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Archiv der Artikel die mit journalismus getagged sind.

Anhand konkreter Zahlen: Führende deutsche Online-Redaktionen haben eine miserable Frauenquote

Vielleicht ist es ja einfach so, dass Frauen ungern ihren Klarnamen über die eigenen Artikel setzen – sie benutzen lieber ihr Kürzel. Vielleicht recherchieren sie enorm akribisch, schreiben entsprechend selten und sahnen später die dicken Preise ab. Oder sie schreiben für ganz viele Medien gleichzeitig, streuen ihre Artikel über unzählige Publikationen und tauchen deshalb seltener auf den einzelnen Online-Portalen auf. Vielleicht schreiben sie nur jämmerliche Meldungen, sind in den Redaktionen vornehmlich mit Redigiertätigkeiten oder Kaffee-Kochen beauftragt – eine wenig erquickliche Vorstellung.

Vielleicht muss man aber einfach sagen, dass in führenden deutschen Redaktionen erschreckend wenig auf die Frauenquote geachtet wird. Anhand einer ansatzweise vollständigen Erfassung von Autoren-Nennungen auf vielen deutschen Nachrichtenwebsites kann ich das untermauern.

Wusste ich anfangs noch nicht so recht, was ich mit meinem Journalisten-Aggregator The Newsroom List anfangen sollte, entpuppt sich der fleißige Artikel-Auswerter inzwischen als brauchbares Tool, um generelle Trends und handfeste Zahlen über deutsche Online-JournalistInnen zu ermitteln. Die nächtelange Programmierarbeit hat sich also gelohnt – seit Oktober 2010 sind nun viele Tausend Datensätze zusammengekommen.

Zur Erhebungsmethode

Mein Aggregator arbeitet im Prinzip recht simpel: Er crawlt ausgewählte Nachrichtenangebote und wertet dabei die Autorenzeilen der Artikel aus. Irgendwann soll daraus eine Bachelorarbeit werden. Für die vorliegende Auswertung habe ich nur jene AutorInnen berücksichtigt, deren Profil bereits freigeschaltet, zuvor manuell geprüft wurde. Außerdem fließen nur jene AutorInnen in die Bewertung mit ein, zu denen mindestens fünf Artikel mit Klarnamen-Nennung vorliegen – also berücksichtige ich nur regelmäßige SchreiberInnen, die diese Mindestmarke überschritten haben. Artikel mit reiner Kürzel-Nennung werden ignoriert.

In die Bewertung fließen zudem nach Möglichkeit nur Artikel aus Ressorts ein, die als redaktionell/journalistisch gelten. Ausschließlich auf Werbung oder Drittinhalten basierende Ressorts fließen nicht ein. Der Erhebungszeitraum ist je nach Medium unterschiedlich, da die Portale nach und nach in den Aggregator integriert wurden – er liegt zwischen Mitte Oktober 2010 und dem heutigen Tag, beträgt in der konkreten Auswahl aber mindestens zehn Wochen.

Dies alles als wissenschaftlich belastbar zu bezeichnen, wäre falsch – eine absolut lückenlose Erfassung ist schon rein technisch nicht möglich. Auch die Autorenerkennung ist nicht perfekt, aber dennoch in den allermeisten Fällen völlig zutreffend.

Die Ergebnisse: FAZ.net ist mit 77 Prozent am männlichsten

Bei aller Vorsicht, mit der die Ergebnisse zu genießen sind, das Erschreckende vorab: Unter den zwölf ausgewählten Nachrichtenportalen, darunter überregional, regional sowie primär lokal ausgerichtete, findet sich nirgends eine einigermaßen ausgeglichene Geschlechterquote. Lediglich die Lokalnachrichten von DerWesten.de können eine mäßige Frauenquote von 44 Prozent (422 regelmäßige Autorinnen) ausweisen – dort fließen bislang aber wirklich nur die Artikel aus den Lokalredaktionen ein. Den schlechtesten Frauenanteil insgesamt erreicht das Portal FAZ.net mit nur 23 Prozent weiblichen Autorinnen. Auch Spiegel Online (26 Prozent) und Zeit Online (28 Prozent) haben offensichtlich ein Frauen-Quotenproblem.

Man kann es nun drehen und wenden, man kann diesen aggregierten Zahlen als unzuverlässig abtun. Allerdings bezweifle ich, dass deutsche Redaktionen in einer wissenschaftlich fundierten Vollerhebung wesentlich besser abschneiden würden. So deckt sich etwa meine ermittelte Quote von Spiegel Online auffällig genau mit einer internen Erhebung der Hamburger Print-Redaktion von Januar 2011 (siehe auch Zapp-Beitrag): Die Redaktion ermittelte 28 Prozent Frauenquote, mein Aggregator spuckt 26 Prozent aus – für die Nachrichten-Website wohlgemerkt.

Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich die AutorInnen weiterer Online-Portale in der Newsroom List freigeschaltet habe, bietet sich etwa die Untersuchung von Bild.de und taz.de an – ob sich hier wohl besonders krasse Unterschiede finden lassen?

