Skip to content
Archiv der Artikel die mit Medien getagged sind.

Nachgewiesen: Ralf Bremer macht hervorragende Lobbyarbeit für Google Deutschland

Das Original um kurz vor 17 Uhr im E-Mail-Newsletter von Turi2.

Zweimal täglich sammelt der Aggregator Turi2 die interessantesten Fakten und Zitate aus der Medienwelt – und verschickt sie per E-Mail. Heute staunte ich nicht schlecht, als ich nachmittags im Newsletter das folgende Zitat von Ralf Bremer las: “Es gibt vieles, das Google macht, von dem man nichts weiß.” Das Zitat allein ist nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist schon eher, dass Ralf Bremer Googles offizieller Sprecher in Deutschland ist und diese Aussage bei einem Besuch des Online-Magazins “Gründerszene.de” in den eigenen Räumlichkeiten gemacht haben soll. Quasi ein offizielles Eingeständnis der Verschwiegenheit des Google-Imperiums. Klingt aber auch wie eine Drohung: Ihr wisst ja gar nicht, was wir als nächstes so planen. Die Redaktion von Turi2 sah das offenbar ähnlich und schrieb unter Berufung auf den Artikel unter das Zitat: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, gibt sich bedeckt, was er mit seinem siebenköpfigen PR-Team eigentlich macht.”

Später am Abend lautete das Zitat plötzlich ganz anders: “Vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, ist gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst.” Und Turi2 änderte auch die Kommentierung: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, will das mit seinem siebenköpfigen PR-Team ändern.” Die Original-Passage im “Gründerszene”-Artikel ist ebenfalls entsprechend überarbeitet worden.

Die überarbeitete Turi2-Version am Abend.

Nun, es ist erstaunlich, wie sich Zitate binnen Stunden ändern können. Vielleicht ist das dem exklusiven Besuchsrecht von “Gründerszene” geschuldet, schließlich soll man sich als Gast ja benehmen. Aber das Ganze lässt mich auch erleichtert aufatmen. Ich dachte nämlich schon, Google mache am Ende noch vieles, von dem man nichts weiß. Doch jetzt ist mir endlich klar, dass lediglich vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst ist. Ich glaube, jetzt wird mir wiederum einiges bewusst über die Arbeitsweise des Herrn Bremer. Ein Vollprofi eben.

P.S.: Über dem fraglichen Absatz in dem Artikel steht die Zwischenzeile: “Lobbyismus – Google verschafft sich Gehör”.

Update 19.05.2012, 12:27 Uhr: Nachdem Gründerszene nicht auf Anfragen via Twitter und Kommentarfunktion reagiert hat, tut das Ralf Bremer nun selbst. Er schreibt via Twitter: “recherche statt verschwoerungstheorie empfiehlt @ralfbremer das Zitat war einfach falsch.” Demnach hat sich der anwesende Redakteur wohl einfach verhört. Eine entsprechende Update-Mitteilung hätte im Zweifel auch dem Artikel des Magazins gut getan.

Update 29.05.2012, 12:26 Uhr: Der zuständige Autor begründet die nachträgliche Änderung wie folgt. “Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass die ursprüngliche Formulierung des Zitats außerhalb des Kontextes durchaus missverstanden werden kann, weshalb ich es umformuliert habe. An der Aussage hat sich jedoch nichts geändert.”

Das ZDF, Karl Marx und die böse Oma

Den Sounddesignern vom ZDF muss ihr Job großen Spaß machen. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso sie für eine Folge der Doku-Reihe „Die Deutschen II“, die derzeit sonntags im ZDF läuft, auf einen Audio-Ausschnitt aus einem YouTube-Video zurückgegriffen haben.

Schauen Sie selbst:

Die Folge lief am 5. Dezember 2010 um 19.30 Uhr und befasste sich mit Karl Marx und seinem Werk „Das Kapital“. Zu einem Schwarzweiß-Film, der das Hinterhof-Treiben in einer Arbeitersiedlung um die Jahrhundertwende zeigt (Minute 36:40, Mediathek-Link), setzten die Sounddesigner unter anderem einen kurzen Ausschnitt aus dem populären YouTube-Video einer wütenden Seniorin (Link) ein.

