt hat.

Ein Protestler im Interview: “De Jager hat komplett versagt”

Ivo Heinecke (21) ist freier Mitarbeiter im AStA der Universität Lübeck. Der Informatik-Student hat über Wochen Demonstrationen mitorganisiert und erklärt im Interview unter anderem, wie man in wenigen Stunden ein Protest-Portal aufbaut und einen Wissenschaftsminister gehörig unter Druck setzt.

NilsOle.net: Ivo, ist der Kampf jetzt gewonnen?

Ivo Heinecke: Ja und nein. Beim Kampf um die Uni ging es im Kern darum, dass der Bereich Medizin wegfallen sollte. Dieser Bereich ist relativ bedeutend, ohne den läuft an der Uni nicht viel: Wir haben fünf Studiengänge, über 50 Prozent der Studierenden sind für Medizin eingeschrieben. Die anderen Studiengänge hängen an der Medizin, wie zum Beispiel das Fach „Medizinisches Ingenieurswesen“. So etwas kann man nicht einfach wegsparen, nur weil es um 25 Millionen Euro geht. Da die Medizin jetzt erhalten werden soll, scheint der Kampf gewonnen, so ganz trauen wir dem Braten jedoch noch nicht.

Die Rettung kam von dort, wo man es nicht erwartet hatte: Aus Berlin.

Heinecke: Der Bund hat jetzt die Finanzierung des Instituts für Meeresforschung in Kiel zu 90 Prozent übernommen, und damit kann das Land Schleswig-Holstein die 25 Millionen Euro woanders einsparen. Mein Vertrauen in die Aktion ist allerdings begrenzt – man hat gesehen, dass hier recht viel Hinterzimmerpolitik gemacht wird.

Der Bund trickst also herum, weil das Land sich nicht bewegen wollte?

Heinecke: Ja, kann man so sagen. Am Institut für Meeresforschung soll es darüber auch Unmut geben, weil dem Institut dadurch angeblich Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen. Nach meinen Informationen ist es aber weiterhin möglich, Drittmittel anzuwerben in Zusammenarbeit mit der Uni Kiel. Der Bund hat mit der Aktion aber die Landesregierung gerettet – diese hat eine Stimme Mehrheit, bereits fünf Abgeordnete hatten zu dem Zeitpunkt bereits klar gemacht, dass sie der Unischließung nicht so zustimmen werden.

Zurück nach Lübeck: Geht die Uni jetzt gestärkt aus den Protesten, oder hat das Gezerre euch vielleicht sogar geschwächt?

Heinecke: Ich denke, wir gehen gestärkt aus den vergangenen Wochen. Wir konnten einige Punkte durchsetzen: Die Universität bleibt mit allen Studienplätzen erhalten, wir werden eine Stiftungs-Uni nach niedersächsischem Vorbild. Dadurch soll das Land entlastet werden. Wir als AStA werden allerdings die Drittmittelvergabe kritisch begleiten.

An vielen Unis ist nach den Bildungsstreiks im Herbst 2009 Ernüchterung eingetreten, weil nur wenig durchgesetzt werden konnte. Warum hat das bei euch geklappt?

Heinecke: Der Protest war existenziell für uns. An den Bildungsstreiks hatten sich in Lübeck nur relativ wenige Studenten beteiligt, hier gab es keine Hörsaalbesetzungen. Aber jetzt, als es um unsere Uni ging, war der AStA sehr gut aufgestellt, sowohl finanziell als auch personell. Das Ganze hat sehr viel Kraft gekostet und wir sind jetzt ziemlich erschöpft, aber es ging dabei einfach um alles.

Wer hat den Protest gestartet?

Heinecke: Als AStA haben wir glücklicherweise ein Gremien-Wochenende miteinander verbracht, kurz nachdem die Sparpläne bekannt geworden sind. Wir konnten uns also vorbereiten und eine Strategie entwickeln. So war es auch möglich, sehr viele Aktionen zu starten. Finanziell, materiell und logistisch kam die Hilfe mitten aus der Bevölkerung. Unser Kopierer hat mittlerweile 130.000 Exemplare auf dem Zähler, so viele Poster und Flyer haben wir gedruckt. Das ist wirklich unglaublich.

Welche Instrumente, außer Infoblättern, habt ihr eingesetzt?

Heinecke: In erster Linie haben wir Demonstrationen organisiert. Und es gab die Website, über die wir gut Druck aufbauen konnten. Selbst Daniel Günther, hochschulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein, hat gesagt, seine erste Informationsquelle zu dem Thema sei unsere Internetseite gewesen – dabei war die Landes-CDU doch unser politischer Gegner. Während der ganzen Zeit gab es eine ganze Reihe kreativer Aktionen, wie etwa die Exilvorlesung in Berlin, die wirklich Spaß gebracht haben. Außerdem noch Flash-Mobs, oder Smartmobs, wie sie ja heißen, wenn es um etwas Politisches geht.

