Bei manchen Sensationen wird man skeptisch. Da soll sich eine Schweinfurterin für nur 2,57 Euro eine Brust-Operation ersteigert haben, wie Bild am Mittwoch berichtete. Wer aber etwas genauer hinschaut, entdeckt schnell: Es handelt sich möglicherweise um eine reine Werbeaktion des Spinger-Konzerns.
Ob Julia R., die vermeintliche Käuferin des Schnäppchens, tatsächlich existiert, weiß ich nicht. Auch ist nicht klar, ob es jemals zu der bestellten Operation kommen wird. Fest steht: Die Auktion, die über das Versteigerungsportal “hammerdeal.de” angeboten wurde, gab es wirklich – glaubt man zumindest dieser Seite. Seltsam ist, dass die Auktion laut der Internetseite schon am 30. Juni abgelaufen ist. Zeitnahe Berichterstattung sieht anders aus.
Hammerdeal wird in dem fraglichen Bild-Artikel direkt verlinkt, und diese Internet-Links haben einen großen Marketing-Wert. Ebenso wird die “Hamburger Nobel-Klinik” von Bild mit einem Internetverweis beschenkt, und es drängt sich die Frage auf: Wurden diese Links gekauft, in Auftrag gegeben von Hammerdeal und der besagten “Beauty-Klinik an der Alster”?
Der Verdacht, dass es sich hierbei um Werbung und nichts als Werbung handelt, erhärtet sich, wenn man sich den Text der Auktion mal im Detail durchliest. Dort steht:
“Die Brustvergrößerung soll im Rahmen einer medialen Begleitung erfolgen (voraussichtlich durch einen TV Partner, gegebenenfalls auch durch Print-und / oder Onlinemedien). Diese Begleitung beinhaltet u.a. Interviews mit der Auktionsgewinnerin, evtl. Dreh einer Homestory, Aufnahmen in der Klinik (vor, während und nach OP), evt. Interviews mit Freunden und Familienangehörigen.”
Das ist wirklich ein Hammerdeal - allerdings für die Klinik, weniger für die öffentlich Operierte. Quelle: Hammerdeal.de
Die freiwilligen oder unfreiwilligen “Partner” erfüllen ihre Pflicht: Das Springer-Blatt “Hamburger Morgenpost” berichtet, die Billig-OP war gestern bereits Thema in der ProSieben-Sendung “Taff”. Und der Berliner Kurier berichtet brav über die PR-Aktion, als sei es eine Sensation. Sensationell dämlich. Wenn die Operation bereits am 20. August stattfinden soll, werden vermutlich die einschlägigen TV-Boulevardmagazine dabei sein – um die Werbebotschaft kostenlos unters Volk zu bringen.
Eine Kollegin aus der Redaktion wird für die Main-Post versuchen, weitere Hintergründe zu recherchieren: Gibt es die Frau tatsächlich? Einen Anruf ist es wert…
Seit die Thermometer in ganz Deutschland verrückt spielen, geht es auch bei der Bahn hitzig zu. Viele ICE-Züge mussten bereits, wie es bei der Bahn so schön heißt, einen „außerplanmäßigen Halt“ einlegen. Grund sind Klimaanlagen, die vor den Extremtemperaturen kapitulieren.
Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, eilt seither von Interview zu Interview und lässt keine Gelegenheit aus, kommunikativ und volksnah die Misere zu erklären. Offensichtliche Probleme werden dabei im besten PR-Sprech zu „Herausforderungen“ (siehe Tagesthemen-Video).
Seine PR-Berater scheinen ihn für die medialen Auftritte exzellent gebrieft zu haben: Die Strategie von Grube besteht offenkundig darin, sein Publikum mit möglichst vielen und möglichst großen Zahlen zu verwirren. Scheinbare Fakten setzt er dermaßen wahllos aneinander, dass der Leser vollkommen den Überblick verliert.
