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Archiv der Artikel die mit internet getagged sind.

Digitale Datenflut: Die Netz-Neurose als Volkskrankheit

Ich muss heute noch bloggen. Das habe ich mir vorgenommen – jeden Tag ein Eintrag, der Aktualität halber. Für die Besucher, für die Googler, für die Suchmaschinen, für das Ego. Das ist mein persönlicher Beitrag zur digitalen Datenflut, die der Spiegel in seinem aktuellen Titelthema größtenteils für “Verschmutzung” hält. Nun, verschmutzen will ich hier wirklich nichts – und vielleicht hast du ja gerade gegoogelt und freust dich jetzt, weil du genau das gefunden hast, wonach du gesucht hast: Eine selbstkritische Reflektion zum aktuellen Spiegel-Titelthema.

Es geht um die Frage, ob das Überangebot an digitalen Informationen für den Mensch schädlich sein kann. Und ebenso platt-provokant wie die einstige Schlagzeile “Sind deutsche Schüler doof?” (es ging damals um den Pisa-Test) kommt auch dieses Titelblatt daher: “Macht das Internet doof?”

Piep! Der fatale E-Mail-Kontrollzwang

Als angehender Journalist ist für mich das Internet unentbehrlich geworden, ich bin tatsächlich ein “Informationsarbeiter”. Der Spiegel sagt, dass laut statistischen Erhebungen solche Personen “etwa 50-mal pro Tag” ihre E-Mails kontrollieren. Auf mich trifft das nicht zu – denn bei mir flattern die E-Mails automatisch und pausenlos ins Postfach, rund um die Uhr – dann piept’s laut. Dass es deswegen bei mir piept, kann ich nicht bestätigen.

Digitale Zeitverschwendung – die Zeitung als Oase der Ruhe

Der Befürchtung, man verschwende im Internet seine Zeit, muss ich aber leider Recht geben. Denn die Mails enthalten selten interessante Infos – stattdessen nur Dinge wie “Hi, ich wollte euch nur nochmal darauf hinweisen, dass das Treffen wie immer heute im Asta-Seminarraum stattfindet.” Die meisten Mails lese ich gar nicht mehr. Mit der Folge, dass ich wirklich wichtige Informationen verpasse.

Was den Nachrichtenkonsum angeht, bin ich fast 100-prozentig auf tagesaktuelle Printmedien umgestiegen – weil News-Portale einfach zu aktuell sind; es geht tatsächlich zu schnell. Um am Ende des Tages Verlässliches im Netz gelesen zu haben, muss man ständig die Reload-Taste drücken. Das kostet Zeit und lenkt ab.

Der Netz-Neurotiker: In den Fängen der Prokrastination

Apropos Ablenkung: Wer zur Spezies der “Digital Natives” gehört und ständig googelt, SMS schreibt, E-Mails sichtet und telefoniert und dabei wieder auf sein Postfach schielt, der verliert seine Prioritäten aus den Augen. Das ist das Schicksal derer, die mit dem weltweiten Netz groß geworden sind. Permanente Frage: Was wollte ich noch gerade machen – und ist das überhaupt so wichtig? Der Spiegel nennt das Stichwort, das die heutige Studentengeneration nur allzu gut kennt: Prokrastination, das zwanghafte Aufschieben von anstehenden Aufgaben. Dass der digitale Dschungel dieses Aufschieben unterstützt, weiß jedes StudiVZ-Mitglied. Auch ich hätte Besseres zu tun als jetzt hier zu bloggen – zum Beispiel könnte ich das Buch über Prokrastination lesen, das ich mir neulich gekauft habe. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag…

So stecke ich in einem verflixten Dilemma. Ich werde von der Informationsflut mitgerissen. Ich bin Informationsarbeiter und kann gar nicht abschalten: Ein Arbeitstag ohne E-Mail ist undenkbar (piep: schon wieder zwei E-Mails…). Wie soll ich recherchieren ohne Suchmaschine, Hausarbeiten schreiben ohne den Online-Duden? Wie soll ich meine Ausarbeitung schreiben ohne die StudiVZ-Community zu fragen, worüber wir denn überhaupt schreiben sollen. Wie soll ich mich ohne Handy zum Teamtreffen treffen? Und wie soll ich meinen Freunden dann sagen, dass ich auf Internet-Entzug bin und mal wieder was unternehmen will, wenn ich keine SMS mehr senden kann?

