Beiträge mit dem Tag ‘deutschland’

Web-Extra: Ein Satiriker in Ostdeutschland - der Kino-Trailer der Woche

Martin Sonneborn, ehemaliger Chefredakteur der Satire-Zeitschrift Titanic und Leithammel der “Partei“, hat sich auf den Weg gemacht durch die neuen Bundesländer. Was er hier an Kuriositäten, Überraschungen und Banalitäten erlebte, hat er in seinem Doku-Streifen “Heimatkunde” verarbeitet. Einige Leckerbissen hat es vorab bereits im “Spam” von Spiegel Online zu sehen gegeben. Der komplette Film läuft seit vergangenem Donnerstag in den Kinos, ist ein Medien-Liebling - und der Trailer sieht vielversprechend aus.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

Falschinformationen in NDR-Beitrag: “Das ist verantwortungslos”

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR. Quelle: NDR

Hartwig Ahlgrimm, stellvertretender Bürgermeister des Örtchens Zossen, wirft dem NDR schwere Verleumdung vor. “Nicht nur meine Person wurde beschädigt, sondern auch die Stadt Zossen”, schreibt Ahlgrimm in einer E-Mail, die ich am Montag erhalten habe und die sich auf eine Medienkritik zum NDR-Beitrag “Meine Stasi” bezieht. Der NDR will sich keine Fehler eingestehen, hat aber eine fragliche Passage aus einem Internet-Text nachträglich entfernt.

Die Vorgeschichte: Der Reporter wird “überprüft”

In der NDR-Dokumentation wird ein kurzes Gespräch zwischen Ahlgrimm und dem Journalisten Hans-Jürgen Börner gezeigt, in der Ahlgrimm nach einer Genehmigung für öffentliche Dreharbeiten fragt. Börner weist diese Frage entschieden zurück und erklärt, Ahlgrimm liege mit seiner Forderung falsch. Zuvor hatte Börner vergeblich versucht, den ehemaligen Stasi-Hauptmann Manfred Mohr zu einer Stellungnahme zu seiner DDR-Vergangenheit zu bewegen. Mohr arbeitet als Journalist für die Märkische Allgemeine - das NDR-Team hatte ihn vor dem Gebäude der Zossener Lokalredaktion angesprochen und war von Mohr abgewiesen worden. Im Film begibt sich Mohr in die Redaktion, dann sagt Börner: “Kaum ist Mohr am Arbeitsplatz, werde ich auf der Straße überprüft.” Es folgt, wodurch sich Ahlgrimm jetzt beschädigt sieht.

Der Ordnungsamtsleiter wollte nur seine Pflicht tun

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex?

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex? Quelle: NDR

“Es ging in keiner Weise darum, dem Filmteam die Aufnahmen zu verbieten oder eine Drehgenehmigung zu verlangen”, schreibt Ahlgrimm weiter. Am Telefon schildert er die Situation so: Während einer Dienstbesprechung sei er in seiner Funktion als Leiter des Ordnungsamtes auf das Kamerateam aufmerksam gemacht worden. Die Zossener Lokalredaktion der Märkischen Allgemeinen liege gegenüber von dem Gebäude. Dort habe sich ein Fernsehteam aus fünf bis sieben Personen “im Straßenbereich aufgebaut”. In der E-Mail heißt es weiter:

Fakt war, dass das Team den öffentlichen Verkehrsraum über den Gemeingebrauch genutzt hat. Und hier schreibt die StVO, § 29 (Bundesrecht) zwingend vor, dass es dafür einer Erlaubnis bedarf. Dies wollte ich Herrn Börner mitteilen und dann unmittelbar alles regeln. Leider kam es dazu nicht, weil Herr Börner mich immer unterbrach. Meine Aussage lautete, bzw. sollte lauten : „Wenn Sie Filmaufnahmen im öffentlichen Verkehrsraum machen … (und diesen über den Gemeingebrauch nutzen, bedarf diese Sondernutzung der Verkehrsfläche einer Genehmigung).
Das Team stand in einer Zufahrt auf einer Ladestraße und zu einem Grundstück, sowie auf der Ladestraße selbst, die der Belieferung der anliegenden Ladengeschäfte dient.

