Skip to content
Archiv der Artikel die mit interaktiv getagged sind.

“Debatte 2.0″ bei N24: Netter Plausch statt interaktive Diskussion

Quelle: N24

Quelle: N24

Der Nachrichtensender N24 hat gestern Nacht erstmals seine neue interaktive “Debatte 2.0″ gesendet. In dem neuen Format sollen die Zuschauer das Sagen haben – in selbst gedrehten Web-Videos dürfen sie den Studiogast zur Rede stellen. Günther Beckstein machte eine gute Figur – ansonsten gehört “Debatte 2.0″ leider in die Rubrik “gescheiterte Crossmedia-Versuche”.

Leider nur ausgewählte Wortmeldungen

Die ersten Meldungen lasen sich vielversprechend. Von einem “Polit-Talk interaktiv” war die Rede – “Stellen Sie Günther Beckstein Ihre Frage per Video”. Ich hatte mich auf verwackelte, pixelige Live-Videos gefreut, erhitzte Gemüter und Bürgerpolemik. Alles vergeblich. Denn die Zuschauer mussten ihre Fragen vorab in einen MyVideo-Channel (siehe Screenshot) hochladen und darauf hoffen, dass ihre Wortbeiträge ausgewählt wurden.

Vertretungshalber musste Marc Jungnickel als Moderator für Peter Limbourg einspringen – eine schlechte Wahl, wie sich bald zeigen sollte. “Wir haben seit Wochen Ihre Fragen im Internet gesammelt”, versicherte Jungnickel dem erwartungsvollen TV-Publikum. Schaut man sich das Video-Portal mal genauer an, entdeckt man aber nur 15 Wortbeiträge von interessierten Zuschauern. Das ist keine besonders große Auswahl für eine innovative Sendung.

Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

Verfehltes Konzept: Konservierte Userbeteiligung, null Interaktivität

Und auch das Konzept ist alles andere als interaktiv: Wenn ein Sender aufgezeichnete Videos auswählt und im Studio auf einem Display abspielt, kann kaum von einer Debatte die Rede sein. Jede Radioshow, an der sich Anrufer per Telefon beteiligen können, ist interaktiver – gutes Beispiel dafür ist die Sendung “Nachgefragt” im Anschluss an den wöchentlichen ARD-Presseclub, die auf Phönix und im Radio auf WDR 5 ausgestrahlt wird. Damit der scheinbare Bezug zum Internet nicht ganz außen vor blieb, diente bei N24 ein beigestelltes Notebook als plakative Studiodekoration.

“Jetzt ist der Moment gekommen, da wird Günther Beckstein antworten müssen”, sagt der Moderator und kündigt damit ein knallhartes Verhör an. Was folgt, ist eine nette Plauschrunde: Beckstein geht nicht auf die Fragen der User ein und spult nur seine politischen Programmstatements ab. Eine Zuschauerin fragt, ob Herr Beckstein denn Willy Brandts Kniefall erklären könne – das ignoriert der Gast einfach und nennt erst Minuten später das Stichwort “Überfall auf Polen”.

Ein zahmer Moderator interviewt den Stichwortgeber

Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

Apropos Stichworte: Der freundliche Moderator ist dermaßen zahm, dass der CSU-Politiker minutenlang uneingeschränkt über seine Ansichten referieren darf, anstatt sich rechtfertigen zu müssen. “Sie haben gerade das Biertrinken als Stichwort gegeben”, sagt Jungnickel, lehnt sich zurück und lauscht fasziniert dem Stichwortgeber. Ansonten bringt der Moderator zusätzliche Aspekte ins Gespräch ein und präsentiert sein Allgemeinwissen, widerspricht aber nicht und hakt kaum nach – das ist keine Polit-Debatte, sondern ein gemütliches Palaver. Da wundert es dann auch niemanden mehr, wenn Gast und Journalist gemeinsam abschweifen und sich über überfüllte Oktoberfest-Zelte amüsieren. Später darf Beckstein die einzelnen SPD-Spitzenpolitiker der Reihe nach kritisieren – über Minuten führt er einen Monolog, der nichts Neues transportiert. Wie war nochmal der N24-Slogan – “Wir kommen zur Sache”?