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • departure Blog – David Weinberger: Information Overload ist ein Business-Modell
  • ReadWriteWeb.com – Info Overload: The Problem
  • Das Kulturmanagement Blog – Der Kampf gegen die Informationsflut
  • Spiegel Online – Bürowelt: Arbeitshindernis Technik
  • Medien Monitor – Redaktionsblog: Im Netz verheddert
  • Crossmedia: Burda-Verlag will Bratpfannen verticken

    “Change or die.” Wer am neuen Medienmarkt überleben will, muss seine Marketingkonzepte drastisch ändern – soweit die Theorie. Doch was Burda-Vorstand Christiane zu Salm gestern in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vorgeschlagen hat, klingt richtig innovativ: Die Verlage sollen künftig kein bedrucktes Papier mehr verkaufen, sondern Bratpfannen. Und außerdem sollen sie noch Werbespots drehen.

    Im Labor zischt und brodelt es

    Die Frau hat sich etwas vorgenommen. Nur was, das weiß sie wohl noch nicht so genau, oder sie will es nicht verraten. Als neuer “Vorstand Crossmedia” des Burda-Verlags zu München muss sie experimentieren. Seit vielen Jahren basteln die Verlage in ihren Entwicklungslaboren an einem Ausweg aus der Zeitungsflaute, hin zu neuen, lukrativen Ufern im Internet. Holtzbrinck hat’s probiert mit dem StudiVZ-Aufkauf und dem hippen Nachrichtenportal zoomer. “Wir entwickeln gerade für einen Markenartikler eine neue Community”, sagt zu Salm geheimnisvoll.

    “Vorstand Crossmedia” hört sich nach jemandem an, der aus dem Journalismus kommt oder zumindest mal damit zu tun hatte. Zu diesen Personen gehört die Neue aber nicht. Sie studierte BWL und machte sich als MTV-Geschäftsführerin einen Namen. Dann machte sie aus einem Frauensender die Quizhölle 9Live – das Blatt nennt die Abzockmaschinerie einen “einträglichen Anrufsender”. Eins steht fest: Frau zu Salm ist clever und kann mit Geld umgehen.

    Verlage als Versandhändler – Journalismus adé

    Aber kann sie auch mit Verlagen umgehen? “Journalistisch gestaltete Inhalte sind sehr schwer zu refinanzieren”, sagt sie und meint damit das Internet. Online-Journalismus allein ist nicht lukrativ, weil keiner dafür Geld hergeben will. Und deshalb will sie künftig “Commerce, Inhalt und Monetarisierung zusammenbringen”. Soll heißen: Der Verlag soll in erster Linie nicht Journalismus, sondern Anzeigen und alles Mögliche verkaufen – Beispiel: “Wer dann auf die Homepage von ‘Elle klickt, kann vielleicht eine Designertasche kaufen.” Und wer auf der Homepage eines Burda-Haushaltsblättchens surft, bekommt schwups ‘ne Bratpfanne angedreht.

    So einfach ist das: Christiane zu Salm will “den Leser zum Kunden” machen. Das Burda-Produkt wird quasi Neckermann, Otto, MediaMarkt und Frauenzeitschrift in Einem, und das alles hocheffizient sowie crossmedial.

    Zukunft der Verlage: Werbung über alles – Hautpsache kosumorientiert

    Denn was Crossmedia angeht, so soll die Kraft des Unternehmens künftig in der Werbeproduktion gebündelt werden: Der Verlag soll Print-Anzeigen und Online-Werbespots selbst bereitstellen, sagt Frau Crossmedia. Aufgabe des Medienerzeugnisses hinsichtlich eines beworbenen Produktes soll es sein, “Sehnsucht zu erzeugen, den Konsumenten für das Produkt einzunehmen”.