Aus urheberrechtlicher Sicht dürfte das nicht ganz unproblematisch sein. Auf der anderen Seite beweist es, dass das ZDF ein paar kreative Köpfe mit dem Sounddesign beauftragt hat, die mit sehr viel Liebe fürs Detail vorgehen.

Gekaufte Berichterstattung? Wie “Bild” einer Hamburger Schönheitsklinik einen Gefallen tut

Quelle: Bild.de

Bei manchen Sensationen wird man skeptisch. Da soll sich eine Schweinfurterin für nur 2,57 Euro eine Brust-Operation ersteigert haben, wie Bild am Mittwoch berichtete. Wer aber etwas genauer hinschaut, entdeckt schnell: Es handelt sich möglicherweise um eine reine Werbeaktion des Spinger-Konzerns.

Ob Julia R., die vermeintliche Käuferin des Schnäppchens, tatsächlich existiert, weiß ich nicht. Auch ist nicht klar, ob es jemals zu der bestellten Operation kommen wird. Fest steht: Die Auktion, die über das Versteigerungsportal “hammerdeal.de” angeboten wurde, gab es wirklich – glaubt man zumindest dieser Seite. Seltsam ist, dass die Auktion laut der Internetseite schon am 30. Juni abgelaufen ist. Zeitnahe Berichterstattung sieht anders aus.

Hammerdeal wird in dem fraglichen Bild-Artikel direkt verlinkt, und diese Internet-Links haben einen großen Marketing-Wert. Ebenso wird die “Hamburger Nobel-Klinik” von Bild mit einem Internetverweis beschenkt, und es drängt sich die Frage auf: Wurden diese Links gekauft, in Auftrag gegeben von Hammerdeal und der besagten “Beauty-Klinik an der Alster”?

Der Verdacht, dass es sich hierbei um Werbung und nichts als Werbung handelt, erhärtet sich, wenn man sich den Text der Auktion mal im Detail durchliest. Dort steht:

“Die Brustvergrößerung soll im Rahmen einer medialen Begleitung erfolgen (voraussichtlich durch einen TV Partner, gegebenenfalls auch durch Print-und / oder Onlinemedien). Diese Begleitung beinhaltet u.a. Interviews mit der Auktionsgewinnerin, evtl. Dreh einer Homestory, Aufnahmen in der Klinik (vor, während und nach OP), evt. Interviews mit Freunden und Familienangehörigen.”

Das ist wirklich ein Hammerdeal - allerdings für die Klinik, weniger für die öffentlich Operierte. Quelle: Hammerdeal.de

Die freiwilligen oder unfreiwilligen “Partner” erfüllen ihre Pflicht: Das Springer-Blatt “Hamburger Morgenpost” berichtet, die Billig-OP war gestern bereits Thema in der ProSieben-Sendung “Taff”. Und der Berliner Kurier berichtet brav über die PR-Aktion, als sei es eine Sensation. Sensationell dämlich. Wenn die Operation bereits am 20. August stattfinden soll, werden vermutlich die einschlägigen TV-Boulevardmagazine dabei sein – um die Werbebotschaft kostenlos unters Volk zu bringen.

Eine Kollegin aus der Redaktion wird für die Main-Post versuchen, weitere Hintergründe zu recherchieren: Gibt es die Frau tatsächlich? Einen Anruf ist es wert…

Geldmacherei oder Anteilnahme? Loveparade-Souvenirs aus Duisburg werden bei eBay versteigert

Quelle: eBay

„Bei der Loveparade 2010 in Duisburg war ich als Eventfotograf unterwegs und kam an diesen Presse-Pass. Eigentlich wollte ich den Pass als Erinnerung behalten, jedoch quält mich ständig der Gedanke daran, dass Presseleute und VIP einen tunnelfreien Ein- und Ausgang hatten. Daran möchte ich nicht ständig erinnert werden. Wer diesen Pass mit dem Loveparade – The Art Of Love Schlüsselband haben möchte – ich gebe ihn hiermit gerne ab!“

So beschreibt ein eBay-Verkäufer seine Motivation, einen grünen Pressepass aus Duisburg bei eBay an den Meistbietenden abzutreten. Heute Abend um 18 Uhr endet die Auktion, bisher gab es 16 Gebote. Der aktuelle Preis: 35,50 Euro. Wer bietet mehr?

