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Nebelkerzen statt Transparenz: Wie Bahnchef Grube mit “Fakten” verwirrt

Quelle: ARD/Das Erste.

Seit die Thermometer in ganz Deutschland verrückt spielen, geht es auch bei der Bahn hitzig zu. Viele ICE-Züge mussten bereits, wie es bei der Bahn so schön heißt, einen „außerplanmäßigen Halt“ einlegen. Grund sind Klimaanlagen, die vor den Extremtemperaturen kapitulieren.

Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, eilt seither von Interview zu Interview und lässt keine Gelegenheit aus, kommunikativ und volksnah die Misere zu erklären. Offensichtliche Probleme werden dabei im besten PR-Sprech zu „Herausforderungen“ (siehe Tagesthemen-Video).

Seine PR-Berater scheinen ihn für die medialen Auftritte exzellent gebrieft zu haben: Die Strategie von Grube besteht offenkundig darin, sein Publikum mit möglichst vielen und möglichst großen Zahlen zu verwirren. Scheinbare Fakten setzt er dermaßen wahllos aneinander, dass der Leser vollkommen den Überblick verliert.

Das lässt sich sehr gut anhand von drei Interviews aus den vergangenen Tagen verdeutlichen:

Schauen wir also mal, wie Grubes Nebelkerzen-Strategie in den besagten Interviews funktioniert:

Erstens: Werfen sie mit großen Zahlen um sich, um das Problem klein zu reden!

Deutschlandfunk
Spiegel
Tagesthemen
Grube: [...] denn natürlich gibt es hier keine Entschuldigung. Ich möchte mich aber bei allen Kunden, die diese schlechten Erfahrungen am letzten Wochenende gemacht haben, da entschuldige ich mich für, denn das ist nicht akzeptabel. Da brauchen wir nicht um den heißen Brei herumzureden. Ich sage immer, der Ausfall eines Zuges ist schon ein Zug zu viel.

[...]

Grube: [...] Wir betreiben 255 ICE-Züge, die unterschiedlich, was die Zeit beziehungsweise das Jahr betrifft, wo sie zugelassen worden sind, im Einsatz sind. Insgesamt haben wir 255 Züge.

Grube: [...] Wir haben täglich 252 ICE-Züge im Einsatz und machen 1400 Fahrten am Tag. Wenn Sie nun sehen, dass am Freitag vorvergangener Woche ein ICE 2, am Samstag 16, am Sonntag 7 und am Montag 8 Züge wegen Problemen mit der Klimaanlage ausgefallen sind, dann ist das zwar ein kleiner Prozentsatz und noch kein Notstand auf der Schiene. Aber trotzdem, Sie haben recht: Jeder ausgefallene Zug ist einer zu viel. Und deshalb kann ich mich nur bei unseren Kunden in aller Form entschuldigen. Grube: [...] Ich möchte aber auch anmerken, dass wir jeden Tag 34000 Zugfahrten machen, wir transportieren jeden Tag über fünf Millionen Menschen. Wir haben 253 ICEs, davon 800 Fahrten jeden Tag, und in den letzten 14 Tagen sind 0,32 Prozent ausgefallen. Das rechtfertigt überhaupt nichts und hier hilft auch keine Statistik, und ich sage immer: Jeder Zug, der ausfällt, ist ein Zug zu viel. [...]

Zweitens: Geben Sie dem Klimawandel die Schuld! Möglichst viele Temperaturen nennen!

Deutschlandfunk
Spiegel
Grube: […] Der ICE 1 beispielsweise aus den Anfängen der 90er-Jahre ist zugelassen bei der Klimaanlage von Minus 20 bis Plus 32 Grad. Der ICE 2, der ’95 in Betrieb gegangen ist mit 44 Fahrzeugen, hat auch bei der Klimatemperatur Plus 32 bis Minus 20 Grad. Das heißt nicht, dass sie nicht darüber auch noch arbeiten, aber das ist die genormte regelkonforme Auslegung. Aber bereits der ICE 3 ist schon auf 35 Grad ausgelegt. Der ICE 3, der im nächsten Jahr kommt, ist schon auf 40 Grad ausgelegt. Und der Zug – darf ich das noch ganz kurz sagen -, den wir dann ab 2014 bestellen, ist bereits auf 45 Grad ausgelegt. Sie sehen: wir haben einen Klimawandel, der sich ganz klar reflektiert auch in den Gesetzen, denn es ist ja nicht so, dass die Deutsche Bahn die Normen für eine Klimaanlage festlegt, sondern …

Meurer: Aber der Klimawandel ist jetzt nicht Schuld gewesen?

Grube: Wir beobachten, wir haben natürlich jetzt auch im Zusammenhang mit der Klimaanlage die Wettersituation analysiert und dabei festgestellt, in 20 Jahren gab es fünf Tage, die wärmer als 37 Grad waren, und davon waren allein drei Tage am letzten Wochenende.

Meurer: Aber es reichen ja wärmer als 32 Grad. Wer ist denn auf die Idee gekommen – das war vor Ihrer Zeit; Sie sind ja erst ein gutes Jahr Bahnchef, Herr Grube – zu sagen, 32 Grad sind genug?

Grube: Und zwar: Die Auslegung einer Klimaanlage ist nicht die Angelegenheit des Betreibers, also der Deutschen Bahn, sondern da gibt es eine internationale Eisenbahnnorm, die so genannte UIC, und auch das Eisenbahnbundesamt, und dort werden die Normen festgelegt, wie eine Klimaanlage für einen Zug, der in Deutschland eingesetzt wird, ausgelegt wird. Das ist nicht in den Händen der Deutschen Bahn.
Ich sage Ihnen ganz offen: Wir reflektieren das ja und auch übrigens die Regelwerke, und nicht umsonst ist ja ein Zug, den man zum Beispiel jetzt in den nächsten Jahren auslegt und auch zulässt, nicht auf 32 oder 35 Grad, sondern auf 45 Grad ausgelegt.

SPIEGEL: Zu welchem Ergebnis ist der Krisenstab gekommen? Es hieß, die Klimaanlage sei zu niedrig dimensioniert.

Grube: Die Baureihe wurde Anfang der neunziger Jahre entwickelt, damals waren die Sommer in Deutschland noch nicht so heiß. Seit 1991 gab es beispielsweise in Berlin an fünf Tagen Temperaturen über 37 Grad – zwei Tage davon waren in der letzten Woche. Laut nationaler und internationaler Eisenbahnnorm mussten die Klimaanlagen in unserer geografischen Lage damals nur bis zu Temperaturen von 32 Grad ausgelegt sein, was aber keineswegs heißt, dass die Anlage bei ein paar Grad mehr gleich zusammen- bricht. Die Kühlleistung nimmt dann ab. Heute würde man sagen, die Klimaanlagen müssten größer dimensioniert sein. Wir werden ab November alle 44 ICE 2 generalüberholen. Und uns dann auch die Kühlsysteme nochmals genau ansehen.