Das lässt sich sehr gut anhand von drei Interviews aus den vergangenen Tagen verdeutlichen:
Schauen wir also mal, wie Grubes Nebelkerzen-Strategie in den besagten Interviews funktioniert:
Erstens: Werfen sie mit großen Zahlen um sich, um das Problem klein zu reden!
Deutschlandfunk
Spiegel
Tagesthemen
Grube: [...] denn natürlich gibt es hier keine Entschuldigung. Ich möchte mich aber bei allen Kunden, die diese schlechten Erfahrungen am letzten Wochenende gemacht haben, da entschuldige ich mich für, denn das ist nicht akzeptabel. Da brauchen wir nicht um den heißen Brei herumzureden. Ich sage immer, der Ausfall eines Zuges ist schon ein Zug zu viel.
[...]
Grube: [...] Wir betreiben 255 ICE-Züge, die unterschiedlich, was die Zeit beziehungsweise das Jahr betrifft, wo sie zugelassen worden sind, im Einsatz sind. Insgesamt haben wir 255 Züge.
Grube: [...] Wir haben täglich 252 ICE-Züge im Einsatz und machen 1400 Fahrten am Tag. Wenn Sie nun sehen, dass am Freitag vorvergangener Woche ein ICE 2, am Samstag 16, am Sonntag 7 und am Montag 8 Züge wegen Problemen mit der Klimaanlage ausgefallen sind, dann ist das zwar ein kleiner Prozentsatz und noch kein Notstand auf der Schiene. Aber trotzdem, Sie haben recht: Jeder ausgefallene Zug ist einer zu viel. Und deshalb kann ich mich nur bei unseren Kunden in aller Form entschuldigen.
Grube: [...] Ich möchte aber auch anmerken, dass wir jeden Tag 34000 Zugfahrten machen, wir transportieren jeden Tag über fünf Millionen Menschen. Wir haben 253 ICEs, davon 800 Fahrten jeden Tag, und in den letzten 14 Tagen sind 0,32 Prozent ausgefallen. Das rechtfertigt überhaupt nichts und hier hilft auch keine Statistik, und ich sage immer: Jeder Zug, der ausfällt, ist ein Zug zu viel. [...]
Zweitens: Geben Sie dem Klimawandel die Schuld! Möglichst viele Temperaturen nennen!
Deutschlandfunk
Spiegel
Grube: […] Der ICE 1 beispielsweise aus den Anfängen der 90er-Jahre ist zugelassen bei der Klimaanlage von Minus 20 bis Plus 32 Grad. Der ICE 2, der ’95 in Betrieb gegangen ist mit 44 Fahrzeugen, hat auch bei der Klimatemperatur Plus 32 bis Minus 20 Grad. Das heißt nicht, dass sie nicht darüber auch noch arbeiten, aber das ist die genormte regelkonforme Auslegung. Aber bereits der ICE 3 ist schon auf 35 Grad ausgelegt. Der ICE 3, der im nächsten Jahr kommt, ist schon auf 40 Grad ausgelegt. Und der Zug – darf ich das noch ganz kurz sagen -, den wir dann ab 2014 bestellen, ist bereits auf 45 Grad ausgelegt. Sie sehen: wir haben einen Klimawandel, der sich ganz klar reflektiert auch in den Gesetzen, denn es ist ja nicht so, dass die Deutsche Bahn die Normen für eine Klimaanlage festlegt, sondern …
Meurer: Aber der Klimawandel ist jetzt nicht Schuld gewesen?
Grube: Wir beobachten, wir haben natürlich jetzt auch im Zusammenhang mit der Klimaanlage die Wettersituation analysiert und dabei festgestellt, in 20 Jahren gab es fünf Tage, die wärmer als 37 Grad waren, und davon waren allein drei Tage am letzten Wochenende.
Meurer: Aber es reichen ja wärmer als 32 Grad. Wer ist denn auf die Idee gekommen – das war vor Ihrer Zeit; Sie sind ja erst ein gutes Jahr Bahnchef, Herr Grube – zu sagen, 32 Grad sind genug?
