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Die Ausstellung “Körperwelten”

Dieses Referat befasst sich mit der umstrittenen “Körperwelten”-Ausstellung des Leichenplastinators Gunther von Hagens. Zunächst werden das Plastinationsverfahren, die Ausstellung sowie die Intentionen des Künstlers kurz vorgestellt. Anschließend folgt eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Standpunkten, die zur Ausstellung geäußert wurden und sich hauptsächlich mit der Frage beschäftigen, inwiefern eine solche Ausstellung menschlicher Leichenpräparate moralisch vertretbar ist. Auf einem separaten Handzettel werden außerdem die wichtigsten Aspekte zusammengefasst.

Einleitung

“Körperwelten” ist eine öffentliche Ausstellung, die unter dem Motto “Die Faszination des Echten” menschliche Leichen und Leichenpräparate in “plastinierter” Form zeigt. Die Ausstellung wurde schon in vielen Ländern gezeigt und ist auf großes Interesse gestoßen (mehrere Millionen Besucher), wurde aber auch immer wieder heftig kritisiert und war ständig Gegenstand hitziger Diskussionen.

Das Konservierungsverfahren

Bevor die Leichen(teile) ausgestellt werden, ist eine komplizierte Verfahrensweise nötig, um die Präparate in die gewünschte Form zu bringen. Prinzipiell werden die “Ausstellungsobjekte” zunächst in Formalin eingelegt, um die Verwesung zu stoppen. Anschließend folgt ein aufwändiges Verfahren der Präparation, je nachdem, welchen Zweck das Exponat in der späteren Ausstellung erfüllen soll.
Dabei wird dem toten Körper oder Organ sämtliches Wasser entzogen und im Verfahren der “Platination” wird die Flüssigkeit, die sich naturgemäß in großer Menge im Körper befindet, durch spezielle Plastikverbindungen ersetzt, wodurch ein Fortschreiten der Verwesung gänzlich verhindert wird.
Durch die Plastination, die 1978 von Gunther von Hagens, dem Initiator von “Körperwelten”, entwickelt wurde, bleiben die Körper und Organe in ihrer vollkommen natürlichen Erscheinungsform erhalten und können beliebig für Ausstellungs- und Unterrichtszwecke verwendet werden. Solche “plastinierten” Leichenexponate wiesen eine höhere Echtheit, Festigkeit und Flexibilität als bloße anatomische Modelle auf und eignen sich somit besser zur anatomischen Veranschaulichung. Dieses Konservierungsverfahren, welches eine sehr vielfältige Leichenpräparation erlaubt, hat die “Körperwelten”-Ausstellung erst möglich gemacht.

Die Ausstellung

Die plastinierten Leichen und Leichenteile werden dem Besucher in der Anatomieausstellung in verschiedenster Form präsentiert. Die Haut wurde von den meisten Körpern entfernt, sodass der Blick auf die innere Anatomie des Menschen frei wird. Knochen, Muskeln, Nerven, Sehnen und Organe sind somit für den Besucher gut erkennbar. Eine der ausgestellten Leichen trägt ihre gesamte Hauthülle, die den lebendigen Körper bedeckt, in der Hand.

Die menschlichen Körper sind erstaunlicherweise in allen möglichen lebensnahen Positionen zu sehen – auch dies ermöglicht die Plastination. Es sind Körper beim Fahrradfahren, Fechten oder Basketballspielen ausgestellt, ebenso zeigen viele der leblosen Exponate deutliche Mimik und Gefühlsregungen. Zu den bekanntesten Präparaten der Ausstellung zählt ein sitzender “Schachspieler”, der sich scheinbar konzentriert über ein Schachbrett beugt.

Nur der kleinste Teil der Ausstellungsobjekte wurde in seinem natürlichen Zustand belassen. Neben vollständigen Körpern sind auch aufgeschnittene oder zerteilte Leichen zu sehen. Ebenso werden dreidimensional auseinandergenommene Körper gezeigt, die in verschiedene Ebenen unterteilt sind. Organe wurden den Körpern entnommen und zur Schau gestellt. So gibt es Leichen, die ihre Organe, beispielsweise Herz, Niere oder Leber, in der Hand halten. Auch sind vollständige Körper zu sehen, die in dicke oder dünne Längs- oder Querscheiben geschnitten wurden, was eine Vorstellung von der räumlichen Anordnung der inneren Organe ermöglicht.