Dreh- und Angelpunkt ist euer Online-Portal “Lübeck kämpft”. Wie baut man so eine Basis auf?

Heinecke: Zum Glück haben wir erfahrene Informatiker an der Uni, die Plattform haben wir gleich am ersten Wochenende gestartet. Mit Hilfe der WordPress-Software und verschiedenen Erweiterungen lässt sich so etwas recht schnell realisieren. Zu Beginn hatten wir das Problem, dass das System den vielen Zugriffen nicht standgehalten hat. Nach einigen Ausbesserungen lief die Seite dann aber reibungslos.

Kommen wir mal zu dem politischen Streit. Wie sah die Kommunikation mit den Landespolitikern aus?

Heinecke: Direkt mit den Politikern zu reden war ziemlich schwierig, weil die immer ihre Wir-müssen-sparen-Platte abgespielt haben. Der Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (CDU) hat einmal sinngemäß gesagt, man müsse eben zwei Stücke aus der Torte herausnehmen, damit man die Sahnehaube erhalten kann. Mit den Tortenstücken waren die Uni-Standorte Lübeck und Flensburg gemeint, mit der Sahnehaube die Uni Kiel. Solche Aussagen sind ein Unding.

Dialogbereitschaft haben die Landespolitiker aber schon gezeigt, etwa am 1. Juli, als man sich zu einer öffentlichen Diskussion in Lübeck getroffen hat.

Heinecke: Von einem echten Dialog kann doch keine Rede sein. Bei der besagten Diskussion sind keine wirklich neuen Punkte genannt worden. Zu Beginn der Proteste sind wir mit einigen Bussen nach Berlin gefahren, wo Jost de Jager und Peter Harry Carstensen im Landeshaus getagt haben. Während der Demo sind die Herren dann zu uns gekommen und wollten sich angeblich unseren Fragen stellen. Was wir erlebt haben, war aber eher ein Monolog: Als es um inhaltliche, tiefgreifende Fragen gehen sollte, haben sich die beiden wieder zurückgezogen. Das war typisch – als aber die Rettung aus Berlin kam, haben die verantwortlichen Politiker ihre Kommunikationsstrategie geändert.

Inwiefern wurde die Strategie geändert?

Heinecke: Die Leute, die uns zunächst wegsparen wollten, stellen sich plötzlich als Sieger dar, die durch viel Verhandlungsgeschick eine Universität gerettet haben. Die Wahrheit ist allerdings, dass die Abstimmung über die Sparpläne für die Landesregierung zum Desaster geworden wäre, denn mehrere Mitglieder der Koalition haben offen gegen die Uni-Schließung protestiert und hätten wohlmöglich ihre Zustimmung verweigert. Dann wäre die Regierung in Kiel gescheitert.

Trotzdem haben die Politiker sich zumindest euer Anliegen angehört.

Heinecke: Das stimmt. Verschiedene Landtagsabgeordnete haben den AStA besucht, darunter Gerrit Koch (FDP) und Daniel Günther (CDU). Die Kommunikation mit de Jager allerdings hat sich im Wesentlichen darauf beschränkt, dass einige Studenten sein Fahrzeug per Sitzblockade festgesetzt haben, als er mal in Lübeck war. Mittlerweile gibt es hier eine recht starke Abneigung gegen diesen Minister, auch auf persönlicher Ebene.

Woher kommt diese Abneigung?

Heinecke: Da gibt es verschiedene Gründe. Der Dialog war sehr schwierig, auf kritische Fragen gab es keine ehrlichen Antworten. Stattdessen hat de Jager wie ein Wasserfall von oben herab gepredigt, wir konnten ihm nichts vermitteln – so war zumindest mein Eindruck. In einem Interview hat er die Großdemonstration in Kiel als „sportliche Herausforderung“ bezeichnet. Der Mann hat wohl vergessen, dass es sich hierbei um die größte Kundgebung in der Geschichte von Schleswig-Holstein gehandelt hat. Seine Aussage ist in diesem Zusammenhang völlig inakzeptabel.

Während der Demo in Kiel schien die Stimmung tatsächlich recht aufgeheizt. Ist es noch in Ordnung, wenn Akademiker einen Landesminister als „Versager“ beschimpfen?

Heinecke: Ich finde, Jost de Jager hat komplett versagt. Er hat blauäugig und wissend um die wirtschaftlichen Folgen den Wissenschaftsstandort Lübeck riskiert. Es ist diesem Wirtschaftsminister offenbar nicht möglich gewesen, irgendeine Art von Risikoanalyse für den Wegfall der Medizin zu machen. Zum Vergleich: Die Industrie- und Handelskammer Lübeck hat das in zwei Wochen geschafft. Laut IHK hängen rund 10.000 regionale Betriebe am Uni-Standort Lübeck. In einer stichprobenartigen Befragung hat die IHK herausgefunden, dass 19,1 Prozent dieser Betriebe im Falle einer Uni-Schließung abgewandert wären. Für die ganze Region hätte das katastrophale Folgen gehabt.