Grube: Und zwar: Die Auslegung einer Klimaanlage ist nicht die Angelegenheit des Betreibers, also der Deutschen Bahn, sondern da gibt es eine internationale Eisenbahnnorm, die so genannte UIC, und auch das Eisenbahnbundesamt, und dort werden die Normen festgelegt, wie eine Klimaanlage für einen Zug, der in Deutschland eingesetzt wird, ausgelegt wird. Das ist nicht in den Händen der Deutschen Bahn.
Ich sage Ihnen ganz offen: Wir reflektieren das ja und auch übrigens die Regelwerke, und nicht umsonst ist ja ein Zug, den man zum Beispiel jetzt in den nächsten Jahren auslegt und auch zulässt, nicht auf 32 oder 35 Grad, sondern auf 45 Grad ausgelegt.
SPIEGEL: Zu welchem Ergebnis ist der Krisenstab gekommen? Es hieß, die Klimaanlage sei zu niedrig dimensioniert.
Grube: Die Baureihe wurde Anfang der neunziger Jahre entwickelt, damals waren die Sommer in Deutschland noch nicht so heiß. Seit 1991 gab es beispielsweise in Berlin an fünf Tagen Temperaturen über 37 Grad – zwei Tage davon waren in der letzten Woche. Laut nationaler und internationaler Eisenbahnnorm mussten die Klimaanlagen in unserer geografischen Lage damals nur bis zu Temperaturen von 32 Grad ausgelegt sein, was aber keineswegs heißt, dass die Anlage bei ein paar Grad mehr gleich zusammen- bricht. Die Kühlleistung nimmt dann ab. Heute würde man sagen, die Klimaanlagen müssten größer dimensioniert sein. Wir werden ab November alle 44 ICE 2 generalüberholen. Und uns dann auch die Kühlsysteme nochmals genau ansehen.
SPIEGEL: Und was ist mit dem ICE 3?
Grube: Beim neueren ICE 3 reicht der Funktionsbereich schon bis 35 Grad. Die nächste ICx-Generation, über deren Bestellung wir gerade verhandeln, ist sogar für Temperaturen bis 45 Grad ausgelegt.
Drittens: Stellen Sie sich vor die schwitzenden Mitarbeiter – so vermitteln Sie Teamgeist und Geschlossenheit!
Deutschlandfunk
Spiegel
Tagesthemen
Grube: […] aber ich habe es bisher nicht eine Minute bedauert, diese Aufgabe zu übernehmen, und zwar ganz besonders auch deshalb, weil ich hier Mitarbeiter vorgefunden habe, da muss ich sagen, da würden andere Unternehmen sich die Finger nach lecken. Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter und auf die Führungskräfte. Das motiviert mich jeden Tag wieder.
Grube: […] Aber eins sei auch klipp und klar gesagt: Gegen Vorverurteilungen verwahre ich mich ebenso wie gegen eine pauschale Verunglimpfung unseres Zugpersonals. Die machen einen sehr guten Job und genießen meine volle Unterstützung.
Grube: […] Aber ich kann auch für unsere Mitarbeiter sagen: Die Mitarbeiter haben hier wirklich eine großartige Aufgabe gemanagt. Und wir sind seit sechs Tagen wirklich wieder stabil. Man sieht – natürlich hat auch das Wetter hier geholfen – aber man sieht, wir haben hier die Themen angepackt und wir haben auch den Betrieb insgesamt wesentlich stabilisieren können.
Viertens: Seien Sie menschlich und bereuen Sie – nobody’s perfect!
Deutschlandfunk
Spiegel
Meurer: Noch mal ganz kurz die Frage, Herr Grube: Schließen Sie aus, dass es am Wochenende wieder zu solchen Szenen kommt wie letztes Wochenende?
