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Archiv der Artikel die mit Menschen getagged sind.

ProSieben und die Sexstudie: Anal-Empirie und Dildo-Durchschnitt

Quelle: ProSieben

Quelle: ProSieben

Was kommt dabei heraus, wenn man einen Katalog von Sexbegriffen mit Umfrage-Ergebnissen und einem Hauch von Porno paart? Richtig: Der ProSieben Sex Report 2008. Der Sender hatte vorab nicht mit großen Worten und Zahlen gegeizt: Man habe “die größte, repräsentative Untersuchung zum Thema Liebe und Sexualität, die es in Deutschland je gab” durchgeführt (siehe Pressemeldung). Heute wird die dritte Folge ausgestrahlt – dabei war es bisher schon langweilig genug.

Die Online-Umfrage der “Sexstudie”: Zweifel sind angebracht

Zweifel an der Repräsentativität der Umfrage sind berechtigt, schließlich fand die gesamte Befragung online und noch dazu anonym statt – doppelt anonym sozusagen. Und wie bereits die erste Folge des Sex-Reports erklärt, wird “nirgendwo mehr geschummelt” als beim Thema Sex. Die freiwilligen Teilnehmer wurden öffentlich und ausschließlich über das Internet angeworben (siehe Pressemeldung) – einschlägige Foren und Blogs verlinkten begeistert auf die Fragebogen-Seiten. Eine seriöse Stichprobenauswahl sieht anders aus. Da mag die Zahl der Teilnehmer noch so astronomisch sein.

Online Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Online-Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Ein interessantes Interview dazu hat die Fernsehzeitschrift TVdirekt mit einem der verantwortlichen Wissenschaftler gemacht. Darin behauptet Dr. Jakob Pastötter tatsächlich, man habe einen “Querschnitt der deutschen Sexualbefindlichkeit” ermittelt. Ich bezweifle, dass eine Umfrage, die ausschließlich auf einem Internet-Fragebogen basiert, dafür als Grundlage dienen kann – denn sexuell aufgeschlossene Menschen werden sich eher an solch einer Befragung beteiligen als Sozialphobiker. Und ältere Menschen besitzen seltener einen Internetanschluss als jüngere, beteiligen sich also auch seltener an solch einer Umfrage. Wie will man unter solchen Bedingungen zur Repräsentativität gekommen sein?

Die Sendung: Lautes Gestöhne zur Begrüßung

Nun zur eigentlichen Sendung. Zu Beginn der ersten Folge gibt es lautes Gestöhne auf die Ohren und nackte Tatsachen auf die Augen. “Au weia”, soll der Zuschauer wohl denken, “jetzt geht’s zur Sache”. Während die Eckdaten der “Sexstudie” vorgestellt werden, läuft im Hintergrund Synthesizer-Musik wie in einem Porno-Film.

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank. Quelle: ProSieben

Hundert Probanden werden persönlich rangenommen: Sie müssen explizite Fragen zu ihrem Sexualleben explizit beantworten. Auch hier muss davon ausgegangen werden, dass es sich um besonders aufgeschlossene Menschen handelt – sie stellen also keinen Durchschnitt dar. Auffällig ist auch, wie optisch jung und gestylt die Versuchspersonen sind. Schlanke, fast makellose Körper wandeln über die Mattscheibe (eine Befragte soll sogar eine Pornodarstellerin sein). Entspricht das etwa einem repräsentativem Bild unserer alternden Gesellschaft? Wer von dem Sexleben von Senioren zumindest etwas erahnen möchte, dem sei der Kinofilm “Wolke 9″ empfohlen. Auf ProSieben lernt man nichts über die ältere Generation – das wäre ja auch ganz gegen die Jugendwahn-Tradition der Privatsender.

Aufgeschlossene Menschen plaudern indiskret und ohne Balken

Eine Bürokauffrau plaudert von ihren “Porno-Fantasien” und von der Anzahl ihrer Sexpartner – “hundert? Weiß ich nicht”. Der “Verhörspezialist” nagelt die Befragten mit dem Lügendetektor und stellt nachher richtig fest, man könne nicht immer über alles reden, “weil ich sonst vielleicht mein Gesicht vor der Gesellschaft verliere oder vielleicht auch vor mir selbst”. Da kann man nur hoffen, dass die besagte Bürokauffrau ein Ego aus Beton hat.