Er habe Herrn Börner “ruhig und sachlich” auf die Ordnungswidrigkeit hinweisen wollen, aber Börner habe “aggressiv” reagiert. “Das Wort ‘Drehgenehmigung’ ist gar nicht gefallen”, sagt Ahlgrimm heute. Als Ordnungsamtsleiter habe er zudem das Recht, die Personalien von ordnungswidrig Handelnden zu überprüfen. “Man muss sich auch an die Regeln halten”, sagt Ahlgrimm. Eine Genehmigung einzuholen sei gängige Praxis. “Das müsste Herr Börner eigentlich wissen.”

NDR: “So etwas habe ich noch nie gehört”

Der NDR widerspricht hier vehement. Anke Jahns, Redakteurin der NDR-Sendung Zapp, hat den Beitrag betreut. Eine solche Genehmigung sei nicht nötig, sagt sie auf telefonische Nachfrage. “Ich arbeite schon viele Jahre beim Fernsehen. Aber so etwas habe ich noch nie gehört.” Auch als Ordnungsamtsleiter habe Ahlgrimm nicht die Berechtigung für das Einfordern einer solchen Genehmigung. “Ich verstehe sein Verständnis von Pressefreiheit nicht”, so Jahns.

“Querverbindung” zur Stasi? NDR dementiert

In meiner Medienkritik hatte ich einen indirekten Zusammenhang zwischen der Befragung Mohrs und dem Erscheinen Ahlgrimms erkannt. Dies weist der stellvertretende Bügermeister in der E-Mail zurück:

All dies wäre aber kein Problem für mich, wenn nicht diese verantwortungslose „Querverbindung“ zum Inhalt der Filmaufnahmen erfolgt wäre.

Weder die Durchführung der Filmaufnahmen, noch deren Zielstellung waren mir und der Stadtverwaltung bekannt. Allein aus dieser Feststellung lässt sich wohl ableiten, dass die „Querverbindung“ Verleumdung in höchster Potenz ist. Auch war weder der Stadtverwaltung, noch mir persönlich bekannt, dass ein Herr M. – ehemaliger Stasimann – bei der MAZ arbeitet. Und es gab auch keinen Anruf der MAZ.

Auch hier widerspricht Anke Jahns: “Es gibt keine direkte Verbindung.” Für sie ist die Aufregung des stellvertretenden Bürgermeisters unangebracht: “Wir haben ihn nicht falsch dargestellt. Ich kann seine Kritik nicht verstehen.”

Die Querverbindung liefert der NDR - in der Vorschau zur Dokumentation

Allerdings: Die Querverbindung stellt der NDR tatsächlich her - und zwar in einem separaten Beitrag, der vorab in “Zapp” am 27. August gesendet worden war (Link zum Video). Darin heißt es nach Mohrs Abgang:

Hier, in der Lokalredaktion Zossen, arbeitet der ehemalige Stasi-Hautptmann heute. Er flüchtet vor seinem Opfer Börner und wird danach sofort aktiv, telefoniert offenbar mit Amtsträgern im Rathaus. Dem ARD-Redakteur sollen die Aufnahmen in Zossen verboten werden.

Videovorschau vom 27. August: Suggestivjournalismus vom NDR.

Videovorschau vom 27. August: Suggestiv- journalismus vom NDR.

Unmittelbar danach folgt das mitgeschnittene Gespräch mit Ahlgrimm. Das ist journalistisch äußerst fragwürdig, denn hier wird etwas unterstellt, was so offenbar nicht stattgefunden hat. Auch die anschließenden Kommentare Börners im TV-Studio suggerieren, dass es sich hierbei um alte DDR-Verhaltensmuster handelt.

Jahns, die auch für diesen Beitrag verantwortlich ist, will sich hier keinen Fehler eingestehen und pocht auf die Verwendung des Wörtchens “offenbar”. Gleichzeitig räumt sie ein, aus dem Internet-Text sei nachträglich diese fragliche Passage entfernt worden. Grund dafür sei aber nicht Ahlgrimms Kritik, sondern eigene Recherche, so die Redakteurin.

“Das ist verantwortungslos”

Hartwig Ahlgrimm ist jetzt sauer - schließlich sei er selbst ein “Stasiopfer”, wie er schreibt, “und dies mehr als Herr Börner”. Er sieht den Fehler bei den NDR-Redakteuren. “Das ist verantwortungslos und unter der Gürtellinie”, sagt Ahlgrimm am Telefon. “Ich kann die Situation von Herrn Börner verstehen, aber das darf einem solch gestandenen Redakteur nicht passieren.”