Grube: Wir geben uns alle Mühe, dass so etwas nicht vorkommt, aber wenn ich Ihnen heute sage, das kann man völlig ausschließen, dann würde ich lügen, das mache ich auch nicht. Das weiß man nie bei diesen extremen Witterungen. Ich kann nur eines sagen – und das ist mir sehr wichtig: Die Bahn ist nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel. Vergleichen Sie das mal mit der Straße, wo knapp in einer Woche 100 Tote kommen. Bei der Bahn gab es glücklicherweise keine tödlichen Unfälle.
SPIEGEL: Können Sie denn ausschließen, dass es in diesem Sommer noch mal zu ähnlichen Szenen wie in der vorvergangenen Woche kommen wird?
Grube: Wenn ich sagen würde, es fällt diesen Sommer nie wieder eine Klimaanlage aus, dann würde ich lügen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir Tag und Nacht arbeiten werden, um die Probleme in den Griff zu kriegen.
Fünftens: Strahlen sie Autorität aus – die Fakten kennen nur Sie!
Deutschlandfunk
Meurer: [...] Herr Grube, die Gewerkschaft der Lokführer sagt, bei den Wartungen wird Geld gespart für den Börsengang. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, Winfried Hermann, sagt, es wird Geld gespart bei den Wartungen und weniger gewartet. Sie sagen, nein, das stimmt nicht. Wem sollen wir glauben?
Grube: Herr Meurer, ich glaube, ich habe den besten Überblick, was die Zahlen betrifft.[...]
Sie sind kurz, verschlagwortet und passen immer haargenau auf die Suchmaschinen-Anfragen von möglichst vielen Internetnutzern: die Artikel und Videos von Ratgeber-Portalen wie Helpster und WieGehtDas.TV. Wenn es nach dem Willen der Betreiber geht, sollen hier massenhaft werberelevante Klickmonster aus der Taufe gehoben werden – die Nutzer generieren dabei genau das, wonach andere Nutzer suchen. Hauptsache, die großen Firmen fühlen sich neben den Artikeln wohl. Den großen Werbeanteil bekommt freilich der Betreiber, der lediglich die Technik zur Verfügung stellt.
Am Fließband, bitte
Wer soll das ungerecht finden? Man sei keine Manufaktur, sondern eine Inhaltefabrik, betonte jüngst Firmengründer Andre Zalbertus, der seinem deutschen Produktionsunternehmen dann auch diesen Namen gab – “Inhaltefabrik GmbH”. An Erfahrung in Sachen User-Content mangelt es dem Investor nicht. Nun will er mit seinem Portal “WieGehtDas.TV” in Deutschland nachmachen, was die hocheffiziente US-amerikanische Produktionsfirma DemandMedia bereits mit Seiten wie eHow.com erreicht hat: Möglichst viele Klicks und Werbung generieren, und gleichzeitig die Kosten gering halten. Geld verdienen mit Online-Werbung ist bekanntlich kein Zuckerschlecken.
Die Inhalte dürfen also fast nichts kosten. So wunderte es Anfang 2010 nicht, dass eineganzeReihe von alt-etablierten Medien mal wieder das Ende des kostbaren Manufaktur-Journalismus befürchteten. Schließlich kooperiert DemandMedia in den USA bereits mit journalistischen Online-Diensten. Verlage brauchen gerade in Krisenzeiten klicksicheren Inhalt, und den liefern die Stichwort-Analysten garantiert und ohne lästige Agentur-Abos.
Anzahl der Videos mal Pauschale = Honorar
Wer sind die emsigen Fabrikarbeiter, die den Firmen ein wohliges Umfeld für ihre Werbebanner bereiten? In einem Beitrag von 3sat erklärt ein superfleißiger Highspeed-Video-Journalist, wie er in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Videos dreht und so seinen Lebensunterhalt bestreitet. Kurze Wege, kurze Einsprecher, kurz angebunden und immer auf dem Sprung. Rückfragen sind zu aufwändig, schließlich gibt Google vor, was wichtig ist.
