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Hochkultur auf Ebene 2: Eine Brücke bekommt Farbe

Vor sechs Jahren hatten zwei Künstlerinnen eine Vision. Sie wollten Migrationsgeschichten aus dem Ruhrgebiet auf eine Brücke in Hagen malen – und lösten damit eine öffentliche Kontroverse aus. Heute gilt das Projekt als Aushängeschild der “Kulturhauptstadt 2010″.
Eine Reportage

“Ich habe die ganze Stadt aufgewirbelt”, stellt Milica Reinhart fest und lacht zufrieden. Was die Malerin in Hagen plant, hat schon für Wirbel gesorgt, bevor der erste Pinselstrich gezogen ist. Denn Milica Reinhart hat mit ihrer niederländischen Kollegin Marjan Verkerk Großes vor: In den kommenden Monaten wollen die beiden Künstlerinnen eine Fläche von 2.700 Quadratmetern bemalen. Sie werden knapp 800 verschiedene Farbtöne benutzen. Jede Farbschicht ist auf den Millimeter genau berechnet worden. In mehr als 10.000 kleine Quadrate haben sie ihr Kunstwerk aufgeteilt, damit die Farbe an die richtige Stelle kommt. Das Ganze soll knapp 800.000 Euro kosten und ist ein offizielles “Leuchtturmprojekt” der Kulturhauptstadt “RUHR.2010″.

Es geht um eine Brücke. Die Altenhagener Brücke im Zentrum der Stadt ist ein mächtiges Bauwerk aus den siebziger Jahren, das düster und marode aussieht. Reinhart und ihre Kollegin wollen die Brücke anmalen. “Die Idee hatten wir 2002 in Johannesburg”, erinnert sich Reinhart. “Das war ein Projekt zur UN-Konferenz in Südafrika und hieß ‚Benachteiligte Stadtteile‘. Wir haben dann recherchiert und herausgefunden, dass in Altenhagen Menschen aus über 80 verschiedenen Ländern leben.” Milica Reinhart liebt Farben. Sie wollte die Brücke in den Farben der Migranten anmalen – dazu machte sie Interviews mit den Anwohnern und befragte sie nach ihren Erinnerungen, nach ihrer früheren Heimat – und an welche Farben sie dabei denken.

Milica Reinhart ist Künstlerin, man sieht es ihr an. Sie hat zerzauste Haare und trägt eine Kette mit Holzperlen um den Hals. Der violette Overall und der braune Top sind mit bunten Farbklecksen übersäht. Über der abgenutzten Jeans trägt sie einen Rock mit Karomuster, dazu modische Schuhe. Milica Reinhart kam mit zwölf Jahren aus Kroatien nach Deutschland. 1987 zog sie nach Hagen, heute ist sie 50. In ihrem braun gebrannten, faltigen Gesicht fallen die wachen, aufmerksamen Augen auf. Sie spricht mit ruhiger Stimme und sicherer Miene. Manchmal hört man ihren leichten Akzent, wenn sie das R rollt. “Erst habe ich fünf Kinder groß gezogen. Dann bin ich Künstlerin geworden. Das wollte ich immer.”

Vor vier Jahren starteten Reinhart und Verkerk ihr Projekt, und bald war klar, dass es teuer werden würde – sehr teuer. Und längst nicht jeder in Hagen war überzeugt von dem Brückenprojekt. Ein jahrelanger Kampf um Fördergelder und Genehmigungen begann, in dem die Künstlerin vor allem Lobbyarbeit leistete. “Uns war nicht klar, wie sich das entwickeln würde. Es ist sehr politisch geworden – das war sehr brutal”, sagt Reinhart und legt die Stirn in Falten. “Es war klar, dass wir von der Stadt Hagen keinen Cent bekommen würden.” Die Künstlerin erzählt engagiert von ihrem Gang durch Behörden und Ausschüsse, zählt an ihren Fingern die Stationen ab, die sie mit ihrer Kollegin auf Kommunal- und Landesebene durchwandert hat: Bauministerium, Staatskanzlei, Integrationsministerium, Brückenbauamt. “Ständig dachte man, es geht nicht weiter”, sagt sie. Verständnislos fasst sie sie sich an den Kopf: “In der Landesregierung war die CDU für das Projekt, in der Kommune dagegen.” Mit großen Gesten macht sie die Kräfteverhältnisse im Stadtrat klar: Im Oktober 2007 schließlich gab es einen Ratsbeschluss für das Projekt. “Das war knapp im Rat, aber wir haben gewonnen”, sagt Reinhart schließlich und lacht erleichtert. “Ich habe nie so viel geredet wie in diesen vier Jahren.”

