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Archiv der Artikel die unter der Kategorie Anmerkungen gespeichert wurden.

Nachgewiesen: Ralf Bremer macht hervorragende Lobbyarbeit für Google Deutschland

Das Original um kurz vor 17 Uhr im E-Mail-Newsletter von Turi2.

Zweimal täglich sammelt der Aggregator Turi2 die interessantesten Fakten und Zitate aus der Medienwelt – und verschickt sie per E-Mail. Heute staunte ich nicht schlecht, als ich nachmittags im Newsletter das folgende Zitat von Ralf Bremer las: “Es gibt vieles, das Google macht, von dem man nichts weiß.” Das Zitat allein ist nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist schon eher, dass Ralf Bremer Googles offizieller Sprecher in Deutschland ist und diese Aussage bei einem Besuch des Online-Magazins “Gründerszene.de” in den eigenen Räumlichkeiten gemacht haben soll. Quasi ein offizielles Eingeständnis der Verschwiegenheit des Google-Imperiums. Klingt aber auch wie eine Drohung: Ihr wisst ja gar nicht, was wir als nächstes so planen. Die Redaktion von Turi2 sah das offenbar ähnlich und schrieb unter Berufung auf den Artikel unter das Zitat: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, gibt sich bedeckt, was er mit seinem siebenköpfigen PR-Team eigentlich macht.”

Später am Abend lautete das Zitat plötzlich ganz anders: “Vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, ist gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst.” Und Turi2 änderte auch die Kommentierung: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, will das mit seinem siebenköpfigen PR-Team ändern.” Die Original-Passage im “Gründerszene”-Artikel ist ebenfalls entsprechend überarbeitet worden.

Die überarbeitete Turi2-Version am Abend.

Nun, es ist erstaunlich, wie sich Zitate binnen Stunden ändern können. Vielleicht ist das dem exklusiven Besuchsrecht von “Gründerszene” geschuldet, schließlich soll man sich als Gast ja benehmen. Aber das Ganze lässt mich auch erleichtert aufatmen. Ich dachte nämlich schon, Google mache am Ende noch vieles, von dem man nichts weiß. Doch jetzt ist mir endlich klar, dass lediglich vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst ist. Ich glaube, jetzt wird mir wiederum einiges bewusst über die Arbeitsweise des Herrn Bremer. Ein Vollprofi eben.

P.S.: Über dem fraglichen Absatz in dem Artikel steht die Zwischenzeile: “Lobbyismus – Google verschafft sich Gehör”.

Update 19.05.2012, 12:27 Uhr: Nachdem Gründerszene nicht auf Anfragen via Twitter und Kommentarfunktion reagiert hat, tut das Ralf Bremer nun selbst. Er schreibt via Twitter: “recherche statt verschwoerungstheorie empfiehlt @ralfbremer das Zitat war einfach falsch.” Demnach hat sich der anwesende Redakteur wohl einfach verhört. Eine entsprechende Update-Mitteilung hätte im Zweifel auch dem Artikel des Magazins gut getan.

Update 29.05.2012, 12:26 Uhr: Der zuständige Autor begründet die nachträgliche Änderung wie folgt. “Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass die ursprüngliche Formulierung des Zitats außerhalb des Kontextes durchaus missverstanden werden kann, weshalb ich es umformuliert habe. An der Aussage hat sich jedoch nichts geändert.”

Geldmacherei oder Anteilnahme? Loveparade-Souvenirs aus Duisburg werden bei eBay versteigert

Quelle: eBay

„Bei der Loveparade 2010 in Duisburg war ich als Eventfotograf unterwegs und kam an diesen Presse-Pass. Eigentlich wollte ich den Pass als Erinnerung behalten, jedoch quält mich ständig der Gedanke daran, dass Presseleute und VIP einen tunnelfreien Ein- und Ausgang hatten. Daran möchte ich nicht ständig erinnert werden. Wer diesen Pass mit dem Loveparade – The Art Of Love Schlüsselband haben möchte – ich gebe ihn hiermit gerne ab!“

So beschreibt ein eBay-Verkäufer seine Motivation, einen grünen Pressepass aus Duisburg bei eBay an den Meistbietenden abzutreten. Heute Abend um 18 Uhr endet die Auktion, bisher gab es 16 Gebote. Der aktuelle Preis: 35,50 Euro. Wer bietet mehr?

Trauer-Devotionalien zu versteigern

Quelle: eBay

Mehrere solche Auktionen gibt es mittlerweile bei eBay, und Kaufinteressenten gibt es anscheinend zur Genüge. So verkauft ein eBay-Laden ein Gedenkshirt, Modell „Warum?“, zum Festpreis von 14,95 Euro – zuzüglich 2,20 Euro für den Versand. 5 Euro gehen nach eigenen Angaben als Spende an das Deutsche Rote Kreuz in Duisburg, wie der Artikelbeschreibung zu entnehmen ist: „Wir möchten uns nicht bereichern, sondern auch einen Beitrag leisten. Das schaffen wir am besten hier, weil wir hier sehr viel mehr Menschen erreichen als anderswo.“ Den Artikel bezeichnet der Verkäufer als „Charityshirt“ und gibt gleich die Kontoverbindung des DRK mit an. Drei Warum-Shirts wurden bereits verkauft.