Wer in Deutschland allerdings noch auf den Zug aufspringen möchte, sollte sich beeilen – denn der ist fast schon abgefahren. Die Verlage verfluchten das Modell, um es dann schnell zu imitieren. Die Gruppe Georg von Holtzbrinck etwa, immerwieder für Web-Experimente offen, hat kürzlich ihr eigenes Ratgeber-Klickmonster erschaffen. Und wie viel verdient der Fabrikarbeiter auf Helpster.de? Pro Beitrag gibt es pauschal zehn Euro.
Ratgeber-Portale konkurrieren mit Lokalzeitungen um das geringste Honorar
Zehn Euro klingen nicht nach viel. Aber seien wir nicht so vermessen: Mal angenommen, wir setzen die Hungerlöhne von vielen Printmedien als Maßstab, dann sind zehn Euro durchaus konkurrenzfähig. Wer als freier Mitarbeiter etwa 60 Zeilen Zeitungstext für je 15 Cent vergütet bekommt (keine Seltenheit mehr, siehe Honorarspiegel), verdient damit gerade mal neun Euro in der Redaktion. Wer aber kleine Online-Textchen für das Ratgeber-Portal produziert, kann sich zugleich die Anrufe bei Ämtern, Pressesprechern und weiteren journalistischen Quellen sparen.
Holtzbrinck wäre aber kein echter deutscher Verlag, legte er nicht höchste Maßstäbe an. So reicht allein die Bereitschaft, für eine Pauschale von zehn Euro zu schreiben, bei weitem nicht aus. Wer für Helpster die Suchmaschinen füttern will, muss laut Anmeldeformular folgendes beachten: „wichtig sind Ihr Schreibtalent, perfekte deutsche Rechtschreibkenntnisse, sowie korrekte und hilfreiche Inhalte.“ Auf dass es Google honorieren möge.
Wie sich journalistische Botschaften über Videospiel-Kanäle vervielfältigen lassen, erklärt Julian Kücklich im Audio-Interview. Mit einem großen Team aus Wissenschaftlern erforscht er das Potenzial des “Newsgaming“. Ob diese Form der Nachrichtendistribution eine langfristige Zukunft hat, ist zwar noch nicht ganz ausgelotet. Aber zumindest wird das Konzept unter anderem bereits von der New York Times ausprobiert. Hört euch das Audio-Interview von der re publica 09 in Berlin an.
Katrin, Verena und Anna sind Feministinnen einer neuen Generation: Sie bloggen für ihre Interessen, bieten ihren zahlreichen männlichen Konkurrenten im Internet die Stirn. Im Audio-Interview auf der re publica 2009 erklärt die “Mädchenmannschaft“, was sie antreibt und weshalb die aktivierte Kommentar-Funktion auf ihrem Blog ganz schön nerven kann.
Wenn er sieht, wie dilettantisch scheinbar profilierte Journalisten twittern, kann Mark Fonseca Rendeiro nur müde lächeln. Der freischaffende Medienmacher bloggt und twittert mit System und Strategie. Auf der Blogger-Versammlung “re publica 2009” in Berlin erklärt er am Mikrofon, worauf Journalisten bei Twitter achten sollten – und warum es im Zwitscher-Kanal nicht nur um Marketing von journalistischen Inhalten geht.
Christopher Poole hat die Grenze zwischen Teenager und Erwachsenem kaum überschritten, doch er ist für seine Fans so etwas wie ein Gott. “moot” schuf eine eigene Online-Welt, als er 15 war: Eine Welt ohne Regeln und Einschränkungen, ohne Registrierung und Netiquette. Anonymität und Schnelllebigkeit sind die Merkmale seines Bilder-Forums 4chan. Im Audio-Interview zeigt sich moot gewohnt cool und erklärt unter anderem, warum er mit Pornographie auf seiner Website kein Problem hat. (Ja, ich weiß, mein gesprochenes Englisch kam mal flüssiger rüber…)
Ich habe ein Audio-Interview mit dem Journalisten und Blogger Stefan Niggemeier gemacht. Anlässlich der Blogger-Versammlung “re publica 2009″ in Berlin habe ich mich mit ihm über Journalismus und Blogging unterhalten. Hört euch den Podcast an und kommentiert reichlich!