Die öffentliche Diskussion habe sie kaum belastet, auch wenn aus ihrer Stimme jetzt Verbitterung spricht: “Die Bürger haben sich in Leserbriefen in der Zeitung ausgelassen.” Viele Menschen habe sie im persönlichen Gespräch überzeugen können, mit anderen wolle sie erst gar nicht reden: “Manche Leute sind so nationalistisch, da bekomme ich das Würgen. Viele wollen nicht wahrhaben, dass wir eine Multikulti-Stadt sind.” Beharrlich betont Reinhart immer wieder, was ihr Anliegen bei dem Projekt ist: “Die Verbindung von Straßenkultur und Hochkultur.” Kultur sei nicht nur der regelmäßige Theaterbesuch, sagt die Künstlerin. Seitdem im Viertel das Brückenprojekt im Gespräch sei, hätten sich viele weitere Künstler mit dem Thema Migration befasst – so entstand ein Kindertheaterstück mit Hauptschülern aus Altenhagen. Ein türkischer Regisseur aus dem Viertel drehte einen Kurzfilm, ein Jugendarbeiter organisierte Rap-Workshops. “So kommen die Migrantenkinder dann doch ins Theater.” Die kulturelle “Vermischung”, die sie plant, zeigt sie mit großer Gestik. Die vielen Jahre, in denen sie für das Projekt gekämpft hat, haben sie zur Optimistin gemacht: “Wir kriegen alles, was wir wollen. Es dauert nur ein bisschen”, sagt sie und lacht müde.

Während Milica Reinhart auf dem Bürgersteig zur Altenhagener Brücke geht, die in Sichtweite des Hauptbahnhofs liegt, deutet sie auf ein altes Kino: “Hier waren die ersten Theateraufführungen.” Das Projekt hat europaweites Interesse erzeugt – zwei irische Studenten haben ihre Diplomarbeit über das Hagener Brückenprojekt geschrieben und wollen bei den Malarbeiten als Praktikanten mithelfen, erzählt Milica Reinhart: “Es kommen viele Praktikanten von verschiedenen Universitäten.”

Dort, wo sich Graf-von-Galen-Ring, Märkischer Ring und Eckeseyer Straße kreuzen, steht die Altenhagener Brücke, über deren Bundesstraße 54 täglich rund 40.000 Autofahrer zur A1 oder in die Innenstadt fahren. Die Brücke mit dem technischen Namen “Ebene 2″ schlängelt sich über eine achtspurige Straße. Dunkle Fassaden und schmale Fußgängerwege stehen dicht gedrängt direkt an der Brücke, Menschen laufen eilig über Ampeln. Das einzige, was etwas Abwechslung ins Betongrau bringt, ist die bunte Reklame, die an den stämmigen Brückenpfeilern angebracht ist. Es riecht nach Autoabgasen und heißem Asphalt. Der Lärm der Autos und Lastwagen, die über die Trasse fahren, dröhnt unaufhörlich auf die Kreuzung und in die anliegenden Gassen. Es gibt schönere Gegenden im Ruhrgebiet.
Die Brücke trennt das Hagener Zentrum vom Stadtteil Altenhagen. Wer Pech hat und in einem der schlichten Wohnhäuser neben der Brücke wohnt, dem können die Autofahrer direkt ins Wohnzimmer schauen.


Unter “Ebene 2″: Links grenzt die Brücke an Altenhagen, rechts an den Fluss Volme. Dahinter steht die Arbeitsagentur.

