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Archiv der Artikel die mit berlin getagged sind.

Nachgewiesen: Ralf Bremer macht hervorragende Lobbyarbeit für Google Deutschland

Das Original um kurz vor 17 Uhr im E-Mail-Newsletter von Turi2.

Zweimal täglich sammelt der Aggregator Turi2 die interessantesten Fakten und Zitate aus der Medienwelt – und verschickt sie per E-Mail. Heute staunte ich nicht schlecht, als ich nachmittags im Newsletter das folgende Zitat von Ralf Bremer las: “Es gibt vieles, das Google macht, von dem man nichts weiß.” Das Zitat allein ist nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist schon eher, dass Ralf Bremer Googles offizieller Sprecher in Deutschland ist und diese Aussage bei einem Besuch des Online-Magazins “Gründerszene.de” in den eigenen Räumlichkeiten gemacht haben soll. Quasi ein offizielles Eingeständnis der Verschwiegenheit des Google-Imperiums. Klingt aber auch wie eine Drohung: Ihr wisst ja gar nicht, was wir als nächstes so planen. Die Redaktion von Turi2 sah das offenbar ähnlich und schrieb unter Berufung auf den Artikel unter das Zitat: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, gibt sich bedeckt, was er mit seinem siebenköpfigen PR-Team eigentlich macht.”

Später am Abend lautete das Zitat plötzlich ganz anders: “Vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, ist gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst.” Und Turi2 änderte auch die Kommentierung: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, will das mit seinem siebenköpfigen PR-Team ändern.” Die Original-Passage im “Gründerszene”-Artikel ist ebenfalls entsprechend überarbeitet worden.

Die überarbeitete Turi2-Version am Abend.

Nun, es ist erstaunlich, wie sich Zitate binnen Stunden ändern können. Vielleicht ist das dem exklusiven Besuchsrecht von “Gründerszene” geschuldet, schließlich soll man sich als Gast ja benehmen. Aber das Ganze lässt mich auch erleichtert aufatmen. Ich dachte nämlich schon, Google mache am Ende noch vieles, von dem man nichts weiß. Doch jetzt ist mir endlich klar, dass lediglich vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst ist. Ich glaube, jetzt wird mir wiederum einiges bewusst über die Arbeitsweise des Herrn Bremer. Ein Vollprofi eben.

P.S.: Über dem fraglichen Absatz in dem Artikel steht die Zwischenzeile: “Lobbyismus – Google verschafft sich Gehör”.

Update 19.05.2012, 12:27 Uhr: Nachdem Gründerszene nicht auf Anfragen via Twitter und Kommentarfunktion reagiert hat, tut das Ralf Bremer nun selbst. Er schreibt via Twitter: “recherche statt verschwoerungstheorie empfiehlt @ralfbremer das Zitat war einfach falsch.” Demnach hat sich der anwesende Redakteur wohl einfach verhört. Eine entsprechende Update-Mitteilung hätte im Zweifel auch dem Artikel des Magazins gut getan.

Update 29.05.2012, 12:26 Uhr: Der zuständige Autor begründet die nachträgliche Änderung wie folgt. “Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass die ursprüngliche Formulierung des Zitats außerhalb des Kontextes durchaus missverstanden werden kann, weshalb ich es umformuliert habe. An der Aussage hat sich jedoch nichts geändert.”

Gedenken: An der Berliner Mauer sind immer mehr Menschen gestorben

1.303 Namen auf engstem Raum: Die “Arbeitsgemeinschaft 13. August” hat zum heutigen 47. Jahrestag des Mauerbaus eine doppelseitige Anzeige in der Welt Kompakt (siehe Foto) geschaltet. Es handelt sich um eine Todesliste mit den Namen derer, die an den DDR-Grenzen gewaltsam zu Tode kamen. Die Arbeitsgemeinschaft 13. August ist Träger des Berliner Mauermuseums am ehemaligen Checkpoint Charlie.

Die Anzeige macht Eindruck, nachdenklich und neugierig, zumal nicht nur die Menge der Verstorbenen, sondern auch biografische Details genannt werden. Erschütternd hoch ist der Anteil der jungen Menschen unter 30:

unbekannt (männl.), (ca. 20-30), † 13.09.73, Leiche bei Rerik angespült

Graner, Wolfgang, NVA, (19), DDR, † 31.05.71, erschossen bei Fahnenflucht

Huhn, Reinhold, (20), † 18.06.62, Berlin; von Fluchthelfer erschossen

Statistischer Streit: Wie tödlich war die DDR-Grenze wirklich?

Die Neugier trieb mich ins Netz. Bei Welt Online muss ich lesen, in makaberer Statistik-Sprache:

Nach Angaben der “Arbeitsgemeinschaft 13. August” kamen 1.303 Menschen an der DDR-Grenze ums Leben. Damit stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahr um 58.

Das wirft die bizarre Frage auf: Wie viele werden nächstes Jahr an der Mauer gestorben sein? Etwas taktvoller und mit weniger Ironie wäre besser. Denn am Streit um die Mauertoten zeigt sich, wie wenig die DDR-Geschichte bislang aufgearbeitet worden ist.

Um die genaue Anzahl der Todesopfer, die man direkt oder indirekt dem SED-Apparat anlasten möchte, wird seit jeher gestritten. Auch 19 Jahre nach der Grenzöffnung tauchen immer neue Quellen und Belege auf. Man mag jetzt sagen: Ob es nun 1.000 oder 1.300 Menschen waren – das alles ist schon schrecklich genug! Eine genaue Quellenanlayse und Zählweise ist aber deshalb wichtig, weil längst nicht mehr nur zynische SED-Altkader die Verbrechen an der Grenze und im Zusammenhang mit der Grenze herunterspielen. Das hat die perfide Debatte um den Schießbefehl an der DDR-Grenze gezeigt, die genau vor einem Jahr begann – am Jahrestag des Mauerbaus zu Berlin.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Der Tagesspiegel – Deutsch-deutsche Teilung: Streit um Zahl der Mauertoten eskaliert
  • FOCUS Online – Hubertus Knabe: „Die DDR wird verharmlost“
  • einestages – Niemand hat die Absicht …: Der Mauerbau erlebt in Berlin als DDR-Oberschüler