Mehrere andere eBay-Nutzer verkaufen ihre Pfandmarken von der Loveparade 2010: Als „Relikt das leider auch mit Trauer einhergehen muß“ bezeichnet ein Anbieter seine Ware.

Quelle: eBay

Ein Presse-Vertreter zeigt seine kommerzialisierte Anteilnahme

Solche Auktionen anlässlich von Großveranstaltungen hat es immer schon gegeben, denn Festivalsouvenirs sind begehrt: In der Regel sind sie nur in begrenzter Stückzahl vorhanden und haben einen hohen ideellen Wert. Mit Armbändern, T-Shirts oder Pfandbons lässt sich zeigen: Ich war live dabei bei einem legendären Event, ich stehe hinter den Werten und den Erfahrungen, die ich auf einer Großveranstaltung gemacht habe.

Doch hier drängt sich die Frage auf, ob sich einige wenige Loveparade-Besucher an einer Katastrophe und ihrer medialen Reichweite bereichern wollen. Dass es ausgerechnet ein Kollege von der Presse ist, der hier seine Devotionalien vertickt, ist für die gesamte Journaille beschämend. Neben seinem Presse-Badge verkauft der Benutzer auch einen USB-Stick mit Presseinfos der Veranstalter: „Eigentlich wollte ich den Artikel als Erinnerung behalten, jedoch nehmen mich die aktuellen Ereignisse so sehr mit, dass ich ihn lieber doch nicht behalten möchte.“

Protestieren, bis der Bund einspringt: Wie die Uni Lübeck gerettet wurde

Protestler in Kiel

Eine Stadt sieht gelb: Lübecker Demonstranten in Kiel. Quelle: StudentenPack (flickr.com); AstA Uni Lübeck

„Die Universität zu Lübeck ist nach Schließung des Fachbereichs Medizin in Lübeck nicht überlebensfähig.“ Dieser bürokratisch anmutende Satz hat in der schleswig-holsteinischen Stadt Ende Mai für Aufregung gesorgt. Die Kieler Landesregierung unter Peter Harry Carstensen plante, die Uni Lübeck faktisch dem Tode zu weihen.

Kahlschlag-Carstensen gegen das Protestbündnis

Was folgte, war ein enormer Proteststurm. Schnell wurde klar, was das Aus der Uni für die ohnehin strukturschwache Region bedeuten könnte: Noch weniger Arbeitsplätze, noch weniger Dynamik, noch weniger Perspektive. Auch in Flensburg bestand die Gefahr, dass hier auf akademischer Ebene bald tote Hose sein könnte – Carstensen und Kumpanen setzten auf Kahlschlag.

Dabei standen die Spar- und Bündelungspläne im krassen Widerspruch zu der von Kanzlerin ausgerufenen Parole, in Krisenzeiten dürfe an der Bildung nicht gespart werden. Bezeichnenderweise war es dann auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das mit einer Millionenzahlung schließlich aushalf und die Uni vor dem Garaus bewahrte.

In der Zwischenzeit hatten sich Studenten, Wirtschaft und Lokalpolitik in und um Lübeck zusammengetan und penetrant protestiert. Auf der Straße setzte eine ganze Stadt das in die Tat um, was zuvor via Internet organisiert worden war: Nein sagen und Paroli bieten. Im Interview erklärt ein Beteiligter, warum das zum Erfolg geführt hat.

Ein Protestler im Interview: “De Jager hat komplett versagt”

Ivo Heinecke (21) ist freier Mitarbeiter im AStA der Universität Lübeck. Der Informatik-Student hat über Wochen Demonstrationen mitorganisiert und erklärt im Interview unter anderem, wie man in wenigen Stunden ein Protest-Portal aufbaut und einen Wissenschaftsminister gehörig unter Druck setzt.

NilsOle.net: Ivo, ist der Kampf jetzt gewonnen?

Ivo Heinecke: Ja und nein. Beim Kampf um die Uni ging es im Kern darum, dass der Bereich Medizin wegfallen sollte. Dieser Bereich ist relativ bedeutend, ohne den läuft an der Uni nicht viel: Wir haben fünf Studiengänge, über 50 Prozent der Studierenden sind für Medizin eingeschrieben. Die anderen Studiengänge hängen an der Medizin, wie zum Beispiel das Fach „Medizinisches Ingenieurswesen“. So etwas kann man nicht einfach wegsparen, nur weil es um 25 Millionen Euro geht. Da die Medizin jetzt erhalten werden soll, scheint der Kampf gewonnen, so ganz trauen wir dem Braten jedoch noch nicht.

