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Feuer im Motorraum oft zu spät bemerkt

Erschienen in der Main-Post, 09.03.2010:

Bad Brückenau. Als am vergangenen Freitag der Reisebus der schwedischen Band Takida auf der A7 in der Nähe von Bad Brückenau (Lkr. Bad Kissingen) ausbrannte, hatte das einen Hauch von Ironie: Die Bandmitglieder konnten sich zwar alle retten, aber sie fuhren in einem deutschen Bus – in einem schwedischen Fahrzeug wäre der Brand wohl wesentlich glimpflicher abgelaufen. Denn in Skandinavien gelten andere Vorschriften für den Brandschutz. In Deutschland aber verzichten viele Busunternehmer auf Schutzmaßnahmen, die im Zweifelsfall Menschenleben retten können.

“Im Reisebereich kann man jährlich von etwa 200 Bränden ausgehen, die den Versicherungen bundesweit gemeldet werden”, sagt Markus Egelhaaf von der Dekra-Unfallforschung in Stuttgart. Wenn ein Reisebus Feuer fängt, so Egelhaaf in einer Studie, dann meistens während der Fahrt und im Motorraum. Das Problem: Während der Fahrt ist der Motor gut durchgelüftet, sodass sich der Qualm schnell nach außen verflüchtigt und die Insassen nichts von dem Feuer mitkriegen. Für den Busfahrer sei es oft schwierig, einen Motorbrand frühzeitig zu erkennen.

500 Euro für ein Stück Sicherheit

Seit 2005 empfiehlt die Dekra den Busunternehmen deshalb, einen Feuermelder in den Motorraum montieren zu lassen. Der alarmiert den Fahrer im Brandfall und lässt den Passagieren Zeit, den Bus rechtzeitig zu verlassen. Kostenpunkt: rund 500 Euro. Eine Löschanlage, die ein Feuer im Motorraum automatisch bekämpft, “dient dem Sachwertschutz und ist für die Sicherheit der Passagiere nicht unbedingt notwendig”, sagt Egelhaaf – sie schützt den Unternehmer vor einem Totalschaden, wenn es brennt.

Die Dekra-Studie nahm der Bundesverband deutscher Omnibusunternehmer (bdo) im vergangenen Jahr zum Anlass, seinen Mitgliedern den Einbau von Brandschutzvorrichtungen zu empfehlen – “auf freiwilliger Basis”, wie die Münchener Sprecherin Kirstin Neumayr sagt. Denn obwohl die Geräte günstig und zuverlässig sind, zögern viele Unternehmer, ihre Fahrzeuge nachzurüsten.

“Technisch ist das nicht ohne Weiteres umsetzbar”, sagt Franz-Josef Grasmann, Busunternehmer aus Hafenlohr (Lkr. Main-Spessart). Die Nachrüstung sei kompliziert und umfangreich: “Wir können nicht einfach am Bus herumschrauben und Kabel verlegen, sonst erlischt die Betriebserlaubnis.” Er kenne keinen Kollegen, der Löschanlagen in seine Busse eingebaut habe. “In Bayern fahren 30 000 Busse, die können Sie gar nicht alle nachrüsten.” Grasmann hält einfache Rauchmelder im Fahrgastinnenraum für ausreichend und verweist auf die regelmäßigen Wartungen der Busse – dadurch lasse sich das Risiko eines Brandes minimieren. Für die Sicherheitsvorkehrungen im Motorraum seien die Fahrzeughersteller verantwortlich.

Anders sieht das Markus Stille von der Brandschutzfirma Revoma in Neustadt (Wiedt). “Busunternehmer und Hersteller schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu”, schimpft er. Seine Produkte hätten längst Serienreife, seien TÜV-geprüft und unkompliziert einzubauen.

“Das ist richtig”, sagt auch der Sprecher des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA), Alexander von Gersdorff. Derzeit arbeiteten einige Omnibus-Hersteller an einer freiwilligen Selbstverpflichtung, wonach sie ab Mitte 2010 ihre Neufahrzeuge serienmäßig mit einem Motor-Feuermelder ausstatten wollen.

Gesetzlich vorgeschrieben sind solche Brandmelder frühestens ab 2013 – bis dahin müssen Buspassagiere mit dem Gefühl leben, dass ein entstehender Motorbrand unentdeckt bleiben könnte.

Dahinter steckt anscheinend ein fragliches Kalkül: Viele Busunternehmer gehen lieber das geringe Risiko eines Totalschadens ein, zumal die Versicherungen momentan keine ermäßigten Beiträge für Busse mit Brandschutz anbieten. Ein Feuermelder sei momentan “kein tarifvergünstigendes Merkmal”, sagt Christian Lübke vom Verband der deutschen Versicherungswirtschaft. “Die jetzige Situation ist vergleichbar mit der Airbag-Debatte vor zehn Jahren”, resümiert VDA-Sprecher Gersdorff – damals war der das Sicherheits-Extra Luxus, heute ist es Standard.