SPIEGEL: Und was ist mit dem ICE 3?

Grube: Beim neueren ICE 3 reicht der Funktionsbereich schon bis 35 Grad. Die nächste ICx-Generation, über deren Bestellung wir gerade verhandeln, ist sogar für Temperaturen bis 45 Grad ausgelegt.

Drittens: Stellen Sie sich vor die schwitzenden Mitarbeiter – so vermitteln Sie Teamgeist und Geschlossenheit!

Deutschlandfunk
Spiegel
Tagesthemen
Grube: […] aber ich habe es bisher nicht eine Minute bedauert, diese Aufgabe zu übernehmen, und zwar ganz besonders auch deshalb, weil ich hier Mitarbeiter vorgefunden habe, da muss ich sagen, da würden andere Unternehmen sich die Finger nach lecken. Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter und auf die Führungskräfte. Das motiviert mich jeden Tag wieder. Grube: […] Aber eins sei auch klipp und klar gesagt: Gegen Vorverurteilungen verwahre ich mich ebenso wie gegen eine pauschale Verunglimpfung unseres Zugpersonals. Die machen einen sehr guten Job und genießen meine volle Unterstützung. Grube: […] Aber ich kann auch für unsere Mitarbeiter sagen: Die Mitarbeiter haben hier wirklich eine großartige Aufgabe gemanagt. Und wir sind seit sechs Tagen wirklich wieder stabil. Man sieht – natürlich hat auch das Wetter hier geholfen – aber man sieht, wir haben hier die Themen angepackt und wir haben auch den Betrieb insgesamt wesentlich stabilisieren können.

Viertens: Seien Sie menschlich und bereuen Sie – nobody’s perfect!

Deutschlandfunk
Spiegel
Meurer: Noch mal ganz kurz die Frage, Herr Grube: Schließen Sie aus, dass es am Wochenende wieder zu solchen Szenen kommt wie letztes Wochenende?

Grube: Wir geben uns alle Mühe, dass so etwas nicht vorkommt, aber wenn ich Ihnen heute sage, das kann man völlig ausschließen, dann würde ich lügen, das mache ich auch nicht. Das weiß man nie bei diesen extremen Witterungen. Ich kann nur eines sagen – und das ist mir sehr wichtig: Die Bahn ist nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel. Vergleichen Sie das mal mit der Straße, wo knapp in einer Woche 100 Tote kommen. Bei der Bahn gab es glücklicherweise keine tödlichen Unfälle.

SPIEGEL: Können Sie denn ausschließen, dass es in diesem Sommer noch mal zu ähnlichen Szenen wie in der vorvergangenen Woche kommen wird?

Grube: Wenn ich sagen würde, es fällt diesen Sommer nie wieder eine Klimaanlage aus, dann würde ich lügen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir Tag und Nacht arbeiten werden, um die Probleme in den Griff zu kriegen.

Fünftens: Strahlen sie Autorität aus – die Fakten kennen nur Sie!

Deutschlandfunk
Meurer: [...] Herr Grube, die Gewerkschaft der Lokführer sagt, bei den Wartungen wird Geld gespart für den Börsengang. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, Winfried Hermann, sagt, es wird Geld gespart bei den Wartungen und weniger gewartet. Sie sagen, nein, das stimmt nicht. Wem sollen wir glauben?

Grube: Herr Meurer, ich glaube, ich habe den besten Überblick, was die Zahlen betrifft. [...]

Protestieren, bis der Bund einspringt: Wie die Uni Lübeck gerettet wurde

Protestler in Kiel

Eine Stadt sieht gelb: Lübecker Demonstranten in Kiel. Quelle: StudentenPack (flickr.com); AstA Uni Lübeck

„Die Universität zu Lübeck ist nach Schließung des Fachbereichs Medizin in Lübeck nicht überlebensfähig.“ Dieser bürokratisch anmutende Satz hat in der schleswig-holsteinischen Stadt Ende Mai für Aufregung gesorgt. Die Kieler Landesregierung unter Peter Harry Carstensen plante, die Uni Lübeck faktisch dem Tode zu weihen.

Kahlschlag-Carstensen gegen das Protestbündnis

Was folgte, war ein enormer Proteststurm. Schnell wurde klar, was das Aus der Uni für die ohnehin strukturschwache Region bedeuten könnte: Noch weniger Arbeitsplätze, noch weniger Dynamik, noch weniger Perspektive. Auch in Flensburg bestand die Gefahr, dass hier auf akademischer Ebene bald tote Hose sein könnte – Carstensen und Kumpanen setzten auf Kahlschlag.

Dabei standen die Spar- und Bündelungspläne im krassen Widerspruch zu der von Kanzlerin ausgerufenen Parole, in Krisenzeiten dürfe an der Bildung nicht gespart werden. Bezeichnenderweise war es dann auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das mit einer Millionenzahlung schließlich aushalf und die Uni vor dem Garaus bewahrte.

In der Zwischenzeit hatten sich Studenten, Wirtschaft und Lokalpolitik in und um Lübeck zusammengetan und penetrant protestiert. Auf der Straße setzte eine ganze Stadt das in die Tat um, was zuvor via Internet organisiert worden war: Nein sagen und Paroli bieten. Im Interview erklärt ein Beteiligter, warum das zum Erfolg geführt hat.

Ein Protestler im Interview: “De Jager hat komplett versagt”

Ivo Heinecke (21) ist freier Mitarbeiter im AStA der Universität Lübeck. Der Informatik-Student hat über Wochen Demonstrationen mitorganisiert und erklärt im Interview unter anderem, wie man in wenigen Stunden ein Protest-Portal aufbaut und einen Wissenschaftsminister gehörig unter Druck setzt.

NilsOle.net: Ivo, ist der Kampf jetzt gewonnen?

Ivo Heinecke: Ja und nein. Beim Kampf um die Uni ging es im Kern darum, dass der Bereich Medizin wegfallen sollte. Dieser Bereich ist relativ bedeutend, ohne den läuft an der Uni nicht viel: Wir haben fünf Studiengänge, über 50 Prozent der Studierenden sind für Medizin eingeschrieben. Die anderen Studiengänge hängen an der Medizin, wie zum Beispiel das Fach „Medizinisches Ingenieurswesen“. So etwas kann man nicht einfach wegsparen, nur weil es um 25 Millionen Euro geht. Da die Medizin jetzt erhalten werden soll, scheint der Kampf gewonnen, so ganz trauen wir dem Braten jedoch noch nicht.

