Beiträge mit dem Tag ‘medienkompetenz’

Wenn Opa zum Controller greift: Senioren erobern die Videospiele-Welt

Quelle: dbvirago, STOCKXPERT

Quelle: dbvirago, STOCKXPERT

Wer sich in diesen Tagen auf der Videospielemesse Games Convention umsieht, darf sich über ältere Gesichter nicht wundern. Denn allmählich entdecken Deutschlands Senioren die Videospiele für sich: Laut einer aktuellen Erhebung des BITKOM spielt bereits jeder zehnte Deutsche jenseits der 50 Videospiele - Tendenz steigend. Der demografische Wandel wirkt sich also auch auf den digitalen Unterhaltungsmarkt aus. So will die Branche künftig mehr auf die Bedürfnisse der älteren Generation eingehen, deren Macht am Markt noch erheblich zunehmen wird.

“Gaming ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen”

Die Zeiten, in denen das Zocken am Bildschirm gesellschaftlich geächtet war, scheinen jetzt endgültig vorbei zu sein: “Gaming ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen”, befindet BITKOM. Erst vor acht Tagen vermeldete der Bundesverband der Entwickler von Computerspielen seine Aufnahme in den Deutschen Kulturrat. Dort, wo sich bislang Vertreter von Literatur, Kunst und Musik trafen, werden künftig also Spieleentwickler mit am Tisch sitzen. “Finde ich gut, ein weiterer Schritt Richtung Akzeptanz von Computerspielen in der Gesellschaft”, kommentiert ein Besucher des GameStar-Portals in einer hitzigen Debatte die Entscheidung.

Es herrscht Goldgräberstimmung in der Branche. Das Interesse an Videospielen wächst stetig und beschäftigt nun auch ganze Forschungslabors: An der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin werden neue Spielekonzepte entwickelt. Dafür hat man dem “gameslab” bis 2011 Forschungsgelder in Höhe von 2,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Und während erste Studien zur grassierenden Computerspielsucht auftauchen, machen sich die Entwickler zunehmend Gedanken, wie sie auch ältere Menschen vor die Mattscheibe locken können.

Das digitale Zocken wird in Deutschland immer beliebter. Quelle: BITKOM, Ipsos

Das digitale Zocken wird in Deutschland immer beliebter. Quelle: BITKOM, Ipsos

Eine unerforschte Zielgruppe mit viel Potenzial

Quelle: Andre Veron, stock.xchng

Quelle: Andre Veron, stock.xchng

Zwar ist man sich mittlerweile der zunehmenden Bedeutung der Senioren für die Computerspielbranche bewusst, wie ein Diplom-Ingenieur auf dem Seniorenportal SenCity schreibt. Repräsentative Studien fehlen aber noch. Darüber wundert sich Julia Becker in ihrer Diplomarbeit “Ältere Menschen und Computerspiele”, zumal Senioren als passionierte Akteure bei Gesellschafts- und Brettspielen bekannt seien: “Verwunderlich ist daher auch, dass bis vor kurzem Senioren als mögliche Zielgruppe für die Computerspielindustrie weitgehend außer Acht gelassen wurden, hat diese Zielgruppe doch ein denkbares Spielinteresse, genügend Zeit und Geld.”

Einen Versuch für die ansatzweise Erforschung von Spielevorlieben der Generation 50 Plus hat das Leipziger Team von “Senioren ans Netz” 1999 gestartet. In einem Forschungsprojekt wurden alte Menschen vor die Daddelkiste gesetzt und zu 28 unterschiedlichen Spielen befragt. Dr. Herbert Grunau, Mitglied des Forschungsteams, schreibt dazu: “Lehnten zu Beginn die Senioren fast vollständig diese für Jugendlichen programmierten Softwareangebote ab, so entwickelten sie im Laufe des Projektes nicht nur eine beachtliche Kompetenz in dieser für sie neuen Erlebniswelt, sondern sie nutzten diese Beschäftigung auch, um im Laufe der Zeit verschüttet gegangene Spielfreude wieder zu entdecken und als beglückend zu empfinden.” Computerspiele weckten also neue Vitalität bei den Senioren. “Wer nicht spielt, verzichtet auf Vielfalt”, befindet der Wissenschaftler.