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Apropos Diskretion: Der Sex-Report funktioniert nach dem Motto “Mensch, was sind wir Deutschen doch unverklemmt.” ProSieben behauptet im Vorspann, Sexualität sei öffentlich geworden. Stimmt – denn sexuelle Verrohung wurde jüngst in allen Medien und Varianten umfangreich behandelt (siehe unter anderem Bild und Spiegel TV). Dass jede individuelle Intimität vom Privaten ins Öffentliche wandert, muss aber hoffentlich nicht befürchtet werden.

Oswald Kolle und die verfehlte Sex-Revolution

Um es kurz zu machen: Der ganze Film ist öde. Begriffe wie Analsex, Oralsex oder Gruppensex lassen den aufgeklärten Zuschauer nicht mehr aufhorchen. Auch ein historischer Exkurs, in dem Oswald Kolle ein paar Worte zu den schlimmen, alten Zeiten sagen darf, fördert nichts Neues zutage. Die eigentliche Erkenntnis bleibt sogar gänzlich außen vor. So stellt der Film zwar eine “sexuelle Revolution” seit 1968 fest – und dass die Deutschen immer häufiger Sex haben. Auf der anderen Seite zeigen die Fakten: Ende der 1960er Jahre hatten die Deutschen 130 mal Sex im Jahr, heute 139 mal. Das ist gerade mal eine Steigerung von sieben Prozent – von einer echten Revolution kann also keine Rede sein.

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Fazit: Erfrischende Widersprüche statt praktische Sex-Tipps

Eines ist jedoch positiv: Der Film ist genauso widersprüchlich wie die Sexualität selbst. Sexuelle Leistung wird bei ProSieben zur Schau gestellt, gleichzeitig heißt es: “Kein Wunder, dass sich viele Menschen inzwischen sogar bedrängt fühlen von der öffentlichen Leistungsschau sexueller Alleskönner.”

Fazit: ProSieben hat im Vorfeld mächtig die Werbetrommel gerührt. Das Springer-Blatt Welt Kompakt half sogar mit einer Aufmacher-Doppelseite mit und verkaufte das als redaktionell aufbereitete Wissenschaft. In Wirklichkeit liefert der Sex-Report aber keine neuen Erkenntnisse. ProSieben frischt das auf, was aus unzähligen Untersuchungen und aus dem Bravo-Liebeslexikon längst bekannt ist. Der Film gibt Umfrage-Ergebnisse wieder, hat aber keinen Ratgeber-Charakter und bietet deshalb für den aufgeklärten Zuschauer keinen Anreiz. Daran ändern auch die zahlreichen Softporno-Collagen nichts.

Web-Extra: Medienkritiker David Harnasch über den Sex Report 2008

Der für das Nachrichtenportal zoomer als “Meinungsmacher” arbeitende David Harnasch hat ebenfalls etwas zu dieser Fernsehsendung zu sagen:

Reaktionen in den Medien:

Reaktionen in der Blogosphäre:

Neue Studie: Ohne Geld kein Glück – und warum Homosexualität die Toleranz fördert

Quelle: Steve Woods, stock.xchng

Quelle: Steve Woods, stock.xchng

Für einiges Aufsehen hat eine neue Studie von US-amerikanischen und deutschen Forschern gesorgt: Demnach wird die Weltbevölkerung immer glücklicher. Die Forscher nahmen repräsentative Umfragen aus 52 Ländern unter die Lupe und stellten fest, dass die Menschen bei steigendem Einkommen auch insgesamt glücklicher werden. Mögliche Ursachen dafür seien, dass durch zunehmenden Wohlstand in der Regel auch die persönliche Freiheit zunehme, heißt es in der Studie.