Die Rettung kam von dort, wo man es nicht erwartet hatte: Aus Berlin.

Heinecke: Der Bund hat jetzt die Finanzierung des Instituts für Meeresforschung in Kiel zu 90 Prozent übernommen, und damit kann das Land Schleswig-Holstein die 25 Millionen Euro woanders einsparen. Mein Vertrauen in die Aktion ist allerdings begrenzt – man hat gesehen, dass hier recht viel Hinterzimmerpolitik gemacht wird.

Der Bund trickst also herum, weil das Land sich nicht bewegen wollte?

Heinecke: Ja, kann man so sagen. Am Institut für Meeresforschung soll es darüber auch Unmut geben, weil dem Institut dadurch angeblich Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen. Nach meinen Informationen ist es aber weiterhin möglich, Drittmittel anzuwerben in Zusammenarbeit mit der Uni Kiel. Der Bund hat mit der Aktion aber die Landesregierung gerettet – diese hat eine Stimme Mehrheit, bereits fünf Abgeordnete hatten zu dem Zeitpunkt bereits klar gemacht, dass sie der Unischließung nicht so zustimmen werden.

Zurück nach Lübeck: Geht die Uni jetzt gestärkt aus den Protesten, oder hat das Gezerre euch vielleicht sogar geschwächt?

Heinecke: Ich denke, wir gehen gestärkt aus den vergangenen Wochen. Wir konnten einige Punkte durchsetzen: Die Universität bleibt mit allen Studienplätzen erhalten, wir werden eine Stiftungs-Uni nach niedersächsischem Vorbild. Dadurch soll das Land entlastet werden. Wir als AStA werden allerdings die Drittmittelvergabe kritisch begleiten.

An vielen Unis ist nach den Bildungsstreiks im Herbst 2009 Ernüchterung eingetreten, weil nur wenig durchgesetzt werden konnte. Warum hat das bei euch geklappt?

Heinecke: Der Protest war existenziell für uns. An den Bildungsstreiks hatten sich in Lübeck nur relativ wenige Studenten beteiligt, hier gab es keine Hörsaalbesetzungen. Aber jetzt, als es um unsere Uni ging, war der AStA sehr gut aufgestellt, sowohl finanziell als auch personell. Das Ganze hat sehr viel Kraft gekostet und wir sind jetzt ziemlich erschöpft, aber es ging dabei einfach um alles.

Wer hat den Protest gestartet?

Heinecke: Als AStA haben wir glücklicherweise ein Gremien-Wochenende miteinander verbracht, kurz nachdem die Sparpläne bekannt geworden sind. Wir konnten uns also vorbereiten und eine Strategie entwickeln. So war es auch möglich, sehr viele Aktionen zu starten. Finanziell, materiell und logistisch kam die Hilfe mitten aus der Bevölkerung. Unser Kopierer hat mittlerweile 130.000 Exemplare auf dem Zähler, so viele Poster und Flyer haben wir gedruckt. Das ist wirklich unglaublich.

Welche Instrumente, außer Infoblättern, habt ihr eingesetzt?

Heinecke: In erster Linie haben wir Demonstrationen organisiert. Und es gab die Website, über die wir gut Druck aufbauen konnten. Selbst Daniel Günther, hochschulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein, hat gesagt, seine erste Informationsquelle zu dem Thema sei unsere Internetseite gewesen – dabei war die Landes-CDU doch unser politischer Gegner. Während der ganzen Zeit gab es eine ganze Reihe kreativer Aktionen, wie etwa die Exilvorlesung in Berlin, die wirklich Spaß gebracht haben. Außerdem noch Flash-Mobs, oder Smartmobs, wie sie ja heißen, wenn es um etwas Politisches geht.

Dreh- und Angelpunkt ist euer Online-Portal “Lübeck kämpft”. Wie baut man so eine Basis auf?

Heinecke: Zum Glück haben wir erfahrene Informatiker an der Uni, die Plattform haben wir gleich am ersten Wochenende gestartet. Mit Hilfe der WordPress-Software und verschiedenen Erweiterungen lässt sich so etwas recht schnell realisieren. Zu Beginn hatten wir das Problem, dass das System den vielen Zugriffen nicht standgehalten hat. Nach einigen Ausbesserungen lief die Seite dann aber reibungslos.

Kommen wir mal zu dem politischen Streit. Wie sah die Kommunikation mit den Landespolitikern aus?

Heinecke: Direkt mit den Politikern zu reden war ziemlich schwierig, weil die immer ihre Wir-müssen-sparen-Platte abgespielt haben. Der Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (CDU) hat einmal sinngemäß gesagt, man müsse eben zwei Stücke aus der Torte herausnehmen, damit man die Sahnehaube erhalten kann. Mit den Tortenstücken waren die Uni-Standorte Lübeck und Flensburg gemeint, mit der Sahnehaube die Uni Kiel. Solche Aussagen sind ein Unding.

Dialogbereitschaft haben die Landespolitiker aber schon gezeigt, etwa am 1. Juli, als man sich zu einer öffentlichen Diskussion in Lübeck getroffen hat.

Heinecke: Von einem echten Dialog kann doch keine Rede sein. Bei der besagten Diskussion sind keine wirklich neuen Punkte genannt worden. Zu Beginn der Proteste sind wir mit einigen Bussen nach Berlin gefahren, wo Jost de Jager und Peter Harry Carstensen im Landeshaus getagt haben. Während der Demo sind die Herren dann zu uns gekommen und wollten sich angeblich unseren Fragen stellen. Was wir erlebt haben, war aber eher ein Monolog: Als es um inhaltliche, tiefgreifende Fragen gehen sollte, haben sich die beiden wieder zurückgezogen. Das war typisch – als aber die Rettung aus Berlin kam, haben die verantwortlichen Politiker ihre Kommunikationsstrategie geändert.

Inwiefern wurde die Strategie geändert?

Heinecke: Die Leute, die uns zunächst wegsparen wollten, stellen sich plötzlich als Sieger dar, die durch viel Verhandlungsgeschick eine Universität gerettet haben. Die Wahrheit ist allerdings, dass die Abstimmung über die Sparpläne für die Landesregierung zum Desaster geworden wäre, denn mehrere Mitglieder der Koalition haben offen gegen die Uni-Schließung protestiert und hätten wohlmöglich ihre Zustimmung verweigert. Dann wäre die Regierung in Kiel gescheitert.