    Eins steht fest: Ich werde nicht ins Internet gehen, weil man mir auf dem Papier ein tolles Video verspricht. Mich überkommt eher ein schauriges Gefühl bei dem Gedanken, dass Redaktion, Vertrieb und Anzeigen künftig ein Bereich werden sollen. Denn ändert der Konsument (ehemals Leser) seine Vorlieben, muss ich als Journalist plötzlich nicht mehr über Politik und Kultur, sondern über Bratpfannen und Handtaschen texten.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FTD.de – Serie: Die Zukunft der Zeitung
  • taz.de – Dossier: Die Zeitung der Zukunft
  • Kaukasus-Krieg: Amateur-Reporter an vorderster Front

    Während die Situation in Südossetien weiter eskaliert, kursieren im Internet erste Amateurvideos aus der Region. Anhand der georgisch-russischen Krise zeigt sich wieder einmal: Zwar erzeugen die vermeintlich authentischen, unzensierten Filmdokumente viel Aufmerksamkeit. Aber deren Echtheit lässt sich am Bildschirm nicht überprüfen, und die Quellenlage ist häufig unsicher.

    Umstrittenes Portal zeigt die ganze Wahrheit – wenn sie nicht gefälscht ist

    Das Videoportal LiveLeak ist führend in der Veröffentlichung von unzensiertem, teils schockierendem und daher häufig umstrittenem Videomaterial. LiveLeak publizierte unter anderem das heimlich gedrehte Video von der Hinrichtung Saddam Husseins, das laut LiveLeak-Statistiken bis jetzt fast 7 Millionen Mal aufgerufen worden ist. In Deutschland war ein LiveLeak-Video in der Tagesschau zu sehen, nachdem ein Amateurfilmer zufällig den gefährlichen Landeanflug einer Lufthansa-Maschine am Hamburger Flughafen eingefangen hatte.

    Heftige Gefechte vor der Hand-Kamera

    So sehen wir im Folgenden ein Video aus Rohmaterial, das mehrere Soldaten mit osteuropäischem Akzent während eines offenkundigen Kampfeinsatzes zeigt. Quellen sind keine angegeben, lediglich der Titel (“Raw Video : Georgia And S. Ossetia Exchange RPG And Gunfire, 6 Wounded”) enthält Informationen: Anscheinend handelt es sich bei den Kampfparteien um südossetische und georgische Truppen, die mittelschwere Munition einsetzen. Sechs Menschen sollen dabei verletzt worden sein. Der anschließende Beschreibungstext ist identisch mit Auszügen aus einem Artikel des russischen Nachrichtenportals RussiaToday und liefert keine Informationen zur speziellen Situation. Achtung: Das Video enthält Kriegsszenen und sollte nicht von Minderjährigen oder empfindlichen Personen geschaut werden!

    Ob die Aufnahmen aktuell und authentisch sind, weiß niemand. Einer der kommentierenden User fragt sich, ob das Feuer aus den Gewehrmündungen echt sei (“Anybody else think that the muzzle flashes looked faked? Maybe because of the poor quality.”).

    Nächtlicher Beschuss: Mutmaßliches Beweismaterial

    In einem weiteren Video (gepostet am 7. August nach dem ersten Video) sind Gefechtsgeräusche bei Nacht zu hören. Die anschließenden Aufnahmen am Tag dokumentieren vermutlich die Auswirkungen von Kampfhandlungen. Auch hier lassen sich dem Beschreibungstext keine spezifischen Informationen entnehmen – er scheint von einer Nachrichtenagentur zu stammen, denn etliche Internet-Newsdienste enthalten den Text. Auch der Titel (“Abkhazia To Open Up Second Front.” – “In Abchasien droht eine neue Front zu entstehen.”) bleibt sehr vage.

    Bilder vom Kriegsschauplatz

    Material von kämpfenden, vermeintlichen russischen Truppen ist im dritten Video, veröffentlicht am gestrigen Tag zu sehen: Der Text berichtet von einer Großoffensive der Russen, die die südossetischen Separatisten unterstützen. Auch sollen nordossetische Freiwillige unter den Einheiten sein: “Rocket launchers from a Russian unit 58 assist South Ossetia plus a detachment of cossacks with over 300 volunteers from North Ossetia including other regions in the fight against Georgia”. Die ersten Bilder zeigen den Absturz eines georgischen Kampfflugzeugs (“Raw : Remnants Of Georgian Fighter Plane Fall From The Sky.”). Achtung: Das Video enthält Kriegsszenen und sollte nicht von Minderjährigen oder empfindlichen Personen geschaut werden!

    Ebenfalls gestern wurden die folgenden, beeindruckend authentisch wirkenden Aufnahmen gepostet, die laut Beschreibung den Einmarsch russischer Truppen in die Region zeigen. Sie wurden in einem fahrenden Auto gemacht.