Die Rettung kam von dort, wo man es nicht erwartet hatte: Aus Berlin.

Heinecke: Der Bund hat jetzt die Finanzierung des Instituts für Meeresforschung in Kiel zu 90 Prozent übernommen, und damit kann das Land Schleswig-Holstein die 25 Millionen Euro woanders einsparen. Mein Vertrauen in die Aktion ist allerdings begrenzt – man hat gesehen, dass hier recht viel Hinterzimmerpolitik gemacht wird.

Der Bund trickst also herum, weil das Land sich nicht bewegen wollte?

Heinecke: Ja, kann man so sagen. Am Institut für Meeresforschung soll es darüber auch Unmut geben, weil dem Institut dadurch angeblich Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen. Nach meinen Informationen ist es aber weiterhin möglich, Drittmittel anzuwerben in Zusammenarbeit mit der Uni Kiel. Der Bund hat mit der Aktion aber die Landesregierung gerettet – diese hat eine Stimme Mehrheit, bereits fünf Abgeordnete hatten zu dem Zeitpunkt bereits klar gemacht, dass sie der Unischließung nicht so zustimmen werden.

Zurück nach Lübeck: Geht die Uni jetzt gestärkt aus den Protesten, oder hat das Gezerre euch vielleicht sogar geschwächt?

Heinecke: Ich denke, wir gehen gestärkt aus den vergangenen Wochen. Wir konnten einige Punkte durchsetzen: Die Universität bleibt mit allen Studienplätzen erhalten, wir werden eine Stiftungs-Uni nach niedersächsischem Vorbild. Dadurch soll das Land entlastet werden. Wir als AStA werden allerdings die Drittmittelvergabe kritisch begleiten.

An vielen Unis ist nach den Bildungsstreiks im Herbst 2009 Ernüchterung eingetreten, weil nur wenig durchgesetzt werden konnte. Warum hat das bei euch geklappt?

Heinecke: Der Protest war existenziell für uns. An den Bildungsstreiks hatten sich in Lübeck nur relativ wenige Studenten beteiligt, hier gab es keine Hörsaalbesetzungen. Aber jetzt, als es um unsere Uni ging, war der AStA sehr gut aufgestellt, sowohl finanziell als auch personell. Das Ganze hat sehr viel Kraft gekostet und wir sind jetzt ziemlich erschöpft, aber es ging dabei einfach um alles.

Wer hat den Protest gestartet?

Heinecke: Als AStA haben wir glücklicherweise ein Gremien-Wochenende miteinander verbracht, kurz nachdem die Sparpläne bekannt geworden sind. Wir konnten uns also vorbereiten und eine Strategie entwickeln. So war es auch möglich, sehr viele Aktionen zu starten. Finanziell, materiell und logistisch kam die Hilfe mitten aus der Bevölkerung. Unser Kopierer hat mittlerweile 130.000 Exemplare auf dem Zähler, so viele Poster und Flyer haben wir gedruckt. Das ist wirklich unglaublich.

Welche Instrumente, außer Infoblättern, habt ihr eingesetzt?

Heinecke: In erster Linie haben wir Demonstrationen organisiert. Und es gab die Website, über die wir gut Druck aufbauen konnten. Selbst Daniel Günther, hochschulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein, hat gesagt, seine erste Informationsquelle zu dem Thema sei unsere Internetseite gewesen – dabei war die Landes-CDU doch unser politischer Gegner. Während der ganzen Zeit gab es eine ganze Reihe kreativer Aktionen, wie etwa die Exilvorlesung in Berlin, die wirklich Spaß gebracht haben. Außerdem noch Flash-Mobs, oder Smartmobs, wie sie ja heißen, wenn es um etwas Politisches geht.

Dreh- und Angelpunkt ist euer Online-Portal “Lübeck kämpft”. Wie baut man so eine Basis auf?

Heinecke: Zum Glück haben wir erfahrene Informatiker an der Uni, die Plattform haben wir gleich am ersten Wochenende gestartet. Mit Hilfe der WordPress-Software und verschiedenen Erweiterungen lässt sich so etwas recht schnell realisieren. Zu Beginn hatten wir das Problem, dass das System den vielen Zugriffen nicht standgehalten hat. Nach einigen Ausbesserungen lief die Seite dann aber reibungslos.

Kommen wir mal zu dem politischen Streit. Wie sah die Kommunikation mit den Landespolitikern aus?