Studenten-Blatt im Tabloid-Format: Die "Pflichtlektüre" soll ihrem Namen bald alle Ehre machen. Foto: Nils Glück
Mehr Auflage, mehr Reichweite, mehr Themen: Die neue Campuszeitung Pflichtlektüre wird an gleich vier Universitäten im Ruhrgebiet gratis verteilt. Mit 50.000 Exemplaren setzt das Periodikum, das von der Dortmunder Journalistik entworfen wurde, neue Maßstäbe – zumindest was die Quantität angeht. Ob das neue Printprodukt auch den Ansprüchen der Studierenden gerecht wird, muss die Zukunft erst noch zeigen.
Neu konzipiert: Die “Ruhr-Allianz” hat ihr eigenes Heft
Für die inhaltliche Konzeption und Leitung ist die Dortmunder Zentralredaktion zuständig. Um Anzeigen und Vertrieb kümmert sich dagegen die WAZ. Redaktionschefin Vanessa Giese erläuterte zum Heftstart im Deutschlandfunk, wie man sich auf die neue Herausforderung vorbereitet hat: Ein völlig neues Konzept musste her, das zwar auf Campus-Themen basiert, aber nun auch verschiedene Lokalteile einbezieht. Denn die Pflichtlektüre ist die logische Folge aus der Ruhr-Universitätsallianz und das Heft wird zudem an der zusammengelegten Universität Duisburg-Essen verteilt.
Die "Indo" macht Platz für ihren großen Nachfolger. Nicht alle sind damit glücklich. Foto: Nils Glück
Ende einer Ära: Die “Indo” ist Geschichte
Der Start der Pflichtlektüre Ende Oktober war zugleich das Ende der bisherigen Dortmunder Campus-Zeitung InDOpendent, die seit 1991 zahlreiche Auszeichnungen für ihre journalistische Arbeit erhalten hatte. Das traditionsreiche Medium mit aktuellen Nachrichten, Interviews und Hintergrundgeschichten vom Uni-Geschehen hatte einen guten Ruf – umso kritischer sind nun die ersten Stimmen zur neuen Zeitung. Denn was bislang in der “Indo” in einem ganzen Heft seinen Schwerpunkt fand, wird nun im vierseitigen Dortmunder Lokalteil abgehandelt. Die Frage drängt sich auf, ob das neue Medium so weiterhin interessant bleibt für die Leserschaft aus Dortmund. Ein Blog-Autor mutmaßt sogar, die InDOpendent sei das erste “Opfer” der Ruhr-Allianz.
Experiment mit Laienschreibern
Die wohlhabende WAZ bezeichnet das Ganze als “interessantes Experiment”, denn allzu viel steht für sie nicht auf dem Spiel. Anders sieht das bei den redaktionell Verantwortlichen aus: Denn während in der Dortmunder Zentralredaktion Journalistik-Studenten an dem Heft arbeiten, ist man auf den anderen Campi auf Laienschreiber angewiesen, die nun speziell geschult werden sollen. Ob das langfristig den qualitativen Ansprüchen genügen kann, muss sich erst zeigen: Die Messlatte, die die Indo angelegt hat, könnte jedenfalls kaum höher liegen.
Kritik bleibt da nicht aus: Die taz moniert den unkreativen Namen der Zeitung und beäugt das WAZ-Engagement misstrauisch. Immerhin: Tagespresse und Nachrichtenagenturen haben die Neuerscheinung bundesweit erwähnt und dadurch die große Erwartungshaltung bestätigt. Und auch die Marketing-Abteilung hat sich mit einem eigenen Werbespot ordentlich ins Zeug gelegt.