Es wurde viel über die Hintergründe gemunkelt, warum es gerade den Standort Lübeck treffen sollte.

Heinecke: Man muss wissen, dass Jost de Jager eine gewisse Vorgeschichte hat. Bereits 2005 hatte er in seiner Funktion als Staatsminister geplant, die Uni-Standorte Lübeck und Kiel miteinander zu fusionieren. Es gibt Dokumente, die belegen: Die Uni Kiel sollte dabei bevorzugt werden. Die Sparpläne, die der Minister jetzt umsetzen wollte, waren im Grunde also nur aufgefrischt worden. Wenn man sich das Kieler Kabinett ansieht, fällt zudem auf: Auffallend viele Minister, darunter Ministerpräsident Carstensen, haben an der Universität Kiel studiert. Das ergibt einen faden Beigeschmack.

Wie sah das Verhältnis zur Uni Kiel während der Proteste in Lübeck aus?

Heinecke: Da muss man differenzieren. Die Kieler Studenten haben uns stark unterstützt, dass finden wir echt toll. Auch der AStA hat uns sehr geholfen. Das Kieler Universitätspräsidium macht allerdings weiterhin Hinterzimmerpolitik. Erst 2009 soll sich das Präsidium mit Jost de Jager getroffen haben, um mögliche Sparpläne zu besprechen, die eine Schließung unseres Standortes beinhalteten. Dieser Vorschlag ist offenbar exakt von der Haushaltsstrukturkommission übernommen worden: Der Uni Lübeck sollte das Herz herausgerissen werden, damit meine ich den Bereich Medizin. Alternative Vorschläge, die Einsparungen zwischen den beiden Standorten solidarisch zu schultern, hat de Jager abgelehnt.

Am 16. Juni fand die Großdemo in Kiel statt. Wie wurde das organisiert – ein Professor soll sogar einen Sonderzug gechartert haben?

Heinecke: An dem Protestzug waren Studenten aus Flensburg, Kiel und Lübeck beteiligt, die sich gemeinsam zu einer Kundgebung vor dem Landtag getroffen haben. Was die Organisation angeht, kann ich nur für uns Lübecker sprechen: Es gab einen Sonderzug mit rund tausend Studenten, in dem auch der Uni-Präsident und Pressevertreter mitgefahren sind. Wir hatten eine ganze Reihe Busse, ein paar Fahrradfahrer sowie Leute, die mit Auto und Bahn angereist sind. Auch die Ortsverbände von CDU und FDP wollten Busse anmieten – das hat nicht geklappt, weil der Lübecker AStA bereits alle gemietet hatte.

Wer hat das Geld für diese Aktionen gegeben?

Heinecke: Das waren sehr viele. Wir haben Spenden gesammelt, aber auch lokale Firmen und Einrichtungen wie etwa die Possehl-Stiftung haben etwas beigetragen. Auf unserer Internetseite haben wir genau aufgelistet, wer uns unterstützt hat. Ohne die große Hilfe aus der ganzen Stadt hätten wir das niemals geschafft.

Trotz Facebook und Twitter: Ohne klassische Medien lässt sich keine Politik machen. Was die über euch berichtet haben, hat euch zum Teil nicht in den Kram gepasst.

Heinecke: Wir waren oft unzufrieden mit der Berichterstattung. Über die 14.000 Studenten in Kiel hat die Tagesschau zum Beispiel nichts gebracht. Über einen späteren Sternmarsch in Lübeck gab es einen Bericht, das hat uns entschädigt. Man muss aber auch sagen, dass wir zu Beginn noch gar keine Erfahrung mit Pressearbeit hatten. Später sind wir da routinierter geworden, in vielen Medienhäusern hatten wir feste Ansprechpartner. Zu guter Letzt haben auch viele überregionale Zeitungen und Rundfunkstationen über die Rettung berichtet.

Eine Szene aus Kiel ist besonders im Gedächtnis geblieben: Wissenschaftsminister de Jager ist von Studenten umringt und wird von Polizisten abgeschirmt. Dann kommt es zum Sturz. Die Kieler Nachrichten haben geschrieben, Studenten hätten den Minister gerempelt.

Heinecke: Dieses Gerücht hat der Minister wohl selbst in die Welt gesetzt, ich weiß es aber nicht genau – das war insgesamt sehr unschön. Denn in einem Video ist genau dokumentiert, wie de Jager auf dem Rasen ohne Fremdeinwirkung ausrutscht, da ist kein Student in der Nähe. Die Polizei hat uns das später bestätigt.