Der Besucher hat ebenso die Möglichkeit, während der Ausstellung bestimmte plastinierte Organe anzufassen. Es werden Leichen aller Art, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Beschaffenheit gezeigt.

Die Ausstellung gliedert sich in verschiedene Themenkomplexe, die den menschlichen Körper veranschaulichen sollen. Separat behandelt werden z.B. der Bewegungsapparat, das Nervensystem und der Blutkreislauf des Menschen. Auch die “Entwicklung des Menschen im Mutterleib” (Broschüre) wird in allen Stadien ausführlich gezeigt, wozu auch die Darstellung von – wohlgemerkt echten – Föten zählt.

Die Ausstellung widmet sich auch dem Kontrast zwischen Gesundheit und Krankheit. So werden gesunde Organe häufig kranken Organen entgegengestellt. Beispielsweise sind eine gesunde Lunge und eine Raucherlunge ausgestellt. Gesunde Babykörper sind ebenso zu sehen wie missgebildete Exemplare. Tumorbefallene oder erbgeschädigte Organe werden gesunden Organen gegenübergestellt.

Warum solch eine Ausstellung?

Gunther von Hagens will mit seiner “Körperwelten”-Ausstellung nach eigenen Angaben den unvoreingenommenen Besucher über den menschlichen Körper informieren. Der Besucher, so von Hagens, soll ein Gespür für die komplexe und verletzliche Natur bekommen, die in jedem von uns wirkt. Die Ausstellung soll zeigen, was der Laie noch niemals zuvor gesehen hat. Sie soll dem Besucher das Wunder des menschlichen Körpers im wahrsten Sinne des Wortes begreifbar machen, sagt der Initiator. Besonders in der heutigen technisierten Welt sei dies wichtig, zumal Tod und Krankheit in unserer Gesellschaft größtenteils tabuisiert und ausgeblendet würden.
Er wolle die Lehre der Anatomie auch an den Laien herantragen, denn jeder habe ein Recht darauf genau zu erfahren, wie der eigene Körper funktioniere, was etwa Gründe für Krankheiten seien. Die Anatomie solle nicht nur einem kleinen Kreis von Anatomen und Medizinern zur Verfügung stehen, sondern der breiten Öffentlichkeit.
So betrachtet Gunther von Hagens seine Ausstellung vor allem als einen wichtigen Teil wissenschaftlicher und gesundheitlicher Aufklärung und sieht sich in dieser Annahme durch die hohen Besucherzahlen bestätigt.

Strittige Diskussionspunkte / Standpunkte verschiedener Personen

Würdeverletzung durch Verdinglichung des Menschen?
Es wurde häufig die Kritik geäußert, der menschliche Körper werde durch derartige Ausstellung verdinglicht, also zum bloßen Objekt gemacht.

Dr. Ulrich Fischer, Landesbischof der Evangelischen Landeskirche in Baden, stimmt dieser Kritik zu und äußert folgendes: “Das menschliche Personsein endet nicht mit dem Tode; auch die Leiche ist ein Mensch in seiner ganzen Geschöpflichkeit.” Dies immer wieder kritisch einzubringen sei die Aufgabe der christlichen Kirche. Fischer schreibt weiter: “Nun ist zwar nichts einzuwenden gegen einen unbefangenen Umgang mit dem Körper, wie er immer wieder von den für die Ausstellung Verantwortlichen gefordert wurde; wo aber das ‚Recht auf Körperschau’ umschlägt in ein Recht auf absolute Enthüllung der ‚Sache Mensch’ und wo sich dies unbestreitbar mit Show-Effekten mischt, ist der Weg von einem unbefangenen Umgang mit dem Körper hin zur Prostitution nicht mehr weit.”

Dem widerspricht Prof. Dr. Franz Joseph Wetz, Philosophieprofessor in Schwäbisch Gmünd, vehement. Der Mensch gehe, so Wetz, im Moment des Hirntodes zwangsläufig in den Zustand eines bloßen Objektes über. Der Leichnam, ehemals lebendiges Wesen, sei nunmehr zu Materie geworden und auf ganz natürliche Weise “Gegenstand der Verwesung oder Einäscherung, der Organentnahme, Anatomie oder Plastination”. Man müsse strikt zwischen dem Verstorbenen, der in der Erinnerung erhalten bleibt, und dessen Leiche, einem “leblosen Objekt”, einem Ding der Gegenwart, unterscheiden.