Optimismus pur: Die Dortmunder Journalisten wollen die "PL" nach vorne bringen. Quelle: Sanja Gjenero, stock.xchng
Am Institut herrscht Enthusiasmus
Als Journalistik-Student kann ich sagen: An Enthusiasmus vor Ort mangelt es nicht. Wir haben die ersten Hefte eigenhändig an die Leser verteilt (siehe Eldoradio-Beitrag) und arbeiten geradezu fieberhaft an der Optimierung unserer Zeitung. Zwei komplette Seminarkurse widmen sich der Frage, wie man die neue Zielgruppe möglichst genau erforschen und die Heftinhalte den Lesern schmackhaft machen kann. Ein Konzept für den Bereich “partizipativer Journalismus” ist ebenso in Mache wie eine neue Internetplattform, die für crossmediale Einbettung sorgen soll. Und nicht zuletzt schuftet ein aufgefrischtes Redaktionsteam für die Heftinhalte, die den akademischen Leser interessieren. Das Experiment hat also gerade erst begonnen.
Was kommt dabei heraus, wenn man einen Katalog von Sexbegriffen mit Umfrage-Ergebnissen und einem Hauch von Porno paart? Richtig: Der ProSieben Sex Report 2008. Der Sender hatte vorab nicht mit großen Worten und Zahlen gegeizt: Man habe “die größte, repräsentative Untersuchung zum Thema Liebe und Sexualität, die es in Deutschland je gab” durchgeführt (siehe Pressemeldung). Heute wird die dritte Folge ausgestrahlt – dabei war es bisher schon langweilig genug.
Die Online-Umfrage der “Sexstudie”: Zweifel sind angebracht
Zweifel an der Repräsentativität der Umfrage sind berechtigt, schließlich fand die gesamte Befragung online und noch dazu anonym statt – doppelt anonym sozusagen. Und wie bereits die erste Folge des Sex-Reports erklärt, wird “nirgendwo mehr geschummelt” als beim Thema Sex. Die freiwilligen Teilnehmer wurden öffentlich und ausschließlich über das Internet angeworben (siehe Pressemeldung) – einschlägige Foren und Blogs verlinkten begeistert auf die Fragebogen-Seiten. Eine seriöse Stichprobenauswahl sieht anders aus. Da mag die Zahl der Teilnehmer noch so astronomisch sein.
Online-Fragebogen: Erreicht man so Repräsentativität? Quelle: ProSieben
Ein interessantes Interview dazu hat die Fernsehzeitschrift TVdirekt mit einem der verantwortlichen Wissenschaftler gemacht. Darin behauptet Dr. Jakob Pastötter tatsächlich, man habe einen “Querschnitt der deutschen Sexualbefindlichkeit” ermittelt. Ich bezweifle, dass eine Umfrage, die ausschließlich auf einem Internet-Fragebogen basiert, dafür als Grundlage dienen kann – denn sexuell aufgeschlossene Menschen werden sich eher an solch einer Befragung beteiligen als Sozialphobiker. Und ältere Menschen besitzen seltener einen Internetanschluss als jüngere, beteiligen sich also auch seltener an solch einer Umfrage. Wie will man unter solchen Bedingungen zur Repräsentativität gekommen sein?
Die Sendung: Lautes Gestöhne zur Begrüßung
Nun zur eigentlichen Sendung. Zu Beginn der ersten Folge gibt es lautes Gestöhne auf die Ohren und nackte Tatsachen auf die Augen. “Au weia”, soll der Zuschauer wohl denken, “jetzt geht’s zur Sache”. Während die Eckdaten der “Sexstudie” vorgestellt werden, läuft im Hintergrund Synthesizer-Musik wie in einem Porno-Film.
Darsteller im Sex Report: Die "durschnittlichen" Leute sind jung und schlank. Quelle: ProSieben
Hundert Probanden werden persönlich rangenommen: Sie müssen explizite Fragen zu ihrem Sexualleben explizit beantworten. Auch hier muss davon ausgegangen werden, dass es sich um besonders aufgeschlossene Menschen handelt – sie stellen also keinen Durchschnitt dar. Auffällig ist auch, wie optisch jung und gestylt die Versuchspersonen sind. Schlanke, fast makellose Körper wandeln über die Mattscheibe (eine Befragte soll sogar eine Pornodarstellerin sein). Entspricht das etwa einem repräsentativem Bild unserer alternden Gesellschaft? Wer von dem Sexleben von Senioren zumindest etwas erahnen möchte, dem sei der Kinofilm “Wolke 9″ empfohlen. Auf ProSieben lernt man nichts über die ältere Generation – das wäre ja auch ganz gegen die Jugendwahn-Tradition der Privatsender.