Sollten die jeweiligen Redaktionen an den nun erhobenen Zahlen Zweifel hegen, rufe ich zu Widerspruch auf. Allerdings müsst ihr mir dann schwarz auf weiß darlegen, dass es in eurem Haus in Sachen Frauenquote doch gar nicht so schlecht aussieht. Oder ihr erklärt mir, warum eure Journalistinnen ihre Online-Texte lieber mit Kürzel als mit Klarnamen versehen.

Zum Weiterlesen: Medium Magazin – An der Qualität liegt es nicht (2007)

re publica 09: Nachrichten spielerisch erfahren – Audio-Interview zum Newsgaming

Julian Kücklich. Foto: Nils Glück

Julian Kücklich. Foto: Nils Glück

Wie sich journalistische Botschaften über Videospiel-Kanäle vervielfältigen lassen, erklärt Julian Kücklich im Audio-Interview. Mit einem großen Team aus Wissenschaftlern erforscht er das Potenzial des “Newsgaming“. Ob diese Form der Nachrichtendistribution eine langfristige Zukunft hat, ist zwar noch nicht ganz ausgelotet. Aber zumindest wird das Konzept unter anderem bereits von der New York Times ausprobiert. Hört euch das Audio-Interview von der re publica 09 in Berlin an.

Audio: Julian Kücklich zum Newsgaming (re publica 2009)

Copyright: 2009 Nils Glück. Alle Rechte vorbehalten.

re publica 2009: Ein Twitter-Experte erklärt den Journalisten, wie’s geht

Mark Fonseca Rendeiro. Foto: Nils Glück

Mark Fonseca Rendeiro. Foto: Nils Glück

Wenn er sieht, wie dilettantisch scheinbar profilierte Journalisten twittern, kann Mark Fonseca Rendeiro nur müde lächeln. Der freischaffende Medienmacher bloggt und twittert mit System und Strategie. Auf der Blogger-Versammlung “re publica 2009” in Berlin erklärt er am Mikrofon, worauf Journalisten bei Twitter achten sollten – und warum es im Zwitscher-Kanal nicht nur um Marketing von journalistischen Inhalten geht.

Audio: bicyclemark im Interview auf der re publica 2009 (rp09)

Copyright: 2009 Nils Glück. Alle Rechte vorbehalten.

Audio-Interview zur “re publica 09″: Stefan Niggemeier über Blogs, Medienkrise und den “etablierten” Journalismus

Stefan Niggemeier. Foto: Nils Glück

Stefan Niggemeier. Foto: Nils Glück

Ich habe ein Audio-Interview mit dem Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier gemacht. Anlässlich der Blogger-Versammlung “re publica 2009″ in Berlin habe ich mich mit ihm über Journalismus und Blogging unterhalten. Hört euch den Podcast an und kommentiert reichlich!

Audio: Stefan Niggemeier auf der re publica 09

Copyright: Nils Glück, 2009. Alle Rechte vorbehalten.

Jürgen Emig und die Korruption: Journalismus ad absurdum

Jürgen Emig, langjähriger Sportchef beim Hessischen Rundfunk (HR), muss ins Gefängnis – wegen Untreue und Bestechlichkeit. Der Journalist hat über Jahre Schmiergelder und finanzielle Mittel, die für den Sender bestimmt waren, für sich eingestrichen. Insgesamt geht es um mehrere hunderttausend Euro, die unter anderem für Schleichwerbung geflossen sind. Und obwohl er in Revision gehen wird, wird sich eine Haftstrafe für Emig wohl nicht mehr vermeiden lassen. Zu detailliert konnten ihm seine Aktivitäten nachgewiesen werden. Erstaunlich ist, dass selbst HR-Intendant Helmut Reitze das frühere Finanzierungssystem des Senders als “das Einfallstor für die korrupten Machenschaften von Emig” bezeichnet (siehe Pressemeldung).

Beängstigend ist nicht nur, mit welcher ungebremsten Gier ein hochbezahlter Journalist sich seine Machtposition zu Nutze gemacht hat – erstmals wird ein ARD-Führungsmann wegen Korruption verurteilt. Beängstigend ist vor allem, wie über Jahre redaktionelle Beiträge skrupellos verkauft oder absichtlich manipuliert wurden. Journalismus ad absurdum.

Schleichwerbung: Wirksame Positionierung für solvente Sponsoren

Hessischer Rundfunk: Für Sport-Beistellungen war Emig zuständig. Quelle: HR-Pressestelle

Hessischer Rundfunk: Für Sport-Beistellungen war Emig zuständig. Quelle: HR-Pressestelle

Denn es geht auch um Schleichwerbung. Emig nahm Geld von Sponsoren an, die sich damit Sendezeit und positive Berichterstattung erkauften. Bei öffentlichen Veranstaltungen ließ Emig Kameras so positionieren, dass Werbetafeln besonders wirksam ins Bild gerückt wurden. Das erschreckende Ausmaß der Emigschen Unverfrorenheit hat der Spiegel ausführlich dokumentiert – und das Magazin stellt richtig fest: Der TV-Zuschauer und Gebührenzahler war letztlich der Verlierer des Systems, denn er musste sich zum Zwecke der illegalen Bereicherung hinters Licht führen lassen (“Es gab nur einen Dummen: den Zuschauer, der seine TV-Gebühren auch und gerade für das Versprechen zahlt, unabhängigen Journalismus zu bekommen.”).

