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Archiv der Artikel die unter der Kategorie Medien gespeichert wurden.

Neue Campus-Zeitung “Pflichtlektüre”: Mit Volldampf ins Experiment

Studenten-Blatt: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen künftig alle Ehre machen. Foto: Nils Glück

Studenten-Blatt im Tabloid-Format: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen bald alle Ehre machen. Foto: Nils Glück

Mehr Auflage, mehr Reichweite, mehr Themen: Die neue Campuszeitung Pflichtlektüre wird an gleich vier Universitäten im Ruhrgebiet gratis verteilt. Mit 50.000 Exemplaren setzt das Periodikum, das von der Dortmunder Journalistik entworfen wurde, neue Maßstäbe – zumindest was die Quantität angeht. Ob das neue Printprodukt auch den Ansprüchen der Studierenden gerecht wird, muss die Zukunft erst noch zeigen.

Neu konzipiert: Die “Ruhr-Allianz” hat ihr eigenes Heft

Für die inhaltliche Konzeption und Leitung ist die Dortmunder Zentralredaktion zuständig. Um Anzeigen und Vertrieb kümmert sich dagegen die WAZ. Redaktionschefin Vanessa Giese erläuterte zum Heftstart im Deutschlandfunk, wie man sich auf die neue Herausforderung vorbereitet hat: Ein völlig neues Konzept musste her, das zwar auf Campus-Themen basiert, aber nun auch verschiedene Lokalteile einbezieht. Denn die Pflichtlektüre ist die logische Folge aus der Ruhr-Universitätsallianz und das Heft wird zudem an der zusammengelegten Universität Duisburg-Essen verteilt.

Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück

Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück

Ende einer Ära: Die “Indo” ist Geschichte

Der Start der Pflichtlektüre Ende Oktober war zugleich das Ende der bisherigen Dortmunder Campus-Zeitung InDOpendent, die seit 1991 zahlreiche Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit erhalten hatte. Das traditionsreiche Medium mit aktuellen Nachrichten, Interviews und Hintergrundgeschichten vom Uni-Geschehen hatte einen guten Ruf – umso kritischer sind nun die ersten Stimmen zur neuen Zeitung. Denn was bislang in der “Indo” in einem ganzen Heft seinen Schwerpunkt fand, wird nun im vierseitigen Dortmunder Lokalteil abgehandelt. Die Frage drängt sich auf, ob das neue Medium so weiterhin interessant bleibt für die Leserschaft aus Dortmund. Ein Blog-Autor mutmaßt sogar, die InDOpendent sei das erste “Opfer” der Ruhr-Allianz.

Experiment mit Laienschreibern

Die wohlhabende WAZ bezeichnet das Ganze als “interessantes Experiment”, denn allzu viel steht für sie nicht auf dem Spiel. Anders sieht das bei den redaktionell Verantwortlichen aus: Denn während in der Dortmunder Zentralredaktion Journalistik-Studenten an dem Heft arbeiten, ist man auf den anderen Campi auf Laienschreiber angewiesen, die nun speziell geschult werden sollen. Ob das langfristig den qualitativen Ansprüchen genügen kann, muss sich erst zeigen: Die Messlatte, die die Indo angelegt hat, könnte jedenfalls kaum höher liegen.

Kritik bleibt da nicht aus: Die taz moniert den unkreativen Namen der Zeitung und beäugt das WAZ-Engagement misstrauisch. Immerhin: Tagespresse und Nachrichtenagenturen haben die Neuerscheinung bundesweit erwähnt und dadurch die große Erwartungshaltung bestätigt. Und auch die Marketing-Abteilung hat sich mit einem eigenen Werbespot ordentlich ins Zeug gelegt.

Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng

Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng

Am Institut herrscht Enthusiasmus

Als Journalistik-Student kann ich sagen: An Enthusiasmus vor Ort mangelt es nicht. Wir haben die ersten Hefte eigenhändig an die Leser verteilt (siehe Eldoradio-Beitrag) und arbeiten geradezu fieberhaft an der Optimierung unserer Zeitung. Zwei komplette Seminarkurse widmen sich der Frage, wie man die neue Zielgruppe möglichst genau erforschen und die Heftinhalte den Lesern schmackhaft machen kann. Ein Konzept für den Bereich “partizipativer Journalismus” ist ebenso in Mache wie eine neue Internetplattform, die für crossmediale Einbettung sorgen soll. Und nicht zuletzt schuftet ein aufgefrischtes Redaktionsteam für die Heftinhalte, die den akademischen Leser interessieren. Das Experiment hat also gerade erst begonnen.

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ProSieben und die Sexstudie: Anal-Empirie und Dildo-Durchschnitt

Quelle: ProSieben

Quelle: ProSieben

Was kommt dabei heraus, wenn man einen Katalog von Sexbegriffen mit Umfrage-Ergebnissen und einem Hauch von Porno paart? Richtig: Der ProSieben Sex Report 2008. Der Sender hatte vorab nicht mit großen Worten und Zahlen gegeizt: Man habe “die größte, repräsentative Untersuchung zum Thema Liebe und Sexualität, die es in Deutschland je gab” durchgeführt (siehe Pressemeldung). Heute wird die dritte Folge ausgestrahlt – dabei war es bisher schon langweilig genug.

Die Online-Umfrage der “Sexstudie”: Zweifel sind angebracht

Zweifel an der Repräsentativität der Umfrage sind berechtigt, schließlich fand die gesamte Befragung online und noch dazu anonym statt – doppelt anonym sozusagen. Und wie bereits die erste Folge des Sex-Reports erklärt, wird “nirgendwo mehr geschummelt” als beim Thema Sex. Die freiwilligen Teilnehmer wurden öffentlich und ausschließlich über das Internet angeworben (siehe Pressemeldung) – einschlägige Foren und Blogs verlinkten begeistert auf die Fragebogen-Seiten. Eine seriöse Stichprobenauswahl sieht anders aus. Da mag die Zahl der Teilnehmer noch so astronomisch sein.

Online Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Online-Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben

Ein interessantes Interview dazu hat die Fernsehzeitschrift TVdirekt mit einem der verantwortlichen Wissenschaftler gemacht. Darin behauptet Dr. Jakob Pastötter tatsächlich, man habe einen “Querschnitt der deutschen Sexualbefindlichkeit” ermittelt. Ich bezweifle, dass eine Umfrage, die ausschließlich auf einem Internet-Fragebogen basiert, dafür als Grundlage dienen kann – denn sexuell aufgeschlossene Menschen werden sich eher an solch einer Befragung beteiligen als Sozialphobiker. Und ältere Menschen besitzen seltener einen Internetanschluss als jüngere, beteiligen sich also auch seltener an solch einer Umfrage. Wie will man unter solchen Bedingungen zur Repräsentativität gekommen sein?

Die Sendung: Lautes Gestöhne zur Begrüßung

Nun zur eigentlichen Sendung. Zu Beginn der ersten Folge gibt es lautes Gestöhne auf die Ohren und nackte Tatsachen auf die Augen. “Au weia”, soll der Zuschauer wohl denken, “jetzt geht’s zur Sache”. Während die Eckdaten der “Sexstudie” vorgestellt werden, läuft im Hintergrund Synthesizer-Musik wie in einem Porno-Film.

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank

Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank. Quelle: ProSieben

Hundert Probanden werden persönlich rangenommen: Sie müssen explizite Fragen zu ihrem Sexualleben explizit beantworten. Auch hier muss davon ausgegangen werden, dass es sich um besonders aufgeschlossene Menschen handelt – sie stellen also keinen Durchschnitt dar. Auffällig ist auch, wie optisch jung und gestylt die Versuchspersonen sind. Schlanke, fast makellose Körper wandeln über die Mattscheibe (eine Befragte soll sogar eine Pornodarstellerin sein). Entspricht das etwa einem repräsentativem Bild unserer alternden Gesellschaft? Wer von dem Sexleben von Senioren zumindest etwas erahnen möchte, dem sei der Kinofilm “Wolke 9″ empfohlen. Auf ProSieben lernt man nichts über die ältere Generation – das wäre ja auch ganz gegen die Jugendwahn-Tradition der Privatsender.

