Beiträge mit dem Tag ‘aufschieben’

Bibliotheks-Menschen: Nachts im Lesesaal

Unsere Uni-Bibliothek hat rund um die Uhr geöffnet. Wenn ich nachts um drei nicht schlafen kann, gehe ich rüber in die Bibliothek. Wenn ich Ruhe zum Lernen brauche, setze ich mich in den Lesesaal und schlage die Bücher auf.

Dort trifft man viele verschiedene Menschen. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie müssen still sein. Und alle sind dort, weil sie sich etwas vorgenommen haben. Etwas, für das sie Ruhe brauchen. Verschaffen wir uns also einen Überblick über die verschiedenen Bibliotheksbenutzer, die Gestalten im Lesesaal. Vom äußeren Verhalten lässt sich auf die innere Gemütslage schließen. Mehr noch: Wir können diese Figuren in eindeutige Kategorien einordnen.

Der Fleißige: Bitte nicht stören!

Der Musterknabe unter den Lesenden und Arbeitenden: Adrette und korrekte Kleidung sowie Kurzhaarfrisur lassen auf Bodenständigkeit schließen. Er hebt selten den Kopf, und wenn er das tut, dann nur um mit einer gestrengen Miene auf sein ausdrückliches Missfallen über den doch recht störenden Lärmpegel hinzuweisen. Er wird gestört durch: Ein lautes Handyklingeln, ein Flüstern, ein Stuhlrücken, ein Knistern. Er hat einen Hang zur Überempfindlichkeit. Von ihm selbst ist nur das seichte Rascheln von Papier zu vernehmen. Manchmal auch das Tippen seiner Laptop-Tastatur - ist aber nicht vorgsehen. Sollte diese Person sich jemals vom Lesepult erheben, so führen ihn seine Schritte auf dem kürzesten Weg zum Kopiergerät, um einen wichtigen Auszug zu vervielfältigen. Pragmatisch dosierte Schlücke aus der Wasserfalsche verhindern den zeitaufwändigen Gang zum Abort. Zeit ist knapp - Zeit ist Geld.

Der Entspannte: Keep it easy, Alta!

Entspannte Personen gibt es viele in einer Bibliothek, die 24 Stunden am Tag geöffnet hat. Hier trifft man sich zum Abhängen mit den freundlichen Kollegen. Das Multimedia-Notebook auf dem Tisch, den iPod am Ohr, das Handy in der Hand. Gechillter Flüster-Smalltalk in der Gruppe: “Wann ist die nächste Party? Hast du schön gehört, dass dieser oder diese Schluss gemacht hat mit jenem oder jener - voll krass, oder?” Und: “Wie krieg ich eigentlich mein Handy so, dass ich das so mit dem Computer connecten kann, verstehste?” Logisch, dass der Entspannte sich nicht mit dem Fleißigen versteht. Denn die Kommunikationsfreudigkeit auf der einen beißt sich mit dem Ruhebedürfnis auf der anderen Seite. “Fresse halten!”, bedeutet der Vorzeigestudent. “Streber!”, gibt ihm das gleichgültige Gesicht zurück. Sowas kann sich leicht zu einem ernsten Konflikt auswachsen und verbreitet sich dann wie ein akustisches Erdbeben im ganzen Saal. Am besten ist es daher, wenn der Fleißige etwas vom Verhalten des Entspannten übernimmt, um einer Eskalation aus dem Wege zu gehen.

Der Zeittotschläger: Allein mit sich selbst

Dieser Typus von Bibliotheksgenosse ist leider sehr häufig anzutreffen. Er wäre gerne ein Fleißiger, doch er schiebt seine heeren Lernvorhaben zwanghaft vor sich her - bis zur völligen Erschöpfung. Er hat diesen Ort aufgesucht, um jeglicher Form der Ablenkung auszuweichen. Nun, da es keine Ablenkung mehr gibt, ist er ganz allein mit seiner Prokrastination. Statt zu lernen, blickt er stumm und mit getriebenem Blick umher und vollführt gelangweilte Übersprunghandlungen: Stifte sortieren, die Notizen überfliegen. Aus dem Fenster schauen. Den Sitznachbar anschauen. Das Handy anschauen. Die Bücher neu stapeln. Er beugt sich über die Bücher, liest aber nicht. Was auch kommt, er wird nicht lernen, doch er will und muss hier sitzen. Es ist ein trauriges Schauspiel - diese Gestalt kann einem Leid tun.

