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Marc Doehler zur Absetzung von Money Express: “Die Sender müssen jetzt Beschwerden fürchten”

Quelle: Matthias Walz, flickr.com

Quelle: Matthias Walz, flickr.com

Die Fernsehshow “Money Express” gehört bald der Vergangenheit an – zumindest auf VIVA, Nick und Comedy Central. Zum 1. Oktober werde man die Quizsendung aus dem Programm nehmen, teilte die Sendergruppe MTV Networks am vergangenen Donnerstag mit (siehe Pressemitteilung). Der Internet-Aktivist Marc Doehler wirft der Produktionsfirma Callactive seit Jahren betrügerische Methoden vor und ging dafür sogar vor Gericht. Im Interview erklärt Doehler jetzt, warum er zwar erleichtert, aber längst nicht zufrieden ist.

Erstaunliche Begründung: Lieber Videoclips statt Call-in-TV

Man wolle dem Zuschauer die Call-in-Show nicht länger zumuten, heißt es sinngemäß in der Pressemitteilung.
Stattdessen werde es ein hochwertigeres Programm zu sehen geben: Bei VIVA sollen demnächst Videoclips, bei Nick altbewährte Comics und bei Comedy Central die US-Serie “South Park” laufen. “Money Express” gehört zur Gattung der Call-in-Shows, einer modernen Form des Mitmach-Fernsehens, wie es die Betreiber nennen.

Die “grünen Gnome”: David gegen Goliath im Gerichtssaal

Die Methoden, mit denen die Sender ihre Zuschauer zum Anrufen bewegen, sind höchst umstritten. Der Berliner Marc Doehler (40) betreibt neben seiner Arbeit als Systemadministrator die Online-Plattform “call-in-tv.net” (siehe Screenshot), auf der er die unlauteren Tricks der Anrufshows aufdecken und bekämpfen möchte. Seit 2006 erfreut sich das Projekt großer Beliebtheit. Eine ganze Community von “grünen Gnomen” dokumentiert und durchleuchtet jedes Call-in-Gewinnspiel, das im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird.

Bald musste sich Doehler einen Anwalt nehmen, denn Callactive, bis vor wenigen Monaten noch die Produktionsfirma von “Money Express”, ging mit Abmahnungen gegen das Netzwerk vor. Der Vorwurf: Die Behauptungen, wonach die Call-in-Show seine Anrufer offensichtlich belüge und betrüge, seien falsch und müssten künftig unterbleiben. Den Prozess gewann Doehler überraschend, nachdem er in seinem Forum eine Vorab-Zensur hatte einrichten müssen – Callactive zog die Klage zurück.

Sie die Programmänderung mit gemischten Gefühlen: Marc Doehler. Quelle: Marc Doehler

Sieht die Programmänderung mit gemischten Gefühlen: Marc Doehler. Quelle: Marc Doehler

Der Obergnom im Interview: “An unseren Beobachtungen ändert sich nichts”


NilsOle.net:
Herr Doehler, wie haben Sie auf die Mitteilung der MTV Networks reagiert, die Sendung “Money Express” werde zum 1. Oktober eingestellt?

Marc Doehler: Ich habe es zur Kenntnis genommen – Freude wäre übertrieben. Ich muss aber sagen, dass die Aussage der Pressemitteilung schon ein Witz ist.

Inwiefern? Das Unternehmen begründet seine Programmumstellung damit, “Money Express” entspreche “nicht mehr den Ansprüchen an zeitgenössische TV-Unterhaltung”.

Marc Doehler: Der ganze Satz ist ein Witz. Denn die Sender hatten es selbst in der Hand, die Ansprüche an zeitgenössische Untehaltung zu gestalten oder zumindest umzugestalten. Daran hatte man aber überhaupt kein Interesse, weil es bei “Money Express” einfach nur darum ging, den Zuschauer auszunehmen wie eine Weihnachtsgans.

Sie halten die Begründung also für unglaubwürdig?