An der Uni wird jetzt nicht mehr gespart, aber die Einschnitte im Landeshaushalt treffen dennoch viele Menschen in Schleswig-Holstein.

Heinecke: Dass gespart werden muss, darin sind sich doch alle einig. Trotzdem sind einige Punkte an diesem Sparpaket sehr fragwürdig. Das betrifft ganz besonders die Bildung, aber auch zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Es gibt etwa momentan Privatisierungspläne für das Uniklikum Schleswig-Holstein an den Standorten Kiel und Lübeck. Das Schlimmste am derzeitigen Sparpaket ist, dass wegen der akuten Finanznot alte Vereinbarungen über Bord geworfen werden. Da brauchen wir dringend mehr politischen Widerstand, um die nötigen Einsparungen gerechter zu gestalten.

Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!

Dieser Kommentar stammt aus dem Wintersemester 2007/2008 und bezieht sich auf den Brand von Ludwidgshafen, bei dem im Februar 2008 neun Menschen ums Leben gekommen waren. Weiterlesen ‘Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!’ »

Früher Stasi, heute Zeitung: Berichteschreiber in deutschen Redaktionen

Quelle: NDR

Quelle: NDR

Ein Redakteur sollte unabhängig und unbestechlich sein – so weit die Theorie. Dass in deutschen Redaktionen noch unzählige ehemalige Stasi-Spitzel sitzen und in leitenden Funktionen arbeiten dürfen, ist daher umso verwunderlicher. Bezeichnend ist, dass sich gerade die eifrigsten Berichteschreiber ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen.

Aktueller Fall: Die Berliner Zeitung

In der Redaktion der Berliner Zeitung saßen nach neuesten Erkenntnissen zeitweise mindestens acht Redakteure, die zu DDR-Zeiten eine kleine Nebentätigkeit besaßen. Zwei von ihnen haben als Inoffzielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ihre Kollegen bzw. sich gegenseitig bespitzelt. Einer ist aus freien Stücken gegangen, der andere darf nicht mehr über Politik schreiben. Bei der Berliner Zeitung kommt die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht – denn welcher noch aktive Redakteur will schon seinen Job riskieren?

Ungeliebter Eindringling aus dem Westen: Ein Journalist wird beschattet

Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

Einer, der damals selbst unter Beobachtung stand, ist der ehemalige ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner. In seiner Dokumentation “Meine Stasi” (Vorschau-Video) stellt er diejenigen zur Rede, die ihn zwischen 1986 und 1989 bespitzelt haben. Damals erlebte und dokumentierte Börner die Lebensumstände der DDR-Bevölkerung aus nächster Nähe.

Als unliebsamer West-Eindringling, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, wühlte Börner dort, wo es dem Regime am meisten weh tat. Freie Recherchen waren gefährlich für die DDR-Führung – in einem Stasi-Schulungsfilm über die Machenschaften von West-Korrespondenten heißt es:

Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden.

Übersetzt heißt das: Die Korrespondenten interviewten vor allem die kritischen Geister der DDR.

Börner klingelt an Türen: “So schlimm war’s ja wohl nicht!

Börner arbeitet nun seine umfangreiche Personenakte durch – schließlich war er damals verantwortlich für westdeutsche Propaganda und bedurfte unbedingter Observierung. Bald wird er fündig und klappert seine früheren Beschatter ab, sofern sie noch am Leben sind. Die Spitzel lauerten überall: Selbst der freundliche Puppenspieler Günter Gerlach war ein IM – seine Frau kann es sich bis heute nicht erklären. Hier gelingt Börner ein guter Einblick in das perfide Überwachungssystem der DDR. Die Recherche wird zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung – entsprechend subjektiv ist die Dokumentation. Börner ist im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

Frank Schulz lehnt eine Stellungnahme zu seinen früheren Stasi-Aktivitäten ab, Reiner Dietrich macht die Tür erst gar nicht auf. Rainer Walther, ehemaliger Direktor der renommierten Palucca-Tanzschule, stellt sich dem Interview und gibt seine Aktivitäten kleinlaut zu. Er lacht peinlich berührt und relativiert: “Also so schlimm war’s ja wohl nicht!”

Einsichtig bis renitent: “Vielleicht war ich geil auf diesen Job”

Bettina Schuster, damals bei Fernsehaufnahmen als Pressesprecherin der VEB-Porzelanmanufaktur anwesend, gibt bereitwillig, aber sichtlich nervös Auskünfte über ihre Vergangenheit als IM “Fuchs”. Sie wirft dem ehemaligen Korrespondenten vor, mit seinen Äußerungen “immer ein bissl gestichelt” zu haben – sie mochte den kritisch-kommentierenden Unterton des Journalisten nicht. “Ironie” sei das gewesen, sagt Börner heute. Man könnte es auch einfach Meinungsfreiheit nennen.