Der Verschlafene: Die Philosophie der kleinen Schritte

Die Bibliothek ist sein Zuhause. Den Kopf hat er in die Bücher gelegt oder in den Armen vergraben. Das letzte Kapitel konnte er gerade noch beenden, bevor ihm die Augen zufielen. Die letzte Nacht hat er hier verbracht, und die Nacht davor ebenfalls. Er ist ein stiller Zeitgenosse und kein Workaholic - wenn er nicht mehr kann, macht er ein Zehn-Minuten-Nickerchen und setzt seinen Weg der Lektüre unbeirrt fort. Er hat die Zeit auf seiner Seite, denn auf lange Pausen verzichtet er. Im Minutenschlaf bereitet sein Gehirn den Lernstoff für ihn auf. Irgendwann wird er alles in sich aufgenommen haben, dann steht er auf und schlurft mit schweren Augenlidern davon.

Der Gestresste: Alles oder nichts

Bis vor wenigen Stunden gehörte er noch zur Gruppe der Zeittotschläger. Zu den Fleißigen kann er nicht gehören - dazu ist sein Verhalten zu chaotisch. In wenigen Stunden beginnt die Prüfung, und der Bücherstapel will nicht kleiner werden. Seine Gemütslage schwankt zwischen Wahnsinn, Euphorie und Fatalismus. Koffein und Wachmacher haben ihn mürbe gemacht. Der Puls rast. Seine Exzessivität führt zu Schweißausbrüchen und panischen Überreaktionen. Das Gesicht vergräbt er in den Händen, wenn eine weitere Passage unverstanden bleibt. Wie ein getriebenes Tier blickt er hektisch um sich, hofft auf die Hilfe der Anwesenden. Doch niemand kann ihm beistehen, niemand teilt seine Qualen. Und die Uhr tickt unaufhaltsam in Richtung Verderben: Bald geht es in den Prüfungssaal, zur Schlachtbank, zum letzten Schafott. Apathisch wandern seine Blicke die Regale ab. Dort reiht sich ungelerntes Wissen bis in die Unendlichkeit.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • WDR.de - Mediathek regional - Studieren in der Nacht (Video)
  • 1LIVE - Magazin - Nachtschicht für Streber: In der 24-Stunden-Uni-Bibliothek
  • DerWesten - im Westen - Länger lernen
  • Radio Do 91.2 - Dortmund heute: Radiobeitrag zur 24-Stunden-Bibliothek vom 7. November 2007 (MP3)
  • Radio Kurzschluss, Herne - Radiobeitrag zur 24-Stunden-Bibliothek vom 6. Januar 2008 (MP3)
  • Dortmunder UB-Blog - Zentralbibliothek rund um die Uhr geöffnet
  • Digitale Datenflut: Die Netz-Neurose als Volkskrankheit

    Ich muss heute noch bloggen. Das habe ich mir vorgenommen - jeden Tag ein Eintrag, der Aktualität halber. Für die Besucher, für die Googler, für die Suchmaschinen, für das Ego. Das ist mein persönlicher Beitrag zur digitalen Datenflut, die der Spiegel in seinem aktuellen Titelthema größtenteils für “Verschmutzung” hält. Nun, verschmutzen will ich hier wirklich nichts - und vielleicht hast du ja gerade gegoogelt und freust dich jetzt, weil du genau das gefunden hast, wonach du gesucht hast: Eine selbstkritische Reflektion zum aktuellen Spiegel-Titelthema.