Beistellungen: Öffentlich-rechtliche Expansion und illegale Abzweigungen

Die illegale Methode, Teile von akquirierten Beistellungszahlungen für sich zu behalten, erscheint dagegen vergleichsweise simpel. Schon zu Prozessbeginn machte Emig deutlich, dass er die Hauptschuld beim Sender sieht: Schließlich sei der Hessische Rundfunk jederzeit auf “Beistellungen” angewiesen gewesen (die umstrittene Praxis wurde 2004 eingestellt). Tatsächlich war Emig für die Eintreibungen der Beistellungen zuständig, und der HR dürfte sich über sein Engagement gefreut haben. So konnte der Sender neues Personal einstellen und noch mehr Sport senden – Emig sorgte für öffentlich-rechtliche Expansion. Auch die Sponsoren waren mit der persönlichen Betreuung durch den Sportchef sehr zufrieden: Sie fanden ihre Werbung zielgruppengerecht im Großformat auf der Mattscheibe wieder, eingebunden in nervenaufreibende Großereignisse des Sports.

Intendant Helmut Reitze: "hr war Opfer, nicht Täter". Quelle: HR-Pressestelle

Intendant Helmut Reitze: "der hr war Opfer, nicht Täter". Quelle: HR-Pressestelle

Korruption: Niemand will etwas gewusst haben

Die Verantwortlichen beim HR konnten oder wollten nichts von Korruption wissen – nach wie vor beteuern sie ihre Unwissenheit. Und Jürgen Emig dachte wohl, er habe durch sein langjähriges Engagement ein Anrecht darauf, dass auch mal für ihn etwas rausspringt. Die FAZ nennt eine Summe von 440.000 Euro.

Trauriges Fazit: Der HR hat von Emigs legalen Aktivitäten über Jahre finanziell erheblich profitiert – die illegalen will niemand erkannt haben. Jetzt macht der Sender Schadensersatzforderungen geltend. Für den größten Schaden gibt es aber keinen Ersatz: Der gesamte öffentlich-rechtliche Apparat hat einen Teil seiner journalistischen Glaubwürdigkeit verloren. Und daran ist nicht nur Emig, sondern auch der Hessische Rundfunk schuld.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

Zapp gegen Zossen: Ein Bashing-Duell der Extraklasse – und die MAZ entlässt Redakteur mit Stasi-Vergangenheit

Entlassen: Redakteur Manfred Mohr, hier mit dem ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner, ist entlassen worden.

Entlassen: Redakteur Manfred Mohr (links), hier mit dem ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner, ist entlassen worden. Quelle: NDR

Vier Wochen nach dem ersten Beitrag der NDR-Sendung Zapp zu “alten Stasi-Seilschaften” hat man in Hamburg ein neues Lieblingsthema gefunden: Es geht um die Brandenburgische Ortschaft Zossen sowie den Sportredakteur und ehemaligen Stasi-Spitzel Manfred Mohr, der bis vor kurzem für die Märkische Allgemeine geschrieben hat. In Nebenrollen: Der stellvertretende Zossener Bürgermeister Hartwig Ahlgrimm (er sieht sich durch den NDR diffamiert) sowie die Bürgermeisterin Michaela Schreiber.

Neue Wendung: Manfred Mohr gefeuert

Die eigentliche Nachricht sei vorweg genannt: Manfred Mohr ist von der MAZ entlassen worden – das berichtete Zapp in der Sendung von gestern Abend. Die Chefetage hat also auch personelle Konsequenzen aus der Stasi-Vergangenheit des Sportredakteurs gezogen. Außerdem schrieb ein User in einem Kommentar zu meinem Blogpost, die fragliche Stasi-Dokumentation von Hans-Jürgen Börner könne “aus rechtlichen Gründen” nicht mehr gesendet werden.

Das passiert, wenn der NDR investigativ wird

Hartwig Ahlgrimm: Tragische Figur, weil schlecht informiert.

Hartwig Ahlgrimm: Tragische Figur, weil schlecht informiert. Quelle: NDR

Die Geschichte von und mit Hartwig Ahlgrimm soll an dieser Stelle nicht noch einmal aufgerollt werden. Für mich steht fest: Der gute Mann hat von Pressefreiheit und deren rechtlichen Grundlagen leider keine Ahnung – und er hätte sich seine öffentliche Intervention vor laufender Kamera ganz einfach sparen sollen. Allerdings hatte Zapp Herrn Ahlgrimm in einem Vorab-Beitrag falsche Motive unterstellt. Das wollte man beim NDR auf telefonische Nachfrage nicht kommentieren, hat den Fehler aber anscheinend eingesehen: Ein Online-Text wurde verändert, das fragliche Video nachträglich akkurat angepasst.

Zossen ist erstaunlich interessant – und wird zum Thema

Die Größe, diese journalistischen Ungenauigkeit zuzugeben, hatte die Zapp-Redaktion bislang nicht. Was folgte, war ein idyllisch-amüsanter Beitrag zum Zossener Presseverständnis. Aber dem nicht genug: Zossen ist Zapps neuer Liebling. In dem jüngsten Beitrag geht es jetzt um die “Zossener Stimme“, eine Beilage des lokalen Amtsblattes. Hier hat Zapp aufgedeckt, dass sich die Macher des Blattes wohl etwas zu wichtig nehmen: Sie nominierten sich quasi selbst für einen Journalisten-Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch die Frage nach der Finanzierung des Blattes ist berechtigt – obwohl die Tatsache, dass dies mit öffentlichen Geldern geschieht, meiner Meinung nach kein Skandal ist.