Aufgeschlossene Menschen plaudern indiskret und ohne Balken

Eine Bürokauffrau plaudert von ihren “Porno-Fantasien” und von der Anzahl ihrer Sexpartner – “hundert? Weiß ich nicht”. Der “Verhörspezialist” nagelt die Befragten mit dem Lügendetektor und stellt nachher richtig fest, man könne nicht immer über alles reden, “weil ich sonst vielleicht mein Gesicht vor der Gesellschaft verliere oder vielleicht auch vor mir selbst”. Da kann man nur hoffen, dass die besagte Bürokauffrau ein Ego aus Beton hat.

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben

Apropos Diskretion: Der Sex-Report funktioniert nach dem Motto “Mensch, was sind wir Deutschen doch unverklemmt.” ProSieben behauptet im Vorspann, Sexualität sei öffentlich geworden. Stimmt – denn sexuelle Verrohung wurde jüngst in allen Medien und Varianten umfangreich behandelt (siehe unter anderem Bild und Spiegel TV). Dass jede individuelle Intimität vom Privaten ins Öffentliche wandert, muss aber hoffentlich nicht befürchtet werden.

Oswald Kolle und die verfehlte Sex-Revolution

Um es kurz zu machen: Der ganze Film ist öde. Begriffe wie Analsex, Oralsex oder Gruppensex lassen den aufgeklärten Zuschauer nicht mehr aufhorchen. Auch ein historischer Exkurs, in dem Oswald Kolle ein paar Worte zu den schlimmen, alten Zeiten sagen darf, fördert nichts Neues zutage. Die eigentliche Erkenntnis bleibt sogar gänzlich außen vor. So stellt der Film zwar eine “sexuelle Revolution” seit 1968 fest – und dass die Deutschen immer häufiger Sex haben. Auf der anderen Seite zeigen die Fakten: Ende der 1960er Jahre hatten die Deutschen 130 mal Sex im Jahr, heute 139 mal. Das ist gerade mal eine Steigerung von sieben Prozent – von einer echten Revolution kann also keine Rede sein.

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben

Fazit: Erfrischende Widersprüche statt praktische Sex-Tipps

Eines ist jedoch positiv: Der Film ist genauso widersprüchlich wie die Sexualität selbst. Sexuelle Leistung wird bei ProSieben zur Schau gestellt, gleichzeitig heißt es: “Kein Wunder, dass sich viele Menschen inzwischen sogar bedrängt fühlen von der öffentlichen Leistungsschau sexueller Alleskönner.”

Fazit: ProSieben hat im Vorfeld mächtig die Werbetrommel gerührt. Das Springer-Blatt Welt Kompakt half sogar mit einer Aufmacher-Doppelseite mit und verkaufte das als redaktionell aufbereitete Wissenschaft. In Wirklichkeit liefert der Sex-Report aber keine neuen Erkenntnisse. ProSieben frischt das auf, was aus unzähligen Untersuchungen und aus dem Bravo-Liebeslexikon längst bekannt ist. Der Film gibt Umfrage-Ergebnisse wieder, hat aber keinen Ratgeber-Charakter und bietet deshalb für den aufgeklärten Zuschauer keinen Anreiz. Daran ändern auch die zahlreichen Softporno-Collagen nichts.

Web-Extra: Medienkritiker David Harnasch über den Sex Report 2008

Der für das Nachrichtenportal zoomer als “Meinungsmacher” arbeitende David Harnasch hat ebenfalls etwas zu dieser Fernsehsendung zu sagen:

Reaktionen in den Medien:

Reaktionen in der Blogosphäre:

Jürgen Emig und die Korruption: Journalismus ad absurdum

Jürgen Emig, langjähriger Sportchef beim Hessischen Rundfunk (HR), muss ins Gefängnis – wegen Untreue und Bestechlichkeit. Der Journalist hat über Jahre Schmiergelder und finanzielle Mittel, die für den Sender bestimmt waren, für sich eingestrichen. Insgesamt geht es um mehrere hunderttausend Euro, die unter anderem für Schleichwerbung geflossen sind. Und obwohl er in Revision gehen wird, wird sich eine Haftstrafe für Emig wohl nicht mehr vermeiden lassen. Zu detailliert konnten ihm seine Aktivitäten nachgewiesen werden. Erstaunlich ist, dass selbst HR-Intendant Helmut Reitze das frühere Finanzierungssystem des Senders als “das Einfallstor für die korrupten Machenschaften von Emig” bezeichnet (siehe Pressemeldung).

Beängstigend ist nicht nur, mit welcher ungebremsten Gier ein hochbezahlter Journalist sich seine Machtposition zu Nutze gemacht hat – erstmals wird ein ARD-Führungsmann wegen Korruption verurteilt. Beängstigend ist vor allem, wie über Jahre redaktionelle Beiträge skrupellos verkauft oder absichtlich manipuliert wurden. Journalismus ad absurdum.

Schleichwerbung: Wirksame Positionierung für solvente Sponsoren

Hessischer Rundfunk: Für Sport-Beistellungen war Emig zuständig. Quelle: HR-Pressestelle

Hessischer Rundfunk: Für Sport-Beistellungen war Emig zuständig. Quelle: HR-Pressestelle

Denn es geht auch um Schleichwerbung. Emig nahm Geld von Sponsoren an, die sich damit Sendezeit und positive Berichterstattung erkauften. Bei öffentlichen Veranstaltungen ließ Emig Kameras so positionieren, dass Werbetafeln besonders wirksam ins Bild gerückt wurden. Das erschreckende Ausmaß der Emigschen Unverfrorenheit hat der Spiegel ausführlich dokumentiert – und das Magazin stellt richtig fest: Der TV-Zuschauer und Gebührenzahler war letztlich der Verlierer des Systems, denn er musste sich zum Zwecke der illegalen Bereicherung hinters Licht führen lassen (“Es gab nur einen Dummen: den Zuschauer, der seine TV-Gebühren auch und gerade für das Versprechen zahlt, unabhängigen Journalismus zu bekommen.”).

Beistellungen: Öffentlich-rechtliche Expansion und illegale Abzweigungen

Die illegale Methode, Teile von akquirierten Beistellungszahlungen für sich zu behalten, erscheint dagegen vergleichsweise simpel. Schon zu Prozessbeginn machte Emig deutlich, dass er die Hauptschuld beim Sender sieht: Schließlich sei der Hessische Rundfunk jederzeit auf “Beistellungen” angewiesen gewesen (die umstrittene Praxis wurde 2004 eingestellt). Tatsächlich war Emig für die Eintreibungen der Beistellungen zuständig, und der HR dürfte sich über sein Engagement gefreut haben. So konnte der Sender neues Personal einstellen und noch mehr Sport senden – Emig sorgte für öffentlich-rechtliche Expansion. Auch die Sponsoren waren mit der persönlichen Betreuung durch den Sportchef sehr zufrieden: Sie fanden ihre Werbung zielgruppengerecht im Großformat auf der Mattscheibe wieder, eingebunden in nervenaufreibende Großereignisse des Sports.

Intendant Helmut Reitze: "hr war Opfer, nicht Täter". Quelle: HR-Pressestelle

Intendant Helmut Reitze: "der hr war Opfer, nicht Täter". Quelle: HR-Pressestelle

Korruption: Niemand will etwas gewusst haben

Die Verantwortlichen beim HR konnten oder wollten nichts von Korruption wissen – nach wie vor beteuern sie ihre Unwissenheit. Und Jürgen Emig dachte wohl, er habe durch sein langjähriges Engagement ein Anrecht darauf, dass auch mal für ihn etwas rausspringt. Die FAZ nennt eine Summe von 440.000 Euro.

Trauriges Fazit: Der HR hat von Emigs legalen Aktivitäten über Jahre finanziell erheblich profitiert – die illegalen will niemand erkannt haben. Jetzt macht der Sender Schadensersatzforderungen geltend. Für den größten Schaden gibt es aber keinen Ersatz: Der gesamte öffentlich-rechtliche Apparat hat einen Teil seiner journalistischen Glaubwürdigkeit verloren. Und daran ist nicht nur Emig, sondern auch der Hessische Rundfunk schuld.

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Zapp gegen Zossen: Ein Bashing-Duell der Extraklasse – und die MAZ entlässt Redakteur mit Stasi-Vergangenheit

Entlassen: Redakteur Manfred Mohr, hier mit dem ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner, ist entlassen worden.