Trauer-Devotionalien zu versteigern

Quelle: eBay

Mehrere solche Auktionen gibt es mittlerweile bei eBay, und Kaufinteressenten gibt es anscheinend zur Genüge. So verkauft ein eBay-Laden ein Gedenkshirt, Modell „Warum?“, zum Festpreis von 14,95 Euro – zuzüglich 2,20 Euro für den Versand. 5 Euro gehen nach eigenen Angaben als Spende an das Deutsche Rote Kreuz in Duisburg, wie der Artikelbeschreibung zu entnehmen ist: „Wir möchten uns nicht bereichern, sondern auch einen Beitrag leisten. Das schaffen wir am besten hier, weil wir hier sehr viel mehr Menschen erreichen als anderswo.“ Den Artikel bezeichnet der Verkäufer als „Charityshirt“ und gibt gleich die Kontoverbindung des DRK mit an. Drei Warum-Shirts wurden bereits verkauft.

Mehrere andere eBay-Nutzer verkaufen ihre Pfandmarken von der Loveparade 2010: Als „Relikt das leider auch mit Trauer einhergehen muß“ bezeichnet ein Anbieter seine Ware.

Quelle: eBay

Ein Presse-Vertreter zeigt seine kommerzialisierte Anteilnahme

Solche Auktionen anlässlich von Großveranstaltungen hat es immer schon gegeben, denn Festivalsouvenirs sind begehrt: In der Regel sind sie nur in begrenzter Stückzahl vorhanden und haben einen hohen ideellen Wert. Mit Armbändern, T-Shirts oder Pfandbons lässt sich zeigen: Ich war live dabei bei einem legendären Event, ich stehe hinter den Werten und den Erfahrungen, die ich auf einer Großveranstaltung gemacht habe.

Doch hier drängt sich die Frage auf, ob sich einige wenige Loveparade-Besucher an einer Katastrophe und ihrer medialen Reichweite bereichern wollen. Dass es ausgerechnet ein Kollege von der Presse ist, der hier seine Devotionalien vertickt, ist für die gesamte Journaille beschämend. Neben seinem Presse-Badge verkauft der Benutzer auch einen USB-Stick mit Presseinfos der Veranstalter: „Eigentlich wollte ich den Artikel als Erinnerung behalten, jedoch nehmen mich die aktuellen Ereignisse so sehr mit, dass ich ihn lieber doch nicht behalten möchte.“

Audio-Interview zur “re publica 09″: Stefan Niggemeier über Blogs, Medienkrise und den “etablierten” Journalismus

Stefan Niggemeier. Foto: Nils Glück

Stefan Niggemeier. Foto: Nils Glück

Ich habe ein Audio-Interview mit dem Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier gemacht. Anlässlich der Blogger-Versammlung “re publica 2009″ in Berlin habe ich mich mit ihm über Journalismus und Blogging unterhalten. Hört euch den Podcast an und kommentiert reichlich!

Audio: Stefan Niggemeier auf der re publica 09

Copyright: Nils Glück, 2009. Alle Rechte vorbehalten.

Neue Campus-Zeitung “Pflichtlektüre”: Mit Volldampf ins Experiment

Studenten-Blatt: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen künftig alle Ehre machen. Foto: Nils Glück

Studenten-Blatt im Tabloid-Format: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen bald alle Ehre machen. Foto: Nils Glück

Mehr Auflage, mehr Reichweite, mehr Themen: Die neue Campuszeitung Pflichtlektüre wird an gleich vier Universitäten im Ruhrgebiet gratis verteilt. Mit 50.000 Exemplaren setzt das Periodikum, das von der Dortmunder Journalistik entworfen wurde, neue Maßstäbe – zumindest was die Quantität angeht. Ob das neue Printprodukt auch den Ansprüchen der Studierenden gerecht wird, muss die Zukunft erst noch zeigen.