Warum hat sie da mitgemacht, will der Journalist wissen – warum hat sie ihn bespitzelt? “Vielleicht war ich geil auf diesen Job.” Dann sagt sie, der Journalist habe sogar das Porzellan politisieren wollen, und das habe ihr nicht gefallen. Überhaupt sei damals alles ein Politikum gewesen, suggerieren die Aussagen von Ex-IM Ernst Brüch. Selbst ein Börner-Bericht über die Kurmöglichkeiten in der DDR stand damals im Verdacht, eine anti-sozialistische Nachricht zu transportieren.

Ein Redakteur mit zweifelhafter Berufsmoral

Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit.

Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit. Quelle: NDR

Der Film droht an dieser Stelle abzuschweifen. Zu selbstgefällig stellt sich der Journalist als gerechter Kämpfer dar, der niemandem vertrauen will. Zuletzt aber gewinnt das Stück an Brisanz: Manfred Mohr, Diplom-Journalist und ehemaliger Hauptmann der DDR-Staatssicherheit, machte Ende der 80er Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zu Börners Aktivitäten. Börner spricht ihn an – er stehe heute “nicht für ein Gespräch zur Verfügung”, sagt Mohr. Das Ganze liege jetzt 20 Jahre zurück. Zitat:

Mohr: “Das ist Geschichte”. Börner: “Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten.” Mohr: “Wenn Sie das machen möchten, bitte. Aber ich nicht.”

Mohr arbeitet für die Märkische Allgemeine, die dem FAZ-Verlag angehört. Er hetzt dem Störenfried den stellvertretenden Bürgermeister der Ortschaft Zossen auf den Hals, Hartwig Ahlgrimm, der aber beruhigend inkompetent ist und nach der Dreherlaubnis fragt. Interessante Frage: Wie schafft es ein Lokalredakteur, dass sich ein politischer Vertreter für ihn in Bewegung setzt und einen Journalisten unter Behauptung falscher Tatsachen einschüchtern will? Dieser Redakteur scheint nicht nur Probleme mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit seinen beruflichen Verpflichtungen zu haben.

Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

Wie viel liegt noch im Verborgenen?

Und auch Bolko Bouché, Inhaber eines Medienservices, gesteht erst im zweiten Anlauf seine Stasi-Zusammenarbeit, die er einen Tag zuvor noch vehement geleugnet hatte. So wird zum Ende des Films deutlich, dass Börner immer noch als aufmüpfiger West-Reporter wahrgenommen wird, als einer, der unbequeme Fragen stellt und sich dabei auch noch clever vorkommt. Es kommt zum alten DDR-Reflex: Drohen.

Wir Wessis haben’s leicht – bei uns wird niemandem unterstellt, ein verdeckter Spitzel gewesen zu sein. Ist es deshalb ungerecht, wenn ein ehemaliger West-Journalist in den Akten von anderen Menschen wühlt? Wohl kaum. Für den Journalismus ist letztlich vor allem erschreckend, dass eine derart stichprobenartige Recherche so vieles zu Tage fördert – wie viele andere Berichteschreiber mit Doppelfunktion arbeiten noch unbemerkt in deutschen Redaktionen?

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • taz.de – DDR-Oppositioneller über Berliner Zeitung: “Tödlich für eine Zeitung” (28. August 2008)
  • “Debatte 2.0″ bei N24: Netter Plausch statt interaktive Diskussion

    Quelle: N24

    Quelle: N24

    Der Nachrichtensender N24 hat gestern Nacht erstmals seine neue interaktive “Debatte 2.0″ gesendet. In dem neuen Format sollen die Zuschauer das Sagen haben – in selbst gedrehten Web-Videos dürfen sie den Studiogast zur Rede stellen. Günther Beckstein machte eine gute Figur – ansonsten gehört “Debatte 2.0″ leider in die Rubrik “gescheiterte Crossmedia-Versuche”.

    Leider nur ausgewählte Wortmeldungen

    Die ersten Meldungen lasen sich vielversprechend. Von einem “Polit-Talk interaktiv” war die Rede – “Stellen Sie Günther Beckstein Ihre Frage per Video”. Ich hatte mich auf verwackelte, pixelige Live-Videos gefreut, erhitzte Gemüter und Bürgerpolemik. Alles vergeblich. Denn die Zuschauer mussten ihre Fragen vorab in einen MyVideo-Channel (siehe Screenshot) hochladen und darauf hoffen, dass ihre Wortbeiträge ausgewählt wurden.