Entlassen: Redakteur Manfred Mohr (links), hier mit dem ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner, ist entlassen worden. Quelle: NDR

Vier Wochen nach dem ersten Beitrag der NDR-Sendung Zapp zu “alten Stasi-Seilschaften” hat man in Hamburg ein neues Lieblingsthema gefunden: Es geht um die Brandenburgische Ortschaft Zossen sowie den Sportredakteur und ehemaligen Stasi-Spitzel Manfred Mohr, der bis vor kurzem für die Märkische Allgemeine geschrieben hat. In Nebenrollen: Der stellvertretende Zossener Bürgermeister Hartwig Ahlgrimm (er sieht sich durch den NDR diffamiert) sowie die Bürgermeisterin Michaela Schreiber.

Neue Wendung: Manfred Mohr gefeuert

Die eigentliche Nachricht sei vorweg genannt: Manfred Mohr ist von der MAZ entlassen worden – das berichtete Zapp in der Sendung von gestern Abend. Die Chefetage hat also auch personelle Konsequenzen aus der Stasi-Vergangenheit des Sportredakteurs gezogen. Außerdem schrieb ein User in einem Kommentar zu meinem Blogpost, die fragliche Stasi-Dokumentation von Hans-Jürgen Börner könne “aus rechtlichen Gründen” nicht mehr gesendet werden.

Das passiert, wenn der NDR investigativ wird

Hartwig Ahlgrimm: Tragische Figur, weil schlecht informiert.

Hartwig Ahlgrimm: Tragische Figur, weil schlecht informiert. Quelle: NDR

Die Geschichte von und mit Hartwig Ahlgrimm soll an dieser Stelle nicht noch einmal aufgerollt werden. Für mich steht fest: Der gute Mann hat von Pressefreiheit und deren rechtlichen Grundlagen leider keine Ahnung – und er hätte sich seine öffentliche Intervention vor laufender Kamera ganz einfach sparen sollen. Allerdings hatte Zapp Herrn Ahlgrimm in einem Vorab-Beitrag falsche Motive unterstellt. Das wollte man beim NDR auf telefonische Nachfrage nicht kommentieren, hat den Fehler aber anscheinend eingesehen: Ein Online-Text wurde verändert, das fragliche Video nachträglich akkurat angepasst.

Zossen ist erstaunlich interessant – und wird zum Thema

Die Größe, diese journalistischen Ungenauigkeit zuzugeben, hatte die Zapp-Redaktion bislang nicht. Was folgte, war ein idyllisch-amüsanter Beitrag zum Zossener Presseverständnis. Aber dem nicht genug: Zossen ist Zapps neuer Liebling. In dem jüngsten Beitrag geht es jetzt um die “Zossener Stimme“, eine Beilage des lokalen Amtsblattes. Hier hat Zapp aufgedeckt, dass sich die Macher des Blattes wohl etwas zu wichtig nehmen: Sie nominierten sich quasi selbst für einen Journalisten-Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auch die Frage nach der Finanzierung des Blattes ist berechtigt – obwohl die Tatsache, dass dies mit öffentlichen Geldern geschieht, meiner Meinung nach kein Skandal ist.

Zapp-Beitrag zum Zossener Amtsblatt: Journalismus oder Bashing? Quelle: NDR

Zapp-Beitrag zum Zossener Amtsblatt: Journalismus oder Bashing? Quelle: NDR

Die Provinz und das Fernsehen: Bashing oder notwendige Recherche?

Aber ist das wirklich ein Thema für eine ARD-Sendung, oder handelt es sich hierbei nur um journalistisches Bashing? Ich finde, dass diese Angelegenheit eher eine Lappalie und daher die Sendezeit nicht wert ist. Beim NDR hat man sich wohl auf Zossen eingeschossen – Zapp bezieht oft und gerne klar Stellung. Mein Vorschlag lautet: Zapp sollte ein eigenes Lokalstudio in Zossen einrichten, um näher dran zu sein an den provinziellen Amtsskandalen. Ich freue mich jedenfalls auf weitere Beiträge für die Sparte “Neues aus Zossen”.

Heiß und fettig: Big Brother in der Frittenbude

Quelle: Kabel Eins

Quelle: Kabel Eins

Eigentlich müssten sämtliche Reality-TV-Formate bereits ausprobiert worden sein, denkt sich der deutsche Fernsehzuschauer – doch er hat nicht mit Kabel Eins gerechnet. Ab dem 29. September kombiniert der Sender das Beste aus “Big Brother” und “Dittsche“: Rund um die Uhr wird der Alltag in einer Magdeburger Pommesbude dokumentiert. Am späten Nachmittag werden Zusammenfassungen der Tageshighlights dann im TV zu sehen sein (siehe Pressemitteilung).

Livestream im Internet: “Abenteuer Alltag”

Abenteuer Alltag – Imbiss live” heißt die Sendung, von der es vorerst nur zehn halbstündige Ausgaben geben soll. Ein Livestream im Internet sorgt schon jetzt für die 24-stündige Fast-Food-Dröhnung. Acht Kameras fangen die Budenrealität ungeschnitten ein. “Hier ist immer Leben in der Bude!”, ließ man vorab verlauten. Das Konzept stammt vom earth television network, jener Firma, die sich mit “Earth TV” einen Namen gemacht hat und sich bestens mit unkommentiertem Live-Streaming auskennt.

Quelle: WordRidden, flickr.com

Quelle: WordRidden, flickr.com

Die Idee ist nicht neu – schließlich gilt die deutsche Imbissbude als gesellschaftlicher Treffpunkt, wo über Klassengrenzen hinaus schnabuliert werden darf. Die Frittenbude ist der Kummerkasten für das Proletariat und letzter Rückzugsort für Alltagshelden, die nur mal schnell “was in Magen” brauchen. Die Currywurst hat Tradition, ist ein Identifikationsobjekt für den Ruhrpott und Symbol deutscher Bodenständigkeit – sie fasziniert, die Wurst. Seit neuestem dreht man sogar Filme über deren nachkriegszeitliche Bedeutung – im Kino gibt es demnächst “Die Entdeckung der Currywurst” zu sehen.

Erster Eindruck: Fettig schon – aber heiß?

Heißhungrig mache ich den Schnelltest und klinke mich in den Livestream ein. Die Ladezeiten sind passabel und schon sehe ich zwei hübsche Aushilfen, die sich im Thekenbereich unterhalten. “Wir sollen nicht über interne Sachen reden”, sagt die eine zur anderen. “Was meinst du denn?” Dann wird getuschelt – leider kann ich nicht verstehen, um welche Interna es geht. Im Moment jedenfalls ist wenig los. Die Arbeitskräfte wirken nervös und überengagiert – ganz schön aufregend, wenn man die ganze Zeit gefilmt wird. “Müssen wir noch neuen Kartoffelsalat machen?”, will die eine das peinliche Schweigen brechen. Normalerweise würden sich die Damen wahrscheinlich über pikante private Dinge oder die neuesten Gerüchte aus dem Freundeskreis unterhalten – ab heute ist damit leider Schluss. “Ne, da ist noch genug von gestern da.”

"Das wahre Budenleben": Zwei Kundinnen warten auf ihre Currywurst. Quelle: Kabel Eins

"Das wahre Budenleben": Zwei Kundinnen warten auf ihre Currywurst. Quelle: Kabel Eins

Wie im echten Leben: Ernüchternd eintönig

Dann aber tut sich was. Jemand betritt die Bude. Es ist: ein Kunde! Er bestellt was – wie im echten Leben. Es brutzelt der Grill, das heiße Fett gerät in Wallung. Pommes werden verladen. Es quietscht ölig, als die Bedienung “Ketchup und Mayo” durch den Spender zwängt – mjam, guten Appetit. Dann kehrt wieder Ruhe ein – und die Außenkamera zeigt breitschultrige Männer vor der Bude, die an Stehtischen sich die Pommes einverleiben. Echt Alltag. Ein Martinshorn platzt in die gefräßige Stille.