Glück als feste Konstante: Die “Tretmühle der Lust”

Unter der Überschrift “Entwicklung, Freiheit, und zunehmende Zufriedenheit” haben die vier Forscher ihre Studie veröffentlicht, die auf der “World Values Survey” basiert. Bislang hätten Studien stets zur Aussage tendiert, dass ökonomische Entwicklungen keinen Einfluss auf das empfundene Glück der Menschen haben. Vielmehr sei davon ausgegangen worden, das Glücksempfinden sei abhängig von persönlichen biologischen Faktoren, wie zum Beispiel der invidividuellen Charaktereinstellung. Von daher bewege sich das Glücks-Level um einen festgelegten Fixpunkt herum, den weder politische noch persönliche Anstrengungen beeinflussen könnten – die Menschen seien gefangen in einer “hedonistischen Tretmühle”. Die Tatsache, dass das persönliche Glücksempfinden in reichen Ländern höher sei, habe mit kulturellen Unterschieden in der Begriffsdefinition von Glück zu tun, vermuteten die Forscher.

Geld macht glücklich – bis man genug davon hat

Quelle: Dani Simmonds, stock.xchng

Quelle: Dani Simmonds, stock.xchng

Trotzdem stellten die Forscher zu Beginn ihrer Arbeit fest, dass Glück mit ökonomischer Entwicklung – im konkreten Fall mit dem Bruttosozialprodukt (BSP) eines Staates – korreliert. Ihre These: Weil das BSP in den meisten Ländern zugenommen hat, hat auch das Glücksempfinden zugenommen. Problem hier: Die Menschen werden durch ein steigendes Einkommen nur glücklicher, solange das Überleben nicht gesichert ist. Wer so viel Geld hat, dass er den zunehmenden materiellen Wohlstand als selbstverstädnlich empfindet, wird durch mehr Geld auch nicht glücklicher.

Pepsi oder Coca-Cola: Wer die Wahl hat, ist glücklicher

Aber warum macht Geld glücklich? Die Forscher führen dies auf die zunehmende Freiheit zurück, das heißt die Vielfalt der Wahlmöglichkeiten: Wer sich zwischen Ausbildung und Studium, zwischen Coca-Cola und Pepsi oder zwischen Mittelklasse-Limousine und Kleinwagen entscheiden darf, ist insgesamt glücklicher.

Quelle: 26kot, STOCKXPERT

Quelle: 26kot, STOCKXPERT

Die Methode: Wer Schwule als Nachbarn akzeptiert, ist tolerant

Der Untersuchungsgegenstand: Das subjektive Glücksempfinden in 52 Nationen, basierend auf repräsentativen Bevölkerungsumfragen (im Schnitt wurden 1.400 Menschen befragt). Dabei sollten die Befragten auf einer Skala von eins bis zehn angeben, wie zufrieden sie mit ihrem Leben sind. Im zweiten Schritt sollten sie angeben, wie glücklich sie sind: Es bestand die Wahl zwischen “sehr glücklich”, “ziemlich glücklich”, “nicht besonders glücklich” und “überhaupt nicht glücklich”. Außerdem wurden die Personen nach ihrem selbst empfundenen Grad der Freiheit befragt und danach, ob sie bestimmte soziale Gruppen als Nachbarn akzeptieren würden. Zur Wahl standen zum Beispiel Aids-Kranke, Homosexuelle oder Immigranten. Dabei zeigte sich: Die allgemeine Toleranz einer Gesellschaft lässt sich vor allem daran abmessen, wie stark Homosexuelle akzeptiert werden.

Zufriedene Gesichter: Die Mexikaner erleben ein Konjukturhoch

Darüber lässt sich hervorragend diskutieren. Wer also Lust an verblüffenden Thesen und erstaunlicher Wissenschaftsmethodik hat, sollte sich den 22-seitigen Bericht einmal im Detail anschauen. Dann wird auch deutlich, warum die Mexikaner momentan ein Konjunkturhoch in Sachen Glücksempfinden genießen, während die Ukraine seit Beginn der 80er Jahre den stärksten Glückszuwachs verzeichnen kann. Ich jedenfalls werde versuchen, mir alle Wahlmöglichkeiten des Lebens offen zu halten und ein solides Einkommen zu erwirtschaften – denn das wird mich, statistisch betrachtet, noch glücklicher als bisher machen. Und gegen homosexuelle Nachbarn habe ich auch nichts einzuwenden.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Offizielle Internetseite der Studie
  • Weitere Studien zur “World Values Survey”
  • n-tv.de – Umfragen in 52 Ländern: Menschen werden glücklicher (27. August 2008)
  • Bibliotheks-Menschen: Nachts im Lesesaal