Zapp-Beitrag zum Zossener Amtsblatt: Journalismus oder Bashing? Quelle: NDR

Zapp-Beitrag zum Zossener Amtsblatt: Journalismus oder Bashing? Quelle: NDR

Die Provinz und das Fernsehen: Bashing oder notwendige Recherche?

Aber ist das wirklich ein Thema für eine ARD-Sendung, oder handelt es sich hierbei nur um journalistisches Bashing? Ich finde, dass diese Angelegenheit eher eine Lappalie und daher die Sendezeit nicht wert ist. Beim NDR hat man sich wohl auf Zossen eingeschossen – Zapp bezieht oft und gerne klar Stellung. Mein Vorschlag lautet: Zapp sollte ein eigenes Lokalstudio in Zossen einrichten, um näher dran zu sein an den provinziellen Amtsskandalen. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Beiträge für die Sparte “Neues aus Zossen”.

Falschinformationen in NDR-Beitrag: “Das ist verantwortungslos”

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR. Quelle: NDR

Hartwig Ahlgrimm, stellvertretender Bürgermeister des Örtchens Zossen, wirft dem NDR schwere Verleumdung vor. “Nicht nur meine Person wurde beschädigt, sondern auch die Stadt Zossen”, schreibt Ahlgrimm in einer E-Mail, die ich am Montag erhalten habe und die sich auf eine Medienkritik zum NDR-Beitrag “Meine Stasi” bezieht. Der NDR will sich keine Fehler eingestehen, hat aber eine fragliche Passage aus einem Internet-Text nachträglich entfernt.

Die Vorgeschichte: Der Reporter wird “überprüft”

In der NDR-Dokumentation wird ein kurzes Gespräch zwischen Ahlgrimm und dem Journalisten Hans-Jürgen Börner gezeigt, in der Ahlgrimm nach einer Genehmigung für öffentliche Dreharbeiten fragt. Börner weist diese Frage entschieden zurück und erklärt, Ahlgrimm liege mit seiner Forderung falsch. Zuvor hatte Börner vergeblich versucht, den ehemaligen Stasi-Hauptmann Manfred Mohr zu einer Stellungnahme zu seiner DDR-Vergangenheit zu bewegen. Mohr arbeitet als Journalist für die Märkische Allgemeine – das NDR-Team hatte ihn vor dem Gebäude der Zossener Lokalredaktion angesprochen und war von Mohr abgewiesen worden. Im Film begibt sich Mohr in die Redaktion, dann sagt Börner: “Kaum ist Mohr am Arbeitsplatz, werde ich auf der Straße überprüft.” Es folgt, wodurch sich Ahlgrimm jetzt beschädigt sieht.

Der Ordnungsamtsleiter wollte nur seine Pflicht tun

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex?

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex? Quelle: NDR

“Es ging in keiner Weise darum, dem Filmteam die Aufnahmen zu verbieten oder eine Drehgenehmigung zu verlangen”, schreibt Ahlgrimm weiter. Am Telefon schildert er die Situation so: Während einer Dienstbesprechung sei er in seiner Funktion als Leiter des Ordnungsamtes auf das Kamerateam aufmerksam gemacht worden. Die Zossener Lokalredaktion der Märkischen Allgemeinen liege gegenüber von dem Gebäude. Dort habe sich ein Fernsehteam aus fünf bis sieben Personen “im Straßenbereich aufgebaut”. In der E-Mail heißt es weiter:

Fakt war, dass das Team den öffentlichen Verkehrsraum über den Gemeingebrauch genutzt hat. Und hier schreibt die StVO, § 29 (Bundesrecht) zwingend vor, dass es dafür einer Erlaubnis bedarf. Dies wollte ich Herrn Börner mitteilen und dann unmittelbar alles regeln. Leider kam es dazu nicht, weil Herr Börner mich immer unterbrach. Meine Aussage lautete, bzw. sollte lauten : „Wenn Sie Filmaufnahmen im öffentlichen Verkehrsraum machen … (und diesen über den Gemeingebrauch nutzen, bedarf diese Sondernutzung der Verkehrsfläche einer Genehmigung).
Das Team stand in einer Zufahrt auf einer Ladestraße und zu einem Grundstück, sowie auf der Ladestraße selbst, die der Belieferung der anliegenden Ladengeschäfte dient.

Er habe Herrn Börner “ruhig und sachlich” auf die Ordnungswidrigkeit hinweisen wollen, aber Börner habe “aggressiv” reagiert. “Das Wort ‘Drehgenehmigung’ ist gar nicht gefallen”, sagt Ahlgrimm heute. Als Ordnungsamtsleiter habe er zudem das Recht, die Personalien von ordnungswidrig Handelnden zu überprüfen. “Man muss sich auch an die Regeln halten”, sagt Ahlgrimm. Eine Genehmigung einzuholen sei gängige Praxis. “Das müsste Herr Börner eigentlich wissen.”