Hier darf man den Menschen beim Essen zuschauen. Nach der fünften Portion Currywurst wird mir langsam “flau”, wie Herbert Grönemeyer in seiner Ode an die Wurst gesungen hat. Es passiert nichts Neues, das Fett brutzelt, der Ketchup-Spender quietscht. Ein Liebespaar füttert sich gegenseitig – wie niedlich. Ich wünsche mir Dittsche im Bademantel, der um die Ecke geschlurft kommt und derbe Sprüche ablässt, über die man wenigstens noch schmunzeln könnte – aber er kommt nicht.

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Falschinformationen in NDR-Beitrag: “Das ist verantwortungslos”

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR

Sieht sich falschen Unterstellungen ausgesetzt: Hartwig Ahlgrimm im NDR. Quelle: NDR

Hartwig Ahlgrimm, stellvertretender Bürgermeister des Örtchens Zossen, wirft dem NDR schwere Verleumdung vor. “Nicht nur meine Person wurde beschädigt, sondern auch die Stadt Zossen”, schreibt Ahlgrimm in einer E-Mail, die ich am Montag erhalten habe und die sich auf eine Medienkritik zum NDR-Beitrag “Meine Stasi” bezieht. Der NDR will sich keine Fehler eingestehen, hat aber eine fragliche Passage aus einem Internet-Text nachträglich entfernt.

Die Vorgeschichte: Der Reporter wird “überprüft”

In der NDR-Dokumentation wird ein kurzes Gespräch zwischen Ahlgrimm und dem Journalisten Hans-Jürgen Börner gezeigt, in der Ahlgrimm nach einer Genehmigung für öffentliche Dreharbeiten fragt. Börner weist diese Frage entschieden zurück und erklärt, Ahlgrimm liege mit seiner Forderung falsch. Zuvor hatte Börner vergeblich versucht, den ehemaligen Stasi-Hauptmann Manfred Mohr zu einer Stellungnahme zu seiner DDR-Vergangenheit zu bewegen. Mohr arbeitet als Journalist für die Märkische Allgemeine – das NDR-Team hatte ihn vor dem Gebäude der Zossener Lokalredaktion angesprochen und war von Mohr abgewiesen worden. Im Film begibt sich Mohr in die Redaktion, dann sagt Börner: “Kaum ist Mohr am Arbeitsplatz, werde ich auf der Straße überprüft.” Es folgt, wodurch sich Ahlgrimm jetzt beschädigt sieht.

Der Ordnungsamtsleiter wollte nur seine Pflicht tun

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex?

Ahlgrimm "überprüft" Börner: Alter DDR-Reflex? Quelle: NDR

“Es ging in keiner Weise darum, dem Filmteam die Aufnahmen zu verbieten oder eine Drehgenehmigung zu verlangen”, schreibt Ahlgrimm weiter. Am Telefon schildert er die Situation so: Während einer Dienstbesprechung sei er in seiner Funktion als Leiter des Ordnungsamtes auf das Kamerateam aufmerksam gemacht worden. Die Zossener Lokalredaktion der Märkischen Allgemeinen liege gegenüber von dem Gebäude. Dort habe sich ein Fernsehteam aus fünf bis sieben Personen “im Straßenbereich aufgebaut”. In der E-Mail heißt es weiter:

Fakt war, dass das Team den öffentlichen Verkehrsraum über den Gemeingebrauch genutzt hat. Und hier schreibt die StVO, § 29 (Bundesrecht) zwingend vor, dass es dafür einer Erlaubnis bedarf. Dies wollte ich Herrn Börner mitteilen und dann unmittelbar alles regeln. Leider kam es dazu nicht, weil Herr Börner mich immer unterbrach. Meine Aussage lautete, bzw. sollte lauten : „Wenn Sie Filmaufnahmen im öffentlichen Verkehrsraum machen … (und diesen über den Gemeingebrauch nutzen, bedarf diese Sondernutzung der Verkehrsfläche einer Genehmigung).
Das Team stand in einer Zufahrt auf einer Ladestraße und zu einem Grundstück, sowie auf der Ladestraße selbst, die der Belieferung der anliegenden Ladengeschäfte dient.

Er habe Herrn Börner “ruhig und sachlich” auf die Ordnungswidrigkeit hinweisen wollen, aber Börner habe “aggressiv” reagiert. “Das Wort ‘Drehgenehmigung’ ist gar nicht gefallen”, sagt Ahlgrimm heute. Als Ordnungsamtsleiter habe er zudem das Recht, die Personalien von ordnungswidrig Handelnden zu überprüfen. “Man muss sich auch an die Regeln halten”, sagt Ahlgrimm. Eine Genehmigung einzuholen sei gängige Praxis. “Das müsste Herr Börner eigentlich wissen.”

NDR: “So etwas habe ich noch nie gehört”

Der NDR widerspricht hier vehement. Anke Jahns, Redakteurin der NDR-Sendung Zapp, hat den Beitrag betreut. Eine solche Genehmigung sei nicht nötig, sagt sie auf telefonische Nachfrage. “Ich arbeite schon viele Jahre beim Fernsehen. Aber so etwas habe ich noch nie gehört.” Auch als Ordnungsamtsleiter habe Ahlgrimm nicht die Berechtigung für das Einfordern einer solchen Genehmigung. “Ich verstehe sein Verständnis von Pressefreiheit nicht”, so Jahns.

“Querverbindung” zur Stasi? NDR dementiert

In meiner Medienkritik hatte ich einen indirekten Zusammenhang zwischen der Befragung Mohrs und dem Erscheinen Ahlgrimms erkannt. Dies weist der stellvertretende Bügermeister in der E-Mail zurück:

All dies wäre aber kein Problem für mich, wenn nicht diese verantwortungslose „Querverbindung“ zum Inhalt der Filmaufnahmen erfolgt wäre.

Weder die Durchführung der Filmaufnahmen, noch deren Zielstellung waren mir und der Stadtverwaltung bekannt. Allein aus dieser Feststellung lässt sich wohl ableiten, dass die „Querverbindung“ Verleumdung in höchster Potenz ist. Auch war weder der Stadtverwaltung, noch mir persönlich bekannt, dass ein Herr M. – ehemaliger Stasimann – bei der MAZ arbeitet. Und es gab auch keinen Anruf der MAZ.

Auch hier widerspricht Anke Jahns: “Es gibt keine direkte Verbindung.” Für sie ist die Aufregung des stellvertretenden Bürgermeisters unangebracht: “Wir haben ihn nicht falsch dargestellt. Ich kann seine Kritik nicht verstehen.”

Die Querverbindung liefert der NDR – in der Vorschau zur Dokumentation

Allerdings: Die Querverbindung stellt der NDR tatsächlich her – und zwar in einem separaten Beitrag, der vorab in “Zapp” am 27. August gesendet worden war (Link zum Video). Darin heißt es nach Mohrs Abgang:

Hier, in der Lokalredaktion Zossen, arbeitet der ehemalige Stasi-Hautptmann heute. Er flüchtet vor seinem Opfer Börner und wird danach sofort aktiv, telefoniert offenbar mit Amtsträgern im Rathaus. Dem ARD-Redakteur sollen die Aufnahmen in Zossen verboten werden.

Videovorschau vom 27. August: Suggestivjournalismus vom NDR.

Videovorschau vom 27. August: Suggestiv- journalismus vom NDR.

Unmittelbar danach folgt das mitgeschnittene Gespräch mit Ahlgrimm. Das ist journalistisch äußerst fragwürdig, denn hier wird etwas unterstellt, was so offenbar nicht stattgefunden hat. Auch die anschließenden Kommentare Börners im TV-Studio suggerieren, dass es sich hierbei um alte DDR-Verhaltensmuster handelt.

Jahns, die auch für diesen Beitrag verantwortlich ist, will sich hier keinen Fehler eingestehen und pocht auf die Verwendung des Wörtchens “offenbar”. Gleichzeitig räumt sie ein, aus dem Internet-Text sei nachträglich diese fragliche Passage entfernt worden. Grund dafür sei aber nicht Ahlgrimms Kritik, sondern eigene Recherche, so die Redakteurin.