    Unsere Uni-Bibliothek hat rund um die Uhr geöffnet. Wenn ich nachts um drei nicht schlafen kann, gehe ich rüber in die Bibliothek. Wenn ich Ruhe zum Lernen brauche, setze ich mich in den Lesesaal und schlage die Bücher auf.

    Dort trifft man viele verschiedene Menschen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie müssen still sein. Und alle sind dort, weil sie sich etwas vorgenommen haben. Etwas, für das sie Ruhe brauchen. Verschaffen wir uns also einen Überblick über die verschiedenen Bibliotheksbenutzer, die Gestalten im Lesesaal. Vom äußeren Verhalten lässt sich auf die innere Gemütslage schließen. Mehr noch: Wir können diese Figuren in eindeutige Kategorien einordnen.

    Der Fleißige: Bitte nicht stören!

    Der Musterknabe unter den Lesenden und Arbeitenden: Adrette und korrekte Kleidung sowie Kurzhaarfrisur lassen auf Bodenständigkeit schließen. Er hebt selten den Kopf, und wenn er das tut, dann nur um mit einer gestrengen Miene auf sein ausdrückliches Missfallen über den doch recht störenden Lärmpegel hinzuweisen. Er wird gestört durch: Ein lautes Handyklingeln, ein Flüstern, ein Stuhlrücken, ein Knistern. Er hat einen Hang zur Überempfindlichkeit. Von ihm selbst ist nur das seichte Rascheln von Papier zu vernehmen. Manchmal auch das Tippen seiner Laptop-Tastatur – ist aber nicht vorgsehen. Sollte diese Person sich jemals vom Lesepult erheben, so führen ihn seine Schritte auf dem kürzesten Weg zum Kopiergerät, um einen wichtigen Auszug zu vervielfältigen. Pragmatisch dosierte Schlücke aus der Wasserfalsche verhindern den zeitaufwändigen Gang zum Abort. Zeit ist knapp – Zeit ist Geld.

    Der Entspannte: Keep it easy, Alta!

    Entspannte Personen gibt es viele in einer Bibliothek, die 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Hier trifft man sich zum Abhängen mit den freundlichen Kollegen. Das Multimedia-Notebook auf dem Tisch, den iPod am Ohr, das Handy in der Hand. Gechillter Flüster-Smalltalk in der Gruppe: “Wann ist die nächste Party? Hast du schön gehört, dass dieser oder diese Schluss gemacht hat mit jenem oder jener – voll krass, oder?” Und: “Wie krieg ich eigentlich mein Handy so, dass ich das so mit dem Computer connecten kann, verstehste?” Logisch, dass der Entspannte sich nicht mit dem Fleißigen versteht. Denn die Kommunikationsfreudigkeit auf der einen beißt sich mit dem Ruhebedürfnis auf der anderen Seite. “Fresse halten!”, bedeutet der Vorzeigestudent. “Streber!”, gibt ihm das gleichgültige Gesicht zurück. Sowas kann sich leicht zu einem ernsten Konflikt auswachsen und verbreitet sich dann wie ein akustisches Erdbeben im ganzen Saal. Am besten ist es daher, wenn der Fleißige etwas vom Verhalten des Entspannten übernimmt, um einer Eskalation aus dem Wege zu gehen.

