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Archiv der Artikel die mit boulevardjournalismus getagged sind.

Abgeschrieben: Schludrige Springer-Zeitungen unter sich

Links Bild am Sonntag vom 17. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Hier sind wenigstens noch im Text große qualitative Unterschiede festzustellen. Foto: Nils Glück

Links Bild am Sonntag vom 17. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Hier sind wenigstens noch im Text große qualitative Unterschiede festzustellen. Foto: Nils Glück

Dass zwei Zeitungen, die im selben Verlag erscheinen, mitunter das Gleiche schreiben, ist an der Tagesordnung – die Verantworlichen nennen das in der Regel Synergie. Als die Bild-Zeitung zum Beispiel kürzlich die Flugreisen der Annette Schavan groß anprangerte, ließ auch der Aufreger-Artikel im Springer-Blatt Welt Kompakt nicht lange auf sich warten (siehe Foto). Was mich aber aufregt: Wenn die eine Zeitung von der anderen eindeutig abschreibt.

Das Letzte von der der letzten Seite

So durfte ich heute folgende Zeilen auf Seite 32 der Welt Kompakt lesen:

15 000 – Das ist die Zahl der Kinder, die in Deutschland jedes Jahr Opfer von sexuellem Missbrauch werden. 250 – Das ist die Zahl der polizeibekannten Sexualstraftäter – allein in Leipzig. Eine Stadt ist in Angst. Das nach dem Mord an dem kleinen Mitja eh schon traumatisierte Städtchen, wird immer verstörter.

Ich erinnerte mich an die Bild am Sonntag vom 24. August, wo es auf der Titelseite heißt: “Es gibt jedes Jahr mehr als 15 000 (!) Fälle von sexuellen Übergriffen auf Kinder!” Auf Seite 6 der BamS heißt es: “Allein in Leipzig laufen 250 Sex-Verbrecher frei herum”.

Links Bild am Sonntag vom 24. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Dasselbe Bildmotiv, dieselbe reißerische Wortwahl, dieselben Fakten. Foto: Nils Glück

Links Bild am Sonntag vom 24. August, rechts Welt Kompakt vom Folgetag: Gleiches Bildmotiv, gleiche reißerische Wortwahl, gleiche Fakten. Foto: Nils Glück

Nun kann man sich gerne vergeblich über die “faktische” Berichterstattung der Bild-Zeitung zum Fall Michelle empören. Schlimm finde ich nur, dass in der Redaktion der Welt Kompakt ein Stümper zu sitzen scheint, der Aufmachung, Wortwahl und “Faktenlage” eins zu eins von der Bild übernimmt. Zudem scheint er kein Kenner der deutschen Sprachlogik zu sein, wie der Abschluss des hochdramatisierenden Textes zeigt:

Leipzig kann nicht schlafen, bis er nicht geschnappt ist.

Wie wäre es mit dem Wörtchen “solange” statt “bis”? Ich zumindest kann nicht schlafen, solange die Welt Kompakt so einen Schwachsinn abdruckt – sogar die letzte Seite ist mir dafür zu schade!

Franz Josef Wagner: Der Schmierlappen wird 65

Gestern ist Franz Josef Wagner, früherer Chefredakteur der deutschen Boulevardblätter Bunte und BZ, 65 Jahre alt geworden. Glückwunsch nachträglich für einen, der weiß, wie man mit schlechtem Journalismus viel Geld macht – das verdient Respekt. Schlimm ist jedoch, dass am gestrigen Donnerstag in der Welt Kompakt eine Lobhudelei auf den “Gossengoethe” (Teaser) zu finden war. Eckhard Balfanz, ein früherer Meldungsschreiber und offenkundiger Arschkriecher bei Bild, hat sie verfasst. Ob “die tollsten Weiber” oder “drauf geschissen” – diese Glückwünsche standen dem Wagner-Sprachgebrauch in nichts nach. Nur hat Balfanz sich wohl im Blatt vertan.

