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Computerspielsucht: Die tägliche Überdosis Illusion

Die Jugend von heute greift nicht mehr zur Flasche oder zum Joint, sondern zu Maus und Tastatur. Die Rede ist von der Computerspiel-Sucht, die nach jüngsten Meldungen unter deutschen Kindern beängstigend um sich greift. Auch wenn es sich nur um eine Stichproben-Untersuchung handelt, so klingen die ersten Erkenntnisse einer Studie der Uni Koblenz-Landau erschreckend.

Elterliche Resignation vor dem maskulinen Urtrieb

Lasst die Jungs doch spielen, sie können’s doch eh nicht lassen. So oder so ähnlich scheinen viele Eltern zu resignieren, wenn sie ihre Schützlinge tagein, tagaus vor dem Computer sitzen sehen. Vielleicht ist es ja nur natürlich, dass das maskulin-pubertierende Individuum auf der Suche nach der Befriedigung eines Urtriebes, der sich nicht sublimieren lässt, nunmehr virtuell auf Jagd gehen muss. So muss der junge Mann Armeen kommandieren, Feinde massakrieren und jenen blutrünstigen Triumph feiern, den die heutige Zivilisation ihm verwehrt. Am PC lässt sich das zumindest befriedigend simulieren. Und wenn alle Gegner erledigt sind, waren die Verluste an Mensch und Material auch noch so groß, streicht sich der Kriegsheld den Schweiß von der Stirn und atmet durch.

Das Problem: Hier ist bei heutigen PC-Spielen immer seltener Schluss. Die Zeiten, in denen man sich tagelang durch etliche Level kämpfen musste und zu guter Letzt der Vorhang fiel, sind längst vorbei. Damals erwachte der schlaflose Zocker schließlich aus seinem Spielrausch – und das Ausmaß der vertrockneten Pizza-Reste, Cola-Dosen und Energy-Drinks, die sich rund um den PC stapelten, war noch überschaubar. Half-Life war so ein Spiel der alten Sorte, oder Age of Empires. Oder Tetris.

Zeitloses Zocken: World of Warcraft und der Fluch des nächsten Quests

Moderne Spiele sind endlos geworden. Titel ohne Mehrspieler-Modus verkaufen sich nicht mehr. Als Paradebeispiel gilt dabei World of Warcraft – hier ist die Zeitlosigkeit das Erfolgsrezept. Die virtuelle Spielewelt, in der sich die Online-Gamer bewegen, wird ständig ausgebaut und der User zahlt einen monatlichen Beitrag für die Suchtbefriedigung. WOW sind bereits viele zum Opfer gefallen: Fleißige Familienväter, die vor der Kiste versackten. Gestandene Studenten, denen irgendwann die Exmatrikulation in den verstopften Briefkasten flatterte, weil ihnen WOW wichtiger war als ihr Werdegang. Schüler, die ihr Abi vergaßen im Wettlauf um den nächsten Quest.

Der Öffentlichkeit wurde das Thema Gaming nur nahe gebracht, wenn es um Gewalt ging. Die BpB hat diese Debatte der Unsachlichkeiten und Polarisierungen dokumentiert. Dass PC-Spiele aber ein Massenphänomen geworden sind und ein erhebliches Suchtpotenzial besitzen, davon war lange Zeit keine Rede.

Der Blick in den Kulissen-Code: Alles ein großer Bluff

Bevor ich mit 13 Jahren zum Web Publishing kam, habe ich selbst oft gezockt – meistens Command & Conquer, damals ein Strategie-Spiel der Extraklasse. Irgendwann habe ich mit dem Programmieren angefangen, und siehe da: Der Reiz des Spiels ließ nach. Wer begriffen hat, wie Computerprogramme funktionieren, versteht irgendwann auch die Sinnlosigkeit des Gaming.

So erfüllt jedes Programm eine bestimmte Funktion: Es gibt Programme, die bewirken, dass Züge pünktlich ankommen und wieder abfahren. Es gibt Programme, die berechnen Aktienkurse und sorgen für Wirtschaftlichkeit. Es gibt Programme, die stellen dir den Wecker.

Und leider gibt es auch Programme, die haben keinen Sinn – diese Programme spulen Animationen und Geräusche ab, wenn man Knöpfe drückt. Von denen profitiert niemand, die bringen weder Menschen sicher von A nach B, noch sorgen sie für Effizienz. Sie erzeugen Illusionen und wirken in konzentrierter Form wie Drogen – diese Programme heißen Videospiele.

Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • PC Games – Kritische Studie zeigt: Wer viel spielt, ist nicht gleich als süchtig einzustufen
  • ZDF – 37 Grad – Im Strudel der virtuellen Welt
  • 2 Kommentare

    1. [...] Höhe von 2,2 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Und während erste Studien zur grassierenden Computerspielsucht auftauchen, machen sich die Entwickler zunehmend Gedanken, wie sie auch ältere Menschen vor die [...]

    2. Elisabeth W. sagt:

      .. also mein Sohn hat sich selbst als süchtig bezeichnet. Er hat dann – wie in dem “Computerspielsucht Therapie” Ratgeber von Peter Jedlicka empfohlen selbst eine Art Selbsthilfegruppe gegründet und seine Lust auf das “real Life” wiederentdeckt …

      LG Elisabeth

    Antworten