Milica Reinhart geht mit langsamen Schritten unter “Ebene 2″ entlang. Sie lächelt und ihre Augen leuchten, als sie den Blick nach oben richtet, wo nichts außer schmutzigem, alten Beton zu sehen ist. Aus direkter Nähe wirkt das Bauwerk noch viel größer und schwerer als aus der Distanz. Auf einer Länge von 450 Metern wollen die beiden Künstlerinnen die Seitenläufe der Brücke anmalen. “Das ist verdammt knapp”, hat Reinhart gesagt – alle zwei Wochen müssen 60 Meter Brücke bemalt werden. Jetzt hält sie kurz inne, als habe sie Respekt vor ihrem eigenen Vorhaben bekommen – wie eine Malerin, die vor einer weißen Leinwand steht. Dann sagt sie: “Das ist schon gigantisch.”
Vielleicht ist es der sehnsüchtige Blick der Künstlerin, der sie dazu gebracht hat, das Projekt “Sehnsucht nach Ebene 2″ zu taufen. An der Brückenseite, wo die Volme in Richtung Ruhr fließt, haben Bauarbeiter drei Tage zuvor ein Gerüst aufgebaut. Dort wird ab der kommenden Woche ein Bauunternehmen mit der Brückensanierung beginnen, die für das Projekt um sieben Jahre vorgezogen worden ist, wie Reinhart erklärt hat. Knapp 270.000 Euro lässt sich die Stadt Hagen die Sanierung kosten – eine Investition, die früher oder später ohnehin notwendig geworden wäre, wie die Künstlerin betont. Die 300.000 Euro für das Gerüst würden hingegen von externen Fördergeldern abgedeckt – daher ist sich Reinhart sicher: “Die Stadt Hagen spart durch uns viel Geld.”

Wenn Reinhart und ihre Kollegin Verkerk die erste Farbe aufbringen, werden Fernsehteams und Fachjournalisten dabei sein. “Ich muss noch einen Bauwagen und ein Klo organisieren – für die Praktikanten”, sagt die Hagener Künstlerin, die sich daran gewöhnt hat, im Vorfeld mehr Organisatorin als Malerin zu sein.
Ein halbes Jahr, so erklärt sie, bleibt das Gerüst stehen. Doch was, wenn der Zeitplan nicht eingehalten werden kann? “Wir werden den ganzen Tag arbeiten – zur Not auch noch, wenn es dunkel ist. Dann eben mit Licht.” Jetzt wirkt Milica Reinhart fest entschlossen – ihr Projekt soll schließlich auch ein Vorbild für andere Städte und Regionen werden: “Das fällt schon alles sehr aus dem Rahmen, aber überall gibt es solche Brücken.”

Nur wenige hundert Meter von “Ebene 2″ entfernt haben sich die beiden Farbkünstlerinnen ein provisorisches Atelier eingerichtet. Auf dem Weg dorthin deutet sie auf das Arbeitsamt, das nur wenige Meter neben der Brücke steht: “Da können unsere Praktikanten zu Mittag essen. Das Essen liefert die Caritas, die uns sponsert.” Ohne ein Netzwerk aus Unterstützern, erklärt sie, wäre das ganze Projekt noch viel teurer geworden – sie hat ihre Kontakte in Hagen und Umgebung genutzt. “Ein griechischer Bekannter, der in der Versicherungsbranche arbeitet, hat die Versicherung der Praktikanten übernommen. Ein Apotheker beliefert uns mit frischen Säften.” Die Betonfarbe stammt von einem süddeutschen Unternehmen, ein Kunst-Liebhaber stellte eine Lagerhalle seiner Firma zur Verfügung.

Über einen unscheinbaren Hinterhof gelangt man in das Atelier. In dem länglichen Raum gibt es wenig zu sehen – an zwei Wänden sind bereits Entwürfe aufgemalt worden, auf dem Boden reihen sich etwa 60 große Farbeimer aneinander. Jeder Eimer enthält einen ganz bestimmten Farbton und hat eine eigene Nummer, wie Reinhart erklärt. In einem weiteren Raum stehen hunderte kleine Farbeimer in Regalen – auch sie tragen Kürzel und Nummern. 31104 steht zum Beispiel für einen ganz bestimmten Gelbton im Länderfeld “Sibirien”.

38 verschiedene Kompositionen werden die beiden Malerinnen auf den Beton bringen – jede einzelne steht für ein bestimmtes Land und die Erinnerungen, die die befragten Migranten an ihr Heimatland und ihre Erfahrungen in Deutschland haben. “Es geht dabei um Kleinigkeiten”, erzählt Milica Reinhart.