Aufgeschlossene Menschen plaudern indiskret und ohne Balken
Eine Bürokauffrau plaudert von ihren “Porno-Fantasien” und von der Anzahl ihrer Sexpartner – “hundert? Weiß ich nicht”. Der “Verhörspezialist” nagelt die Befragten mit dem Lügendetektor und stellt nachher richtig fest, man könne nicht immer über alles reden, “weil ich sonst vielleicht mein Gesicht vor der Gesellschaft verliere oder vielleicht auch vor mir selbst”. Da kann man nur hoffen, dass die besagte Bürokauffrau ein Ego aus Beton hat.
Gruppensex-Collage: Diskretion als Verklemmtheit verkauft. Quelle: ProSieben
Apropos Diskretion: Der Sex-Report funktioniert nach dem Motto “Mensch, was sind wir Deutschen doch unverklemmt.” ProSieben behauptet im Vorspann, Sexualität sei öffentlich geworden. Stimmt – denn sexuelle Verrohung wurde jüngst in allen Medien und Varianten umfangreich behandelt (siehe unter anderem Bild und Spiegel TV). Dass jede individuelle Intimität vom Privaten ins Öffentliche wandert, muss aber hoffentlich nicht befürchtet werden.
Oswald Kolle und die verfehlte Sex-Revolution
Um es kurz zu machen: Der ganze Film ist öde. Begriffe wie Analsex, Oralsex oder Gruppensex lassen den aufgeklärten Zuschauer nicht mehr aufhorchen. Auch ein historischer Exkurs, in dem Oswald Kolle ein paar Worte zu den schlimmen, alten Zeiten sagen darf, fördert nichts Neues zutage. Die eigentliche Erkenntnis bleibt sogar gänzlich außen vor. So stellt der Film zwar eine “sexuelle Revolution” seit 1968 fest – und dass die Deutschen immer häufiger Sex haben. Auf der anderen Seite zeigen die Fakten: Ende der 1960er Jahre hatten die Deutschen 130 mal Sex im Jahr, heute 139 mal. Das ist gerade mal eine Steigerung von sieben Prozent – von einer echten Revolution kann also keine Rede sein.
Jugendliche mit Sex-Spielzeug: Schaulaufen der Lust statt Liebes-Ratgeber. Quelle: ProSieben
Eines ist jedoch positiv: Der Film ist genauso widersprüchlich wie die Sexualität selbst. Sexuelle Leistung wird bei ProSieben zur Schau gestellt, gleichzeitig heißt es: “Kein Wunder, dass sich viele Menschen inzwischen sogar bedrängt fühlen von der öffentlichen Leistungsschau sexueller Alleskönner.”
Fazit: ProSieben hat im Vorfeld mächtig die Werbetrommel gerührt. Das Springer-Blatt Welt Kompakt half sogar mit einer Aufmacher-Doppelseite mit und verkaufte das als redaktionell aufbereitete Wissenschaft. In Wirklichkeit liefert der Sex-Report aber keine neuen Erkenntnisse. ProSieben frischt das auf, was aus unzähligen Untersuchungen und aus dem Bravo-Liebeslexikon längst bekannt ist. Der Film gibt Umfrage-Ergebnisse wieder, hat aber keinen Ratgeber-Charakter und bietet deshalb für den aufgeklärten Zuschauer keinen Anreiz. Daran ändern auch die zahlreichen Softporno-Collagen nichts.
Web-Extra: Medienkritiker David Harnasch über den Sex Report 2008