Marc Doehler: Absolut! Man muss auch an den neuen Rundfunkstaatsvertrag denken, der seit dem 1. September in Kraft ist. Dort gibt es einen Passus, der sich mit Call-in-Gewinnspielen auseinander setzt – bei Programmverstößen drohen den veranstaltenden Sendern jetzt erhebliche Bußgelder.

Woran erkennt man solche Programmverstöße?

Marc Doehler: Es gibt die so genannten Anwendungs- und Auslegungsregeln zu TV-Gewinnspielen, die von den Landesmedienanstalten in Zusammenarbeit mit den Call-in-Veranstaltern festgelegt worden sind. Ein Teil dieser Regeln ist jetzt im Rundfunkstaatsvertrag fest verankert. Wenn ein Sender sich nicht an diese Regeln hält, kann die Landesmedienanstalt ein Bußgeld von bis zu 500.000 Euro verhängen – ähnlich wie bei Schleichwerbung.

Und wer soll überprüfen, ob die Sender die Regeln einhalten?

Marc Doehler: Jeder Bürger kann die Landesmedienanstalten mit einer Programmbeschwerde auf Verstöße aufmerksam machen. Weil sich viele Bürger intensiv mit Call-in-Sendungen auseinander setzen und das Regelwerk kennen, müssen Sender jetzt Beschwerden fürchten, wenn sie sich nicht daran halten.

Den Sendern wird häufig vorgeworfen, durch künstlichen Zeitdruck die Zuschauer zum Anrufen zu motivieren. Können Sie weitere Beispiele für zweifelhafte “Tricks” nennen?

Marc Doehler: Es gibt die Auflage, dass kein erhöhter Anreiz zu Mehrfach-Anrufen erzeugt werden darf. In der Praxis sieht das so aus: Seit kurzem raten die Moderatoren zu einem “gesunden Anruflimit”, obwohl den Zuschauer nach wie vor gesagt wird, sie sollten es ruhig mehrmals probieren. In den Sendungen werden den Leuten außerdem Gewinne für das bloße Anrufen versprochen – da heißt es dann: “Wenn Ihre Lösung falsch ist, bekommen Sie immer noch 500 Euro.” Meiner Meinung nach ist das eine indirekte Aufforderung zu Mehrfach-Anrufen, weil sich durch den Pauschalgewinn hohe Telefonkosten rechnen sollen. Das ist ein eindeutiger Verstoß gegen die neuen Auflagen.

Werden die Auflagen denn überhaupt Wirkung zeigen?

Marc Doehler: Auf jeden Fall. Es wird zwar nicht häufig zur Höchststrafe von 500.000 Euro kommen, aber schon geringere Bußgelder sind für die Sender nicht leicht zu verkraften.

Ist die Absetzung von “Money Express” der Anfang vom Ende für Call-in-Shows im deutschen Fernsehen?

Marc Doehler: Es gibt zumindest einen deutlichen Rücklauf in den Anrufshows – die Sendungen laufen nicht mehr so gut wie vor einigen Jahren, ansonsten würde man Sendungen wie “Money Express” nicht absetzen.

Callactive, der frühere Produzent von “Money Express”, ist für Sie ein persönlicher Gegenspieler – über Jahre hatten Sie juristische Auseinandersetzungen mit dieser Firma. Ist der Rückzug auch eine Genugtuung für Sie?

Marc Doehler: Nicht wirklich. Einerseits habe ich keine weiteren Auseinandersetzungen mit Callactive zu befürchten. Andererseits ist immer noch nicht geklärt, ob unsere früheren Beobachtungen zu den Methoden von “Money Express” nun richtig waren oder nicht. An unseren Beobachtungen ändert der Rückzug nichts.

Womit wollen Sie eigentlich Ihre Freizeit verbringen, wenn es im Fernsehen keine Anrufshows mehr gibt?