    Vertretungshalber musste Marc Jungnickel als Moderator für Peter Limbourg einspringen – eine schlechte Wahl, wie sich bald zeigen sollte. “Wir haben seit Wochen Ihre Fragen im Internet gesammelt”, versicherte Jungnickel dem erwartungsvollen TV-Publikum. Schaut man sich das Video-Portal mal genauer an, entdeckt man aber nur 15 Wortbeiträge von interessierten Zuschauern. Das ist keine besonders große Auswahl für eine innovative Sendung.

    Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

    Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

    Verfehltes Konzept: Konservierte Userbeteiligung, null Interaktivität

    Und auch das Konzept ist alles andere als interaktiv: Wenn ein Sender aufgezeichnete Videos auswählt und im Studio auf einem Display abspielt, kann kaum von einer Debatte die Rede sein. Jede Radioshow, an der sich Anrufer per Telefon beteiligen können, ist interaktiver – gutes Beispiel dafür ist die Sendung “Nachgefragt” im Anschluss an den wöchentlichen ARD-Presseclub, die auf Phönix und im Radio auf WDR 5 ausgestrahlt wird. Damit der scheinbare Bezug zum Internet nicht ganz außen vor blieb, diente bei N24 ein beigestelltes Notebook als plakative Studiodekoration.

    “Jetzt ist der Moment gekommen, da wird Günther Beckstein antworten müssen”, sagt der Moderator und kündigt damit ein knallhartes Verhör an. Was folgt, ist eine nette Plauschrunde: Beckstein geht nicht auf die Fragen der User ein und spult nur seine politischen Programmstatements ab. Eine Zuschauerin fragt, ob Herr Beckstein denn Willy Brandts Kniefall erklären könne – das ignoriert der Gast einfach und nennt erst Minuten später das Stichwort “Überfall auf Polen”.

    Ein zahmer Moderator interviewt den Stichwortgeber

    Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

    Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

    Apropos Stichworte: Der freundliche Moderator ist dermaßen zahm, dass der CSU-Politiker minutenlang uneingeschränkt über seine Ansichten referieren darf, anstatt sich rechtfertigen zu müssen. “Sie haben gerade das Biertrinken als Stichwort gegeben”, sagt Jungnickel, lehnt sich zurück und lauscht fasziniert dem Stichwortgeber. Ansonten bringt der Moderator zusätzliche Aspekte ins Gespräch ein und präsentiert sein Allgemeinwissen, widerspricht aber nicht und hakt kaum nach – das ist keine Polit-Debatte, sondern ein gemütliches Palaver. Da wundert es dann auch niemanden mehr, wenn Gast und Journalist gemeinsam abschweifen und sich über überfüllte Oktoberfest-Zelte amüsieren. Später darf Beckstein die einzelnen SPD-Spitzenpolitiker der Reihe nach kritisieren – über Minuten führt er einen Monolog, der nichts Neues transportiert. Wie war nochmal der N24-Slogan – “Wir kommen zur Sache”?

    Die Redeanteile des Moderators überwiegen im Vergleich zu den kurzen Videos – kein Wunder bei so wenigen Zuschauerfragen. So wird die interaktive Show zum gewöhnlichen Interview, denn in 30 Minuten Sendezeit kommen nur neun Zuschauer in ihren Video-Schnipseln zu Wort. Zum Gähnen.

    Konnte sich ungestört ausprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

    Konnte sich ungestört aussprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

    Fazit: Nichts als leere Worte

    Wer eine “Debatte” kurz vor Mitternacht ausstrahlt, rechnet erst gar nicht mit hohen Quoten. Das Interesse der Webnutzer an dem neuen Format tendiert gegen null – in dem Gästebuch zur Sendung gibt es gerade mal neun Einträge. Ende August schrieb ein User: “debatte was heisst das? und wo sind den die leute die mit machen? bis jetzt nur 6 fragen von 6 personen? das is doch keine debatte”. Vollkommen richtig – für die Macher von N24 ist “Web 2.0″ wohl nur ein leeres Modewort. Und es hat auch nichts mit Crossmedia zu tun, wenn eingeschickte Videos im Studio abgespielt werden. Zum Ende der Beckstein-Selbstdarstellung sagt Marc Jungnickel: “Online kann auch was Gutes haben” – was meint er damit bloß?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FAZ.net – Medien – Fernsehkritik: Keine Fragen mehr (4. September 2008)
  • Blogpiloten.de – Möchtegern-Debatte 2.0 auf N24 (3. September 2008)
  • netzwertig.com – Politik: N24 und MyVideo wollen Debatte 2.0 (3. September 2008)
  • ring2* – N24 Debatte 2.0 – ein komplementäres Fernsehformat (3. September 2008)
  • Peinliche Politiker bei YouTube: Erste Gehversuche im Online-Wahlkampf

    Seit einigen Tagen ist die CDU mit einer eigenen Seite auf der Video-Plattform YouTube vertreten. Damit will man sich als modern präsentieren und sich auf den Online-Wahlkampf 2009 vorbereiten, wie aus einer gewohnt bescheidenen Pressemitteilung zu entnehmen ist.