“Das ist verantwortungslos”

Hartwig Ahlgrimm ist jetzt sauer – schließlich sei er selbst ein “Stasiopfer”, wie er schreibt, “und dies mehr als Herr Börner”. Er sieht den Fehler bei den NDR-Redakteuren. “Das ist verantwortungslos und unter der Gürtellinie”, sagt Ahlgrimm am Telefon. “Ich kann die Situation von Herrn Börner verstehen, aber das darf einem solch gestandenen Redakteur nicht passieren.”

Immerhin: Nach einer Beschwerde des örtlichen Pressesprechers beim NDR habe der Sender eine Richtigstellung zugesagt, so Ahlgrimm. Ein Team der NDR-Sendung Zapp sei am vergangenen Sonntag nach Zossen gekommen. NDR-Redakteurin Anke Jahns sagt dazu, man habe auch Herrn Ahlgrimm nochmals interviewt und werde kurzfristig entscheiden, ob der Beitrag heute Abend (23 Uhr, NDR) auf Sendung gehe. Als “Richtigstellung” will sie das aber keinesfalls verstehen.

Ahlgrimm: “Behalte mir rechtliche Schritte vor”

Man darf also gespannt sein. Für Hartwig Ahlgrimm steht fest: “Mir sind meine Persönlichkeitsrechte verletzt worden.” Falls der NDR keine Richtigstellung sende, werde er notfalls vor Gericht ziehen: “Ich behalte mir rechtliche Schritte vor. Das ist aber nur das letzte Mittel.” Schließlich habe er niemals Recherchen verhindern wollen. Vielmehr begrüße er die Nachforschungen zur DDR-Vergangenheit: “Ich hätte Herrn Börner sogar die Kamera gehalten.”

Marc Doehler zur Absetzung von Money Express: “Die Sender müssen jetzt Beschwerden fürchten”

Quelle: Matthias Walz, flickr.com

Quelle: Matthias Walz, flickr.com

Die Fernsehshow “Money Express” gehört bald der Vergangenheit an – zumindest auf VIVA, Nick und Comedy Central. Zum 1. Oktober werde man die Quizsendung aus dem Programm nehmen, teilte die Sendergruppe MTV Networks am vergangenen Donnerstag mit (siehe Pressemitteilung). Der Internet-Aktivist Marc Doehler wirft der Produktionsfirma Callactive seit Jahren betrügerische Methoden vor und ging dafür sogar vor Gericht. Im Interview erklärt Doehler jetzt, warum er zwar erleichtert, aber längst nicht zufrieden ist.

Erstaunliche Begründung: Lieber Videoclips statt Call-in-TV

Man wolle dem Zuschauer die Call-in-Show nicht länger zumuten, heißt es sinngemäß in der Pressemitteilung.
Stattdessen werde es ein hochwertigeres Programm zu sehen geben: Bei VIVA sollen demnächst Videoclips, bei Nick altbewährte Comics und bei Comedy Central die US-Serie “South Park” laufen. “Money Express” gehört zur Gattung der Call-in-Shows, einer modernen Form des Mitmach-Fernsehens, wie es die Betreiber nennen.

Die “grünen Gnome”: David gegen Goliath im Gerichtssaal

Die Methoden, mit denen die Sender ihre Zuschauer zum Anrufen bewegen, sind höchst umstritten. Der Berliner Marc Doehler (40) betreibt neben seiner Arbeit als Systemadministrator die Online-Plattform “call-in-tv.net” (siehe Screenshot), auf der er die unlauteren Tricks der Anrufshows aufdecken und bekämpfen möchte. Seit 2006 erfreut sich das Projekt großer Beliebtheit. Eine ganze Community von “grünen Gnomen” dokumentiert und durchleuchtet jedes Call-in-Gewinnspiel, das im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wird.

Bald musste sich Doehler einen Anwalt nehmen, denn Callactive, bis vor wenigen Monaten noch die Produktionsfirma von “Money Express”, ging mit Abmahnungen gegen das Netzwerk vor. Der Vorwurf: Die Behauptungen, wonach die Call-in-Show seine Anrufer offensichtlich belüge und betrüge, seien falsch und müssten künftig unterbleiben. Den Prozess gewann Doehler überraschend, nachdem er in seinem Forum eine Vorab-Zensur hatte einrichten müssen – Callactive zog die Klage zurück.

Sie die Programmänderung mit gemischten Gefühlen: Marc Doehler. Quelle: Marc Doehler

Sieht die Programmänderung mit gemischten Gefühlen: Marc Doehler. Quelle: Marc Doehler

Der Obergnom im Interview: “An unseren Beobachtungen ändert sich nichts”


NilsOle.net:
Herr Doehler, wie haben Sie auf die Mitteilung der MTV Networks reagiert, die Sendung “Money Express” werde zum 1. Oktober eingestellt?

Marc Doehler: Ich habe es zur Kenntnis genommen – Freude wäre übertrieben. Ich muss aber sagen, dass die Aussage der Pressemitteilung schon ein Witz ist.

Inwiefern? Das Unternehmen begründet seine Programmumstellung damit, “Money Express” entspreche “nicht mehr den Ansprüchen an zeitgenössische TV-Unterhaltung”.

Marc Doehler: Der ganze Satz ist ein Witz. Denn die Sender hatten es selbst in der Hand, die Ansprüche an zeitgenössische Untehaltung zu gestalten oder zumindest umzugestalten. Daran hatte man aber überhaupt kein Interesse, weil es bei “Money Express” einfach nur darum ging, den Zuschauer auszunehmen wie eine Weihnachtsgans.

Sie halten die Begründung also für unglaubwürdig?

Marc Doehler: Absolut! Man muss auch an den neuen Rundfunkstaatsvertrag denken, der seit dem 1. September in Kraft ist. Dort gibt es einen Passus, der sich mit Call-in-Gewinnspielen auseinander setzt – bei Programmverstößen drohen den veranstaltenden Sendern jetzt erhebliche Bußgelder.

Woran erkennt man solche Programmverstöße?

Marc Doehler: Es gibt die so genannten Anwendungs- und Auslegungsregeln zu TV-Gewinnspielen, die von den Landesmedienanstalten in Zusammenarbeit mit den Call-in-Veranstaltern festgelegt worden sind. Ein Teil dieser Regeln ist jetzt im Rundfunkstaatsvertrag fest verankert. Wenn ein Sender sich nicht an diese Regeln hält, kann die Landesmedienanstalt ein Bußgeld von bis zu 500.000 Euro verhängen – ähnlich wie bei Schleichwerbung.

Und wer soll überprüfen, ob die Sender die Regeln einhalten?

Marc Doehler: Jeder Bürger kann die Landesmedienanstalten mit einer Programmbeschwerde auf Verstöße aufmerksam machen. Weil sich viele Bürger intensiv mit Call-in-Sendungen auseinander setzen und das Regelwerk kennen, müssen Sender jetzt Beschwerden fürchten, wenn sie sich nicht daran halten.

Den Sendern wird häufig vorgeworfen, durch künstlichen Zeitdruck die Zuschauer zum Anrufen zu motivieren. Können Sie weitere Beispiele für zweifelhafte “Tricks” nennen?

Marc Doehler: Es gibt die Auflage, dass kein erhöhter Anreiz zu Mehrfach-Anrufen erzeugt werden darf. In der Praxis sieht das so aus: Seit kurzem raten die Moderatoren zu einem “gesunden Anruflimit”, obwohl den Zuschauer nach wie vor gesagt wird, sie sollten es ruhig mehrmals probieren. In den Sendungen werden den Leuten außerdem Gewinne für das bloße Anrufen versprochen – da heißt es dann: “Wenn Ihre Lösung falsch ist, bekommen Sie immer noch 500 Euro.” Meiner Meinung nach ist das eine indirekte Aufforderung zu Mehrfach-Anrufen, weil sich durch den Pauschalgewinn hohe Telefonkosten rechnen sollen. Das ist ein eindeutiger Verstoß gegen die neuen Auflagen.

Werden die Auflagen denn überhaupt Wirkung zeigen?

Marc Doehler: Auf jeden Fall. Es wird zwar nicht häufig zur Höchststrafe von 500.000 Euro kommen, aber schon geringere Bußgelder sind für die Sender nicht leicht zu verkraften.

Ist die Absetzung von “Money Express” der Anfang vom Ende für Call-in-Shows im deutschen Fernsehen?