Immerhin: Nach einer Beschwerde des örtlichen Pressesprechers beim NDR habe der Sender eine Richtigstellung zugesagt, so Ahlgrimm. Ein Team der NDR-Sendung Zapp sei am vergangenen Sonntag nach Zossen gekommen. NDR-Redakteurin Anke Jahns sagt dazu, man habe auch Herrn Ahlgrimm nochmals interviewt und werde kurzfristig entscheiden, ob der Beitrag heute Abend (23 Uhr, NDR) auf Sendung gehe. Als “Richtigstellung” will sie das aber keinesfalls verstehen.

Ahlgrimm: “Behalte mir rechtliche Schritte vor”

Man darf also gespannt sein. Für Hartwig Ahlgrimm steht fest: “Mir sind meine Persönlichkeitsrechte verletzt worden.” Falls der NDR keine Richtigstellung sende, werde er notfalls vor Gericht ziehen: “Ich behalte mir rechtliche Schritte vor. Das ist aber nur das letzte Mittel.” Schließlich habe er niemals Recherchen verhindern wollen. Vielmehr begrüße er die Nachforschungen zur DDR-Vergangenheit: “Ich hätte Herrn Börner sogar die Kamera gehalten.”

Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!

Dieser Kommentar stammt aus dem Wintersemester 2007/2008 und bezieht sich auf den Brand von Ludwidgshafen, bei dem im Februar 2008 neun Menschen ums Leben gekommen waren. Mehr…

Streit um HDTV eskaliert: BITKOM spricht von “Körperverletzung”

Quelle: EICTA.org

Quelle: EICTA.org

Das sei “fast schon Körperverletzung”, sagt Achim Berg im Bild-Interview - gemeint ist das analoge Fernsehsignal. Berg ist Vizepräsident des Verbandes BITKOM und hauptberuflich Geschäftsführer von Microsoft Deutschland. Er kann nicht begreifen, warum die Deutschen so zögerlich auf den neuen Standard “High Definition” (HD) reagieren, der den TV-Zuschauern doch exzellente Bildqualität bietet.

Im Ringen um die Etablierung dieses neuen Sendestandards wird der Ton rauer: Denn auch drei Jahre nach der Markteinführung gibt es kaum TV-Programme, die in HD-Qualität ausgestrahlt werden. Pünktlich zur Internationalen Funkausstellung in Berlin reden sich die Interessenvertreter in Schwung. Und wo sachliche Argumente nicht mehr reichen, da muss eben rhetorisch nachgeholfen werden. Interessant ist allerdings, dass während des Interviews nicht klar wird, in welcher Funktion Achim Berg hier spricht: Denn er redet nicht nur von HDTV, sondern auch von dem Internet-Fernsehen IPTV. Wohl nicht rein zufällig, denn Microsoft liefert unter anderem die Software für das Internet-Fernsehen von T-Home und dürfte an Umsatzsteigerungen in diesem Bereich kräftig mitverdienen.

Von wegen Revolution: Die Geräte sind “HD ready” - das Programm noch nicht

Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

“20 Prozent der Haushalte haben heute schon Flachbildschirme, die das hochauflösende Fernsehen HDTV darstellen können”, sagt Berg in dem Interview. Selbst wenn diese Zahl stimmt, bleibt es dabei: Bis auf Weiteres müssen deutsche TV-Konsumenten auf High Definition im laufenden Programm verzichten. Aber warum ist Deutschland nicht schon längst das Paradies der hochauflösenden Glotzen, so wie es Branchenvertreter und die verärgerten Kunden fordern? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, und nur teilweise sind verschlafene TV-Anstalten dafür verantwortlich.

Problem 1: Längst nicht jeder hat bereits digitales Fernsehen

Wer HD genießen will, braucht dafür ein digitales Signal - das herkömmliche, mittlerweile veraltete Analog-TV ist für den neuen Standard nicht geeignet. Nach aktuellen Zahlen ist aber erst knapp die Hälfte der deutschen Haushalte auf Digital-Fernsehen umgestiegen. Nach wie vor sehen viele Konsumenten also keinen Grund für Innovationen - obwohl der Umstieg denkbar einfach und kostengünstig ist.

Problem 2: Der Umstieg auf HD-Produktion ist teuer

Fernsehproduktionen und -ausstrahlungen in HD sind teuer und technisch aufwändig. Kein Wunder also, dass es in Deutschland noch keiner der bundesweit frei empfangbaren Sender gewagt hat, ein Dauerprogramm in HD auf die Beine zu stellen. Komplizierte neue Technik muss installiert, das Personal umgeschult werden - das alles kostet viel Zeit und Geld. Allein das ZDF hat für diesen Wandlungsprozess 100 Millionen Euro an Gebührengeldern eingeplant.