    Der Zeittotschläger: Allein mit sich selbst

    Dieser Typus von Bibliotheksgenosse ist leider sehr häufig anzutreffen. Er wäre gerne ein Fleißiger, doch er schiebt seine heeren Lernvorhaben zwanghaft vor sich her – bis zur völligen Erschöpfung. Er hat diesen Ort aufgesucht, um jeglicher Form der Ablenkung auszuweichen. Nun, da es keine Ablenkung mehr gibt, ist er ganz allein mit seiner Prokrastination. Statt zu lernen, blickt er stumm und mit getriebenem Blick umher und vollführt gelangweilte Übersprunghandlungen: Stifte sortieren, die Notizen überfliegen. Aus dem Fenster schauen. Den Sitznachbar anschauen. Das Handy anschauen. Die Bücher neu stapeln. Er beugt sich über die Bücher, liest aber nicht. Was auch kommt, er wird nicht lernen, doch er will und muss hier sitzen. Es ist ein trauriges Schauspiel – diese Gestalt kann einem Leid tun.

    Der Verschlafene: Die Philosophie der kleinen Schritte

    Die Bibliothek ist sein Zuhause. Den Kopf hat er in die Bücher gelegt oder in den Armen vergraben. Das letzte Kapitel konnte er gerade noch beenden, bevor ihm die Augen zufielen. Die letzte Nacht hat er hier verbracht, und die Nacht davor ebenfalls. Er ist ein stiller Zeitgenosse und kein Workaholic – wenn er nicht mehr kann, macht er ein Zehn-Minuten-Nickerchen und setzt seinen Weg der Lektüre unbeirrt fort. Er hat die Zeit auf seiner Seite, denn auf lange Pausen verzichtet er. Im Minutenschlaf bereitet sein Gehirn den Lernstoff für ihn auf. Irgendwann wird er alles in sich aufgenommen haben, dann steht er auf und schlurft mit schweren Augenlidern davon.

    Der Gestresste: Alles oder nichts

    Bis vor wenigen Stunden gehörte er noch zur Gruppe der Zeittotschläger. Zu den Fleißigen kann er nicht gehören – dazu ist sein Verhalten zu chaotisch. In wenigen Stunden beginnt die Prüfung, und der Bücherstapel will nicht kleiner werden. Seine Gemütslage schwankt zwischen Wahnsinn, Euphorie und Fatalismus. Koffein und Wachmacher haben ihn mürbe gemacht. Der Puls rast. Seine Exzessivität führt zu Schweißausbrüchen und panischen Überreaktionen. Das Gesicht vergräbt er in den Händen, wenn eine weitere Passage unverstanden bleibt. Wie ein getriebenes Tier blickt er hektisch um sich, hofft auf die Hilfe der Anwesenden. Doch niemand kann ihm beistehen, niemand teilt seine Qualen. Und die Uhr tickt unaufhaltsam in Richtung Verderben: Bald geht es in den Prüfungssaal, zur Schlachtbank, zum letzten Schafott. Apathisch wandern seine Blicke die Regale ab. Dort reiht sich ungelerntes Wissen bis in die Unendlichkeit.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • WDR.de – Mediathek regional – Studieren in der Nacht (Video)
  • 1LIVE – Magazin – Nachtschicht für Streber: In der 24-Stunden-Uni-Bibliothek
  • DerWesten – im Westen – Länger lernen
  • Radio Do 91.2 – Dortmund heute: Radiobeitrag zur 24-Stunden-Bibliothek vom 7. November 2007 (MP3)
  • Radio Kurzschluss, Herne – Radiobeitrag zur 24-Stunden-Bibliothek vom 6. Januar 2008 (MP3)
  • Dortmunder UB-Blog – Zentralbibliothek rund um die Uhr geöffnet
  • Sven goes to War: Mit 20 nach Afghanistan

    Vorabbemerkung: Nach angeblichen Hinweisen des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) stellt der Inhalt dieses Artikels eine Gefährdung für den beschriebenen Soldaten dar. Deshalb hat er gebeten, einige Stellen unkenntlich zu machen, die seine militärische Aufgabe in Afghanistan betreffen. Das erste Foto habe ich ausgetauscht, die zweite Grafik verändert. Die nachträglich gelöschten Stellen habe ich durch “*****” ersetzt.