Marc Doehler: Da gibt es viele Möglichkeiten. Das Nächste, was ich mir vornehmen könnte, sind die so genannten Astro-Shows: Da meint auch jeder Hinz und Kunz, er könne sich vor die Kamera setzen und Weissagungen treffen. Ich werde nicht auf ein anderes Betätigungsfeld ausweichen, nur weil es irgendwann keine Call-in-Gewinnspiele mehr geben wird.


Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger – Der „Money Express“ ist abgefahren (5. September 2008)
  • DWDL.de – MTV Networks verbannt Call In aus dem Programm (4. September 2008)
  • lifego Blog – MTV Networks streicht Call-In-Shows (4. September 2008)
  • TVmatrix Network – Das Ende von “Money Express” – Ein Kommentar von Marc Doehler (4. September 2008)
  • die-flimmerkiste.de.vu – Erneute Abmahnung für Call-In-TV.de (19. Dezember 2007)
  • Tagesspiegel.de – Medien – Call-in-Sendungen: Mach mit, mach’s nach… (1. Juli 2007)
  • Stefan Niggemeier – Neues von Callactive (31. Mai 2007)
  • DWDL.de – Lauenstein-Affäre: Eine Chronik der Ereignisse (23. Mai 2007)
  • Stefan Niggemeier – Call-TV-Mimeusen (24. April 2007)
  • Netzwerk der Betrüger: Deutsche Bürger versinken im Daten-Morast

    In Deutschland werden massenhaft Bankdaten missbraucht. Quelle: Steve Woods, stock.xchng

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    Tatort Callcenter: Erst freundlich lächeln, dann dreist abbuchen. Quelle: Astin le Clercq, stock.xchng

    Tatort Callcenter: Erst freundlich lächeln, dann dreist abbuchen. Quelle: Astin le Clercq, stock.xchng

    Outsourcing liegt auch in der Callcenter-Branche im Trend

    Dass sich in Großteilen der Callcenter-Branche alles nur um die Bankdaten dreht, hat im vergangenen Jahr der umstrittene Enthüllungsjournalist Günter Wallraff mit verdeckter Recherche eindrucksvoll bewiesen. Er verkleidete sich, wurde Callcenter-Agent und dokumentierte, wie schmutzig die Datensammler und Gewinnspiel-Verkäufer zur Tat schreiten. Das Problem ist auch, dass in dem Kampf um Daten und Telefonverträge vieles ausgelagert und über Drittfirmen abgewickelt wird, deren Machenschaften im Einzelnen vom ursprünglichen Auftraggeber nicht überprüft werden können. So passiert es, dass illegale Geschäfte von einer Drittfirma unter dem Namen des “seriösen” Auftraggebers abgeschlossen werden – bestes Beispiel sind hier die staatlichen Klassenlotterien. Auch das hat Wallraff uns erklärt.

    Günter Wallraff: Der Datenschutz-Pionier hat uns die Augen geöffnet

    Wallraff argumentiert völlig richtig: Es mag zwar sein, dass viele Callcenter sich nicht an den illegalen Geschäften beteiligen und jetzt zurecht einen Imageschaden beklagen. Solange sich in der Branche aber nichts bessert und die Bundesregierung keine gesetzlichen Verschärfungen beschließt, sollte jeder Callcenter und jeder Daten-Dienstleister (siehe Deutsche Telekom) unter Generalverdacht stehen.

    In Deutschland herrscht also weiterhin akuter Aufklärungsbedarf, was den Datenschutz angeht. Dank des neuen öffentlichen Interesses an diesem Thema und vor allem dank Günter Wallraff, der die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert hat, steht die Datenkorruption dieser Tage auf den Titelseiten. Das ist ein Signal, das Hoffnung macht.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • heute.de – Bundestag will sich um Datenschutz kümmern (19. August 2008)
  • ZDFmediathek: Bei Anruf Abzocke (Video vom 11. Dezember 2007)
  • Zeit Online – Themenseite Datensicherheit
  • Medien Monitor – Günter Wallraff: Mission Missstände