Trotzdem haben die Politiker sich zumindest euer Anliegen angehört.

Heinecke: Das stimmt. Verschiedene Landtagsabgeordnete haben den AStA besucht, darunter Gerrit Koch (FDP) und Daniel Günther (CDU). Die Kommunikation mit de Jager allerdings hat sich im Wesentlichen darauf beschränkt, dass einige Studenten sein Fahrzeug per Sitzblockade festgesetzt haben, als er mal in Lübeck war. Mittlerweile gibt es hier eine recht starke Abneigung gegen diesen Minister, auch auf persönlicher Ebene.

Woher kommt diese Abneigung?

Heinecke: Da gibt es verschiedene Gründe. Der Dialog war sehr schwierig, auf kritische Fragen gab es keine ehrlichen Antworten. Stattdessen hat de Jager wie ein Wasserfall von oben herab gepredigt, wir konnten ihm nichts vermitteln – so war zumindest mein Eindruck. In einem Interview hat er die Großdemonstration in Kiel als „sportliche Herausforderung“ bezeichnet. Der Mann hat wohl vergessen, dass es sich hierbei um die größte Kundgebung in der Geschichte von Schleswig-Holstein gehandelt hat. Seine Aussage ist in diesem Zusammenhang völlig inakzeptabel.

Während der Demo in Kiel schien die Stimmung tatsächlich recht aufgeheizt. Ist es noch in Ordnung, wenn Akademiker einen Landesminister als „Versager“ beschimpfen?

Heinecke: Ich finde, Jost de Jager hat komplett versagt. Er hat blauäugig und wissend um die wirtschaftlichen Folgen den Wissenschaftsstandort Lübeck riskiert. Es ist diesem Wirtschaftsminister offenbar nicht möglich gewesen, irgendeine Art von Risikoanalyse für den Wegfall der Medizin zu machen. Zum Vergleich: Die Industrie- und Handelskammer Lübeck hat das in zwei Wochen geschafft. Laut IHK hängen rund 10.000 regionale Betriebe am Uni-Standort Lübeck. In einer stichprobenartigen Befragung hat die IHK herausgefunden, dass 19,1 Prozent dieser Betriebe im Falle einer Uni-Schließung abgewandert wären. Für die ganze Region hätte das katastrophale Folgen gehabt.

Es wurde viel über die Hintergründe gemunkelt, warum es gerade den Standort Lübeck treffen sollte.

Heinecke: Man muss wissen, dass Jost de Jager eine gewisse Vorgeschichte hat. Bereits 2005 hatte er in seiner Funktion als Staatsminister geplant, die Uni-Standorte Lübeck und Kiel miteinander zu fusionieren. Es gibt Dokumente, die belegen: Die Uni Kiel sollte dabei bevorzugt werden. Die Sparpläne, die der Minister jetzt umsetzen wollte, waren im Grunde also nur aufgefrischt worden. Wenn man sich das Kieler Kabinett ansieht, fällt zudem auf: Auffallend viele Minister, darunter Ministerpräsident Carstensen, haben an der Universität Kiel studiert. Das ergibt einen faden Beigeschmack.

Wie sah das Verhältnis zur Uni Kiel während der Proteste in Lübeck aus?

Heinecke: Da muss man differenzieren. Die Kieler Studenten haben uns stark unterstützt, dass finden wir echt toll. Auch der AStA hat uns sehr geholfen. Das Kieler Universitätspräsidium macht allerdings weiterhin Hinterzimmerpolitik. Erst 2009 soll sich das Präsidium mit Jost de Jager getroffen haben, um mögliche Sparpläne zu besprechen, die eine Schließung unseres Standortes beinhalteten. Dieser Vorschlag ist offenbar exakt von der Haushaltsstrukturkommission übernommen worden: Der Uni Lübeck sollte das Herz herausgerissen werden, damit meine ich den Bereich Medizin. Alternative Vorschläge, die Einsparungen zwischen den beiden Standorten solidarisch zu schultern, hat de Jager abgelehnt.

Am 16. Juni fand die Großdemo in Kiel statt. Wie wurde das organisiert – ein Professor soll sogar einen Sonderzug gechartert haben?

Heinecke: An dem Protestzug waren Studenten aus Flensburg, Kiel und Lübeck beteiligt, die sich gemeinsam zu einer Kundgebung vor dem Landtag getroffen haben. Was die Organisation angeht, kann ich nur für uns Lübecker sprechen: Es gab einen Sonderzug mit rund tausend Studenten, in dem auch der Uni-Präsident und Pressevertreter mitgefahren sind. Wir hatten eine ganze Reihe Busse, ein paar Fahrradfahrer sowie Leute, die mit Auto und Bahn angereist sind. Auch die Ortsverbände von CDU und FDP wollten Busse anmieten – das hat nicht geklappt, weil der Lübecker AStA bereits alle gemietet hatte.

Wer hat das Geld für diese Aktionen gegeben?

Heinecke: Das waren sehr viele. Wir haben Spenden gesammelt, aber auch lokale Firmen und Einrichtungen wie etwa die Possehl-Stiftung haben etwas beigetragen. Auf unserer Internetseite haben wir genau aufgelistet, wer uns unterstützt hat. Ohne die große Hilfe aus der ganzen Stadt hätten wir das niemals geschafft.

Trotz Facebook und Twitter: Ohne klassische Medien lässt sich keine Politik machen. Was die über euch berichtet haben, hat euch zum Teil nicht in den Kram gepasst.

Heinecke: Wir waren oft unzufrieden mit der Berichterstattung. Über die 14.000 Studenten in Kiel hat die Tagesschau zum Beispiel nichts gebracht. Über einen späteren Sternmarsch in Lübeck gab es einen Bericht, das hat uns entschädigt. Man muss aber auch sagen, dass wir zu Beginn noch gar keine Erfahrung mit Pressearbeit hatten. Später sind wir da routinierter geworden, in vielen Medienhäusern hatten wir feste Ansprechpartner. Zu guter Letzt haben auch viele überregionale Zeitungen und Rundfunkstationen über die Rettung berichtet.

Eine Szene aus Kiel ist besonders im Gedächtnis geblieben: Wissenschaftsminister de Jager ist von Studenten umringt und wird von Polizisten abgeschirmt. Dann kommt es zum Sturz. Die Kieler Nachrichten haben geschrieben, Studenten hätten den Minister gerempelt.

Heinecke: Dieses Gerücht hat der Minister wohl selbst in die Welt gesetzt, ich weiß es aber nicht genau – das war insgesamt sehr unschön. Denn in einem Video ist genau dokumentiert, wie de Jager auf dem Rasen ohne Fremdeinwirkung ausrutscht, da ist kein Student in der Nähe. Die Polizei hat uns das später bestätigt.