    Wohlan. Dass die alt eingesessenen Parteien den Schritt ins große weite Netz wagen, ist lobenswert und mutig – schließlich dürfte jeder durchschnittliche Teenager mehr Ahnung vom WWW haben als Merkel, Beck und Co. Und steckten die Online-Ambitionen der Bundestagsparteien 2005 noch in den Kinderschuhen, so hat man sich für die nächste Wahl Großes vorgenommen.

    Das neueste Video: Einschlafen im Nominalstil

    Ich bin gespannt und schaue mir die neue CDU-TV-Seite mal an. Im aktuellen Video geht es um die “Deutschlandtour” des Ronald Pofalla, seines Zeichens Generalsekretär der Christdemokraten (das ist der mit den schnittigen Sprüchen, der immer gerne für ein streitbares Statement in die Kamera lächelt). Zunächst sehen wir den Benz-Bus, unterlegt mit triumphaler Fanfaren-Musik aus der Werbefilm-Mottenkiste.

    Ein resoluter Moderator (die CDU nennt ihn “Reporter”) trägt geordnet vor, was heute auf der Tagesordnung steht: Pofalla besucht die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Klingt nach Anwesenheitspflicht. Im anschließenden Interview mit Rainer Eppelmann, dem Vorsitzenden der Stiftung, lautet die erste Frage dieses temperamentlosen Moderators: “Was sind die hauptsächlichen Aufgabengebiete Schrägstrich Verantwortlichkeiten?” Mein lieber Markus Brauckmann, das ist eine Frage, wie sie nur ein unkreativer Öffentlichkeitsarbeiter stellen kann. Spätestens hier sind die jungen Zuschauer schon drei YouTube-Videos weiter und ziehen sich die neusten Drogen-Eskapaden von Amy Winehouse rein.

    Die Antwort Eppelmanns kommt daher wie eine barsche Reaktion auf die langweilige Frage, denn der Vorsitzende sagt mit todernster Miene: “Laut Beschluss des deutschen Bundestages…” An dieser Stelle sind auch die verbliebenen fünf Prozent der Zuschauer weg – der Nominalstil ist zum Einschlafen.

    Ein “Signal”, das in Gefälligkeitsfragen untergeht

    Der Interviewer lässt den Vorsitzenden ungestraft seinen Sermon abspulen – Cut. Dann geht die Tortur noch weiter: Was macht diesen Besuch so unsagbar spannend? Gelangweilte Blicke vom Generalsekretär und vom CDU-Mann Friedbert Pflüger, als Eppelmann lediglich von einem “Signal” spricht. Das sagen wichtige Repräsentanten immer dann, wenn es nichts zu sagen gibt.

    Kein Elan, zu viel sprachliche Präzision, ein gemächlich-sanfter Redefluss. Der Moderator scheint nicht glücklich zu sein mit seinem undankbaren Job. Die mit nachdenklicher Musik unterlegten Nichtigkeiten, die der Sprecher hier vorträgt, enthalten ebenfalls nichts Außergewöhnliches. Natürlich geht es um ein ernstes Thema, aber Interesse dafür erregt der Film überhaupt nicht. Manchmal hat man Sorge, dass der Ton plötzlich absäuft und der Film stehen bleibt. Im Interview mit dem Spitzenpolitiker gibt es dann erwartungsgemäß nur Gefälligkeitsfragen. Was soll der Reporter auch machen, er wird ja sonst gefeuert. Keine Angriffspunkte, keine Pfiffigkeit, nicht mal flotte Formulierungen.

    Fazit: PR-Arbeit mit Fremdschäm-Faktor

    Dieses Video sagt leider nur aus, dass die CDU eine ziemlich langweilige Partei sein muss. Gar kein Video wäre für die CDU also besser als dieses Video, denn hier hat die PR-Abteilung nur mühsam ihre fast siebenminütige Plicht getan – mehr nicht. Und um Aktualität bemüht man sich erst gar nicht: Für heute Abend war ein Video aus Kassel angekündigt, das aber leider zur Stunde noch unauffindbar ist. Von einer “Internet-Partei” (siehe Pressemitteilung) ist die CDU noch Lichtjahre entfernt.