Marc Doehler: Es gibt zumindest einen deutlichen Rücklauf in den Anrufshows – die Sendungen laufen nicht mehr so gut wie vor einigen Jahren, ansonsten würde man Sendungen wie “Money Express” nicht absetzen.

Callactive, der frühere Produzent von “Money Express”, ist für Sie ein persönlicher Gegenspieler – über Jahre hatten Sie juristische Auseinandersetzungen mit dieser Firma. Ist der Rückzug auch eine Genugtuung für Sie?

Marc Doehler: Nicht wirklich. Einerseits habe ich keine weiteren Auseinandersetzungen mit Callactive zu befürchten. Andererseits ist immer noch nicht geklärt, ob unsere früheren Beobachtungen zu den Methoden von “Money Express” nun richtig waren oder nicht. An unseren Beobachtungen ändert der Rückzug nichts.

Womit wollen Sie eigentlich Ihre Freizeit verbringen, wenn es im Fernsehen keine Anrufshows mehr gibt?

Marc Doehler: Da gibt es viele Möglichkeiten. Das Nächste, was ich mir vornehmen könnte, sind die so genannten Astro-Shows: Da meint auch jeder Hinz und Kunz, er könne sich vor die Kamera setzen und Weissagungen treffen. Ich werde nicht auf ein anderes Betätigungsfeld ausweichen, nur weil es irgendwann keine Call-in-Gewinnspiele mehr geben wird.


Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger – Der „Money Express“ ist abgefahren (5. September 2008)
  • DWDL.de – MTV Networks verbannt Call In aus dem Programm (4. September 2008)
  • lifego Blog – MTV Networks streicht Call-In-Shows (4. September 2008)
  • TVmatrix Network – Das Ende von “Money Express” – Ein Kommentar von Marc Doehler (4. September 2008)
  • die-flimmerkiste.de.vu – Erneute Abmahnung für Call-In-TV.de (19. Dezember 2007)
  • Tagesspiegel.de – Medien – Call-in-Sendungen: Mach mit, mach’s nach… (1. Juli 2007)
  • Stefan Niggemeier – Neues von Callactive (31. Mai 2007)
  • DWDL.de – Lauenstein-Affäre: Eine Chronik der Ereignisse (23. Mai 2007)
  • Stefan Niggemeier – Call-TV-Mimeusen (24. April 2007)
  • Wenn die Zeitung anrückt: Tipps für Pressesprecher und Medienagenturen

    Notizblock, Stift, Pressemappe: Pressegespräche machen niemandem richtig Spaß. Zu den offiziellen Informationsveranstaltungen mit Organsitoren, Initiatoren, Sponsoren und Vertretern erscheinen oft schlecht bezahlte und entsprechend schwach motivierte Honorarschreiber. Vermeintlich wichtige Persönlichkeiten reichen Kaffee und verkünden den “Damen und Herren von der Presse” ihre mehr oder weniger wichtigen Botschaften.

    Oft habe ich mich im Lokaljournalismus darüber gewundert, wie wenig Gedanken sich Pressesprecher und Medienagenten über ihre Aufgabe zu machen scheinen. Sie sollen ihre Botschaften möglichst attraktiv an die Journalisten weitergeben, machen dabei aber oft grobe Anfängerfehler. Hier also ein paar gut gemeinte Tipps aus der Sicht eines Berichterstatters.

    Die geladenen Gäste: Kompetenz geht vor!

    • Laden Sie nicht zu viele Gesprächspartner ein (maximal vier bis fünf Personen). Es droht Verwirrung und eine endlose Sitzung, von der niemand profitiert. Die aufkommende Langeweile führt zu Verärgerung und Missmut auf beiden Seiten. Falschinformation und Öberflächlichkeit im späteren Bericht sind die Folge.
    • Neue Gesichter bitte, keine altbekannten Repräsentanten. Die sind in der Regel zu unmotiviert und verfransen sich in Nominalfloskeln – statt zum tausendsten Mal den Bürgermeister einzuladen, sollten Sie vielleicht ein Mitglied des städtischen Organisationsteams zu Wort kommen lassen.
    • Unbedingte Kompetenz: Nur Leute einladen, die etwas zu sagen haben oder eine eigene Meinung vertreten. Die bloße physische Anwesenheit einer Reihe von Personen ist kein Grund für einen Pressetermin.

    In der Kürze liegt die Würze!

    • Fassen Sie sich kurz! Nur was wirklich neu und relevant ist, interessiert. Wieso eine stadtbekannte Organisation seit 65 Jahren bestimmte gesellschaftspolitische Aufgaben übernimmt, ist nicht zu erwähnen – gute Redakteure haben all das vorab recherchiert oder fragen explizit nach, wenn es von Belang ist.
    • Kommen Sie zum Punkt, ausgiebige Lobhudeleien sind fehl am Platze (“und ich möchte an dieser Stelle auch noch einmal ganz herzlich der stellvertretenden Bürgermeisterin Frau Dr. Schmidt-Meier für ihr außerordentliches und ehrenamtliches Engagement danken, ohne sie wäre das alles nicht möglich gewesen”). Solche Sätze wird jeder erfahrene Redakteur in voller Länge überhören und dabei auf die Uhr schielen.
    • Stattdessen lieber möglichst genaue Fakten in einer separaten schriftlichen Information nennen – bei Vereinen Mitgliederanzahl, Jahresbeitrag, Gründungsjahr. Bei Firmen Anzahl der Mitarbeiter, Jahresumsatz und Standorte. Ganz wichtig für die Pressemitteilung: Volle Namen und Funktionen der wichtigsten Personen sowie deren genaue Kontaktdaten (Handy-Nummer!). So vermeiden Sie Fehler bei Namensnennungen in der Zeitung und ermöglichen spätere Nachfragen!
    • Nehmen Sie sich Zeit für Fragen. Wer gar nicht erst reden will, scheut sich vor Spontanität und wirkt in der Öffentlichkeit nicht glaubwürdig (einmal wurde ich mit den Worten begrüßt: “Wir wollen in 20 Minuten hier fertig sein, also beeilen Sie sich bitte”). Freuen Sie sich über aufdringliche Journalisten: Je mehr Fragen Sie gestellt bekommen, desto größer wird Ihr Thema in der Zeitung erscheinen.
    Quelle: Bjorn de Leeuw, stock.xchng

    Quelle: Bjorn de Leeuw, stock.xchng

    Lügen und Schleichwerbung sind die falsche PR-Strategie!

    • Seien Sie ehrlich. Wer unpräzise Angaben macht, lädt zur kritischen Gegenfrage ein und kommt am Ende schlechter weg, weil er unglaubwürdig wirkt. Beim Pressetermin zum Richtfest eines Bürogebäudes: Wenn es Verzögerungen beim Bau gegeben hat, geben Sie das lieber gleich zu. Vermeiden Sie auch Superlative, die sich nicht belegen lassen. Später wird in der Zeitung stehen, das Gebäude sei wohlmöglich gar nicht das höchste der Stadt.
    • Keine Schleichwerbung platzieren oder Gesprächsgäste aus Gefälligkeit einladen (“und nun möchte ich das Wort an den Inhaber der bekannten Firma Fliesen-Reinhold geben, Herrn Dieter Reinhold, der die Aktion tatkräftig unterstützt hat und für den diese Spendengala zur festen Tradition geworden ist”). Sponsoren aus der Wirtschaft sind wichtig und werden daher in der Regel auch in voller Länge im Artikel genannt. Sie müssen aber nicht unbedingt beim Pressetermin anwesend sein.
    • Eine Zeitung ist keine Werbeagentur, die sich alles in die Feder diktieren lässt. Ein Firmenchef sagte mir zum Abschied des Pressetermins: “Schreiben Sie mal ne schöne Annonce”. Respektieren Sie bitte die öffentliche Aufgabe der Journalisten, die auch mal kritische Fragen stellen – oder googeln Sie mal das Wort “Journalismus”, bevor Sie bei Gegenfragen die Augen verdrehen oder ausfallend werden. Kostenlose Werbeplatzierungen werden Sie nirgends finden, erst recht nicht in der Zeitung.

    Bei Fotos: Bitte nicht nur freundlich lächeln!

