Kommerz 2.0: Bloggen im Auftrag der Wirtschaft

Seit Januar 2007 bietet das Schweizer Marketingunternehmen “trigami” Internet-Bloggern einen Nebenverdienst an: Für Produktrezensionen auf ihren Internetseiten bekommen die Webautoren bares Geld. Während die einen eine schleichende Kommerzialisierung der Blogger-Szene befürchten, freuen sich andere Hobby-Autoren über ein kleines Zubrot – und die so beworbenen Konzerne frohlocken.

“Eigentlich war es Geldnot”, sagt Markus Uhl (36). Der Blogger aus Freising bei München meldete sich Ende April beim Marketingvermittler trigami an. Vier Wochen später flatterte der erste Auftrag ins Postfach: Er sollte eine Rezension über das Funportal “autsch.de” verfassen und in seinem Online-Tagebuch veröffentlichen. Nach getaner Arbeit landeten 29,40 Euro auf seinem Konto.

Wie Markus Uhl beteiligen sich hierzulande immer mehr Menschen am “Paid Blogging”, dem bezahlten Bloggen im Auftrag von Firmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen im Internet bekannt machen wollen. Längst haben Unternehmen die Internet-Tagebücher als lukrative Werbeplattform entdeckt. Wer heute junge Zielgruppen erreichen will, positioniert sich im “Web 2.0″: in Blogs, Foren und den neuen “Social Communities” wie YouTube und MySpace.

Virales Community-Marketing

Neben Text- und Bannerwerbung setzen immer mehr Firmen nun darauf, sich auch redaktionell in Blogs bemerkbar zu machen – anstatt kostspielige Werbekampagnen zu starten, lassen die Konzerne den Webautoren freie Hand bei der Beurteilung ihrer Produkte. Der Effekt: Die Besucher des Blogs setzen sich mit dem getesteten Produkt auseinander, diskutieren über die Kommentarfunktion öffentlich dessen Vor- und Nachteile und besuchen nicht selten die Website des Herstellers.


Schöne neue Blogger-Welt: trigami schüttet nach eigenen Angaben 70 Prozent der Einnahmen an seine Rezensenten aus.

Näher am Konsumenten kann Online-Werbung nicht sein, findet auch Remo Uherek, Geschäftsführer von trigami, dem ersten Rezensionsvermittler dieser Art in Europa. 2006 hatte er mit einigen Studentenkollegen von der Universität St. Gallen die Idee, das bezahlte Bloggen auch im deutschsprachigen Raum zu etablieren. Trigami vermittelt Schreibaufträge an Blogger, die Produktbeurteilungen in ihren Tagebüchern veröffentlichen und dafür ein vorher festgelegtes Honorar erhalten.

“Unsere 2000 Blogger sind 2000 Multiplikatoren”

Die Kriterien sind simpel: Das Blog muss hohe Besucherzahlen aufweisen und die Beurteilungen müssen sich ernsthaft und sachlich mit den jeweiligen Produkten befassen. “Mit trigami können Blogger mit der Ausübung ihres Hobbys Geld verdienen”, beschreibt Uherek (siehe Foto) den Anreiz, mit dem seine Firma bereits mehr als 2000 Rezensenten gewonnen hat, Tendenz steigend. Im Interview mit dem Online-Magazin “medienhandbuch.de” nennt er den Hauptvorteil des neuen Systems für die zahlenden Auftraggeber: “Unsere 2000 Blogger sind 2000 Multiplikatoren und erreichen insgesamt über fünf Millionen Menschen pro Monat.”

Mit Hilfe der Vernetzungstechnologien des Web 2.0 verbreiten sich Firmen- und Produktnamen schneller als je zuvor, ohne dass die Firmen dabei aktiv mithelfen. Veröffentlicht ein populäres Blog einen Testbericht, finden sich bereits Stunden später Querverweise in Dutzenden Webkatalogen und Abonnementdiensten, die weitere Besucher auf die Seite lenken.

Aber auch für kleinere Blogs können sich Produktbeurteilungen als Besucheranreiz lohnen, sagt Blogger Uhl, dessen Website seit den ersten Testberichten steigende Besucherzahlen verzeichnet. “Mittlerweile habe ich etwa 150 Besucher pro Tag, und da sind noch nicht einmal die Zugriffe von Webkatalogen mit einbegriffen”, sagt Uhl, der selbst bei einer Firma für Online-Marketing beschäftigt ist. “Ich werde trigami wahrscheinlich auch meinen Kunden empfehlen.”

Protest von den Besuchern

Doch längst nicht alle Webautoren sind von dem neuen Trend des bezahlten Bloggens überzeugt. Viele sehen die freiheitlich-unkommerzielle Schutzzone der Blogs bedroht und wittern Schleichwerbung. Auch Markus Uhl war anfangs skeptisch und fragte bei seinen Besuchern nach. “Die Leute haben gesagt: ‘Mach das nicht, bleib unabhängig, verkauf dich nicht’.”

Laut trigami muss jede bezahlte Rezension mit einem speziellen Symbol und einem gut erkennbaren Hinweis gekennzeichnet sein. Auch betont der Betreiber, die Autoren seien in ihrem Urteil absolut unabhängig und würden nicht in ihrer Meinung beeinflusst. So sei Schleichwerbung grundsätzlich ausgeschlossen, heißt es auf der Firmenwebsite.

“Es ist meine eigene, persönliche Meinung, die ich in meinem Blog von mir gebe. Ich werde mir von niemandem vorschreiben lassen, was ich zu sagen habe”, betont auch Uhl, der nach heftiger Kritik auf seiner Internetseite eine eigene “Magna Carta des Bezahlten Bloggens” veröffentlicht hat.

Günstig und effektiv: Firmenwerbung im Web 2.0

Dass Firmen die schlüpfrigen Kanäle des Web 2.0 intensiv und nicht immer klar erkennbar für Eigenwerbung nutzen, ist indes nichts Neues. Im April 2007 flog etwa ein britischer Parfüm-Hersteller auf, nachdem vier Wochen lang fünf Jugendliche auffällig viele Kommentare in deutschen Online-Portalen hinterließen, in denen sie ausgiebig von einer neuen Duftkreation eben dieser Marke schwärmten. Keiner dieser Online-Charaktere existierte wirklich – die versteckte Marketingkampagne fiel nur auf, weil die erfundenen Personen sich allzu aufdringlich zu Wort gemeldet hatten. Und die Fülle an Werbespots auf Videoportalen wie YouTube oder MyVideo.de lässt erahnen, dass so manch ein Unternehmen hier ohne finanziellen Aufwand ein großes Publikum erreichen möchte. Ein Trend, der nicht mehr aufzuhalten scheint – und für den Nutzer leider kaum durchschaubar ist.

Markus Uhl hat indes eine eigene Lösung gefunden, seine von Zweifeln geplagte Blogger-Seele zu beruhigen: Er sammelt alle Honorare seiner Auftragsarbeiten auf einem Spendenkonto. Bald soll die erste Zahlung in Höhe von 115 Euro an Greenpeace gehen – “Charity Blogging” nennt er das.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Sebamueller.net - Interview mit Remo Uherek - Co-Founder & CEO der Trigami AG
  • UPLOAD - Magazin für digitales Publizieren - Bezahltes Bloggen: so funktioniert Trigami
  • tobiwei.de - trigami gibt die Preise frei!
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