Jung und Alt beim Zocken: Die Alten zeigen den gleichen Spieltrieb vor dem Bildschrim.

Jung und Alt beim Zocken: Die Alten zeigen den gleichen Spieltrieb vor dem Bildschrim.

Senioren zeigen Spaß am Zocken - und an der virtuellen Gewalt

Wie brereitwillig sich die älteren Testpersonen auf das Experiment einließen, zeigen beispielsweise die Kommentare zum PC-Spiel Dune 2000: “Als negativ habe ich die futuristischen Namen empfunden, aber das ist wohl bei den Spielen so üblich.” Ein anderer Testspieler freut sich über die Speicherfunktionen, die für die jüngere Generation selbstverständlich sein dürften: “Es ist angenehm, daß der Spielstand gespeichert wird und einfach wieder aufgerufen werden kann.”

Aber sind wirklich alle Spiele für die Senioren geeignet? Gut gemeinte Spiele-Listen, wie sie im Internet zu finden sind, helfen da nicht weiter. Wie sieht es zum Beispiel mit brutalen Action-Spielen aus? Unter dem Punkt “Moralische Bedenken” schreiben die Wissenschaftler: “Dies trifft in gewisser Hinsicht auch auf die einerseits explizit formulierte Ablehnung gewaltverherrlichender Adventures zu, die aber andererseits auf die Senioren eine unbestreitbare Anziehungskraft ausübten.”

Während Eltern sich also über die Gewaltdarstellungen in den Spielen ihrer Kinder aufregen, scheinen Senioren denselben gewissen Reiz zu verspüren wie zockende Teenager. Unterstützt wird diese provokante These auch durch einen Spieleabend an der XBOX-Konsole, den die Jugendzeitschrift Spiesser mit Senioren veranstaltet hat. Im Wrestling durften sich die Rentner virtuell duellieren - und waren zeitweise fasziniert. Renate sagt über ihren virtuellen Charakter: “… Außerdem hat er die richtige Größe um dem anderen in die Magengrube zu rennen.”

Die Japaner setzen Trends: Nintendo Wii ist der Seniorenliebling

Glaubt man den aktuellen Markt-Trends, so sollen digitale Spielvergnügen auch dazu dienen, das Gehirn der Senioren fit zu halten. Als Vorreiter darf hier die japanische Firma Nintendo gelten, die mit “Brain Training” für die tragbare Spielkonsole einen Verkaufsschlager entwickelt hat, der viele Senioren fasziniert.

Nicht nur mit Gedächtnisjogging, sondern auch mit ihrer Bewegungs-Konsole Wii haben die Japaner bei den Älteren voll ins Schwarze getroffen. Denn seit die Wii neben den handlichen Bewegungs-Controllern auch über andere Eingabegeräte verfügt, auf denen der Spieler seine Fitness trainieren soll, bietet sich das Konsolen-Zocken als Anternative zur Rheuma-Gymnastik an.

Seniorin mit Wii-Controller: Digitale Begeisterung im Altenheim.

Seniorin mit Wii-Controller: Digitale Begeisterung im Altenheim. Quelle: wii-senioren.de

So hat die Spielereihe “Wii Sports” dank zweier Münchner Studenten den Sieguszug durch die Altersheime angetreten. Die beiden organisierten in Kooperation mit dem Roten Kreuz die erste virtuelle “Wii Sports Bowling Seniorenmeisterschaft“. Auf ihrer Deutschland-Tour möchte das Konsolen-Team bis Jahresende in elf deutschen Städten Station machen. Das Projekt kommt nicht nur bei den Senioren gut an, die leidenschaftlich die Bownling-Kugel rollen lassen. Auch Sportlehrer loben den neuen Trend zum bewegungsgesteuerten Spielevergnügen. Nach ihrer ersten Bowlingpartie sagt Erna W. aus Delmenhorst: “Das ist ja besser als Nordic Walking” (stern.de).

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Seniorenland News-Blog - Senioren lieben Computerspiele (13. Juni 2008)
  • Der Spiegel - Videospiele: Silbergraue Marktmacht (22. März 2008)
  • wii-senioren.de - Senioren an die Konsole!