    Georgien: Jubelnde Menschen für den Frieden

    Eine Menschenkette für den Frieden ist im folgenden Video dokumentiert (“Thousands of Georgian people”). Die Aufnahmen stammen laut Beschreibung von gestern Abend und wurden im Zentrum der georgischen Hauptstadt Tiflis gemacht.

    Aktuelle Berichte aus der Region

    Bemerkenswert ist zuletzt auch die wenige Stunden alte, propagandistisch wirkende Stellungnahme des südossetischen Nachrichtenportals “Cominf.org”: Dort ist die Rede von einem “Völkermord an den Osseten”. Ein weiterer Link, den ich über Google gefunden habe, führt zum Blogpost eines Freiwilligen des US-amerikanischen Friedenskorps. Der Autor schreibt, er habe Georgien vor zwei Tagen verlassen und befinde sich sicher im Nachbarland Türkei: “I have every confidence that Peace Corps will take care of its volunteers; for me, I am safe in Turkey. We can only hope and pray that this violence does not spread further and threaten the progress for which my friends in Georgia have worked so hard.”

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FOCUS Online – LiveLeak: Videoportal für alles Extreme
  • Stuttgarter Zeitung online – Videoportale im Netz: Liveleak zeigt alles
  • Kommerz 2.0: Bloggen im Auftrag der Wirtschaft

    Seit Januar 2007 bietet das Schweizer Marketingunternehmen “trigami” Internet-Bloggern einen Nebenverdienst an: Für Produktrezensionen auf ihren Internetseiten bekommen die Webautoren bares Geld. Während die einen eine schleichende Kommerzialisierung der Blogger-Szene befürchten, freuen sich andere Hobby-Autoren über ein kleines Zubrot – und die so beworbenen Konzerne frohlocken. Weiterlesen ‘Kommerz 2.0: Bloggen im Auftrag der Wirtschaft’ »

    Gebühren auf Netzwerkkarten: Hat der GEZ-Irrsinn bald ein Ende?

    Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz zur Erhebung von Rundfunkgebühren für Internet-PCs gibt es Hoffung für die deutschen Surfer. Zwar wird die GEZ Berufung einlegen – aber zumindest ist jetzt klar, dass selbst deutsche Gerichte nicht auf Anhieb zugunsten der umstrittenen Forderungen der Zentrale urteilen. Es ist also komplizierter, als es die GEZ gerne hätte.

    Seit dem 1. Januar 2007 muss jeder, der einen internetfähigen Computer besitzt, Gebühren für dieses Gerät bezahlen – vorausgesetzt, er ist selbstständig oder betreibt ein Gewerbe und benutzt keinen weiteren Fernseher oder Radioempfänger in seinem Büro. Das, so berichtete Spiegel Online bereits vor der Einführung, werde den Öffentlich-Rechtlichen dreistellige Millionenbeträge einbringen.

    Für viele ist das nichts weiter als staatlich verordnete Abzocke. Denn jeder moderne Computer ist heute internetfähig – LAN-Anschluss macht’s möglich. Und wer beruflich auf den PC angewiesen ist und überhaupt keine Radio- oder TV-Programme über das Internet empfängt, muss leider trotzdem zahlen. Pech gehabt. Man muss kein Rechtsexperte sein, um zu erkennen, dass dies wahrlich nicht dem “Grundsatz der Verhältnismäßigkeit” (Spiegel Online) entspricht. Bei allem guten Willen gegenüber der GEZ: Die Zahl der Selbstständigen, die das öffentlich-rechtliche Internetangebot in einem Maße nutzt, das Gebühren rechtfertigt, dürfte doch recht klein sein.

    Es wird daher höchste Zeit, dass die Sache vor das Bundesverwaltungsgericht kommt. Denn die GEZ treibt hier schnelles Geld ein und begründet das äußerst fadenscheinig. Weg damit!

    Computerspielsucht: Die tägliche Überdosis Illusion

    Die Jugend von heute greift nicht mehr zur Flasche oder zum Joint, sondern zu Maus und Tastatur. Die Rede ist von der Computerspiel-Sucht, die nach jüngsten Meldungen unter deutschen Kindern beängstigend um sich greift. Auch wenn es sich nur um eine Stichproben-Untersuchung handelt, so klingen die ersten Erkenntnisse einer Studie der Uni Koblenz-Landau erschreckend.

    Elterliche Resignation vor dem maskulinen Urtrieb

    Lasst die Jungs doch spielen, sie können’s doch eh nicht lassen. So oder so ähnlich scheinen viele Eltern zu resignieren, wenn sie ihre Schützlinge tagein, tagaus vor dem Computer sitzen sehen. Vielleicht ist es ja nur natürlich, dass das maskulin-pubertierende Individuum auf der Suche nach der Befriedigung eines Urtriebes, der sich nicht sublimieren lässt, nunmehr virtuell auf Jagd gehen muss. So muss der junge Mann Armeen kommandieren, Feinde massakrieren und jenen blutrünstigen Triumph feiern, den die heutige Zivilisation ihm verwehrt. Am PC lässt sich das zumindest befriedigend simulieren. Und wenn alle Gegner erledigt sind, waren die Verluste an Mensch und Material auch noch so groß, streicht sich der Kriegsheld den Schweiß von der Stirn und atmet durch.

    Das Problem: Hier ist bei heutigen PC-Spielen immer seltener Schluss. Die Zeiten, in denen man sich tagelang durch etliche Level kämpfen musste und zu guter Letzt der Vorhang fiel, sind längst vorbei. Damals erwachte der schlaflose Zocker schließlich aus seinem Spielrausch – und das Ausmaß der vertrockneten Pizza-Reste, Cola-Dosen und Energy-Drinks, die sich rund um den PC stapelten, war noch überschaubar. Half-Life war so ein Spiel der alten Sorte, oder Age of Empires. Oder Tetris.

    Zeitloses Zocken: World of Warcraft und der Fluch des nächsten Quests

    Moderne Spiele sind endlos geworden. Titel ohne Mehrspieler-Modus verkaufen sich nicht mehr. Als Paradebeispiel gilt dabei World of Warcraft – hier ist die Zeitlosigkeit das Erfolgsrezept. Die virtuelle Spielewelt, in der sich die Online-Gamer bewegen, wird ständig ausgebaut und der User zahlt einen monatlichen Beitrag für die Suchtbefriedigung. WOW sind bereits viele zum Opfer gefallen: Fleißige Familienväter, die vor der Kiste versackten. Gestandene Studenten, denen irgendwann die Exmatrikulation in den verstopften Briefkasten flatterte, weil ihnen WOW wichtiger war als ihr Werdegang. Schüler, die ihr Abi vergaßen im Wettlauf um den nächsten Quest.

    Der Öffentlichkeit wurde das Thema Gaming nur nahe gebracht, wenn es um Gewalt ging. Die BpB hat diese Debatte der Unsachlichkeiten und Polarisierungen dokumentiert. Dass PC-Spiele aber ein Massenphänomen geworden sind und ein erhebliches Suchtpotenzial besitzen, davon war lange Zeit keine Rede.

    Der Blick in den Kulissen-Code: Alles ein großer Bluff

    Bevor ich mit 13 Jahren zum Web Publishing kam, habe ich selbst oft gezockt – meistens Command & Conquer, damals ein Strategie-Spiel der Extraklasse. Irgendwann habe ich mit dem Programmieren angefangen, und siehe da: Der Reiz des Spiels ließ nach. Wer begriffen hat, wie Computerprogramme funktionieren, versteht irgendwann auch die Sinnlosigkeit des Gaming.

    So erfüllt jedes Programm eine bestimmte Funktion: Es gibt Programme, die bewirken, dass Züge pünktlich ankommen und wieder abfahren. Es gibt Programme, die berechnen Aktienkurse und sorgen für Wirtschaftlichkeit. Es gibt Programme, die stellen dir den Wecker.

    Und leider gibt es auch Programme, die haben keinen Sinn – diese Programme spulen Animationen und Geräusche ab, wenn man Knöpfe drückt. Von denen profitiert niemand, die bringen weder Menschen sicher von A nach B, noch sorgen sie für Effizienz. Sie erzeugen Illusionen und wirken in konzentrierter Form wie Drogen – diese Programme heißen Videospiele.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • PC Games – Kritische Studie zeigt: Wer viel spielt, ist nicht gleich als süchtig einzustufen
  • ZDF – 37 Grad – Im Strudel der virtuellen Welt
  • Welt Online startet interaktives Reise-Voting – ohne Enthusiasmus

    Zwei Reporter, kein Plan und die Web-Community: Nach diesem Prinzip funktioniert die heute gestartete Europareise von Welt Online. Die Besucher des Portals dürfen zweimal täglich abstimmen, wohin die Reise zweier Reporter gehen soll und welche Aufgaben die Protagonisten bewältigen müssen. Ein guter crossmedialer Versuch, denn das Ganze wird natürlich auch für die Printausgabe des Springer-Blattes verwertet. Nur mangelt es dem Projekt an Spritzigkeit und Enthusiasmus.