An der Uni wird jetzt nicht mehr gespart, aber die Einschnitte im Landeshaushalt treffen dennoch viele Menschen in Schleswig-Holstein.

Heinecke: Dass gespart werden muss, darin sind sich doch alle einig. Trotzdem sind einige Punkte an diesem Sparpaket sehr fragwürdig. Das betrifft ganz besonders die Bildung, aber auch zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Es gibt etwa momentan Privatisierungspläne für das Uniklikum Schleswig-Holstein an den Standorten Kiel und Lübeck. Das Schlimmste am derzeitigen Sparpaket ist, dass wegen der akuten Finanznot alte Vereinbarungen über Bord geworfen werden. Da brauchen wir dringend mehr politischen Widerstand, um die nötigen Einsparungen gerechter zu gestalten.

re publica 09: Die Ausmessung der Blogosphäre – John Kelly im Audio-Interview

John Kelly. Foto: Nils Glück

John Kelly. Foto: Nils Glück

John Kelly hat unter anderem in Havard studiert und ist heute Chef der New Yorker Firma “Morningside Analytics“. Er übersetzt die Vielfalt der US-amerikanischen Bloglandschaft in Zahlen und Trends. Seine Blog-Analysen erfreuen sich nach eigenen Angaben zunehmender Beliebtheit, weil sie unter anderem für die Marktforschung von Interesse sind. Im Audio-Interview auf der re publica 09 in Berlin erklärt John Kelly, warum die Amerikaner den Europäern im Bloggen weit voraus sind.

Audio: John Kelly über seine Blog-Analysen in den USA (re publica 2009)

Copyright: 2009 Nils Glück. Alle Rechte vorbehalten.

re publica 09: Nachrichten spielerisch erfahren – Audio-Interview zum Newsgaming

Julian Kücklich. Foto: Nils Glück

Julian Kücklich. Foto: Nils Glück

Wie sich journalistische Botschaften über Videospiel-Kanäle vervielfältigen lassen, erklärt Julian Kücklich im Audio-Interview. Mit einem großen Team aus Wissenschaftlern erforscht er das Potenzial des “Newsgaming“. Ob diese Form der Nachrichtendistribution eine langfristige Zukunft hat, ist zwar noch nicht ganz ausgelotet. Aber zumindest wird das Konzept unter anderem bereits von der New York Times ausprobiert. Hört euch das Audio-Interview von der re publica 09 in Berlin an.

Audio: Julian Kücklich zum Newsgaming (re publica 2009)

Copyright: 2009 Nils Glück. Alle Rechte vorbehalten.

re publica 2009: Feministinnen bloggen als Mannschaft

Verena, Anna und Kathrin. Foto: Nils Glück

Verena, Anna und Kathrin. Foto: Nils Glück

Katrin, Verena und Anna sind Feministinnen einer neuen Generation: Sie bloggen für ihre Interessen, bieten ihren zahlreichen männlichen Konkurrenten im Internet die Stirn. Im Audio-Interview auf der re publica 2009 erklärt die “Mädchenmannschaft“, was sie antreibt und weshalb die aktivierte Kommentar-Funktion auf ihrem Blog ganz schön nerven kann.

Audio: Die drei Mädels von der Mädchenmannschaft im Interview (re publica 2009)

Copyright: 2009 Nils Glück. Alle Rechte vorbehalten.

re publica 2009: Anarchie-Boardmaster “moot” im Audio-Interview

Christopher Poole. Foto: Nils Glück

Christopher Poole. Foto: Nils Glück

Christopher Poole hat die Grenze zwischen Teenager und Erwachsenem kaum überschritten, doch er ist für seine Fans so etwas wie ein Gott. “moot” schuf eine eigene Online-Welt, als er 15 war: Eine Welt ohne Regeln und Einschränkungen, ohne Registrierung und Netiquette. Anonymität und Schnelllebigkeit sind die Merkmale seines Bilder-Forums 4chan. Im Audio-Interview zeigt sich moot gewohnt cool und erklärt unter anderem, warum er mit Pornographie auf seiner Website kein Problem hat. (Ja, ich weiß, mein gesprochenes Englisch kam mal flüssiger rüber…)

Audio: Christopher Poole alias moot im Interview (rp09)

Copyright: 2009 Nils Glück. Alle Rechte vorbehalten.

Audio-Interview zur “re publica 09″: Stefan Niggemeier über Blogs, Medienkrise und den “etablierten” Journalismus

Stefan Niggemeier. Foto: Nils Glück

Stefan Niggemeier. Foto: Nils Glück

Ich habe ein Audio-Interview mit dem Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier gemacht. Anlässlich der Blogger-Versammlung “re publica 2009″ in Berlin habe ich mich mit ihm über Journalismus und Blogging unterhalten. Hört euch den Podcast an und kommentiert reichlich!

Audio: Stefan Niggemeier auf der re publica 09

Copyright: Nils Glück, 2009. Alle Rechte vorbehalten.

Marc Doehler zur Absetzung von Money Express: “Die Sender müssen jetzt Beschwerden fürchten”

Quelle: Matthias Walz, flickr.com

Quelle: Matthias Walz, flickr.com

Die Fernsehshow “Money Express” gehört bald der Vergangenheit an – zumindest auf VIVA, Nick und Comedy Central. Zum 1. Oktober werde man die Quizsendung aus dem Programm nehmen, teilte die Sendergruppe MTV Networks am vergangenen Donnerstag mit (siehe Pressemitteilung). Der Internet-Aktivist Marc Doehler wirft der Produktionsfirma Callactive seit Jahren betrügerische Methoden vor und ging dafür sogar vor Gericht. Im Interview erklärt Doehler jetzt, warum er zwar erleichtert, aber längst nicht zufrieden ist.

Erstaunliche Begründung: Lieber Videoclips statt Call-in-TV

Man wolle dem Zuschauer die Call-in-Show nicht länger zumuten, heißt es sinngemäß in der Pressemitteilung.
Stattdessen werde es ein hochwertigeres Programm zu sehen geben: Bei VIVA sollen demnächst Videoclips, bei Nick altbewährte Comics und bei Comedy Central die US-Serie “South Park” laufen. “Money Express” gehört zur Gattung der Call-in-Shows, einer modernen Form des Mitmach-Fernsehens, wie es die Betreiber nennen.