Emotionen in Farbe übersetzt: Milica Reinhart vor dem Länderfeld “Brasilien”.

Die rosa Pantoffeln, die man einer koreanischen Migrantin bei der Einreise schenkte, oder die kitschige Bambi-Tapete aus einem Übergangsheim für Flüchtlinge – “alle Erinnerungen sind mit Farben verbunden.” Über Monate führten die Künstlerinnen Interviews mit den Anwohnerinnen des Stadtteils Altenhagen. Sie erfuhren von schönen Geschichten, “aber auch von vielen schrecklichen – von Kriegserinnerungen und Vergewaltigungen.” Die Malerin kniet sich auf den mit Folie ausgelegten Boden und blättert durch die Entwürfe. Sie kennt die Namen und Geschichten, aus denen sich abstrakte Farbkompositionen ergeben haben. Jeder Entwurf steht für einen Namen, ein Land: Brasilien, Phillipinen, Iran, Ukraine, Litauen, Indien. Ruhig und andächtig, fast zärtlich schaut sie auf die Bilder, legt sie vorsichtig beiseite, hält hier und da inne. “Das hier ist Tunesien. Die Sonja, für die war der Himmel in Tunesien ganz wichtig. Ich habe tagelang probiert, den richtigen Ton für den Himmel zu finden.” Und der rote Fleck auf dem Bild? “Der steht für Sonjas erstes Fahrrad. Das war knallrot.” Milica Reinhart lacht.
Warum hat sie nur Frauen befragt? “Das mit den Männern war langweilig, die konnten sich nur an die Vereinsfarben ihrer Lieblings-Fußballklubs erinnern oder dachten ans Militär. Die Frauen waren da offener.”


Hinter jedem Bild eine Geschichte: Die Künstlerin erklärt das Länderfeld “Türkei”. Im Hintergrund wartet bereits die Betonfarbe.

An der Wand hängt eine Übersicht, auf der nicht nur die Farbentwürfe, sondern auch unterschiedliche Handschriften zu sehen sind. In ihrer Muttersprache haben die Migrantinnen das Wort “Brücke” geschrieben – später sollen diese Worte die “Ebene 2″ als Neonlicht-Schriftzüge zieren. Die Künstlerin deutet auf die unterschiedlichen Schriftzeichen: “Das hier ist kyrillisch.” Jedes Länderfeld hat sie mit Hilfe eines Statikers in ein Raster eingetragen – es kann nichts mehr schief gehen. Die Farbe ist da, das Gerüst steht. Am 10. Juli geht es los.
Milica Reinhart sieht glücklich aus. Zu Beginn sprach sie noch von Ämtern, Behörden und Genehmigungsverfahren, von Ausschüssen, Politikern und Fördergeldern. Jetzt schaut sie auf die viele Farbe und sagt: “Es ist ein Traum – ein halbes Jahr lang nur malen!”


Die ganze Farbskala: Die verwendeten Farbtöne sind vielfältig.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Offizielle Homepage – Die Sehnsucht nach Ebene 2: Kunstprojekt für eine Brücke
  • Offizielle Homepage – Kulturhauptstadt RUHR.2010
  • DerWesten – Übersicht zum Projekt
  • DerWesten – Hagen: “Sehnsucht nach Ebene 2″ hat Vorbildcharakter
  • DerWesten – Hagen: Positive Signale aus Arnsberg
  • DerWesten – Hagen – Kommentar: Sehnsucht nach Ebene 2 schwindet
  • 2 Kommentare

    1. Anonymous sagt:

      Es ist prinzipiell eine gute Idee,Farbe ins Spiel zu bringen.
      Meines Erachtens aber zu viel Kunst und hat definitiv nichts mit Hagen zu tun.
      Ich denke das kein Mensch,egal woher er kommen mag,etwas mit den ,, BILDERN´´ anfangen kann.
      Das ist eines der Gründe, warum sich Hagen verschuldet und die Bürger es ausbaden müssen wenn man sich den Betrag mal vor Augen hält.
      Ist es eher Politisch oder Künstlerisch ?

    2. fielmann sagt:

      ich finde das projekt super und einmalig. ich bin oft in der nähe von der brücke unterwegs.

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