    Es geht um die Frage, ob das Überangebot an digitalen Informationen für den Mensch schädlich sein kann. Und ebenso platt-provokant wie die einstige Schlagzeile “Sind deutsche Schüler doof?” (es ging damals um den Pisa-Test) kommt auch dieses Titelblatt daher: “Macht das Internet doof?”

    Piep! Der fatale E-Mail-Kontrollzwang

    Als angehender Journalist ist für mich das Internet unentbehrlich geworden, ich bin tatsächlich ein “Informationsarbeiter”. Der Spiegel sagt, dass laut statistischen Erhebungen solche Personen “etwa 50-mal pro Tag” ihre E-Mails kontrollieren. Auf mich trifft das nicht zu - denn bei mir flattern die E-Mails automatisch und pausenlos ins Postfach, rund um die Uhr - dann piept’s laut. Dass es deswegen bei mir piept, kann ich nicht bestätigen.

    Digitale Zeitverschwendung - die Zeitung als Oase der Ruhe

    Der Befürchtung, man verschwende im Internet seine Zeit, muss ich aber leider Recht geben. Denn die Mails enthalten selten interessante Infos - stattdessen nur Dinge wie “Hi, ich wollte euch nur nochmal darauf hinweisen, dass das Treffen wie immer heute im Asta-Seminarraum stattfindet.” Die meisten Mails lese ich gar nicht mehr. Mit der Folge, dass ich wirklich wichtige Informationen verpasse.

    Was den Nachrichtenkonsum angeht, bin ich fast 100-prozentig auf tagesaktuelle Printmedien umgestiegen - weil News-Portale einfach zu aktuell sind; es geht tatsächlich zu schnell. Um am Ende des Tages Verlässliches im Netz gelesen zu haben, muss man ständig die Reload-Taste drücken. Das kostet Zeit und lenkt ab.

    Der Netz-Neurotiker: In den Fängen der Prokrastination

    Apropos Ablenkung: Wer zur Spezies der “Digital Natives” gehört und ständig googelt, SMS schreibt, E-Mails sichtet und telefoniert und dabei wieder auf sein Postfach schielt, der verliert seine Prioritäten aus den Augen. Das ist das Schicksal derer, die mit dem weltweiten Netz groß geworden sind. Permanente Frage: Was wollte ich noch gerade machen - und ist das überhaupt so wichtig? Der Spiegel nennt das Stichwort, das die heutige Studentengeneration nur allzu gut kennt: Prokrastination, das zwanghafte Aufschieben von anstehenden Aufgaben. Dass der digitale Dschungel dieses Aufschieben unterstützt, weiß jedes StudiVZ-Mitglied. Auch ich hätte Besseres zu tun als jetzt hier zu bloggen - zum Beispiel könnte ich das Buch über Prokrastination lesen, das ich mir neulich gekauft habe. Aber morgen ist ja auch noch ein Tag…

    So stecke ich in einem verflixten Dilemma. Ich werde von der Informationsflut mitgerissen. Ich bin Informationsarbeiter und kann gar nicht abschalten: Ein Arbeitstag ohne E-Mail ist undenkbar (piep: schon wieder zwei E-Mails…). Wie soll ich recherchieren ohne Suchmaschine, Hausarbeiten schreiben ohne den Online-Duden? Wie soll ich meine Ausarbeitung schreiben ohne die StudiVZ-Community zu fragen, worüber wir denn überhaupt schreiben sollen. Wie soll ich mich ohne Handy zum Teamtreffen treffen? Und wie soll ich meinen Freunden dann sagen, dass ich auf Internet-Entzug bin und mal wieder was unternehmen will, wenn ich keine SMS mehr senden kann?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • departure Blog - David Weinberger: Information Overload ist ein Business-Modell
  • ReadWriteWeb.com - Info Overload: The Problem
  • Das Kulturmanagement Blog - Der Kampf gegen die Informationsflut
  • Spiegel Online - Bürowelt: Arbeitshindernis Technik
  • Medien Monitor - Redaktionsblog: Im Netz verheddert