Von der Kunst Elite zu sein

Erschienen in der Main-Post, 03.04.2010:

Hotel Rebstock in Würzburg, Silvaner-Saal, 19.20 Uhr: Thomas Bormann ist erst wenige Minuten im Raum, da hat er bereits die Regie übernommen. Alle Augen richten sich auf den Ehrengast. Er wird über Werte sprechen, so steht es im Programm. Dazu wird es “Feldsalat mit gebratener Blutwurst und Riesengarnelen an Petersilienwurzelkrem” geben, so steht es im Menü.

Thomas Bormann, 65, ist Geschäftsführer der Würzburger Unternehmensberatung “bhs consulting”. Bormann ist groß, trägt Brille, Krawatte und Anzug, hat einen zielstrebigen, scharfen Blick. Er ist Leistungsträger, und heute kann er aus dem Vollen schöpfen, soll erklären wie das geht mit der Verantwortung im Geschäftsleben. Seine Zuhörer sind die Führungskräfte von morgen, 18 bis 20 Jahre alt, acht Auserwählte. Bormann steht vor ihnen, sie reichen ihm die Hand zur Begrüßung, weichen noch etwas schüchtern zurück. Julia und Lisa erröten leicht. Aber diese Nervosität soll sich bald legen. Man ist ja unter sich.

Orientierung für Überflieger

Hier trifft sich die “Elite”, und so stellt sich der Verein das auch vor. Vier Damen und vier Herren, alle Jahrgangsbeste an ihren Schulen, wurden von den Rektoren einzeln ausgewählt und durften sich schriftlich bewerben für den Sonderförderverein “Jugend Aktiv – Förderkreis Franken”. Finanziert wird der gemeinnützige Verein von Spendern und Sponsoren aus der Wirtschaft.

Sara Berberich, 18 Jahre alt, ist Mitglied im Verein. Sie besucht das Wirsberg-Gymnasium in Würzburg und bereitet sich momentan auf das Abitur vor. Spitzennoten und ehrenamtliches Engagement haben ihr die Teilnahme am Förderungsprogramm von “Jugend Aktiv” eingebracht. Sie engagiert sich beim Africa Festival, Cello und Klavier gehören zu ihren Hobbys. “Ich glaube, man sollte vielseitig aufgestellt sein, um in den Verein zu kommen”, sagt sie.

Eine persönliche Stärken- und Schwächeanalyse und ein Rhetorikseminar hat Sara bereits durchlaufen. Sie steht wie viele Hochbegabte vor dem Problem, dass ihr alle Wege offen stehen. “Erst habe ich an Psychologie gedacht. Ich habe mich aber jetzt für ein Medizinstudium entschieden, weil ich einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt habe. Ich kann später immer noch auf Psychologie umschwenken.”

Intelligent mögen sie alle sein, eloquent und bürgerlich engagiert sowieso – aber um Elite zu sein, braucht man auch Manieren. Wer in die Chefetage will, muss sich zu Tisch benehmen können. Daher die Garnelen, daher die Nervosität, daher die ganze Festlichkeit. Knigge-Coach Frank Wissmann, 26, gibt den Musterschülern heute Nachhilfe in Sachen Tischmanieren. “Das Seminarprogramm für die Manager von morgen”, hat ein Sponsor ins Begleitheft geschrieben. Und damit es nicht nur nach steifer Etikette aussieht und man dem Bildungsauftrag des Vereins nachkommt, ist Unternehmer Bormann zum Wertegespräch geladen. Die Gesellschaft schreitet zur Tafel.

Im Kerzenschein stehen fünf unterschiedliche Gläser an jedem Platz, drei Gabeln, drei Messer, zwei Löffel. Eine Blumenverzierung prangt in der Mitte des Tisches, dort nimmt Bormann Platz und hebt an. “Mein Lebensweg gestaltete sich so, wie es ein amerikanischer Manager einmal sagte: Ich habe alle sieben, acht Jahre etwas Neues gemacht.” Bormann blickt in die Runde. Respektvolles Schweigen, die Schüler schauen wie im Unterricht. Einer von ihnen macht sich eifrig Notizen.

“Ich habe schon Leute im Fahrstuhl akquiriert.”