Immer wieder, fast gebetsmühlenartig, wird von Initiatoren und Befürwortern der “Körperwelten”-Ausstellung gegen den Vorwurf der Menschenversachlichung argumentiert, alle gezeigten Präparate seien freiwillig für eben diesen Zweck zur Verfügung gestellt worden. Lebende und tote Spender hätten vertraglich der Verwendung ihrer Körperteile als Plastinate zum Zwecke der anatomischen Aufklärung zugestimmt.
Doch dies ist laut Dr. Ulrich Fischer mitnichten ein Grund, völlig bedenkenlos menschliche Leichname zur Schau zu stellen. Der Mensch sei nach christlicher Auffassung nicht vollkommen berechtigt, selbst über den Verbleib seines eigenen Körpers, unweigerlich ein Geschenk Gottes, zu richten. Eine derartige Anmaßung sei mehr als fragwürdig.
Auch Franz Joseph Wetz stellt diesbezüglich fest: “Der vernunftphilosophischen Geistesrichtung zufolge ist der Mensch zwar Herr über sich, nicht aber Eigentümer von sich”.

Unser Standpunkt hierzu ist klar. Wir halten eine derartige Ausstellung von Leichen für insgesamt unangemessen, ähnlich wie Ulrich Fischer.
Hierzu stellen wir fest, dass ein Leichnam an sich natürlich ein Objekt ist, doch sehen wir immer noch einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Objekt einer menschlichen Leiche und beispielsweise einem Blumentopf, den man ohne Gewissensbisse beliebig zerschlagen oder umgestalten kann. Dieser Unterschied liegt unserer Meinung nach vor allem in der Art und Weise, mit der ein Außenstehender einen menschlichen Leichnam betrachten sollte:
So geht sämtlicher Respekt vor der menschlichen Erscheinung und seiner natürlichen Schöpfung verloren, wenn der menschliche Körper, wie es in dieser Ausstellung geschieht, regelrecht auseinander genommen, zerschnitten, verformt und fragmentiert wird. Den Mensch sollte man auch körperlich als Ganzes sehen und ihn in seiner natürlichen Form belassen. Schließlich kann der Mensch auch nur als Einheit funktionieren. Die Erkenntnis, den Menschen als Einheit, so wie er ist, zu respektieren, ist eine der wichtigsten für den sozialen Umgang miteinander.
Es ist unserer Meinung nach nicht hilfreich, wenn man den Besuchern der “Körperwelten”-Ausstellung beibringen will, der Mensch ließe sich in seine einzelnen Organe zerlegen oder in Scheiben schneiden, was tatsächlich eine Versachlichung des Menschen zur Folge haben kann – schließlich fällt es leichter, eine dem Körper entnommene Leber als sachliches, unmenschliches Objekt zu identifizieren als einen ganzen Körper, der immer noch einem Menschen ähnelt und an seine leibhaftige Bestimmung erinnert. Die Erkenntnisse, die der Besucher in der Ausstellung über die Anatomie der Toten gewinnt, lassen sich naht- und problemlos auch auf die Lebenden übertragen, mit denen wir tagtäglich in Interaktion treten. Man könnte mit Verlassen der Ausstellung also den Eindruck gewinnen, auch der lebendige Mensch sei aus lauter kleinen Komponenten zusammengesetzt, die nichts weiter sind als bloße Materie, was zur Versachlichung des Menschen insgesamt führt und zum oben erwähnten Verlust von Respekt gegenüber der Person.

Würdeverletzung durch unangemessene Ästhetisierung von Plastinaten?
Immer wieder erhob man den Vorwurf an Gunther von Hagens, seine Leichenpräparate würden in der Ausstellung zu Kunstwerken mit unangemessenem ästhetischen Wert stilisiert.

Dazu stellt von Hagens selbst fest, dass er bewusst auch einen künstlerischen Zweck mit seiner Ausstellung erfüllen möchte. Er sieht sich dabei in einer langen medizinisch-künstlerischen Tradition, die bis in die Renaissance zurückreicht. Er spricht von künstlerischer Anatomie und verweist auf Pioniere der anatomischen Aufklärung, die etwa ab dem 14. Jahrhundert öffentliche Präparationen von menschlichen Leichen vornahmen und ihre Erkenntnisse nicht nur präzise in zeichnerischer Form dokumentierten, sondern auch anatomische Darstellungen von Körpern in Gemälde und künstlerische Ausführungen integrierten. Beispielsweise wurden damals präparierte Körper in freier Natur und lebensnaher Pose zeichnerisch festgehalten.
Von Hagens führt weiter aus, die Körperspender hätten sich ausdrücklich damit einverstanden erklärt, dass ihre Leichname in derartiger Weise dargestellt würden.