Die “grünen Gnome”: David gegen Goliath im Gerichtssaal

Die Methoden, mit denen die Sender ihre Zuschauer zum Anrufen bewegen, sind höchst umstritten. Der Berliner Marc Doehler (40) betreibt neben seiner Arbeit als Systemadministrator die Online-Plattform “call-in-tv.net” (siehe Screenshot), auf der er die unlauteren Tricks der Anrufshows aufdecken und bekämpfen möchte. Seit 2006 erfreut sich das Projekt großer Beliebtheit. Eine ganze Community von “grünen Gnomen” dokumentiert und durchleuchtet jedes Call-in-Gewinnspiel, das im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird.

Bald musste sich Doehler einen Anwalt nehmen, denn Callactive, bis vor wenigen Monaten noch die Produktionsfirma von “Money Express”, ging mit Abmahnungen gegen das Netzwerk vor. Der Vorwurf: Die Behauptungen, wonach die Call-in-Show seine Anrufer offensichtlich belüge und betrüge, seien falsch und müssten künftig unterbleiben. Den Prozess gewann Doehler überraschend, nachdem er in seinem Forum eine Vorab-Zensur hatte einrichten müssen – Callactive zog die Klage zurück.

Sie die Programmänderung mit gemischten Gefühlen: Marc Doehler. Quelle: Marc Doehler

Sieht die Programmänderung mit gemischten Gefühlen: Marc Doehler. Quelle: Marc Doehler

Der Obergnom im Interview: “An unseren Beobachtungen ändert sich nichts”


NilsOle.net:
Herr Doehler, wie haben Sie auf die Mitteilung der MTV Networks reagiert, die Sendung “Money Express” werde zum 1. Oktober eingestellt?

Marc Doehler: Ich habe es zur Kenntnis genommen – Freude wäre übertrieben. Ich muss aber sagen, dass die Aussage der Pressemitteilung schon ein Witz ist.

Inwiefern? Das Unternehmen begründet seine Programmumstellung damit, “Money Express” entspreche “nicht mehr den Ansprüchen an zeitgenössische TV-Unterhaltung”.

Marc Doehler: Der ganze Satz ist ein Witz. Denn die Sender hatten es selbst in der Hand, die Ansprüche an zeitgenössische Untehaltung zu gestalten oder zumindest umzugestalten. Daran hatte man aber überhaupt kein Interesse, weil es bei “Money Express” einfach nur darum ging, den Zuschauer auszunehmen wie eine Weihnachtsgans.

Sie halten die Begründung also für unglaubwürdig?

Marc Doehler: Absolut! Man muss auch an den neuen Rundfunkstaatsvertrag denken, der seit dem 1. September in Kraft ist. Dort gibt es einen Passus, der sich mit Call-in-Gewinnspielen auseinander setzt – bei Programmverstößen drohen den veranstaltenden Sendern jetzt erhebliche Bußgelder.

Woran erkennt man solche Programmverstöße?

Marc Doehler: Es gibt die so genannten Anwendungs- und Auslegungsregeln zu TV-Gewinnspielen, die von den Landesmedienanstalten in Zusammenarbeit mit den Call-in-Veranstaltern festgelegt worden sind. Ein Teil dieser Regeln ist jetzt im Rundfunkstaatsvertrag fest verankert. Wenn ein Sender sich nicht an diese Regeln hält, kann die Landesmedienanstalt ein Bußgeld von bis zu 500.000 Euro verhängen – ähnlich wie bei Schleichwerbung.

Und wer soll überprüfen, ob die Sender die Regeln einhalten?

Marc Doehler: Jeder Bürger kann die Landesmedienanstalten mit einer Programmbeschwerde auf Verstöße aufmerksam machen. Weil sich viele Bürger intensiv mit Call-in-Sendungen auseinander setzen und das Regelwerk kennen, müssen Sender jetzt Beschwerden fürchten, wenn sie sich nicht daran halten.

Den Sendern wird häufig vorgeworfen, durch künstlichen Zeitdruck die Zuschauer zum Anrufen zu motivieren. Können Sie weitere Beispiele für zweifelhafte “Tricks” nennen?

Marc Doehler: Es gibt die Auflage, dass kein erhöhter Anreiz zu Mehrfach-Anrufen erzeugt werden darf. In der Praxis sieht das so aus: Seit kurzem raten die Moderatoren zu einem “gesunden Anruflimit”, obwohl den Zuschauer nach wie vor gesagt wird, sie sollten es ruhig mehrmals probieren. In den Sendungen werden den Leuten außerdem Gewinne für das bloße Anrufen versprochen – da heißt es dann: “Wenn Ihre Lösung falsch ist, bekommen Sie immer noch 500 Euro.” Meiner Meinung nach ist das eine indirekte Aufforderung zu Mehrfach-Anrufen, weil sich durch den Pauschalgewinn hohe Telefonkosten rechnen sollen. Das ist ein eindeutiger Verstoß gegen die neuen Auflagen.

Werden die Auflagen denn überhaupt Wirkung zeigen?

Marc Doehler: Auf jeden Fall. Es wird zwar nicht häufig zur Höchststrafe von 500.000 Euro kommen, aber schon geringere Bußgelder sind für die Sender nicht leicht zu verkraften.

Ist die Absetzung von “Money Express” der Anfang vom Ende für Call-in-Shows im deutschen Fernsehen?

Marc Doehler: Es gibt zumindest einen deutlichen Rücklauf in den Anrufshows – die Sendungen laufen nicht mehr so gut wie vor einigen Jahren, ansonsten würde man Sendungen wie “Money Express” nicht absetzen.

Callactive, der frühere Produzent von “Money Express”, ist für Sie ein persönlicher Gegenspieler – über Jahre hatten Sie juristische Auseinandersetzungen mit dieser Firma. Ist der Rückzug auch eine Genugtuung für Sie?

Marc Doehler: Nicht wirklich. Einerseits habe ich keine weiteren Auseinandersetzungen mit Callactive zu befürchten. Andererseits ist immer noch nicht geklärt, ob unsere früheren Beobachtungen zu den Methoden von “Money Express” nun richtig waren oder nicht. An unseren Beobachtungen ändert der Rückzug nichts.

Womit wollen Sie eigentlich Ihre Freizeit verbringen, wenn es im Fernsehen keine Anrufshows mehr gibt?

Marc Doehler: Da gibt es viele Möglichkeiten. Das Nächste, was ich mir vornehmen könnte, sind die so genannten Astro-Shows: Da meint auch jeder Hinz und Kunz, er könne sich vor die Kamera setzen und Weissagungen treffen. Ich werde nicht auf ein anderes Betätigungsfeld ausweichen, nur weil es irgendwann keine Call-in-Gewinnspiele mehr geben wird.


Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger – Der „Money Express“ ist abgefahren (5. September 2008)
  • DWDL.de – MTV Networks verbannt Call In aus dem Programm (4. September 2008)
  • lifego Blog – MTV Networks streicht Call-In-Shows (4. September 2008)
  • TVmatrix Network – Das Ende von “Money Express” – Ein Kommentar von Marc Doehler (4. September 2008)
  • die-flimmerkiste.de.vu – Erneute Abmahnung für Call-In-TV.de (19. Dezember 2007)
  • Tagesspiegel.de – Medien – Call-in-Sendungen: Mach mit, mach’s nach… (1. Juli 2007)
  • Stefan Niggemeier – Neues von Callactive (31. Mai 2007)
  • DWDL.de – Lauenstein-Affäre: Eine Chronik der Ereignisse (23. Mai 2007)
  • Stefan Niggemeier – Call-TV-Mimeusen (24. April 2007)
  • “Debatte 2.0″ bei N24: Netter Plausch statt interaktive Diskussion

    Quelle: N24

    Quelle: N24

    Der Nachrichtensender N24 hat gestern Nacht erstmals seine neue interaktive “Debatte 2.0″ gesendet. In dem neuen Format sollen die Zuschauer das Sagen haben – in selbst gedrehten Web-Videos dürfen sie den Studiogast zur Rede stellen. Günther Beckstein machte eine gute Figur – ansonsten gehört “Debatte 2.0″ leider in die Rubrik “gescheiterte Crossmedia-Versuche”.

    Leider nur ausgewählte Wortmeldungen

    Die ersten Meldungen lasen sich vielversprechend. Von einem “Polit-Talk interaktiv” war die Rede – “Stellen Sie Günther Beckstein Ihre Frage per Video”. Ich hatte mich auf verwackelte, pixelige Live-Videos gefreut, erhitzte Gemüter und Bürgerpolemik. Alles vergeblich. Denn die Zuschauer mussten ihre Fragen vorab in einen MyVideo-Channel (siehe Screenshot) hochladen und darauf hoffen, dass ihre Wortbeiträge ausgewählt wurden.

    Vertretungshalber musste Marc Jungnickel als Moderator für Peter Limbourg einspringen – eine schlechte Wahl, wie sich bald zeigen sollte. “Wir haben seit Wochen Ihre Fragen im Internet gesammelt”, versicherte Jungnickel dem erwartungsvollen TV-Publikum. Schaut man sich das Video-Portal mal genauer an, entdeckt man aber nur 15 Wortbeiträge von interessierten Zuschauern. Das ist keine besonders große Auswahl für eine innovative Sendung.

    Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

    Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

    Verfehltes Konzept: Konservierte Userbeteiligung, null Interaktivität

    Und auch das Konzept ist alles andere als interaktiv: Wenn ein Sender aufgezeichnete Videos auswählt und im Studio auf einem Display abspielt, kann kaum von einer Debatte die Rede sein. Jede Radioshow, an der sich Anrufer per Telefon beteiligen können, ist interaktiver – gutes Beispiel dafür ist die Sendung “Nachgefragt” im Anschluss an den wöchentlichen ARD-Presseclub, die auf Phönix und im Radio auf WDR 5 ausgestrahlt wird. Damit der scheinbare Bezug zum Internet nicht ganz außen vor blieb, diente bei N24 ein beigestelltes Notebook als plakative Studiodekoration.

    “Jetzt ist der Moment gekommen, da wird Günther Beckstein antworten müssen”, sagt der Moderator und kündigt damit ein knallhartes Verhör an. Was folgt, ist eine nette Plauschrunde: Beckstein geht nicht auf die Fragen der User ein und spult nur seine politischen Programmstatements ab. Eine Zuschauerin fragt, ob Herr Beckstein denn Willy Brandts Kniefall erklären könne – das ignoriert der Gast einfach und nennt erst Minuten später das Stichwort “Überfall auf Polen”.

    Ein zahmer Moderator interviewt den Stichwortgeber

    Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

    Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

    Apropos Stichworte: Der freundliche Moderator ist dermaßen zahm, dass der CSU-Politiker minutenlang uneingeschränkt über seine Ansichten referieren darf, anstatt sich rechtfertigen zu müssen. “Sie haben gerade das Biertrinken als Stichwort gegeben”, sagt Jungnickel, lehnt sich zurück und lauscht fasziniert dem Stichwortgeber. Ansonten bringt der Moderator zusätzliche Aspekte ins Gespräch ein und präsentiert sein Allgemeinwissen, widerspricht aber nicht und hakt kaum nach – das ist keine Polit-Debatte, sondern ein gemütliches Palaver. Da wundert es dann auch niemanden mehr, wenn Gast und Journalist gemeinsam abschweifen und sich über überfüllte Oktoberfest-Zelte amüsieren. Später darf Beckstein die einzelnen SPD-Spitzenpolitiker der Reihe nach kritisieren – über Minuten führt er einen Monolog, der nichts Neues transportiert. Wie war nochmal der N24-Slogan – “Wir kommen zur Sache”?

    Die Redeanteile des Moderators überwiegen im Vergleich zu den kurzen Videos – kein Wunder bei so wenigen Zuschauerfragen. So wird die interaktive Show zum gewöhnlichen Interview, denn in 30 Minuten Sendezeit kommen nur neun Zuschauer in ihren Video-Schnipseln zu Wort. Zum Gähnen.

    Konnte sich ungestört ausprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

    Konnte sich ungestört aussprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

    Fazit: Nichts als leere Worte

    Wer eine “Debatte” kurz vor Mitternacht ausstrahlt, rechnet erst gar nicht mit hohen Quoten. Das Interesse der Webnutzer an dem neuen Format tendiert gegen null – in dem Gästebuch zur Sendung gibt es gerade mal neun Einträge. Ende August schrieb ein User: “debatte was heisst das? und wo sind den die leute die mit machen? bis jetzt nur 6 fragen von 6 personen? das is doch keine debatte”. Vollkommen richtig – für die Macher von N24 ist “Web 2.0″ wohl nur ein leeres Modewort. Und es hat auch nichts mit Crossmedia zu tun, wenn eingeschickte Videos im Studio abgespielt werden. Zum Ende der Beckstein-Selbstdarstellung sagt Marc Jungnickel: “Online kann auch was Gutes haben” – was meint er damit bloß?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FAZ.net – Medien – Fernsehkritik: Keine Fragen mehr (4. September 2008)
  • Blogpiloten.de – Möchtegern-Debatte 2.0 auf N24 (3. September 2008)
  • netzwertig.com – Politik: N24 und MyVideo wollen Debatte 2.0 (3. September 2008)
  • ring2* – N24 Debatte 2.0 – ein komplementäres Fernsehformat (3. September 2008)
  • Streit um HDTV eskaliert: BITKOM spricht von “Körperverletzung”

    Quelle: EICTA.org

    Quelle: EICTA.org

    Das sei “fast schon Körperverletzung”, sagt Achim Berg im Bild-Interview – gemeint ist das analoge Fernsehsignal. Berg ist Vizepräsident des Verbandes BITKOM und hauptberuflich Geschäftsführer von Microsoft Deutschland. Er kann nicht begreifen, warum die Deutschen so zögerlich auf den neuen Standard “High Definition” (HD) reagieren, der den TV-Zuschauern doch exzellente Bildqualität bietet.

