In Deutschland herrscht Korruption, zumindest was den Datenschutz angeht. Diesen Eindruck gewinnt momentan der interessierte Nachrichtenkonsument – und endlich erfährt er in ganzer Breite und im Detail die ungeschönte Wahrheit darüber, wie seine sensiblen Personen- und Bankdaten rücksichtslos aufgespürt, gespeichert und zum Teil illegal weitergereicht werden.
Der Daten-Handel floriert – unterstützt von Naivität und juristischer Milde
Denn bereits eine Woche nach dem Schleswig-Holsteinischen Datenskandal wird klar: Es ist viel schlimmer, als zunächst angenommen – das, was die Datenfahnder bislang festgestellt haben, ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Informant hat sich öffentlich geoutet und behauptet, er allein verfüge über 1,5 Millionen Datensätze von Bundesbürgern, die auf dem Adressmarkt verkauft würden. Im aktuellen Spiegel-Interview schildert er minutiös, warum sich frühere SKL- oder NKL-Spieler Sorgen machen sollten. Denn mit hoher Wahrscheinlichkeit sind ihre Bankdaten schon längst weiterverkauft worden – illegal zwar. Aber für viele Callcenter und Gewinnspielbetreiber stellt der Datenankauf die sicherste Einnahmequelle dar. Sind Kontonummer und Bankleitzahl erst einmal in der Datenbank, wird gnadenlos abgebucht. Das geht, weil juristische Konsequenzen in Deutschland harmlos und der Umgang vieler naiver Bundesbürger mit ihren eigenen Daten grob fahrlässig ist.
Gelegenheit macht Diebe: Datenmissbrauch im digitalen Zeitalter
Denn viele Bürger kontrollieren nicht einmal ihre Kontoauszüge oder akzeptieren die Abbuchung gutgläubig, weil sie davon ausgehen, dass dem Dienstleister eine Einzugsermächtigung vorliegt – schließlich schreibt das Gesetz es so vor. Viele sind auch schlicht zu bequem, als dass sie wegen zweistelliger Euro-Beträge genauere Nachforschungen anstellen würden.
Es ist zum Einen diese Gutgläubigkeit, die den Datensumpf erst richtig morastig werden lässt. Zum Anderen ist es aber auch die Tatsache, dass digitale Daten heute so einfach und unauffällig kopiert, weiterverarbeitet und klammheimlich missbraucht werden können. In einem Geschäft, in dem eine gültige Bankverbindung bares Geld wert ist, macht Gelegenheit eben Diebe.

Tatort Callcenter: Erst freundlich lächeln, dann dreist abbuchen. Quelle: Astin le Clercq, stock.xchng
Outsourcing liegt auch in der Callcenter-Branche im Trend
Dass sich in Großteilen der Callcenter-Branche alles nur um die Bankdaten dreht, hat im vergangenen Jahr der umstrittene Enthüllungsjournalist Günter Wallraff mit verdeckter Recherche eindrucksvoll bewiesen. Er verkleidete sich, wurde Callcenter-Agent und dokumentierte, wie schmutzig die Datensammler und Gewinnspiel-Verkäufer zur Tat schreiten. Das Problem ist auch, dass in dem Kampf um Daten und Telefonverträge vieles ausgelagert und über Drittfirmen abgewickelt wird, deren Machenschaften im Einzelnen vom ursprünglichen Auftraggeber nicht überprüft werden können. So passiert es, dass illegale Geschäfte von einer Drittfirma unter dem Namen des “seriösen” Auftraggebers abgeschlossen werden – bestes Beispiel sind hier die staatlichen Klassenlotterien. Auch das hat Wallraff uns erklärt.
Günter Wallraff: Der Datenschutz-Pionier hat uns die Augen geöffnet
Wallraff argumentiert völlig richtig: Es mag zwar sein, dass viele Callcenter sich nicht an den illegalen Geschäften beteiligen und jetzt zurecht einen Imageschaden beklagen. Solange sich in der Branche aber nichts bessert und die Bundesregierung keine gesetzlichen Verschärfungen beschließt, sollte jeder Callcenter und jeder Daten-Dienstleister (siehe Deutsche Telekom) unter Generalverdacht stehen.
In Deutschland herrscht also weiterhin akuter Aufklärungsbedarf, was den Datenschutz angeht. Dank des neuen öffentlichen Interesses an diesem Thema und vor allem dank Günter Wallraff, der die Öffentlichkeit für das Thema sensibilisiert hat, steht die Datenkorruption dieser Tage auf den Titelseiten. Das ist ein Signal, das Hoffnung macht.
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