Es ist offensichtlich, dass die Ausstellungen tatsächlich über die rein informative und medizinisch korrekte Aufklärung über die menschliche Anatomie, wie sie z.B. an Universitäten im Rahmen eines Medizinstudiums stattfindet, hinausgeht. Ebenso ist gut erkennbar, dass sich von Hagens mit der Idee, Menschenplastinate öffentlich auszustellen, vom reinen Mediziner zum Schausteller – er selbst bezeichnet sich als Künstler – gewandelt hat. Er sieht sich dementsprechend in der Pflicht, seine Besucher durch ansehnliche, ästhetische Leichendarstellungen zu beeindrucken.
Seine Ausstellung, so von Hagens, habe ihren Zweck verfehlt, wenn die Exponate den Besucher anekelten oder abschreckten. Anfängliche Ängste und Ekel müssten beim Besucher überwunden werden, denn nur so könne das Wunder des menschlichen Körpers dem Besucher vertraut gemacht werden. Zudem habe er die Verpflichtung gegenüber den Körperspendern, deren Körper in aufbereiteter und ansprechender Form darzustellen.

“Tatsächlich ließen einige der Ganzkörper-Präparate unzweideutig erkennen, daß das wissenschaftliche Aufklärungsinteresse überlagert wurde von künstlerischen Ambitionen des Plastinators”, stellt Dr. Ulrich Fischer hierzu fest. Bereits im Vorfeld der Veranstaltung sei zu befürchten gewesen, dass nicht die medizinische Wissenschaft im Vordergrund stehen würde. Heftig kritisiert er auch die gezielte, postmortale Stilisierung des menschlichen Körpers zu einem Kunstwerk. Er sieht in der Ausstellung die Fortsetzung dessen, was er als “Schönheitswahn” bezeichnet. Es läge die Vermutung nahe, Körperspender hätten sich aus bloßer Eitelkeit und mit der bizarren Zuversicht, sogar über den Tod hinaus als eine Art Schaufensterpuppe bewundert zu werden, für die Plastination bereit gestellt. All dies müsse im Sinne des christlichen Glaubens äußerst kritisch beobachtet werden.

Prof. Dr. Franz Joseph Wetz vertritt diesbezüglich eine grundlegend andere Sicht der Dinge. Es sei prinzipiell nichts daran zu kritisieren, menschliche Leichname in ästhetischer Form zu zeigen. Vielmehr könne hierdurch neben der Veranschaulichung der Funktionalität des Körpers auch dessen “innere Schönheit” zum Ausdruck kommen, was allerdings von der Sensibilität und dem Geschick des Plastinators – beides im Allgemeinen künstlerische Qualitäten – abhängig sei.
Franz Joseph Wetz argumentiert zunächst, Gunther von Hagens’ künstlerischen Ambitionen in Verbindung mit anatomischer Aufklärung stünden tatsächlich im Einklang mit einer langen Tradition. Im Folgenden greift er Argumente des Schaustellers auf, wonach das “Verdängen von Abscheu und Herausbilden von Schönheit” an sich nichts Anstößiges und zudem von den Körperspendern gewünscht seien. Auch weist er darauf hin, die Beurteilung von menschlichen Leichnamen als künstlerische Darstellungen sei zutiefst abhängig vom Blickwinkel des Betrachters. Der Begriff der “Anatomiekunst”, welchen von Hagens geäußert habe, sei allemal zu rechtfertigen. Man könne ohnehin in diesem Fall mitnichten von Würdeverletzung sprechen, da der menschliche Kadaver bloße Materie sei – eine aus unserer Sicht recht radikale, als unanfechtbar dargestellte Argumentationsweise, die sich wie ein roter Faden durch Wetz’ Erörterung zieht.