    Im Ringen um die Etablierung dieses neuen Sendestandards wird der Ton rauer: Denn auch drei Jahre nach der Markteinführung gibt es kaum TV-Programme, die in HD-Qualität ausgestrahlt werden. Pünktlich zur Internationalen Funkausstellung in Berlin reden sich die Interessenvertreter in Schwung. Und wo sachliche Argumente nicht mehr reichen, da muss eben rhetorisch nachgeholfen werden. Interessant ist allerdings, dass während des Interviews nicht klar wird, in welcher Funktion Achim Berg hier spricht: Denn er redet nicht nur von HDTV, sondern auch von dem Internet-Fernsehen IPTV. Wohl nicht rein zufällig, denn Microsoft liefert unter anderem die Software für das Internet-Fernsehen von T-Home und dürfte an Umsatzsteigerungen in diesem Bereich kräftig mitverdienen.

    Von wegen Revolution: Die Geräte sind “HD ready” – das Programm noch nicht

    Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

    Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

    “20 Prozent der Haushalte haben heute schon Flachbildschirme, die das hochauflösende Fernsehen HDTV darstellen können”, sagt Berg in dem Interview. Selbst wenn diese Zahl stimmt, bleibt es dabei: Bis auf Weiteres müssen deutsche TV-Konsumenten auf High Definition im laufenden Programm verzichten. Aber warum ist Deutschland nicht schon längst das Paradies der hochauflösenden Glotzen, so wie es Branchenvertreter und die verärgerten Kunden fordern? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, und nur teilweise sind verschlafene TV-Anstalten dafür verantwortlich.

    Problem 1: Längst nicht jeder hat bereits digitales Fernsehen

    Wer HD genießen will, braucht dafür ein digitales Signal – das herkömmliche, mittlerweile veraltete Analog-TV ist für den neuen Standard nicht geeignet. Nach aktuellen Zahlen ist aber erst knapp die Hälfte der deutschen Haushalte auf Digital-Fernsehen umgestiegen. Nach wie vor sehen viele Konsumenten also keinen Grund für Innovationen – obwohl der Umstieg denkbar einfach und kostengünstig ist.

    Problem 2: Der Umstieg auf HD-Produktion ist teuer

    Fernsehproduktionen und -ausstrahlungen in HD sind teuer und technisch aufwändig. Kein Wunder also, dass es in Deutschland noch keiner der bundesweit frei empfangbaren Sender gewagt hat, ein Dauerprogramm in HD auf die Beine zu stellen. Komplizierte neue Technik muss installiert, das Personal umgeschult werden – das alles kostet viel Zeit und Geld. Allein das ZDF hat für diesen Wandlungsprozess 100 Millionen Euro an Gebührengeldern eingeplant.

    Quelle: Garry518, STOCKXPERT

    Quelle: Garry518, STOCKXPERT

    Problem 3: Technisches Kuddelmuddel beim Kabelempfang

    Wer Kabel hat und HDTV will, guckt derzeit noch in die Röhre. Zu groß ist noch das technische Durcheinander, denn bislang konnte man sich bei den Kabelnetzbetreibern auf keine verlässliche Norm einigen. “Zu umständlich” sei der HD-Umstieg für den Kabelnutzer, sagt Verbraucherschützer Michael Gundall im Interview mit dem Digitalmagazin. Er bezeichnet das digitale Kabelfernsehen als “große Baustelle”.

    Problem 4: HDTV über Antenne – leider Fehlanzeige

    Zwar wird der digitale Antennenempfang (DVB-T) in Kürze deutschlandweit und flächendeckend möglich sein. Noch gibt es noch kein HD-Signal für die drahtlose Technik, für die man nur eine kostengünstige Zimmerantenne benötigt.

    HDTV: Optische Täuschung oder Non Plus Ultra?

    Es ist also längt nicht so einfach, wie viele Kritiker in diesen Tagen behaupten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich vorgenommen, im Jahr 2010 regulär auf HDTV umzusteigen – das ist vielen Käufern von HD-Geräten einfach zu langsam. Die privaten Sender hatten bislang auch ihre Probleme mit der neuen Technik und stellten das Programm nach einem Pilotprojekt wieder ein. Bislang senden nur der Bezahlsender Premiere, Arte und Anixe HD in der neuen hochauflösenden Qualität.

    Premiere bezeichnet sich gerne als Vorreiter in Sachen HD, erntet dafür aber auch kritische Userkommentare im Internet. In einem Bericht bei heise.de wird deutlich, dass Premiere durch seine HD-Lobbyarbeit vor allem wohl die eigenen Geschäftsnöte lindern will. Zu einer regelrechten Eskalation der Diskussion kam es, als die ARD in einem Ratgeberbericht offenbar dem TV-Konsumenten empfahl, sich beim Neukauf für ein herkömmliches Röhrengerät zu entscheiden. Empört reagierte ein Technikportal auf die selbstgefällige Formulierung, die Öffentlich-Rechtlichen seien “Vorreiter” beim HDTV. Daraufhin wurde der ARD-Artikel offenkundig überarbeitet – die kritisierten Passagen jedenfalls sind nicht mehr aufzufinden. Und um dem Ganzen mehr Sachlichkeit zu verleihen, ergänzte man nachträglich noch ein Experteninterview.

    Fazit: Kommt Zeit, kommt HD – hektische Rhetorik ist sinnlos

    Quelle: Brian Lary, stock.xchng

    Quelle: Brian Lary, stock.xchng

    Eines steht für mich nach stundenlanger Recherche fest: HD ist seiner Zeit voraus – denn die Kunden und Sender sind noch nicht bereit für diese Technik. Und wer durch bloße Rhetorik die Nachfrage nach dem digitalem TV-Genuss herbeischreit, wird gegen die Windmühlen der Fernsehanstalten ohnehin nicht ankommen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger – Medien – Digitales Fernsehen: Neue Geräte müssen her (28. August 2008)