    Update 19.10.2008: Der MAD ist immer noch nicht zufrieden. Da man es in Köln offensichtlich nicht für nötig hält, mit dem Autor des Artikels Kontakt aufzunehmen (trotz mehrmaliger Anfrage meinerseits), habe ich jetzt die Identität des Soldaten vollständig unkenntlich gemacht. Der Name ist frei erfunden, der Wohnort weiter gefasst.

    Quelle: lukajani, STOCKXPERT

    Quelle: lukajani, STOCKXPERT

    Mein früherer Schulkamerad Sven fliegt morgen ins Ausland. 2007 hat er das Abitur gemacht, danach ist er zum Bund gegangen. Schließlich gefiel es ihm da so gut, dass er geblieben ist. Ab morgen ist er im Einsatz – morgen geht sein Flieger nach Afghanistan. Stationiert in Feyzabad, ***** Einsatzkontingent ISAF, als *****.

    “ich müsste euch töten, wenn ich es verrate”

    Feyzabad liegt mehr als 5000 Kilometer entfernt von Rheine, wo er bislang gewohnt hat. Die Bundeswehr ist im Norden Afghanistans mit insgesamt rund 3000 Soldaten vertreten, die unter dem Mandat der ISAF im Einsatz sind. Im StudiVZ gibt Sven nur spärliche Auskünfte über seine militärischen Aufgaben – unter “Art des Jobs” hat er “Troubleshooter” angegeben. Und bei “Was er da macht” steht: “naja ich müsste euch töten, wenn ich es verrate.”

    Gefährlicher Einsatz

    Von einem “Krieg” zu sprechen, wäre übertrieben. Fest steht aber: Sven begibt sich in Gefahr. Denn die Bundeswehr gerät in Afghanistan zunehmend unter Druck – erst gestern wurden drei Bundeswehr-Soldaten bei einem Selbstmordattentat der Taliban verletzt. In der Woche zuvor war es zu Angriffen auf deutsche Truppen gekommen. Die Zeiten, in denen sich die deutsche ISAF-Truppe relativ sicher durch das bergige Land bewegen konnte, sind längst vorbei und das Risiko von unerwarteten Attacken nimmt zu.


    Größere Kartenansicht
    Einsatzgebiet: Im Norden des Landes liegt der Bundeswehr-Stützpunkt Feyzabad.

    Für mich wäre es unvorstellbar, in solche eine unsichere Region zu gehen, noch dazu als Soldat. Es ist ein seltsam beunruhigendes Gefühl, dass jemand aus dem nahen Bekanntenkreis dazu bereit ist. In den Nachrichten liest man von “Truppenkontingenten” – in Wahrheit sind es doch echte Menschen. Sven hat immer wieder gesagt, dass er unbedingt in den Einsatz will. Er hat in der Bundeswehr wohl etwas gefunden, das ihm Spaß macht. Mit großem Eifer hat er schon in der Schule vom Bund geredet – jetzt kommt der Ernstfall.

    Vom Rebell zum dienenden Soldaten

    Seltsam war das, weil er bis dahin einen unangepassten Eindruck machte. Er rannte mit Che-Guevara-T-Shirts rum und zeigte wenig Interesse an militärisch-ordentlicher Disziplin. Er war der Letzte, der einem Konflikt mit Lehrern oder anderen Vorgesetzten aus dem Weg gegangen wäre. Nach der Schule hatte er dann ein Ziel, das immer konkreter wurde: Erst die Grundausbildung, dann die Ausbildung zum *****. Schließlich: Nach Afghanistan.

    Soldaten-Symbolik: Nico hat das "Wappen" seines Kontingents in einer StudiVZ-Fotogalerie veröffentlicht.

    Soldaten-Symbolik: Sven hat das "Wappen" seines Kontingents in einer StudiVZ-Fotogalerie veröffentlicht.

    Man macht sich Sorgen. Man kennt die Bilder aus der Tagesschau, wenn irgendwo wieder etwas in Afghanistan passiert ist. Aber jetzt ist es beschlossene Sache – morgen geht’s los. Also Sven: Alles Gute, pass auf dich auf – und komm gesund wieder nach Hause!

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Spiegel Online – Übersicht Afghanistan: Krieg gegen die Taliban