Quelle: Garry518, STOCKXPERT

Quelle: Garry518, STOCKXPERT

Problem 3: Technisches Kuddelmuddel beim Kabelempfang

Wer Kabel hat und HDTV will, guckt derzeit noch in die Röhre. Zu groß ist noch das technische Durcheinander, denn bislang konnte man sich bei den Kabelnetzbetreibern auf keine verlässliche Norm einigen. “Zu umständlich” sei der HD-Umstieg für den Kabelnutzer, sagt Verbraucherschützer Michael Gundall im Interview mit dem Digitalmagazin. Er bezeichnet das digitale Kabelfernsehen als “große Baustelle”.

Problem 4: HDTV über Antenne - leider Fehlanzeige

Zwar wird der digitale Antennenempfang (DVB-T) in Kürze deutschlandweit und flächendeckend möglich sein. Noch gibt es noch kein HD-Signal für die drahtlose Technik, für die man nur eine kostengünstige Zimmerantenne benötigt.

HDTV: Optische Täuschung oder Non Plus Ultra?

Es ist also längt nicht so einfach, wie viele Kritiker in diesen Tagen behaupten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich vorgenommen, im Jahr 2010 regulär auf HDTV umzusteigen - das ist vielen Käufern von HD-Geräten einfach zu langsam. Die privaten Sender hatten bislang auch ihre Probleme mit der neuen Technik und stellten das Programm nach einem Pilotprojekt wieder ein. Bislang senden nur der Bezahlsender Premiere, Arte und Anixe HD in der neuen hochauflösenden Qualität.

Premiere bezeichnet sich gerne als Vorreiter in Sachen HD, erntet dafür aber auch kritische Userkommentare im Internet. In einem Bericht bei heise.de wird deutlich, dass Premiere durch seine HD-Lobbyarbeit vor allem wohl die eigenen Geschäftsnöte lindern will. Zu einer regelrechten Eskalation der Diskussion kam es, als die ARD in einem Ratgeberbericht offenbar dem TV-Konsumenten empfahl, sich beim Neukauf für ein herkömmliches Röhrengerät zu entscheiden. Empört reagierte ein Technikportal auf die selbstgefällige Formulierung, die Öffentlich-Rechtlichen seien “Vorreiter” beim HDTV. Daraufhin wurde der ARD-Artikel offenkundig überarbeitet - die kritisierten Passagen jedenfalls sind nicht mehr aufzufinden. Und um dem Ganzen mehr Sachlichkeit zu verleihen, ergänzte man nachträglich noch ein Experteninterview.

Fazit: Kommt Zeit, kommt HD - hektische Rhetorik ist sinnlos

Quelle: Brian Lary, stock.xchng

Quelle: Brian Lary, stock.xchng

Eines steht für mich nach stundenlanger Recherche fest: HD ist seiner Zeit voraus - denn die Kunden und Sender sind noch nicht bereit für diese Technik. Und wer durch bloße Rhetorik die Nachfrage nach dem digitalem TV-Genuss herbeischreit, wird gegen die Windmühlen der Fernsehanstalten ohnehin nicht ankommen.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger - Medien - Digitales Fernsehen: Neue Geräte müssen her (28. August 2008)
  • Wie ihr euch gegen Nazis wehren sollt: Die Kommunen bekommen Nachhilfe vom Verfassungsschutz

    NPD-Demonstration in Frankfurt, 2007. Quelle: tetedelacourse, flickr.com

    NPD-Demonstration in Frankfurt, 2007. Quelle: tetedelacourse, flickr.com

    Was soll ein Schulleiter tun, wenn Neonazis auf seinem Schulhof CDs mit rechtsradikaler Musik verteilen? Wie soll ein Immobilienmakler verhindern, dass er ein Haus versehentlich an Rechtsextreme verkauft? Und wie soll der Hausherr reagieren, wenn NPD-Vertreter plötzlich seine Podiumsdiskussion stören? Mögliche Antworten auf diese Fragen versucht jetzt eine neue Broschüre zu geben, die die Verfassungsschutz-Behörden der Länder Brandenburg und Sachsen gestern der Öffentlichkeit präsentiert haben (siehe Pressemitteilung).