Er habe immer mit Personal zu tun gehabt, erklärt der Diplom-Volkswirt, “und das heißt lenken, führen, leiten.” Erst war er bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg, später dann bei Alpina, “da habe ich eine Optikdivision aufgebaut.” Die Kellnerin bringt den Aperitif. Immer sei es darum gegangen, mit Menschen in Kontakt zu kommen: “Ich habe schon Leute im Fahrstuhl akquiriert”, erzählt Bormann. Die Kellnerin serviert Brothäppchen und Butter. “Also, man darf kein Autist sein.” Die künftigen Führungskräfte lauschen, denn der Erfolg gibt dem Ehrengast recht: Bormann berät sonst nur namhafte Firmen. Zeit für den ersten Gang.

“Ich denke mal”, setzt Bormann im ruhigen Ton der Selbstverständlichkeit fort, “Sie alle streben internationale Positionen an.” Das Personal serviert die Garnelen. “Es geht in solchen Positionen um Vorbildhaftigkeit”, sagt er, hebt die Stimme und wird jetzt ernst. “Man muss Werte leben, wenn man führen will.”

Diese Kunstpause nutzt Knigge-Coach Wissmann, um einzuwerfen: “Wir legen die Menükarte links neben den Teller und jetzt tunken wir unsere Hände etwas in die Fingerbowle – die Garnelen müssen ja geschält werden.” Dabei lächelt er in die Runde wie ein gutmütiger Lehrer vor der Klassenarbeit. “Ihr schafft das schon”, sagt sein Blick. Ins kalte Wasser springen, das müssen künftige Führungskräfte vertragen.

Unsicher greifen die Jugendlichen ins Zitronenwasser und beginnen, die Meerestiere zu enthäuten. Das ist glitschig, fettig, mühsam und ungewohnt. Coach Wissmann demonstriert die richtigen Handgriffe. Langsam weicht die Zögerlichkeit.

“Wir waren beim Thema Führung stehen geblieben”, sagt Bormann. “Führung heißt Vorbild sein, in jeglicher Hinsicht.” Mahnend klingt seine Stimme, und die Botschaft ist klar: “Wenn der Chef sagt, die Mitarbeiter sollen um 8 Uhr da sein, und der Chef trudelt um 9.30 Uhr ein, dann ist das nicht so gut.” Der Weg zur Spitze sei anstrengend, aber stetig: “Machen Sie sich mit der Führung keine Gedanken, da kommen Sie ganz automatisch rein.” Bormann widmet sich dem Essen.

“Wir führen die Gabel von außen nach innen”, erinnert Frank Wissmann, der zu seiner Linken sitzt. Konzentriertes Schweigen in der Runde, skeptisches Tasten auf den Tellern. Weil die Schüler mit ihrem Besteck beschäftigt sind, geht der Etikette-Coach zum Grundsätzlichen über: “Der Teller sollte immer leer gegessen werden.” Es mache keinen guten Eindruck, etwas übrig zu lassen. Und wegwerfen wolle ja niemand etwas, auch aus ethischen Gründen: “Ich bin trotz der Etikette der Meinung, dass man an die ärmeren Menschen auf diesem Planeten denken sollte.” Ein Rest auf dem Teller, “das ist dekadent”, unterstreicht Thomas Bormann.

Konzept für “höhere Kreise”

Die Gabeln klappern, die Teilnehmer sitzen aufrecht und schauen auf ihren Teller. Garnele um Garnele wird gehäutet, der Anlass will es so. “Knigge ist seit einigen Jahren wieder im Trend”, hatte der Coach am Nachmittag erläutert. Viele Spitzenunternehmen seien dazu übergegangen, frische Bewerber zuerst am Essenstisch zu testen. Da komme es auf Souveränität, Gelassenheit und Fingerspitzengefühl an, sagt Wissmann. Wer den Knigge-Kodex nicht kennt, scheitert schon am Anfang.

“Ich habe jetzt ein Konzept, wie ich mich in höheren Kreisen verhalten sollte”, versucht Teilnehmerin Sara ein Fazit. Zwar will sie nicht in der Wirtschaft arbeiten. Aber sollte sich die angehende Medizinerin mal auf eine Stelle als Chefärztin bewerben, kann sie beim Bewerbungsessen den Autoritäten das Wasser reichen.

Das Training jedenfalls zeigt Wirkung: Noch bevor Unternehmer Bormann auf die richtige Verhandlungsstrategie bei Einstiegsgehältern zu sprechen kommt, haben alle acht Knigge-Kandidaten ihre Teller leer gegessen. Die Unsicherheit in den Gesichtern ist einem Ausdruck der Zufriedenheit gewichen. Elite sein ist nicht einfach, aber machbar. Zeit für die nächsten drei Gänge.

Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!

Dieser Kommentar stammt aus dem Wintersemester 2007/2008 und bezieht sich auf den Brand von Ludwidgshafen, bei dem im Februar 2008 neun Menschen ums Leben gekommen waren. Weiterlesen ‘Kommentar: Mehr Sachlichkeit, bitte!’ »

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