Die Redeanteile des Moderators überwiegen im Vergleich zu den kurzen Videos – kein Wunder bei so wenigen Zuschauerfragen. So wird die interaktive Show zum gewöhnlichen Interview, denn in 30 Minuten Sendezeit kommen nur neun Zuschauer in ihren Video-Schnipseln zu Wort. Zum Gähnen.

Konnte sich ungestört ausprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

Konnte sich ungestört aussprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

Fazit: Nichts als leere Worte

Wer eine “Debatte” kurz vor Mitternacht ausstrahlt, rechnet erst gar nicht mit hohen Quoten. Das Interesse der Webnutzer an dem neuen Format tendiert gegen null – in dem Gästebuch zur Sendung gibt es gerade mal neun Einträge. Ende August schrieb ein User: “debatte was heisst das? und wo sind den die leute die mit machen? bis jetzt nur 6 fragen von 6 personen? das is doch keine debatte”. Vollkommen richtig – für die Macher von N24 ist “Web 2.0″ wohl nur ein leeres Modewort. Und es hat auch nichts mit Crossmedia zu tun, wenn eingeschickte Videos im Studio abgespielt werden. Zum Ende der Beckstein-Selbstdarstellung sagt Marc Jungnickel: “Online kann auch was Gutes haben” – was meint er damit bloß?

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FAZ.net – Medien – Fernsehkritik: Keine Fragen mehr (4. September 2008)
  • Blogpiloten.de – Möchtegern-Debatte 2.0 auf N24 (3. September 2008)
  • netzwertig.com – Politik: N24 und MyVideo wollen Debatte 2.0 (3. September 2008)
  • ring2* – N24 Debatte 2.0 – ein komplementäres Fernsehformat (3. September 2008)
  • Welt Online startet interaktives Reise-Voting – ohne Enthusiasmus

    Zwei Reporter, kein Plan und die Web-Community: Nach diesem Prinzip funktioniert die heute gestartete Europareise von Welt Online. Die Besucher des Portals dürfen zweimal täglich abstimmen, wohin die Reise zweier Reporter gehen soll und welche Aufgaben die Protagonisten bewältigen müssen. Ein guter crossmedialer Versuch, denn das Ganze wird natürlich auch für die Printausgabe des Springer-Blattes verwertet. Nur mangelt es dem Projekt an Spritzigkeit und Enthusiasmus.

    Die Verbindung von virtueller Web-Demokratie und realer Reiseplanung klingt erst einmal so interessant, dass ich doch glatt die Zeitung beseite gelegt und mir die Aktion im Web angesehen habe.
    Anscheinend läuft das Voting mit vorgegebenen Wahlmöglichkeiten, die die Redaktion im Voraus bestimmt. Wäre ja auch zu schön zu beobachten, wie die beiden Akteure grandios an der Herausforderung scheitern, binnen eines Tages von Berlin nach Kapstadt zu pilgern. Oder vielleicht an den Nordpol. Dass die User ihren Spaß auch so haben, zeigt das heutige Voting: Die beiden sollen unter freiem Himmel in Hamburg übernachten – die Wettervorhersage prognostiziert leichten Regen und dazu ein frisches Lüftchen.

    Bleibt nur zu hoffen, dass die geschundenen Reporter ein Sonderhonorar für ihren planlosen Einsatz kassieren. Schaut man sich die ersten Einträge im Reise-Videoblog an, sieht es nicht danach aus: Viel zu sachlich, vorbereitet-ausformuliert und teils unbeholfen sprechen die beiden ihre Statements in die Kamera. Urlaubsfreude kommt da überhaupt nicht auf – mit ernsthaften Mienen spielen sie die Ahnungslosen, bleiben dabei aber leider dem steifen Korrespondentenstil treu.


    Lahmes Video-Blog: Gutes Konzept + glanzlose Protagonisten = Langweilig.

    Kein Wunder also, dass sich am heutigen Voting bislang nur gut 100 User beteiligten und sich die Kommentierungswut auch in Grenzen hält. Die Protagonisten sind nicht spritzig genug, man kennt sie nicht – sie sind ja nichtmal lustig. Wären Gülcan und Elton mit von der Partie, wäre vermutlich mehr los. So ist es mir nach einem Tag egal, wohin die Reise durch Europa gehen wird – wenn es auch der Welt gelungen ist, mich auf ihre Internetseite zu locken.