    Quelle: Gözde Otman, stock.xchng

    Quelle: Gözde Otman, stock.xchng

    Manchmal möchte der anwesende Pressefotograf seiner beruflichen Pflicht nachkommen. Hier ist folgendes zu beachten:

    • Nehmen Sie sich Zeit für ein gutes Foto – es lohnt sich! Vor der Kamera zu posieren ist manchmal ungewohnt und anstrengend. Die Alternative für Sie ist: Es wird kein Bild abgedruckt und niemand liest den Artikel in der Zeitung.
    • Anschaulichkeit: Erklären Sie am lebenden oder toten Objekt, was sie der Öffentlichkeit zeigen wollen. Ein Gruppenbild mit ein paar bewegungslosen Repräsentanten ist unattraktiv. Wenn der Bürgermeister einen neuen Spielplatz einweiht, sollte er auch mal die Rutsche hinunterrutschen – das ist ungewöhnlich, wirkt menschlich und erzeugt sehr viel Aufmerksamkeit in der Zeitung. Wenn Sie als Verein eine Ehrenplakette verleihen, bringen Sie die Plakette in der Schatulle zum Termin mit. Wenn Sie als Klinik-Direktor über einen Geburtenzuwachs informieren wollen, halten Sie das Pressegespräch doch im Kreissaal ab – da gibt es was zu gucken. Das ist viel besser als ein steriles Besprechungszimmer.
    • Nicht jeder muss aufs Bild. Die wichtigsten Personen und Einrichtungen werden in der Regel im späteren Artikeltext genannt. Und bitte nicht traurig sein, wenn ein anderes Bild in der Zeitung landet als das von Ihnen favorisierte.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Storyboard – das Kommunikationsblog – Zehn Dinge, die PR-Leute tun können, um Public Relations neu zu erfinden (19. Mai 2008)
  • Storyboard – das Kommunikationsblog – Was ist eigentlich Qualitäts-PR – und was nicht? (19. Mai 2008)
  • Pädagogischer Austauschdienst – Tipps für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit (August 2007)
  • Online-Marketing-Praxis – Wie Sie Pressegespräch und Pressekonferenz optimal nutzen
  • IHK Reutlingen – Tipps für die Öffentlichkeitsarbeit

  • Buch-Tipp:

  • Deg, Robert: Basiswissen Public Relations. Professionelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. 2007
  • Früher Stasi, heute Zeitung: Berichteschreiber in deutschen Redaktionen

    Quelle: NDR

    Quelle: NDR

    Ein Redakteur sollte unabhängig und unbestechlich sein – so weit die Theorie. Dass in deutschen Redaktionen noch unzählige ehemalige Stasi-Spitzel sitzen und in leitenden Funktionen arbeiten dürfen, ist daher umso verwunderlicher. Bezeichnend ist, dass sich gerade die eifrigsten Berichteschreiber ihrer Vergangenheit nicht stellen wollen.

    Aktueller Fall: Die Berliner Zeitung

    In der Redaktion der Berliner Zeitung saßen nach neuesten Erkenntnissen zeitweise mindestens acht Redakteure, die zu DDR-Zeiten eine kleine Nebentätigkeit besaßen. Zwei von ihnen haben als Inoffzielle Mitarbeiter (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) ihre Kollegen bzw. sich gegenseitig bespitzelt. Einer ist aus freien Stücken gegangen, der andere darf nicht mehr über Politik schreiben. Bei der Berliner Zeitung kommt die Wahrheit nur häppchenweise ans Licht – denn welcher noch aktive Redakteur will schon seinen Job riskieren?

    Ungeliebter Eindringling aus dem Westen: Ein Journalist wird beschattet

    Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

    Filmen verboten: Korrespondenten-Alltag in der DDR. Quelle: NDR

    Einer, der damals selbst unter Beobachtung stand, ist der ehemalige ARD-Korrespondent Hans-Jürgen Börner. In seiner Dokumentation “Meine Stasi” (Vorschau-Video) stellt er diejenigen zur Rede, die ihn zwischen 1986 und 1989 bespitzelt haben. Damals erlebte und dokumentierte Börner die Lebensumstände der DDR-Bevölkerung aus nächster Nähe.

    Als unliebsamer West-Eindringling, bewaffnet mit Kamera und Mikrofon, wühlte Börner dort, wo es dem Regime am meisten weh tat. Freie Recherchen waren gefährlich für die DDR-Führung – in einem Stasi-Schulungsfilm über die Machenschaften von West-Korrespondenten heißt es:

    Die Korrespondenten nutzen ihre fortgesetzte Kontakttätigkeit gegenüber feindlich-negativen Kräften zur Informationsabschöpfung, zur Gewinnung und Bewertung von Hinweisen auf weitere geplante Aktivitäten von inneren Feinden.

    Übersetzt heißt das: Die Korrespondenten interviewten vor allem die kritischen Geister der DDR.

    Börner klingelt an Türen: “So schlimm war’s ja wohl nicht!

    Börner arbeitet nun seine umfangreiche Personenakte durch – schließlich war er damals verantwortlich für westdeutsche Propaganda und bedurfte unbedingter Observierung. Bald wird er fündig und klappert seine früheren Beschatter ab, sofern sie noch am Leben sind. Die Spitzel lauerten überall: Selbst der freundliche Puppenspieler Günter Gerlach war ein IM – seine Frau kann es sich bis heute nicht erklären. Hier gelingt Börner ein guter Einblick in das perfide Überwachungssystem der DDR. Die Recherche wird zur persönlichen Vergangenheitsbewältigung – entsprechend subjektiv ist die Dokumentation. Börner ist im wahrsten Sinne des Wortes betroffen.

    Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

    Die Stasi unterstellte dem Journalisten, er wolle die Menschen, über die er berichtet, in den Westen locken. Quelle: NDR

    Frank Schulz lehnt eine Stellungnahme zu seinen früheren Stasi-Aktivitäten ab, Reiner Dietrich macht die Tür erst gar nicht auf. Rainer Walther, ehemaliger Direktor der renommierten Palucca-Tanzschule, stellt sich dem Interview und gibt seine Aktivitäten kleinlaut zu. Er lacht peinlich berührt und relativiert: “Also so schlimm war’s ja wohl nicht!”

    Einsichtig bis renitent: “Vielleicht war ich geil auf diesen Job”

    Bettina Schuster, damals bei Fernsehaufnahmen als Pressesprecherin der VEB-Porzelanmanufaktur anwesend, gibt bereitwillig, aber sichtlich nervös Auskünfte über ihre Vergangenheit als IM “Fuchs”. Sie wirft dem ehemaligen Korrespondenten vor, mit seinen Äußerungen “immer ein bissl gestichelt” zu haben – sie mochte den kritisch-kommentierenden Unterton des Journalisten nicht. “Ironie” sei das gewesen, sagt Börner heute. Man könnte es auch einfach Meinungsfreiheit nennen.

    Warum hat sie da mitgemacht, will der Journalist wissen – warum hat sie ihn bespitzelt? “Vielleicht war ich geil auf diesen Job.” Dann sagt sie, der Journalist habe sogar das Porzellan politisieren wollen, und das habe ihr nicht gefallen. Überhaupt sei damals alles ein Politikum gewesen, suggerieren die Aussagen von Ex-IM Ernst Brüch. Selbst ein Börner-Bericht über die Kurmöglichkeiten in der DDR stand damals im Verdacht, eine anti-sozialistische Nachricht zu transportieren.

    Ein Redakteur mit zweifelhafter Berufsmoral

    Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit.

    Konfrontation: Börner (rechts) erfährt von Redakteur Mohr nur wenig Aufmerksamkeit. Quelle: NDR

    Der Film droht an dieser Stelle abzuschweifen. Zu selbstgefällig stellt sich der Journalist als gerechter Kämpfer dar, der niemandem vertrauen will. Zuletzt aber gewinnt das Stück an Brisanz: Manfred Mohr, Diplom-Journalist und ehemaliger Hauptmann der DDR-Staatssicherheit, machte Ende der 80er Jahre umfangreiche Aufzeichnungen zu Börners Aktivitäten. Börner spricht ihn an – er stehe heute “nicht für ein Gespräch zur Verfügung”, sagt Mohr. Das Ganze liege jetzt 20 Jahre zurück. Zitat:

    Mohr: “Das ist Geschichte”. Börner: “Das ist Geschichte, aber man muss doch Geschichte aufarbeiten.” Mohr: “Wenn Sie das machen möchten, bitte. Aber ich nicht.”