Neu konzipiert: Die “Ruhr-Allianz” hat ihr eigenes Heft

Für die inhaltliche Konzeption und Leitung ist die Dortmunder Zentralredaktion zuständig. Um Anzeigen und Vertrieb kümmert sich dagegen die WAZ. Redaktionschefin Vanessa Giese erläuterte zum Heftstart im Deutschlandfunk, wie man sich auf die neue Herausforderung vorbereitet hat: Ein völlig neues Konzept musste her, das zwar auf Campus-Themen basiert, aber nun auch verschiedene Lokalteile einbezieht. Denn die Pflichtlektüre ist die logische Folge aus der Ruhr-Universitätsallianz und das Heft wird zudem an der zusammengelegten Universität Duisburg-Essen verteilt.

Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück

Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück

Ende einer Ära: Die “Indo” ist Geschichte

Der Start der Pflichtlektüre Ende Oktober war zugleich das Ende der bisherigen Dortmunder Campus-Zeitung InDOpendent, die seit 1991 zahlreiche Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit erhalten hatte. Das traditionsreiche Medium mit aktuellen Nachrichten, Interviews und Hintergrundgeschichten vom Uni-Geschehen hatte einen guten Ruf – umso kritischer sind nun die ersten Stimmen zur neuen Zeitung. Denn was bislang in der “Indo” in einem ganzen Heft seinen Schwerpunkt fand, wird nun im vierseitigen Dortmunder Lokalteil abgehandelt. Die Frage drängt sich auf, ob das neue Medium so weiterhin interessant bleibt für die Leserschaft aus Dortmund. Ein Blog-Autor mutmaßt sogar, die InDOpendent sei das erste “Opfer” der Ruhr-Allianz.

Experiment mit Laienschreibern

Die wohlhabende WAZ bezeichnet das Ganze als “interessantes Experiment”, denn allzu viel steht für sie nicht auf dem Spiel. Anders sieht das bei den redaktionell Verantwortlichen aus: Denn während in der Dortmunder Zentralredaktion Journalistik-Studenten an dem Heft arbeiten, ist man auf den anderen Campi auf Laienschreiber angewiesen, die nun speziell geschult werden sollen. Ob das langfristig den qualitativen Ansprüchen genügen kann, muss sich erst zeigen: Die Messlatte, die die Indo angelegt hat, könnte jedenfalls kaum höher liegen.

Kritik bleibt da nicht aus: Die taz moniert den unkreativen Namen der Zeitung und beäugt das WAZ-Engagement misstrauisch. Immerhin: Tagespresse und Nachrichtenagenturen haben die Neuerscheinung bundesweit erwähnt und dadurch die große Erwartungshaltung bestätigt. Und auch die Marketing-Abteilung hat sich mit einem eigenen Werbespot ordentlich ins Zeug gelegt.

Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng

Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng

Am Institut herrscht Enthusiasmus

Als Journalistik-Student kann ich sagen: An Enthusiasmus vor Ort mangelt es nicht. Wir haben die ersten Hefte eigenhändig an die Leser verteilt (siehe Eldoradio-Beitrag) und arbeiten geradezu fieberhaft an der Optimierung unserer Zeitung. Zwei komplette Seminarkurse widmen sich der Frage, wie man die neue Zielgruppe möglichst genau erforschen und die Heftinhalte den Lesern schmackhaft machen kann. Ein Konzept für den Bereich “partizipativer Journalismus” ist ebenso in Mache wie eine neue Internetplattform, die für crossmediale Einbettung sorgen soll. Und nicht zuletzt schuftet ein aufgefrischtes Redaktionsteam für die Heftinhalte, die den akademischen Leser interessieren. Das Experiment hat also gerade erst begonnen.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

Jugendliche Medien in Mainz – und der Blogger mittendrin!