NDR: “So etwas habe ich noch nie gehört”

Der NDR widerspricht hier vehement. Anke Jahns, Redakteurin der NDR-Sendung Zapp, hat den Beitrag betreut. Eine solche Genehmigung sei nicht nötig, sagt sie auf telefonische Nachfrage. “Ich arbeite schon viele Jahre beim Fernsehen. Aber so etwas habe ich noch nie gehört.” Auch als Ordnungsamtsleiter habe Ahlgrimm nicht die Berechtigung für das Einfordern einer solchen Genehmigung. “Ich verstehe sein Verständnis von Pressefreiheit nicht”, so Jahns.

“Querverbindung” zur Stasi? NDR dementiert

In meiner Medienkritik hatte ich einen indirekten Zusammenhang zwischen der Befragung Mohrs und dem Erscheinen Ahlgrimms erkannt. Dies weist der stellvertretende Bügermeister in der E-Mail zurück:

All dies wäre aber kein Problem für mich, wenn nicht diese verantwortungslose „Querverbindung“ zum Inhalt der Filmaufnahmen erfolgt wäre.

Weder die Durchführung der Filmaufnahmen, noch deren Zielstellung waren mir und der Stadtverwaltung bekannt. Allein aus dieser Feststellung lässt sich wohl ableiten, dass die „Querverbindung“ Verleumdung in höchster Potenz ist. Auch war weder der Stadtverwaltung, noch mir persönlich bekannt, dass ein Herr M. – ehemaliger Stasimann – bei der MAZ arbeitet. Und es gab auch keinen Anruf der MAZ.

Auch hier widerspricht Anke Jahns: “Es gibt keine direkte Verbindung.” Für sie ist die Aufregung des stellvertretenden Bürgermeisters unangebracht: “Wir haben ihn nicht falsch dargestellt. Ich kann seine Kritik nicht verstehen.”

Die Querverbindung liefert der NDR – in der Vorschau zur Dokumentation

Allerdings: Die Querverbindung stellt der NDR tatsächlich her – und zwar in einem separaten Beitrag, der vorab in “Zapp” am 27. August gesendet worden war (Link zum Video). Darin heißt es nach Mohrs Abgang:

Hier, in der Lokalredaktion Zossen, arbeitet der ehemalige Stasi-Hautptmann heute. Er flüchtet vor seinem Opfer Börner und wird danach sofort aktiv, telefoniert offenbar mit Amtsträgern im Rathaus. Dem ARD-Redakteur sollen die Aufnahmen in Zossen verboten werden.

Videovorschau vom 27. August: Suggestivjournalismus vom NDR.

Videovorschau vom 27. August: Suggestiv- journalismus vom NDR.

Unmittelbar danach folgt das mitgeschnittene Gespräch mit Ahlgrimm. Das ist journalistisch äußerst fragwürdig, denn hier wird etwas unterstellt, was so offenbar nicht stattgefunden hat. Auch die anschließenden Kommentare Börners im TV-Studio suggerieren, dass es sich hierbei um alte DDR-Verhaltensmuster handelt.

Jahns, die auch für diesen Beitrag verantwortlich ist, will sich hier keinen Fehler eingestehen und pocht auf die Verwendung des Wörtchens “offenbar”. Gleichzeitig räumt sie ein, aus dem Internet-Text sei nachträglich diese fragliche Passage entfernt worden. Grund dafür sei aber nicht Ahlgrimms Kritik, sondern eigene Recherche, so die Redakteurin.

“Das ist verantwortungslos”

Hartwig Ahlgrimm ist jetzt sauer – schließlich sei er selbst ein “Stasiopfer”, wie er schreibt, “und dies mehr als Herr Börner”. Er sieht den Fehler bei den NDR-Redakteuren. “Das ist verantwortungslos und unter der Gürtellinie”, sagt Ahlgrimm am Telefon. “Ich kann die Situation von Herrn Börner verstehen, aber das darf einem solch gestandenen Redakteur nicht passieren.”

Immerhin: Nach einer Beschwerde des örtlichen Pressesprechers beim NDR habe der Sender eine Richtigstellung zugesagt, so Ahlgrimm. Ein Team der NDR-Sendung Zapp sei am vergangenen Sonntag nach Zossen gekommen. NDR-Redakteurin Anke Jahns sagt dazu, man habe auch Herrn Ahlgrimm nochmals interviewt und werde kurzfristig entscheiden, ob der Beitrag heute Abend (23 Uhr, NDR) auf Sendung gehe. Als “Richtigstellung” will sie das aber keinesfalls verstehen.

Ahlgrimm: “Behalte mir rechtliche Schritte vor”

Man darf also gespannt sein. Für Hartwig Ahlgrimm steht fest: “Mir sind meine Persönlichkeitsrechte verletzt worden.” Falls der NDR keine Richtigstellung sende, werde er notfalls vor Gericht ziehen: “Ich behalte mir rechtliche Schritte vor. Das ist aber nur das letzte Mittel.” Schließlich habe er niemals Recherchen verhindern wollen. Vielmehr begrüße er die Nachforschungen zur DDR-Vergangenheit: “Ich hätte Herrn Börner sogar die Kamera gehalten.”

Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!

Dieser Kommentar stammt aus dem Wintersemester 2007/2008 und bezieht sich auf den Brand von Ludwidgshafen, bei dem im Februar 2008 neun Menschen ums Leben gekommen waren. Weiterlesen ‘Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!’ »

Wenn die Zeitung anrückt: Tipps für Pressesprecher und Medienagenturen

Notizblock, Stift, Pressemappe: Pressegespräche machen niemandem richtig Spaß. Zu den offiziellen Informationsveranstaltungen mit Organsitoren, Initiatoren, Sponsoren und Vertretern erscheinen oft schlecht bezahlte und entsprechend schwach motivierte Honorarschreiber. Vermeintlich wichtige Persönlichkeiten reichen Kaffee und verkünden den “Damen und Herren von der Presse” ihre mehr oder weniger wichtigen Botschaften.

Oft habe ich mich im Lokaljournalismus darüber gewundert, wie wenig Gedanken sich Pressesprecher und Medienagenten über ihre Aufgabe zu machen scheinen. Sie sollen ihre Botschaften möglichst attraktiv an die Journalisten weitergeben, machen dabei aber oft grobe Anfängerfehler. Hier also ein paar gut gemeinte Tipps aus der Sicht eines Berichterstatters.

Die geladenen Gäste: Kompetenz geht vor!

  • Laden Sie nicht zu viele Gesprächspartner ein (maximal vier bis fünf Personen). Es droht Verwirrung und eine endlose Sitzung, von der niemand profitiert. Die aufkommende Langeweile führt zu Verärgerung und Missmut auf beiden Seiten. Falschinformation und Öberflächlichkeit im späteren Bericht sind die Folge.
  • Neue Gesichter bitte, keine altbekannten Repräsentanten. Die sind in der Regel zu unmotiviert und verfransen sich in Nominalfloskeln – statt zum tausendsten Mal den Bürgermeister einzuladen, sollten Sie vielleicht ein Mitglied des städtischen Organisationsteams zu Wort kommen lassen.
  • Unbedingte Kompetenz: Nur Leute einladen, die etwas zu sagen haben oder eine eigene Meinung vertreten. Die bloße physische Anwesenheit einer Reihe von Personen ist kein Grund für einen Pressetermin.

In der Kürze liegt die Würze!

  • Fassen Sie sich kurz! Nur was wirklich neu und relevant ist, interessiert. Wieso eine stadtbekannte Organisation seit 65 Jahren bestimmte gesellschaftspolitische Aufgaben übernimmt, ist nicht zu erwähnen – gute Redakteure haben all das vorab recherchiert oder fragen explizit nach, wenn es von Belang ist.
  • Kommen Sie zum Punkt, ausgiebige Lobhudeleien sind fehl am Platze (“und ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal ganz herzlich der stellvertretenden Bürgermeisterin Frau Dr. Schmidt-Meier für ihr außerordentliches und ehrenamtliches Engagement danken, ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen”). Solche Sätze wird jeder erfahrene Redakteur in voller Länge überhören und dabei auf die Uhr schielen.
  • Stattdessen lieber möglichst genaue Fakten in einer separaten schriftlichen Information nennen – bei Vereinen Mitgliederanzahl, Jahresbeitrag, Gründungsjahr. Bei Firmen Anzahl der Mitarbeiter, Jahresumsatz und Standorte. Ganz wichtig für die Pressemitteilung: Volle Namen und Funktionen der wichtigsten Personen sowie deren genaue Kontaktdaten (Handy-Nummer!). So vermeiden Sie Fehler bei Namensnennungen in der Zeitung und ermöglichen spätere Nachfragen!
  • Nehmen Sie sich Zeit für Fragen. Wer gar nicht erst reden will, scheut sich vor Spontanität und wirkt in der Öffentlichkeit nicht glaubwürdig (einmal wurde ich mit den Worten begrüßt: “Wir wollen in 20 Minuten hier fertig sein, also beeilen Sie sich bitte”). Freuen Sie sich über aufdringliche Journalisten: Je mehr Fragen Sie gestellt bekommen, desto größer wird Ihr Thema in der Zeitung erscheinen.
Quelle: Bjorn de Leeuw, stock.xchng

Quelle: Bjorn de Leeuw, stock.xchng

Lügen und Schleichwerbung sind die falsche PR-Strategie!