    Keine Sorge, Pofalla: Der Kollege von den Sozis kann’s auch nicht besser

    Doch die CDU kann aufatmen: Denn die Konkurrenz macht es keinen Deut besser. Jüngstes Beispiel für die peinliche Polit-Profilierung im Web 2.0 ist SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, der sich aktuell im Twitter-Netzwerk den Spöttern preisgibt (siehe Screenshot). Er ist auf Amerika-Reise und textet ganz wirres Zeug. Natürlich gibt es keinen Nachrichtenwert, und da das Image der SPD ja ohnehin bereits hoffnungslos ramponiert ist, kann der werte Generalsekretär weiter in die Heimat twittern. Da sieht man’s mal wieder: Nicht immer führt es zu verbalem Qualitätsgewinn, wenn sich Bundespolitiker ungefiltert und ohne Absprache mit ihren PR-Beratern öffentlich äußern.

    Online-Wahlkampf in den USA: Die PR-Profis machen vor, wie’s geht

    Jetzt, da Heil sich gerade an Ort und Stelle befindet, könnte er sich einiges in Sachen Online-Wahlkampf von seinen US-Kollegen abgucken. Die sind nämlich wahre Internet-Profis: Ob YouTube-Seite, MySpace oder Kampagnen-Homepage (siehe Screenshot) – der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama wirkt auch digital durch und durch kompetent. Auch John McCain, sein republikanischer Kontrahent, macht bei MySpace und YouTube einiges her.

    Hier zeigt sich: Wer sich als Spitzenpolitiker voll und ganz dem neuen Massenmedium Internet stellt, geht hohe Risiken ein, kann aber auch viel Aufmerksamkeit und Wählernähe erzeugen. Bisher scheinen die deutschen Politiker noch nicht für diese Mutprobe bereit zu sein – aber die ersten stolpernden Gehversuche sind ein Indiz dafür, dass es nur besser werden kann.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Horizont.net – CDU startet eigenen Videokanal bei Youtube (25. August 2008)
  • turi2.de – CDU setzt im Wahlkampf auf Bewegtbild-Propaganda im Netz (25. August 2008)
  • politik-digital.de – Hamburg-Wahlkampf im Netz (21. Februar 2008)
  • heise online – Kleckern und Klotzen im Online-Wahlkampf (2. August 2005)
  • Bundeskanzlerin – Video-Podcast
  • Gedenken: An der Berliner Mauer sind immer mehr Menschen gestorben

    1.303 Namen auf engstem Raum: Die “Arbeitsgemeinschaft 13. August” hat zum heutigen 47. Jahrestag des Mauerbaus eine doppelseitige Anzeige in der Welt Kompakt (siehe Foto) geschaltet. Es handelt sich um eine Todesliste mit den Namen derer, die an den DDR-Grenzen gewaltsam zu Tode kamen. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August ist Träger des Berliner Mauermuseums am ehemaligen Checkpoint Charlie.

    Die Anzeige macht Eindruck, nachdenklich und neugierig, zumal nicht nur die Menge der Verstorbenen, sondern auch biografische Details genannt werden. Erschütternd hoch ist der Anteil der jungen Menschen unter 30:

    unbekannt (männl.), (ca. 20-30), † 13.09.73, Leiche bei Rerik angespült

    Graner, Wolfgang, NVA, (19), DDR, † 31.05.71, erschossen bei Fahnenflucht

    Huhn, Reinhold, (20), † 18.06.62, Berlin; von Fluchthelfer erschossen

    Statistischer Streit: Wie tödlich war die DDR-Grenze wirklich?

    Die Neugier trieb mich ins Netz. Bei Welt Online muss ich lesen, in makaberer Statistik-Sprache:

    Nach Angaben der “Arbeitsgemeinschaft 13. August” kamen 1.303 Menschen an der DDR-Grenze ums Leben. Damit stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 58.

    Das wirft die bizarre Frage auf: Wie viele werden nächstes Jahr an der Mauer gestorben sein? Etwas taktvoller und mit weniger Ironie wäre besser. Denn am Streit um die Mauertoten zeigt sich, wie wenig die DDR-Geschichte bislang aufgearbeitet worden ist.

    Um die genaue Anzahl der Todesopfer, die man direkt oder indirekt dem SED-Apparat anlasten möchte, wird seit jeher gestritten. Auch 19 Jahre nach der Grenzöffnung tauchen immer neue Quellen und Belege auf. Man mag jetzt sagen: Ob es nun 1.000 oder 1.300 Menschen waren – das alles ist schon schrecklich genug! Eine genaue Quellenanlayse und Zählweise ist aber deshalb wichtig, weil längst nicht mehr nur zynische SED-Altkader die Verbrechen an der Grenze und im Zusammenhang mit der Grenze herunterspielen. Das hat die perfide Debatte um den Schießbefehl an der DDR-Grenze gezeigt, die genau vor einem Jahr begann – am Jahrestag des Mauerbaus zu Berlin.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Der Tagesspiegel – Deutsch-deutsche Teilung: Streit um Zahl der Mauertoten eskaliert
  • FOCUS Online – Hubertus Knabe: „Die DDR wird verharmlost“
  • einestages – Niemand hat die Absicht …: Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler