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Archiv der Artikel die mit geschichte getagged sind.

Früher Stasi, heute Zeitung: Berichteschreiber in deutschen Redaktionen

Quelle: NDR

Quelle: NDR

Ein Redakteur sollte unabhängig und unbestechlich sein – so weit die Theorie. Dass in deutschen Redaktionen noch unzählige ehemalige Stasi-Spitzel sitzen und in leitenden Funktionen arbeiten dürfen, ist daher umso verwunderlicher. Bezeichnend ist, dass sich gerade die eifrigsten Berichteschreiber ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen.

Aktueller Fall: Die Berliner Zeitung

In der Redaktion der Berliner Zeitung saßen nach neuesten Erkenntnissen zeitweise mindestens acht Redakteure, die zu DDR-Zeiten eine kleine Nebentätigkeit besaßen. Zwei von ihnen haben als Inoffzielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ihre Kollegen bzw. sich gegenseitig bespitzelt. Einer ist aus freien Stücken gegangen, der andere darf nicht mehr über Politik schreiben. Bei der Berliner Zeitung kommt die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht – denn welcher noch aktive Redakteur will schon seinen Job riskieren?

Ungeliebter Eindringling aus dem Westen: Ein Journalist wird beschattet

Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

Einer, der damals selbst unter Beobachtung stand, ist der ehemalige ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner. In seiner Dokumentation “Meine Stasi” (Vorschau-Video) stellt er diejenigen zur Rede, die ihn zwischen 1986 und 1989 bespitzelt haben. Damals erlebte und dokumentierte Börner die Lebensumstände der DDR-Bevölkerung aus nächster Nähe.

Als unliebsamer West-Eindringling, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, wühlte Börner dort, wo es dem Regime am meisten weh tat. Freie Recherchen waren gefährlich für die DDR-Führung – in einem Stasi-Schulungsfilm über die Machenschaften von West-Korrespondenten heißt es:

Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden.

Übersetzt heißt das: Die Korrespondenten interviewten vor allem die kritischen Geister der DDR.

Börner klingelt an Türen: “So schlimm war’s ja wohl nicht!

Börner arbeitet nun seine umfangreiche Personenakte durch – schließlich war er damals verantwortlich für westdeutsche Propaganda und bedurfte unbedingter Observierung. Bald wird er fündig und klappert seine früheren Beschatter ab, sofern sie noch am Leben sind. Die Spitzel lauerten überall: Selbst der freundliche Puppenspieler Günter Gerlach war ein IM – seine Frau kann es sich bis heute nicht erklären. Hier gelingt Börner ein guter Einblick in das perfide Überwachungssystem der DDR. Die Recherche wird zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung – entsprechend subjektiv ist die Dokumentation. Börner ist im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

Frank Schulz lehnt eine Stellungnahme zu seinen früheren Stasi-Aktivitäten ab, Reiner Dietrich macht die Tür erst gar nicht auf. Rainer Walther, ehemaliger Direktor der renommierten Palucca-Tanzschule, stellt sich dem Interview und gibt seine Aktivitäten kleinlaut zu. Er lacht peinlich berührt und relativiert: “Also so schlimm war’s ja wohl nicht!”

Einsichtig bis renitent: “Vielleicht war ich geil auf diesen Job”

Bettina Schuster, damals bei Fernsehaufnahmen als Pressesprecherin der VEB-Porzelanmanufaktur anwesend, gibt bereitwillig, aber sichtlich nervös Auskünfte über ihre Vergangenheit als IM “Fuchs”. Sie wirft dem ehemaligen Korrespondenten vor, mit seinen Äußerungen “immer ein bissl gestichelt” zu haben – sie mochte den kritisch-kommentierenden Unterton des Journalisten nicht. “Ironie” sei das gewesen, sagt Börner heute. Man könnte es auch einfach Meinungsfreiheit nennen.

Warum hat sie da mitgemacht, will der Journalist wissen – warum hat sie ihn bespitzelt? “Vielleicht war ich geil auf diesen Job.” Dann sagt sie, der Journalist habe sogar das Porzellan politisieren wollen, und das habe ihr nicht gefallen. Überhaupt sei damals alles ein Politikum gewesen, suggerieren die Aussagen von Ex-IM Ernst Brüch. Selbst ein Börner-Bericht über die Kurmöglichkeiten in der DDR stand damals im Verdacht, eine anti-sozialistische Nachricht zu transportieren.

Ein Redakteur mit zweifelhafter Berufsmoral

Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit.

Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit. Quelle: NDR

Der Film droht an dieser Stelle abzuschweifen. Zu selbstgefällig stellt sich der Journalist als gerechter Kämpfer dar, der niemandem vertrauen will. Zuletzt aber gewinnt das Stück an Brisanz: Manfred Mohr, Diplom-Journalist und ehemaliger Hauptmann der DDR-Staatssicherheit, machte Ende der 80er Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zu Börners Aktivitäten. Börner spricht ihn an – er stehe heute “nicht für ein Gespräch zur Verfügung”, sagt Mohr. Das Ganze liege jetzt 20 Jahre zurück. Zitat:

Mohr: “Das ist Geschichte”. Börner: “Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten.” Mohr: “Wenn Sie das machen möchten, bitte. Aber ich nicht.”

Mohr arbeitet für die Märkische Allgemeine, die dem FAZ-Verlag angehört. Er hetzt dem Störenfried den stellvertretenden Bürgermeister der Ortschaft Zossen auf den Hals, Hartwig Ahlgrimm, der aber beruhigend inkompetent ist und nach der Dreherlaubnis fragt. Interessante Frage: Wie schafft es ein Lokalredakteur, dass sich ein politischer Vertreter für ihn in Bewegung setzt und einen Journalisten unter Behauptung falscher Tatsachen einschüchtern will? Dieser Redakteur scheint nicht nur Probleme mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit seinen beruflichen Verpflichtungen zu haben.

Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

Wie viel liegt noch im Verborgenen?

Und auch Bolko Bouché, Inhaber eines Medienservices, gesteht erst im zweiten Anlauf seine Stasi-Zusammenarbeit, die er einen Tag zuvor noch vehement geleugnet hatte. So wird zum Ende des Films deutlich, dass Börner immer noch als aufmüpfiger West-Reporter wahrgenommen wird, als einer, der unbequeme Fragen stellt und sich dabei auch noch clever vorkommt. Es kommt zum alten DDR-Reflex: Drohen.

Wir Wessis haben’s leicht – bei uns wird niemandem unterstellt, ein verdeckter Spitzel gewesen zu sein. Ist es deshalb ungerecht, wenn ein ehemaliger West-Journalist in den Akten von anderen Menschen wühlt? Wohl kaum. Für den Journalismus ist letztlich vor allem erschreckend, dass eine derart stichprobenartige Recherche so vieles zu Tage fördert – wie viele andere Berichteschreiber mit Doppelfunktion arbeiten noch unbemerkt in deutschen Redaktionen?

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • taz.de – DDR-Oppositioneller über Berliner Zeitung: “Tödlich für eine Zeitung” (28. August 2008)
  • Gedenken: An der Berliner Mauer sind immer mehr Menschen gestorben

    1.303 Namen auf engstem Raum: Die “Arbeitsgemeinschaft 13. August” hat zum heutigen 47. Jahrestag des Mauerbaus eine doppelseitige Anzeige in der Welt Kompakt (siehe Foto) geschaltet. Es handelt sich um eine Todesliste mit den Namen derer, die an den DDR-Grenzen gewaltsam zu Tode kamen. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August ist Träger des Berliner Mauermuseums am ehemaligen Checkpoint Charlie.

    Die Anzeige macht Eindruck, nachdenklich und neugierig, zumal nicht nur die Menge der Verstorbenen, sondern auch biografische Details genannt werden. Erschütternd hoch ist der Anteil der jungen Menschen unter 30:

    unbekannt (männl.), (ca. 20-30), † 13.09.73, Leiche bei Rerik angespült

    Graner, Wolfgang, NVA, (19), DDR, † 31.05.71, erschossen bei Fahnenflucht

    Huhn, Reinhold, (20), † 18.06.62, Berlin; von Fluchthelfer erschossen

    Statistischer Streit: Wie tödlich war die DDR-Grenze wirklich?

    Die Neugier trieb mich ins Netz. Bei Welt Online muss ich lesen, in makaberer Statistik-Sprache:

    Nach Angaben der “Arbeitsgemeinschaft 13. August” kamen 1.303 Menschen an der DDR-Grenze ums Leben. Damit stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 58.

    Das wirft die bizarre Frage auf: Wie viele werden nächstes Jahr an der Mauer gestorben sein? Etwas taktvoller und mit weniger Ironie wäre besser. Denn am Streit um die Mauertoten zeigt sich, wie wenig die DDR-Geschichte bislang aufgearbeitet worden ist.

    Um die genaue Anzahl der Todesopfer, die man direkt oder indirekt dem SED-Apparat anlasten möchte, wird seit jeher gestritten. Auch 19 Jahre nach der Grenzöffnung tauchen immer neue Quellen und Belege auf. Man mag jetzt sagen: Ob es nun 1.000 oder 1.300 Menschen waren – das alles ist schon schrecklich genug! Eine genaue Quellenanlayse und Zählweise ist aber deshalb wichtig, weil längst nicht mehr nur zynische SED-Altkader die Verbrechen an der Grenze und im Zusammenhang mit der Grenze herunterspielen. Das hat die perfide Debatte um den Schießbefehl an der DDR-Grenze gezeigt, die genau vor einem Jahr begann – am Jahrestag des Mauerbaus zu Berlin.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Der Tagesspiegel – Deutsch-deutsche Teilung: Streit um Zahl der Mauertoten eskaliert
  • FOCUS Online – Hubertus Knabe: „Die DDR wird verharmlost“
  • einestages – Niemand hat die Absicht …: Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler
  • Exilliteratur deutscher Autorinnen und Autoren (1933 bis 1945)

    Dieses in etwa einstündige Referat befasst sich mit der deutschen Exilliteratur während des Nationalsozialismus. Zunächst wird erklärt, wie es zum Phänomen der Emigrantenliteratur kam, unter welchen Bedingungen die deutschen Exilautoren im Ausland lebten und wo die geografischen Zentren des exilliterarischen Schaffens lagen. Anschließend wird auf die Formen, Themen und Motive der deutschen Exilliteratur zwischen 1933 und 1945 eingegangen.
    Zudem bietet ein Handzettel eine Zusammenfassung der wichtigsten Informationen (als PDF-Datei verfügbar).
    Weiterlesen ‘Exilliteratur deutscher Autorinnen und Autoren (1933 bis 1945)’ »

    Post-Colonialism: Definition, Development and Examples from India

    This speech deals with the phenomenon of post-colonialism. It presents general definitions of the post-colonial theory and provides some information about its development as well as illustrating background knowledge about basic landmarks of India’s colonial past. It then concentrates on the post-colonial development of India which was a British colony until 1947. Weiterlesen ‘Post-Colonialism: Definition, Development and Examples from India’ »

    Die “Rote Armee Fraktion” (RAF)

    Dieser Vortrag ist in Zusammenarbeit mit Ivo Glück, Katharina Hasov, Jeannette Tebbe und Christian Sievers entstanden und beinhaltet eine kurze Vorstellung der “RAF” und ihrer Ideologien sowie kompakte Informationen über die Organisationsstruktur der “Baader-Meinhof-Gruppe”, ihrer terroristischen Aktivitäten und den Konsequenzen für den Rechtsstaat Deutschland. Ein Handzettel bietet zudem eine knappe Zusammenfassung der Informationen. Weiterlesen ‘Die “Rote Armee Fraktion” (RAF)’ »

    Die “Luftschlacht” gegen Großbritannien

    Dieser kurze Vortrag befasst sich mit der so genannten Luftschlacht um England, die 1940 und 1941 stattfand und aus groß angelegten Angriffen der deutschen Luftwaffe gegen Großbritannien bestand. Es werden zunächst die militärischen Pläne der nationalsozialistischen Regierung erläutert. Es folgt eine Beschreibung der Kampfhandlungen sowie den Konsequenzen für das britische Militär und die Zivilbevölkerung. Weiterlesen ‘Die “Luftschlacht” gegen Großbritannien’ »