  • Seien Sie ehrlich. Wer unpräzise Angaben macht, lädt zur kritischen Gegenfrage ein und kommt am Ende schlechter weg, weil er unglaubwürdig wirkt. Beim Pressetermin zum Richtfest eines Bürogebäudes: Wenn es Verzögerungen beim Bau gegeben hat, geben Sie das lieber gleich zu. Vermeiden Sie auch Superlative, die sich nicht belegen lassen. Später wird in der Zeitung stehen, das Gebäude sei wohlmöglich gar nicht das höchste der Stadt.
  • Keine Schleichwerbung platzieren oder Gesprächsgäste aus Gefälligkeit einladen (“und nun möchte ich das Wort an den Inhaber der bekannten Firma Fliesen-Reinhold geben, Herrn Dieter Reinhold, der die Aktion tatkräftig unterstützt hat und für den diese Spendengala zur festen Tradition geworden ist”). Sponsoren aus der Wirtschaft sind wichtig und werden daher in der Regel auch in voller Länge im Artikel genannt. Sie müssen aber nicht unbedingt beim Pressetermin anwesend sein.
  • Eine Zeitung ist keine Werbeagentur, die sich alles in die Feder diktieren lässt. Ein Firmenchef sagte mir zum Abschied des Pressetermins: “Schreiben Sie mal ne schöne Annonce”. Respektieren Sie bitte die öffentliche Aufgabe der Journalisten, die auch mal kritische Fragen stellen – oder googeln Sie mal das Wort “Journalismus”, bevor Sie bei Gegenfragen die Augen verdrehen oder ausfallend werden. Kostenlose Werbeplatzierungen werden Sie nirgends finden, erst recht nicht in der Zeitung.

Bei Fotos: Bitte nicht nur freundlich lächeln!

Quelle: Gözde Otman, stock.xchng

Quelle: Gözde Otman, stock.xchng

Manchmal möchte der anwesende Pressefotograf seiner beruflichen Pflicht nachkommen. Hier ist folgendes zu beachten:

  • Nehmen Sie sich Zeit für ein gutes Foto – es lohnt sich! Vor der Kamera zu posieren ist manchmal ungewohnt und anstrengend. Die Alternative für Sie ist: Es wird kein Bild abgedruckt und niemand liest den Artikel in der Zeitung.
  • Anschaulichkeit: Erklären Sie am lebenden oder toten Objekt, was sie der Öffentlichkeit zeigen wollen. Ein Gruppenbild mit ein paar bewegungslosen Repräsentanten ist unattraktiv. Wenn der Bürgermeister einen neuen Spielplatz einweiht, sollte er auch mal die Rutsche hinunterrutschen – das ist ungewöhnlich, wirkt menschlich und erzeugt sehr viel Aufmerksamkeit in der Zeitung. Wenn Sie als Verein eine Ehrenplakette verleihen, bringen Sie die Plakette in der Schatulle zum Termin mit. Wenn Sie als Klinik-Direktor über einen Geburtenzuwachs informieren wollen, halten Sie das Pressegespräch doch im Kreissaal ab – da gibt es was zu gucken. Das ist viel besser als ein steriles Besprechungszimmer.
  • Nicht jeder muss aufs Bild. Die wichtigsten Personen und Einrichtungen werden in der Regel im späteren Artikeltext genannt. Und bitte nicht traurig sein, wenn ein anderes Bild in der Zeitung landet als das von Ihnen favorisierte.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Storyboard – das Kommunikationsblog – Zehn Dinge, die PR-Leute tun können, um Public Relations neu zu erfinden (19. Mai 2008)
  • Storyboard – das Kommunikationsblog – Was ist eigentlich Qualitäts-PR – und was nicht? (19. Mai 2008)
  • Pädagogischer Austauschdienst – Tipps für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (August 2007)
  • Online-Marketing-Praxis – Wie Sie Pressegespräch und Pressekonferenz optimal nutzen
  • IHK Reutlingen – Tipps für die Öffentlichkeitsarbeit

  • Buch-Tipp:

  • Deg, Robert: Basiswissen Public Relations. Professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. 2007
  • Früher Stasi, heute Zeitung: Berichteschreiber in deutschen Redaktionen

    Quelle: NDR

    Quelle: NDR

    Ein Redakteur sollte unabhängig und unbestechlich sein – so weit die Theorie. Dass in deutschen Redaktionen noch unzählige ehemalige Stasi-Spitzel sitzen und in leitenden Funktionen arbeiten dürfen, ist daher umso verwunderlicher. Bezeichnend ist, dass sich gerade die eifrigsten Berichteschreiber ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen.

    Aktueller Fall: Die Berliner Zeitung

    In der Redaktion der Berliner Zeitung saßen nach neuesten Erkenntnissen zeitweise mindestens acht Redakteure, die zu DDR-Zeiten eine kleine Nebentätigkeit besaßen. Zwei von ihnen haben als Inoffzielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ihre Kollegen bzw. sich gegenseitig bespitzelt. Einer ist aus freien Stücken gegangen, der andere darf nicht mehr über Politik schreiben. Bei der Berliner Zeitung kommt die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht – denn welcher noch aktive Redakteur will schon seinen Job riskieren?

    Ungeliebter Eindringling aus dem Westen: Ein Journalist wird beschattet

    Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

    Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

    Einer, der damals selbst unter Beobachtung stand, ist der ehemalige ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner. In seiner Dokumentation “Meine Stasi” (Vorschau-Video) stellt er diejenigen zur Rede, die ihn zwischen 1986 und 1989 bespitzelt haben. Damals erlebte und dokumentierte Börner die Lebensumstände der DDR-Bevölkerung aus nächster Nähe.

    Als unliebsamer West-Eindringling, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, wühlte Börner dort, wo es dem Regime am meisten weh tat. Freie Recherchen waren gefährlich für die DDR-Führung – in einem Stasi-Schulungsfilm über die Machenschaften von West-Korrespondenten heißt es:

    Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden.