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Werte Leser, ich grüße euch. Und zwar von den Jugendmedientagen in Mainz, genauer gesagt aus dem Newsroom der Messezeitung politikorange, die in den Räumlichkeiten des ZDF Quartier bezogen hat. Es geht um Fernsehen und bewegte Bilder.

Was geht? Voll Medien, ey!

Mein Schreibstil dürfte euch befremden. Er ist ja jetzt auch fruchtig, frisch, jugendlich. Frische Presse braucht frischen Stil. Hier arbeite ich in der Redaktion eines Periodikums, das eine erstaunliche Tradition hat. Weil mir eine Teilnahme am normalen Programm zu unspektakulär und passiv war, bin ich jetzt Teil eines Team von ambitionierten Ehrenamt-Redakteuren. Darunter Politik- und Publizistik-Studenten. Das ZDF lässt uns alle erdenkllichen Freiräume, sodass sich dieses Medium wirklich unabhängig nennen darf.

Danksagung

Einziges Manko: Die reguläre Unterbringung ist katastrophal. An dieser Stelle möchte ich einem Dortmunder Journalistik-Studentenpärchen danken, das mir auf sehr freundliche Art und Weise Asyl gewährt hat. Ansonsten hätte ich nämlich in einer kalten Turnhalle auf einer millimeterdünnen Isomatte in einem überaus schlecht gefütterten Schlafsack übernachten müssen. Und wieder einmal zeigt sich: Das Dortmunder Journalisten-Netzwerk funktioniert. Freunde in der Not finden sich über den Institutsverteiler. Vielen Dank – ich habe sehr gut auf eurer Couch geschlafen und freue mich schon auf zwei weitere geruhsame Nächte.

P.S.: Meine überaus freundliche Sitznachbarin sowie Redaktionskollegin Susanne möchte an dieser Stelle gegrüßt werden. Gerne komme ich dieser Bitte nach. Liebe Susi, ich grüße dich und danke dir für abwechslungsreiche Kurzkonversationen während der gefürchteten Mittagsdurchhänger!

Oliver Pocher mit Negativ-Preis ausgezeichnet: Dreiste Verhöhnung des Fußball-Europameisters

Fernseh-Komödiant Oliver Pocher erhält die diesjährige Trophäe des “Watchdog” – allerdings nicht, weil er besonders gut aufgepasst, sondern weil er sich während einer Fanfeier mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft vorbildlich daneben benommen hat. Mit primitiven Fan-Gesängen habe er die spanischen Europameister verhöhnt, sagt das “netzwerk kritischer fernsehzuschauer” (NKF) in seiner Begründung für die Verleihung des “Preises der beleidigten Zuschauer”. Die fernsehkritische Organisation vergibt den Negativ-Preis seit 1989. Welche Verhöhung gemeinst ist, lässt sich anhand eines Video-Mitschnitts der besagten ZDF-Übertragung vom 30. Juni erkennen – sogar Bundestrainer Joachim Löw äußerte sich später kritisch dazu:

Kein Ausrutscher: Entgleisungen haben bei Pocher Tradition

Es war nicht Pochers erster Ausrutscher. 2005 verklagte eine Zuschauerin den TV-Entertainer, weil er sie während einer Live-Schaltung für die Sendung “Wetten, dass…” beleidigt hatte. Die Frau erstritt 6.000 Euro Schmerzensgeld. Im April dieses Jahres sorgte dann eine öffentliche Schelte Harald Schmidts für Aufsehen. Pocher wurde am Ende der Sendung “Schmidt und Pocher” von Schmidt heftig kritisiert (“kleine, miese Type”), weil er sich einer Gast-Künstlerin gegenüber unhöflich verhalten hatte (ARD, 24. April 2008):