Bewunderung für einen Schluderer

In seinen Geburtstagsgrüßen offenbart dieser Herr Balfanz, dass journalistische Grundregeln für ihn hinfällig sind. So richtet er folgende Worte an Wagner und bezieht sich dabei auf Wagners Redakteursarbeit:

Sie wollten nicht ausgewogen alle Aspekte beleuchten. [...] Dafür habe ich Sie bewundert.

Dass Franz Josef Wagner ein Choleriker erster Güte ist, lernen wir hier ebenfalls. Choleriker gibt es aber wohl in fast jeder Redaktion. Die Arbeitsweise Wagners wird hier allerdings als exemplarisch gefeiert – das stinkt gewaltig.

“Post von Wagner”: Gebrabbel eines Kitsch-Opas

Denn wenn Wagner eines kann, dann unsachlich und polemisch daher quatschen, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Am besten lässt sich das anhand des Falls Natascha Kampusch beweisen. Am 29. August 2006 schrieb der Boulevardgott in seiner Kolumne “Post von Wagner”, an das Entführungsopfer gerichtet: “Alles, was ich weiter schreibe, sind Klischees, leere Worte.” Drei Tage später verglich er den Entführer mit einer Bestie und sinnierte abschließend: “Was mich erschreckt an dieser Angelegenheit ist, dass Bestien zärtlich sein können.” Am 7. September: “Vielleicht liegt es an mir. Ich dachte, dass Sie kurz geschorenes, verdrecktes, ungewaschenes Haar haben. Ich dachte, Sie wären das Mädchen der tausend Schrecken.” Er bezeichnet die 18jährige Natascha als “Dream-Girl”.

Die deutsche Sprache ist nicht seine Stärke

Dass Franz Josef Wagner ein sabbernder Schmierlappen der Extraklasse ist, wäre somit bewiesen. Sein kitschig-schmonzettenhafter Stil paart sich mit einer schludrigen Sprache, die selbst die liebevolle Bezeichnung “Gossengoethe” nicht mehr rechtfertigt. So bezeichnet der Kolumnist am 8. September 2006 Frau Kampusch als “Wunder an Sprachkultur”, weil sie Fremdworte wie “Inkognito” oder “Defizit” beherrscht. Von solcher Raffinesse kann Wagner nur träumen. Er schließt mit den Worten:

Liebe Natascha, wissen Sie, was ich in Ihrem Interview vermisst habe? Ich habe das kleine Mädchen Natascha vermisst. Natascha 10 kam nicht vor. Natascha 10 ist ein Wesen, das es nicht mehr gibt. Natascha 10 ist das Kind auf den Fahndungsfotos. Es ist wie gestorben, dieser Teiltod macht einen traurig. In der Nacht Ihres Interviews, dachte ich an dieses Kind, das es nicht mehr gibt. Es wurde einem das Herz leer.

Ein warmes Stück – aber leider ziemlich scheiße

Mit Verlaub: Ein gewisser Grad der Perversion war auch schon an den Vortagen zwischen den Zeilen zu verspüren. Aber hier drängt sich der Gedanke auf – besonders vor dem Hintergrund des “Dream-Girls” -, dass Wagner in eben dieser Nacht autosexuelle Handlungen an sich vorgenommen hat, bevor er dies schrieb. Der umstrittene Henryk M. Broder meinte dazu: “Nicht einmal Wagner kann zugleich schreiben und wichsen, denn wenn das Händchen schlapp macht, geht den Worten die Luft aus.”

Eckhard Balfanz schrieb gestern in der Welt Kompakt, Wagner habe immer ein “dichtes, lebendiges, warmes Stück” schreiben wollen – der Autor meint damit die redaktionellen Ergüsse des Großmeisters. Zugegeben, warm ist “Post von Wagner” schon. Ein Stück warme Scheiße.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • BILDblog – F. J. Wagner endlich wieder so alt wie Mick Jagger
  • NDR Zapp – Spezial vom 19.04.2006: Ich bin Wagner – Du bist Deutschland
  • medienlese.com – In zehn einfachen Schritten: Schreiben wie Franz Josef Wagner
  • Post an Wagner: Kritisches Blog zur Bild-Kolumne