    Was planen die Nazis? Lagebild aus zweiter Hand

    Dass es akuten Anlass dazu gibt, zeigen unter anderem die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg - da lagen die braunen Parteien jeweils deutlich vor der FDP und den Grünen. Weil die Rechten seit längerem über Landesgrenzen hinweg zu kooperieren scheinen, haben nun die beiden Bundesländer einen gemeinsamen Bericht über rechtsextreme Aktivitäten vorgelegt. In diesem “Lagebild” (siehe Abbildung) wird deutlich, wie vielfältig verzahnt die rechte Szene bereits ist. Neben ausführlichen Beschreibungen der Parteien NPD und DVU sowie der autonomeren Kameradschaften finden sich auch Informationen zu der jüngst in die Schlagzeilen geratenen HDJ. Erschreckend sind auch die Angaben zu ortsansässigen rechtsextremen Plattenfirmen und Merchandising-Händlern:

    Die großen Vertriebsunternehmen verfügen erfahrungsgemäß über mehrere Tausend Kunden im In- und Ausland, ihr jährlicher Umsatz dürfte mehrere 100.000,- Euro betragen.

    Bemerkenswert: Die Quellen, die der Verfassungsschutz in seinem Bericht nennt, sind wenig verlässlich. So beziehen sich die Verfassungsschützer oft nur auf offizielle Verlautbarungen der rechtsextremen Vereinigungen. Auch wurden Informationen, die nach einem Hack der Website eines rechten Online-Händlers in die Öffentlichkeit gerieten, vom Verfassungschutz ausgewertet. Das scheint der Preis für “saubere” Quellen zu sein: Weil der Verfassungsschutz mit V-Männern vorsichtig geworden ist, erhält er kaum noch Informationen aus erster Hand.

    Was kann man tun? “Handlungsleitfaden” für die Kommunen

    Konkrete Anleitungen für den “wehrhaften Umgang mit Extremisten” verspricht ein neuer Leitfaden, den die beiden Behördern erarbeitet haben. In dieser Broschüre wollen sie den Kommunen aufzeigen, dass sie den Nazis nicht wehrlos ausgesetzt sind. Ich wundere mich zwar, warum es solch einen Leitfaden erst jetzt gibt. Aber prinzipiell ist das eine gute Idee - vor allem vor dem aktuellen Hintergrund, dass selbst Medienmenschen manchmal nicht wissen, wie sie mit rechtsextremen Pressemitteilungen umgehen sollen.

    Seit längerem gibt es die zum Beispiel die Tendenz, dass Neonazis Immobilien kaufen und sie zu rechtsextremistische Treffpunkten umfunktionieren. Hier gibt der Leitfaden konkrete Hinweise, wie ein Mietvertrag gestaltet sein muss, um rechtsextreme Aktivitäten zu erschweren. Und auch der ratlose Schulleiter findet Hilfe: Eine Änderung der Hausordnung einer Schule kann verhindern, dass rechtsextreme Schulhof-CDs verteilt werden. Und wenn Nazis den örtlichen Sportverein unterwandern, hilft die frühzeitige Vernetzung mit Beratungsstellen. Auch dem Moderator einer von Nazis gestörten Podiumsdiskussion werden konkrete Handlungsweisen nahe gelegt (siehe Abbildung).

    Die Demonstrations-Problematik: Juristendeutsch statt Gegen-Demo

    Quelle: Fabio Panico, flickr.com

    Quelle: Fabio Panico, flickr.com

    Die Tipps sind zwar gut gemeint, stoßen aber schnell an ihre Grenzen. Die Möglichkeiten, rechtsextremistische Demonstrationen zu verbieten, sind zum Beispiel nicht gerade zahlreich. Hier vermisse ich auch konkrete Vorschläge, wie sich wirkungsvolle Gegendemonstrationen organisieren lassen. Nach meiner Einschätzung wollen Rechtsextreme bei öffentlichen Kundgebungen vor allem ihre Macht demonstrieren - nur wer eine bürgerliche Gegenmacht auf der Straße bildet, kann die Pläne der Verfassungsgegner durchkreuzen. Davon ist aber keine Rede im Kapitel “Demonstrationen”. Stattdessen gibt es eine trockene, ernüchternde Rechtsbelehrung im Juristendeutsch - das ist wenig hilfreich.

    Trotzdem lohnt die Lektüre der sachlichen Dokumente - denn in einer Zeit, in der rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sollte man sich den braunen Fakten einmal stellen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • tagesspiegel.de - Bürgermeister erhalten Leitfaden gegen Neonazis (28. August 2008)
  • Focus Online - Rechtsextreme NPD bekommt Unterstützung aus Sachsen (27. August 2008)