In die Reihe der Entgleisungen gehört auch ein Kommentar von Pocher anlässlich der Comet-Verleihung an den Musiker Mark Medlock, in dem er auf dessen Homosexualität anspielt. Viele Fernsehkritiker stufen die Blödeleien von Oliver Pocher als grenzwertig bis geschmacklos ein. Der Fernsehkritiker Holger Kreymeier führt in seiner Sendung “Fernsehkritik.TV” eine eigene Rubrik namens “Pocher klein mit Hut“, in der er die Fehltritte des TV-Entertainers dokumentiert.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

ProSieben und die Sexstudie: Anal-Empirie und Dildo-Durchschnitt

Quelle: ProSieben

Quelle: ProSieben

Was kommt dabei heraus, wenn man einen Katalog von Sexbegriffen mit Umfrage-Ergebnissen und einem Hauch von Porno paart? Richtig: Der ProSieben Sex Report 2008. Der Sender hatte vorab nicht mit großen Worten und Zahlen gegeizt: Man habe “die größte, repräsentative Untersuchung zum Thema Liebe und Sexualität, die es in Deutschland je gab” durchgeführt (siehe Pressemeldung). Heute wird die dritte Folge ausgestrahlt – dabei war es bisher schon langweilig genug.

Die Online-Umfrage der “Sexstudie”: Zweifel sind angebracht

Zweifel an der Repräsentativität der Umfrage sind berechtigt, schließlich fand die gesamte Befragung online und noch dazu anonym statt – doppelt anonym sozusagen. Und wie bereits die erste Folge des Sex-Reports erklärt, wird “nirgendwo mehr geschummelt” als beim Thema Sex. Die freiwilligen Teilnehmer wurden öffentlich und ausschließlich über das Internet angeworben (siehe Pressemeldung) – einschlägige Foren und Blogs verlinkten begeistert auf die Fragebogen-Seiten. Eine seriöse Stichprobenauswahl sieht anders aus. Da mag die Zahl der Teilnehmer noch so astronomisch sein.

Online Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Online-Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Ein interessantes Interview dazu hat die Fernsehzeitschrift TVdirekt mit einem der verantwortlichen Wissenschaftler gemacht. Darin behauptet Dr. Jakob Pastötter tatsächlich, man habe einen “Querschnitt der deutschen Sexualbefindlichkeit” ermittelt. Ich bezweifle, dass eine Umfrage, die ausschließlich auf einem Internet-Fragebogen basiert, dafür als Grundlage dienen kann – denn sexuell aufgeschlossene Menschen werden sich eher an solch einer Befragung beteiligen als Sozialphobiker. Und ältere Menschen besitzen seltener einen Internetanschluss als jüngere, beteiligen sich also auch seltener an solch einer Umfrage. Wie will man unter solchen Bedingungen zur Repräsentativität gekommen sein?

Die Sendung: Lautes Gestöhne zur Begrüßung

Nun zur eigentlichen Sendung. Zu Beginn der ersten Folge gibt es lautes Gestöhne auf die Ohren und nackte Tatsachen auf die Augen. “Au weia”, soll der Zuschauer wohl denken, “jetzt geht’s zur Sache”. Während die Eckdaten der “Sexstudie” vorgestellt werden, läuft im Hintergrund Synthesizer-Musik wie in einem Porno-Film.

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank. Quelle: ProSieben

Hundert Probanden werden persönlich rangenommen: Sie müssen explizite Fragen zu ihrem Sexualleben explizit beantworten. Auch hier muss davon ausgegangen werden, dass es sich um besonders aufgeschlossene Menschen handelt – sie stellen also keinen Durchschnitt dar. Auffällig ist auch, wie optisch jung und gestylt die Versuchspersonen sind. Schlanke, fast makellose Körper wandeln über die Mattscheibe (eine Befragte soll sogar eine Pornodarstellerin sein). Entspricht das etwa einem repräsentativem Bild unserer alternden Gesellschaft? Wer von dem Sexleben von Senioren zumindest etwas erahnen möchte, dem sei der Kinofilm “Wolke 9″ empfohlen. Auf ProSieben lernt man nichts über die ältere Generation – das wäre ja auch ganz gegen die Jugendwahn-Tradition der Privatsender.