Spätestens müssen wir dieser Darstellung jedoch entschieden widersprechen, wenn Wetz die offensive, überhebliche wie geradezu lächerliche These aufstellt, Gunther von Hagens befinde sich in einer ähnlichen Situation wie einst Galileo Galilei, der für seine modernen, revolutionären (und wohlgemerkt rein wissenschaftlichen!) Erkenntnisse von Kritikern verfolgt und bedrängt wurde. Somit wird suggeriert, von Hagens stünde einsam und verkannt an der Spitze eines neuen wissenschaftlichen Zeitalters, welches das alte, konservative Establishment der Anatomen nicht wahrhaben wolle und blindlings zu bekämpfen suche.
Erstens sei dazu angemerkt, dass sich das Revolutionäre an von Hagens’ wissenschaftlichen Forschungen auf die Erfindung eines neuartigen Konservierungsverfahrens beschränkt. Zweitens mag man die “Körperwelten”-Ausstellung als revolutionär beschreiben, aber in welcher Hinsicht? Ein neues Zeitalter der wissenschaftlichen Aufklärung ist damit sicherlich nicht angebrochen. Wohl aber ist eine Grenze überschritten, der Mensch zur Modelliermasse erklärt worden.
Diese Sichtweise der menschlichen Materie weckt bei so manch einem unweigerlich alarmierende Assoziationen. Zuletzt wurden hierzulande menschliche Leichen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten aufeinander geschichtet – die Bilder von Leichenbergen, aufgenommen nach der Befreiung der Arbeitslager, haben sich ins deutsche Gedächtnis eingebrannt. Auch mit der kunstfertigen Weiterverarbeitung von menschlicher Materie zu Nutzgegenständen wie Lampenschirmen taten sich die Verantwortlichen damals nicht schwer.
Dementsprechend sollte man Kritik an der Ausstellung modellierter menschlicher Kadaver nicht vorschnell als unfortschrittliches, unzeitgemäßes Geschwätz abtun. Im Gegenteil wäre es erschreckend gewesen, wenn diese Ausstellung ein durchweg positives Echo erhalten hätte.

Tatsache ist außerdem, dass die gezeigten Präparate keineswegs ihrem Urzustand entsprechen. Bevor sie in der Ausstellung gezeigt werden, wird ihre Erscheinung in der Regel umfangreich korrigiert bzw. verschönert – beispielsweise werden die körpereigenen Farben mit Speziallack verstärkt, um den Körper ansehnlich erscheinen zu lassen. Auch sind bisweilen von Zeit zu Zeit Nachbesserungen an den Plastinaten notwendig, wofür auch Körperfragmente (z.B. Muskeln oder Organe) von anderen Körperspendern verwendet werden. Für den Laien dürften diese Ausbesserungen nicht erkennbar sein. Kritisch zu hinterfragen ist außerdem die Art und Weise, mit der die Plastinate ausstaffiert werden. Menschliche Körpermasse – wohlgemerkt anonymisiert – wird im Prozess der Modellierung vermengt und wie herren- und würdelose Materie behandelt; sie dient dem “Anatomiekünstler” als Arbeitsmaterial, um menschliche Leichenskulpturen zu schaffen.

Auch den Vorwurf, seine Ausstellung befriedige die Schaulust und das Verlangen nach einem Gruselerlebnis mehr als das wissenschaftliche Interesse am menschlichen Körper, muss sich von Hagens gefallen lassen.
Zwar führt er als Grund für seine Ausstellung unter anderem an, die Scheu des Besuchers vor der menschlichen Anatomie müsse überwunden werden und sein langjähriger Begleiter Prof. Dr. Wilhelm Kriz tut in einer Stellungsnahme seinen Unmut über ältere Anatomiesammlungen kund, die vornehmlich missgebildete Föten in Formalingläsern zeigten und somit dem Laien ein falsches Bild von der anatomischen Wissenschaft vermittelten. Auf der anderen Seite präsentiert von Hagens in seiner Ausstellung und auf einem Videoband in aller Ausführlichkeit Föten, die sich in allen erdenklichen Stadien der Entwicklung befinden – konsequent stellt er aber auch hier Gesundheit und Krankheit gegenüber. So ziert auch eine Reihe von missgebildeten Babys seine Ausstellung: Ein Fötus mit Wasserkopf, ein Paar siamesische Zwillinge, ein Kind ohne Gehirn, eins, welches durch organische Missbildungen sein Herz an falscher Stelle trägt. Hinzu kommen natürlich jede Menge gesunde Babys – vom frühen Stadium im Reagenzglas über Frühgeburten bis hin zum ausgewachsenen, voll ausgebildeten Kind.
Welche genauen wissenschaftlichen Erkenntnisse anhand dieser Exponate deutlich werden sollen, bleibt indes ungeklärt. Künstlerische Freiheit allein dürfte das Ausstellen solcher Leichenexemplare aber kaum rechtfertigen.