    Die Verbindung von virtueller Web-Demokratie und realer Reiseplanung klingt erst einmal so interessant, dass ich doch glatt die Zeitung beseite gelegt und mir die Aktion im Web angesehen habe.
    Anscheinend läuft das Voting mit vorgegebenen Wahlmöglichkeiten, die die Redaktion im Voraus bestimmt. Wäre ja auch zu schön zu beobachten, wie die beiden Akteure grandios an der Herausforderung scheitern, binnen eines Tages von Berlin nach Kapstadt zu pilgern. Oder vielleicht an den Nordpol. Dass die User ihren Spaß auch so haben, zeigt das heutige Voting: Die beiden sollen unter freiem Himmel in Hamburg übernachten – die Wettervorhersage prognostiziert leichten Regen und dazu ein frisches Lüftchen.

    Bleibt nur zu hoffen, dass die geschundenen Reporter ein Sonderhonorar für ihren planlosen Einsatz kassieren. Schaut man sich die ersten Einträge im Reise-Videoblog an, sieht es nicht danach aus: Viel zu sachlich, vorbereitet-ausformuliert und teils unbeholfen sprechen die beiden ihre Statements in die Kamera. Urlaubsfreude kommt da überhaupt nicht auf – mit ernsthaften Mienen spielen sie die Ahnungslosen, bleiben dabei aber leider dem steifen Korrespondentenstil treu.


    Lahmes Video-Blog: Gutes Konzept + glanzlose Protagonisten = Langweilig.

    Kein Wunder also, dass sich am heutigen Voting bislang nur gut 100 User beteiligten und sich die Kommentierungswut auch in Grenzen hält. Die Protagonisten sind nicht spritzig genug, man kennt sie nicht – sie sind ja nichtmal lustig. Wären Gülcan und Elton mit von der Partie, wäre vermutlich mehr los. So ist es mir nach einem Tag egal, wohin die Reise durch Europa gehen wird – wenn es auch der Welt gelungen ist, mich auf ihre Internetseite zu locken.

    Peter K. und der Online-Pranger

    Das Internet ist ein Eldorado für paranoide, rachsüchtige oder einfach nur gemeingefährliche Menschen. Das zeigt mal wieder die Webseite RottenNeighbor, die man als Online-Pranger bezeichnen kann. Unter anderem Spiegel-TV hat bereits darüber berichtet.

    Das eigentlich Skandalöse: Die Pranger-Posts werden in Amerika gespeichert. Obwohl hierzulande öffentliche Verleumdung verboten ist, kann man ganz anonym und feige seinem Nachbar – oder seinem Lieblingsfeind – einfach mal was unterschieben. So geschehen in unserer Kleinstadt Rheine: Ein gewisser Peter K. ist dort mehrfach in der Pranger-Karte verzeichnet. Neben angeblichem Name, vermeintlichem Beruf und augenscheinlicher Adresse erfahren wir allerhand Triviales aus Peters Leben. Ob irgendwas davon stimmt, steht in den Sternen. Sogar ein Bild hat der erboste Denunziant aufgetrieben und hochgeladen. Angeblicher Hintergrund: Peter soll ein ganz mieser Betrüger sein, der nicht nur seine Kunden, sondern auch seine Gattin betrügt. Ob’s stimmt – Wayne interessiert’s?

    Peter am Pranger: Noch scheint der Anwalt nicht bemerkt zu haben, dass er öffentlich angeprangert wird.

    Die Tatsache, dass kaum ein User des Portals auch nur annähernd Satzbau und Rechtschreibung beherrscht, lässt auf das intellektuelle Niveau der anonymen Anschwärzer schließen. Sogar “Sex Offender” sind in der Kartei eingetragen – aber diese Form der Paranoia ist in den Staaten ja schon lange Gang und Gäbe, wo Datenschutz und Privatsphäre längst zu Fremdwörtern verkommen sind.