Aufgeschlossene Menschen plaudern indiskret und ohne Balken

Eine Bürokauffrau plaudert von ihren “Porno-Fantasien” und von der Anzahl ihrer Sexpartner – “hundert? Weiß ich nicht”. Der “Verhörspezialist” nagelt die Befragten mit dem Lügendetektor und stellt nachher richtig fest, man könne nicht immer über alles reden, “weil ich sonst vielleicht mein Gesicht vor der Gesellschaft verliere oder vielleicht auch vor mir selbst”. Da kann man nur hoffen, dass die besagte Bürokauffrau ein Ego aus Beton hat.

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Apropos Diskretion: Der Sex-Report funktioniert nach dem Motto “Mensch, was sind wir Deutschen doch unverklemmt.” ProSieben behauptet im Vorspann, Sexualität sei öffentlich geworden. Stimmt – denn sexuelle Verrohung wurde jüngst in allen Medien und Varianten umfangreich behandelt (siehe unter anderem Bild und Spiegel TV). Dass jede individuelle Intimität vom Privaten ins Öffentliche wandert, muss aber hoffentlich nicht befürchtet werden.

Oswald Kolle und die verfehlte Sex-Revolution

Um es kurz zu machen: Der ganze Film ist öde. Begriffe wie Analsex, Oralsex oder Gruppensex lassen den aufgeklärten Zuschauer nicht mehr aufhorchen. Auch ein historischer Exkurs, in dem Oswald Kolle ein paar Worte zu den schlimmen, alten Zeiten sagen darf, fördert nichts Neues zutage. Die eigentliche Erkenntnis bleibt sogar gänzlich außen vor. So stellt der Film zwar eine “sexuelle Revolution” seit 1968 fest – und dass die Deutschen immer häufiger Sex haben. Auf der anderen Seite zeigen die Fakten: Ende der 1960er Jahre hatten die Deutschen 130 mal Sex im Jahr, heute 139 mal. Das ist gerade mal eine Steigerung von sieben Prozent – von einer echten Revolution kann also keine Rede sein.

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Fazit: Erfrischende Widersprüche statt praktische Sex-Tipps

Eines ist jedoch positiv: Der Film ist genauso widersprüchlich wie die Sexualität selbst. Sexuelle Leistung wird bei ProSieben zur Schau gestellt, gleichzeitig heißt es: “Kein Wunder, dass sich viele Menschen inzwischen sogar bedrängt fühlen von der öffentlichen Leistungsschau sexueller Alleskönner.”

Fazit: ProSieben hat im Vorfeld mächtig die Werbetrommel gerührt. Das Springer-Blatt Welt Kompakt half sogar mit einer Aufmacher-Doppelseite mit und verkaufte das als redaktionell aufbereitete Wissenschaft. In Wirklichkeit liefert der Sex-Report aber keine neuen Erkenntnisse. ProSieben frischt das auf, was aus unzähligen Untersuchungen und aus dem Bravo-Liebeslexikon längst bekannt ist. Der Film gibt Umfrage-Ergebnisse wieder, hat aber keinen Ratgeber-Charakter und bietet deshalb für den aufgeklärten Zuschauer keinen Anreiz. Daran ändern auch die zahlreichen Softporno-Collagen nichts.

Web-Extra: Medienkritiker David Harnasch über den Sex Report 2008

Der für das Nachrichtenportal zoomer als “Meinungsmacher” arbeitende David Harnasch hat ebenfalls etwas zu dieser Fernsehsendung zu sagen:

Reaktionen in den Medien:

Reaktionen in der Blogosphäre:

Zapp gegen Zossen: Ein Bashing-Duell der Extraklasse – und die MAZ entlässt Redakteur mit Stasi-Vergangenheit

Entlassen: Redakteur Manfred Mohr, hier mit dem ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner, ist entlassen worden.