Unsittlichkeit der Weitergabe der Plastinate gegen Geld?
Vielfach wurde diskutiert, ob der Verkauf von Plastinaten (z.B. ehemaligen Ausstellungsstücken) den guten Sitten entspräche.

Der “Plastinator” selbst gibt an, alle erworbenen und verkauften Plastinate würden keinesfalls Gewinn bringend weitergegeben; lediglich die Kosten für die Aufbereitung und Präparation der Leichname müssten zurückerstattet werden. Empfänger von Plastinaten sind nach eigenen Angaben ausschließlich wissenschaftliche Institutionen wie Universitäten oder Museen.

Im Zuge immer weiterer, nicht minder erfolgreichen Plastinationsausstellungen in verschiedenen Ländern sind jedoch Zweifel an dieser Vorgehensweise aufgekommen.
Gunther von Hagens ist nunmehr Verwalter eines international operierenden Firmennetzwerkes mit Standorten unter anderem in Heidelberg, im chinesischen Dalian und im kirgisischen Bischkek. Ungeklärt ist auch, wohin genau die immensen Summen, die während der Ausstellungen als Eintrittsgeld erhoben wurden, geflossen sind.
Von Hagens ist mittlerweile ohne Zweifel ins “Big Business” der Leichenplastination eingestiegen. Bestellungen über Plastinate erreichen seine Firma aus allen Ländern. Fragen werfen auch seine Methoden der “Leichenbeschaffung” (von Hagens) auf: Laut Informationen des “Spiegel” (Januar 2004) befinden sich in den Räumlichkeiten der chinesischen Firma ständig bis zu 650 vollständige menschliche Leichen allen Alters, darunter zahlreiche Föten. Im dortigen Leichenlager sollen sich zeitweise auch die Leichen Hingerichteter befunden haben. Um der Auftragslage gerecht zu werden, soll von Hagens an diesem Standort dutzende Mitarbeiter angestellt haben, die unter strenger Geheimhaltung im Akkordbetrieb Leichen präparieren und für den internationalen Versand vorbereiten. Den Eindruck einer Non-Profit-Organisation erweckt von Hagens’ Firmenimperium schon lange nicht mehr.

Auf uns macht dieser Mann den Eindruck, als habe er im Zuge seiner langjährigen, ausnahmslosen Tätigkeit als Anatom und Leichenschausteller jedweden Bezug zum Wert des Menschen verloren und sich in die professionelle, effektive, nahezu industrielle Plastination verstiegen. In dieses Bild passt die Aussage, die Prof. Dr. Wilhelm Kriz über den Mann macht, der bereits ankündigte, er werde sich nach seinem Tode einer Plastination unterziehen lassen: “Die Identifikation mit dem, was er damals zu seiner Sache gemacht hatte, erreichte im Laufe der Jahre einen Grad, der eine Trennung von Beruf und Person kaum noch zuläßt. Gunther von Hagens verkörpert seine Arbeit.”
Auch die überhebliche und bisweilen unsachliche Art, mit welcher der “Plastinator” seine Leichenschauen zu rechtfertigen pflegt, mutet teilweise plump an; nach den moralischen Konflikten gefragt, die seine Ausstellung provoziert, antwortete er einmal: “Über Moral entscheidet die Mehrheit.” Die Popularität seiner Inszenierungen ist demnach Grund genug, alle Zweifel über deren moralische und ethische Problematik außer Acht zu lassen. Er selbst sieht sich durch seinen Erfolg bestätigt und noch dazu nach da Vinci und anderen als einen weiteren Pionier der anatomischen Aufklärung. Die ihm gebührende Anerkennung für seine wissenschaftlichen Leistungen werde er jedoch zu Lebzeiten wohl nicht mehr erfahren, stellt der Mann mit dem Hut ernüchtert fest – doch auch vielen seiner heute berühmten Vorgänger sei es nicht anders ergangen.

Handout: Gunther von Hagens’ “Körperwelten”

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