    Mohr arbeitet für die Märkische Allgemeine, die dem FAZ-Verlag angehört. Er hetzt dem Störenfried den stellvertretenden Bürgermeister der Ortschaft Zossen auf den Hals, Hartwig Ahlgrimm, der aber beruhigend inkompetent ist und nach der Dreherlaubnis fragt. Interessante Frage: Wie schafft es ein Lokalredakteur, dass sich ein politischer Vertreter für ihn in Bewegung setzt und einen Journalisten unter Behauptung falscher Tatsachen einschüchtern will? Dieser Redakteur scheint nicht nur Probleme mit seiner Vergangenheit, sondern auch mit seinen beruflichen Verpflichtungen zu haben.

    Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

    Berliner Zeitung: Nur ein Beispiel von vielen? Quelle: Dennis Gerbeckx, flickr.com

    Wie viel liegt noch im Verborgenen?

    Und auch Bolko Bouché, Inhaber eines Medienservices, gesteht erst im zweiten Anlauf seine Stasi-Zusammenarbeit, die er einen Tag zuvor noch vehement geleugnet hatte. So wird zum Ende des Films deutlich, dass Börner immer noch als aufmüpfiger West-Reporter wahrgenommen wird, als einer, der unbequeme Fragen stellt und sich dabei auch noch clever vorkommt. Es kommt zum alten DDR-Reflex: Drohen.

    Wir Wessis haben’s leicht – bei uns wird niemandem unterstellt, ein verdeckter Spitzel gewesen zu sein. Ist es deshalb ungerecht, wenn ein ehemaliger West-Journalist in den Akten von anderen Menschen wühlt? Wohl kaum. Für den Journalismus ist letztlich vor allem erschreckend, dass eine derart stichprobenartige Recherche so vieles zu Tage fördert – wie viele andere Berichteschreiber mit Doppelfunktion arbeiten noch unbemerkt in deutschen Redaktionen?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • taz.de – DDR-Oppositioneller über Berliner Zeitung: “Tödlich für eine Zeitung” (28. August 2008)
  • “Debatte 2.0″ bei N24: Netter Plausch statt interaktive Diskussion

    Quelle: N24

    Quelle: N24

    Der Nachrichtensender N24 hat gestern Nacht erstmals seine neue interaktive “Debatte 2.0″ gesendet. In dem neuen Format sollen die Zuschauer das Sagen haben – in selbst gedrehten Web-Videos dürfen sie den Studiogast zur Rede stellen. Günther Beckstein machte eine gute Figur – ansonsten gehört “Debatte 2.0″ leider in die Rubrik “gescheiterte Crossmedia-Versuche”.

    Leider nur ausgewählte Wortmeldungen

    Die ersten Meldungen lasen sich vielversprechend. Von einem “Polit-Talk interaktiv” war die Rede – “Stellen Sie Günther Beckstein Ihre Frage per Video”. Ich hatte mich auf verwackelte, pixelige Live-Videos gefreut, erhitzte Gemüter und Bürgerpolemik. Alles vergeblich. Denn die Zuschauer mussten ihre Fragen vorab in einen MyVideo-Channel (siehe Screenshot) hochladen und darauf hoffen, dass ihre Wortbeiträge ausgewählt wurden.

    Vertretungshalber musste Marc Jungnickel als Moderator für Peter Limbourg einspringen – eine schlechte Wahl, wie sich bald zeigen sollte. “Wir haben seit Wochen Ihre Fragen im Internet gesammelt”, versicherte Jungnickel dem erwartungsvollen TV-Publikum. Schaut man sich das Video-Portal mal genauer an, entdeckt man aber nur 15 Wortbeiträge von interessierten Zuschauern. Das ist keine besonders große Auswahl für eine innovative Sendung.

    Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

    Der Presseclub: Das nenne ich Debatte. Quelle: Phönix

    Verfehltes Konzept: Konservierte Userbeteiligung, null Interaktivität

    Und auch das Konzept ist alles andere als interaktiv: Wenn ein Sender aufgezeichnete Videos auswählt und im Studio auf einem Display abspielt, kann kaum von einer Debatte die Rede sein. Jede Radioshow, an der sich Anrufer per Telefon beteiligen können, ist interaktiver – gutes Beispiel dafür ist die Sendung “Nachgefragt” im Anschluss an den wöchentlichen ARD-Presseclub, die auf Phönix und im Radio auf WDR 5 ausgestrahlt wird. Damit der scheinbare Bezug zum Internet nicht ganz außen vor blieb, diente bei N24 ein beigestelltes Notebook als plakative Studiodekoration.

    “Jetzt ist der Moment gekommen, da wird Günther Beckstein antworten müssen”, sagt der Moderator und kündigt damit ein knallhartes Verhör an. Was folgt, ist eine nette Plauschrunde: Beckstein geht nicht auf die Fragen der User ein und spult nur seine politischen Programmstatements ab. Eine Zuschauerin fragt, ob Herr Beckstein denn Willy Brandts Kniefall erklären könne – das ignoriert der Gast einfach und nennt erst Minuten später das Stichwort “Überfall auf Polen”.

    Ein zahmer Moderator interviewt den Stichwortgeber

    Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

    Ein viel zu zahmer Moderator führte ein viel zu freundliches Interview. Quelle: N24

    Apropos Stichworte: Der freundliche Moderator ist dermaßen zahm, dass der CSU-Politiker minutenlang uneingeschränkt über seine Ansichten referieren darf, anstatt sich rechtfertigen zu müssen. “Sie haben gerade das Biertrinken als Stichwort gegeben”, sagt Jungnickel, lehnt sich zurück und lauscht fasziniert dem Stichwortgeber. Ansonten bringt der Moderator zusätzliche Aspekte ins Gespräch ein und präsentiert sein Allgemeinwissen, widerspricht aber nicht und hakt kaum nach – das ist keine Polit-Debatte, sondern ein gemütliches Palaver. Da wundert es dann auch niemanden mehr, wenn Gast und Journalist gemeinsam abschweifen und sich über überfüllte Oktoberfest-Zelte amüsieren. Später darf Beckstein die einzelnen SPD-Spitzenpolitiker der Reihe nach kritisieren – über Minuten führt er einen Monolog, der nichts Neues transportiert. Wie war nochmal der N24-Slogan – “Wir kommen zur Sache”?

    Die Redeanteile des Moderators überwiegen im Vergleich zu den kurzen Videos – kein Wunder bei so wenigen Zuschauerfragen. So wird die interaktive Show zum gewöhnlichen Interview, denn in 30 Minuten Sendezeit kommen nur neun Zuschauer in ihren Video-Schnipseln zu Wort. Zum Gähnen.

    Konnte sich ungestört ausprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

    Konnte sich ungestört aussprechen: Der bayerische Ministerpräsident Günther Beckstein. Quelle: N24

    Fazit: Nichts als leere Worte

    Wer eine “Debatte” kurz vor Mitternacht ausstrahlt, rechnet erst gar nicht mit hohen Quoten. Das Interesse der Webnutzer an dem neuen Format tendiert gegen null – in dem Gästebuch zur Sendung gibt es gerade mal neun Einträge. Ende August schrieb ein User: “debatte was heisst das? und wo sind den die leute die mit machen? bis jetzt nur 6 fragen von 6 personen? das is doch keine debatte”. Vollkommen richtig – für die Macher von N24 ist “Web 2.0″ wohl nur ein leeres Modewort. Und es hat auch nichts mit Crossmedia zu tun, wenn eingeschickte Videos im Studio abgespielt werden. Zum Ende der Beckstein-Selbstdarstellung sagt Marc Jungnickel: “Online kann auch was Gutes haben” – was meint er damit bloß?

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • FAZ.net – Medien – Fernsehkritik: Keine Fragen mehr (4. September 2008)
  • Blogpiloten.de – Möchtegern-Debatte 2.0 auf N24 (3. September 2008)
  • netzwertig.com – Politik: N24 und MyVideo wollen Debatte 2.0 (3. September 2008)
  • ring2* – N24 Debatte 2.0 – ein komplementäres Fernsehformat (3. September 2008)