Entlassen: Redakteur Manfred Mohr (links), hier mit dem ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner, ist entlassen worden. Quelle: NDR

Vier Wochen nach dem ersten Beitrag der NDR-Sendung Zapp zu “alten Stasi-Seilschaften” hat man in Hamburg ein neues Lieblingsthema gefunden: Es geht um die Brandenburgische Ortschaft Zossen sowie den Sportredakteur und ehemaligen Stasi-Spitzel Manfred Mohr, der bis vor kurzem für die Märkische Allgemeine geschrieben hat. In Nebenrollen: Der stellvertretende Zossener Bürgermeister Hartwig Ahlgrimm (er sieht sich durch den NDR diffamiert) sowie die Bürgermeisterin Michaela Schreiber.

Neue Wendung: Manfred Mohr gefeuert

Die eigentliche Nachricht sei vorweg genannt: Manfred Mohr ist von der MAZ entlassen worden – das berichtete Zapp in der Sendung von gestern Abend. Die Chefetage hat also auch personelle Konsequenzen aus der Stasi-Vergangenheit des Sportredakteurs gezogen. Außerdem schrieb ein User in einem Kommentar zu meinem Blogpost, die fragliche Stasi-Dokumentation von Hans-Jürgen Börner könne “aus rechtlichen Gründen” nicht mehr gesendet werden.

Das passiert, wenn der NDR investigativ wird

Hartwig Ahlgrimm: Tragische Figur, weil schlecht informiert.

Hartwig Ahlgrimm: Tragische Figur, weil schlecht informiert. Quelle: NDR

Die Geschichte von und mit Hartwig Ahlgrimm soll an dieser Stelle nicht noch einmal aufgerollt werden. Für mich steht fest: Der gute Mann hat von Pressefreiheit und deren rechtlichen Grundlagen leider keine Ahnung – und er hätte sich seine öffentliche Intervention vor laufender Kamera ganz einfach sparen sollen. Allerdings hatte Zapp Herrn Ahlgrimm in einem Vorab-Beitrag falsche Motive unterstellt. Das wollte man beim NDR auf telefonische Nachfrage nicht kommentieren, hat den Fehler aber anscheinend eingesehen: Ein Online-Text wurde verändert, das fragliche Video nachträglich akkurat angepasst.

Zossen ist erstaunlich interessant – und wird zum Thema

Die Größe, diese journalistischen Ungenauigkeit zuzugeben, hatte die Zapp-Redaktion bislang nicht. Was folgte, war ein idyllisch-amüsanter Beitrag zum Zossener Presseverständnis. Aber dem nicht genug: Zossen ist Zapps neuer Liebling. In dem jüngsten Beitrag geht es jetzt um die “Zossener Stimme“, eine Beilage des lokalen Amtsblattes. Hier hat Zapp aufgedeckt, dass sich die Macher des Blattes wohl etwas zu wichtig nehmen: Sie nominierten sich quasi selbst für einen Journalisten-Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch die Frage nach der Finanzierung des Blattes ist berechtigt – obwohl die Tatsache, dass dies mit öffentlichen Geldern geschieht, meiner Meinung nach kein Skandal ist.

Zapp-Beitrag zum Zossener Amtsblatt: Journalismus oder Bashing? Quelle: NDR

Zapp-Beitrag zum Zossener Amtsblatt: Journalismus oder Bashing? Quelle: NDR

Die Provinz und das Fernsehen: Bashing oder notwendige Recherche?

Aber ist das wirklich ein Thema für eine ARD-Sendung, oder handelt es sich hierbei nur um journalistisches Bashing? Ich finde, dass diese Angelegenheit eher eine Lappalie und daher die Sendezeit nicht wert ist. Beim NDR hat man sich wohl auf Zossen eingeschossen – Zapp bezieht oft und gerne klar Stellung. Mein Vorschlag lautet: Zapp sollte ein eigenes Lokalstudio in Zossen einrichten, um näher dran zu sein an den provinziellen Amtsskandalen. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Beiträge für die Sparte “Neues aus Zossen”.