    Übersetzt heißt das: Die Korrespondenten interviewten vor allem die kritischen Geister der DDR.

    Börner klingelt an Türen: “So schlimm war’s ja wohl nicht!

    Börner arbeitet nun seine umfangreiche Personenakte durch – schließlich war er damals verantwortlich für westdeutsche Propaganda und bedurfte unbedingter Observierung. Bald wird er fündig und klappert seine früheren Beschatter ab, sofern sie noch am Leben sind. Die Spitzel lauerten überall: Selbst der freundliche Puppenspieler Günter Gerlach war ein IM – seine Frau kann es sich bis heute nicht erklären. Hier gelingt Börner ein guter Einblick in das perfide Überwachungssystem der DDR. Die Recherche wird zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung – entsprechend subjektiv ist die Dokumentation. Börner ist im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

    Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

    Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

    Frank Schulz lehnt eine Stellungnahme zu seinen früheren Stasi-Aktivitäten ab, Reiner Dietrich macht die Tür erst gar nicht auf. Rainer Walther, ehemaliger Direktor der renommierten Palucca-Tanzschule, stellt sich dem Interview und gibt seine Aktivitäten kleinlaut zu. Er lacht peinlich berührt und relativiert: “Also so schlimm war’s ja wohl nicht!”

    Einsichtig bis renitent: “Vielleicht war ich geil auf diesen Job”

    Bettina Schuster, damals bei Fernsehaufnahmen als Pressesprecherin der VEB-Porzelanmanufaktur anwesend, gibt bereitwillig, aber sichtlich nervös Auskünfte über ihre Vergangenheit als IM “Fuchs”. Sie wirft dem ehemaligen Korrespondenten vor, mit seinen Äußerungen “immer ein bissl gestichelt” zu haben – sie mochte den kritisch-kommentierenden Unterton des Journalisten nicht. “Ironie” sei das gewesen, sagt Börner heute. Man könnte es auch einfach Meinungsfreiheit nennen.

    Warum hat sie da mitgemacht, will der Journalist wissen – warum hat sie ihn bespitzelt? “Vielleicht war ich geil auf diesen Job.” Dann sagt sie, der Journalist habe sogar das Porzellan politisieren wollen, und das habe ihr nicht gefallen. Überhaupt sei damals alles ein Politikum gewesen, suggerieren die Aussagen von Ex-IM Ernst Brüch. Selbst ein Börner-Bericht über die Kurmöglichkeiten in der DDR stand damals im Verdacht, eine anti-sozialistische Nachricht zu transportieren.

    Ein Redakteur mit zweifelhafter Berufsmoral

    Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit.

    Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit. Quelle: NDR

    Der Film droht an dieser Stelle abzuschweifen. Zu selbstgefällig stellt sich der Journalist als gerechter Kämpfer dar, der niemandem vertrauen will. Zuletzt aber gewinnt das Stück an Brisanz: Manfred Mohr, Diplom-Journalist und ehemaliger Hauptmann der DDR-Staatssicherheit, machte Ende der 80er Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zu Börners Aktivitäten. Börner spricht ihn an – er stehe heute “nicht für ein Gespräch zur Verfügung”, sagt Mohr. Das Ganze liege jetzt 20 Jahre zurück. Zitat:

    Mohr: “Das ist Geschichte”. Börner: “Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten.” Mohr: “Wenn Sie das machen möchten, bitte. Aber ich nicht.”

    Mohr arbeitet für die Märkische Allgemeine, die dem FAZ-Verlag angehört. Er hetzt dem Störenfried den stellvertretenden Bürgermeister der Ortschaft Zossen auf den Hals, Hartwig Ahlgrimm, der aber beruhigend inkompetent ist und nach der Dreherlaubnis fragt. Interessante Frage: Wie schafft es ein Lokalredakteur, dass sich ein politischer Vertreter für ihn in Bewegung setzt und einen Journalisten unter Behauptung falscher Tatsachen einschüchtern will? Dieser Redakteur scheint nicht nur Probleme mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit seinen beruflichen Verpflichtungen zu haben.

    Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

    Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

    Wie viel liegt noch im Verborgenen?

    Und auch Bolko Bouché, Inhaber eines Medienservices, gesteht erst im zweiten Anlauf seine Stasi-Zusammenarbeit, die er einen Tag zuvor noch vehement geleugnet hatte. So wird zum Ende des Films deutlich, dass Börner immer noch als aufmüpfiger West-Reporter wahrgenommen wird, als einer, der unbequeme Fragen stellt und sich dabei auch noch clever vorkommt. Es kommt zum alten DDR-Reflex: Drohen.

    Wir Wessis haben’s leicht – bei uns wird niemandem unterstellt, ein verdeckter Spitzel gewesen zu sein. Ist es deshalb ungerecht, wenn ein ehemaliger West-Journalist in den Akten von anderen Menschen wühlt? Wohl kaum. Für den Journalismus ist letztlich vor allem erschreckend, dass eine derart stichprobenartige Recherche so vieles zu Tage fördert – wie viele andere Berichteschreiber mit Doppelfunktion arbeiten noch unbemerkt in deutschen Redaktionen?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • taz.de – DDR-Oppositioneller über Berliner Zeitung: “Tödlich für eine Zeitung” (28. August 2008)