Heinecke: Direkt mit den Politikern zu reden war ziemlich schwierig, weil die immer ihre Wir-müssen-sparen-Platte abgespielt haben. Der Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (CDU) hat einmal sinngemäß gesagt, man müsse eben zwei Stücke aus der Torte herausnehmen, damit man die Sahnehaube erhalten kann. Mit den Tortenstücken waren die Uni-Standorte Lübeck und Flensburg gemeint, mit der Sahnehaube die Uni Kiel. Solche Aussagen sind ein Unding.

Dialogbereitschaft haben die Landespolitiker aber schon gezeigt, etwa am 1. Juli, als man sich zu einer öffentlichen Diskussion in Lübeck getroffen hat.

Heinecke: Von einem echten Dialog kann doch keine Rede sein. Bei der besagten Diskussion sind keine wirklich neuen Punkte genannt worden. Zu Beginn der Proteste sind wir mit einigen Bussen nach Berlin gefahren, wo Jost de Jager und Peter Harry Carstensen im Landeshaus getagt haben. Während der Demo sind die Herren dann zu uns gekommen und wollten sich angeblich unseren Fragen stellen. Was wir erlebt haben, war aber eher ein Monolog: Als es um inhaltliche, tiefgreifende Fragen gehen sollte, haben sich die beiden wieder zurückgezogen. Das war typisch – als aber die Rettung aus Berlin kam, haben die verantwortlichen Politiker ihre Kommunikationsstrategie geändert.

Inwiefern wurde die Strategie geändert?

Heinecke: Die Leute, die uns zunächst wegsparen wollten, stellen sich plötzlich als Sieger dar, die durch viel Verhandlungsgeschick eine Universität gerettet haben. Die Wahrheit ist allerdings, dass die Abstimmung über die Sparpläne für die Landesregierung zum Desaster geworden wäre, denn mehrere Mitglieder der Koalition haben offen gegen die Uni-Schließung protestiert und hätten wohlmöglich ihre Zustimmung verweigert. Dann wäre die Regierung in Kiel gescheitert.

Trotzdem haben die Politiker sich zumindest euer Anliegen angehört.

Heinecke: Das stimmt. Verschiedene Landtagsabgeordnete haben den AStA besucht, darunter Gerrit Koch (FDP) und Daniel Günther (CDU). Die Kommunikation mit de Jager allerdings hat sich im Wesentlichen darauf beschränkt, dass einige Studenten sein Fahrzeug per Sitzblockade festgesetzt haben, als er mal in Lübeck war. Mittlerweile gibt es hier eine recht starke Abneigung gegen diesen Minister, auch auf persönlicher Ebene.

Woher kommt diese Abneigung?

Heinecke: Da gibt es verschiedene Gründe. Der Dialog war sehr schwierig, auf kritische Fragen gab es keine ehrlichen Antworten. Stattdessen hat de Jager wie ein Wasserfall von oben herab gepredigt, wir konnten ihm nichts vermitteln – so war zumindest mein Eindruck. In einem Interview hat er die Großdemonstration in Kiel als „sportliche Herausforderung“ bezeichnet. Der Mann hat wohl vergessen, dass es sich hierbei um die größte Kundgebung in der Geschichte von Schleswig-Holstein gehandelt hat. Seine Aussage ist in diesem Zusammenhang völlig inakzeptabel.

Während der Demo in Kiel schien die Stimmung tatsächlich recht aufgeheizt. Ist es noch in Ordnung, wenn Akademiker einen Landesminister als „Versager“ beschimpfen?

Heinecke: Ich finde, Jost de Jager hat komplett versagt. Er hat blauäugig und wissend um die wirtschaftlichen Folgen den Wissenschaftsstandort Lübeck riskiert. Es ist diesem Wirtschaftsminister offenbar nicht möglich gewesen, irgendeine Art von Risikoanalyse für den Wegfall der Medizin zu machen. Zum Vergleich: Die Industrie- und Handelskammer Lübeck hat das in zwei Wochen geschafft. Laut IHK hängen rund 10.000 regionale Betriebe am Uni-Standort Lübeck. In einer stichprobenartigen Befragung hat die IHK herausgefunden, dass 19,1 Prozent dieser Betriebe im Falle einer Uni-Schließung abgewandert wären. Für die ganze Region hätte das katastrophale Folgen gehabt.

Es wurde viel über die Hintergründe gemunkelt, warum es gerade den Standort Lübeck treffen sollte.

Heinecke: Man muss wissen, dass Jost de Jager eine gewisse Vorgeschichte hat. Bereits 2005 hatte er in seiner Funktion als Staatsminister geplant, die Uni-Standorte Lübeck und Kiel miteinander zu fusionieren. Es gibt Dokumente, die belegen: Die Uni Kiel sollte dabei bevorzugt werden. Die Sparpläne, die der Minister jetzt umsetzen wollte, waren im Grunde also nur aufgefrischt worden. Wenn man sich das Kieler Kabinett ansieht, fällt zudem auf: Auffallend viele Minister, darunter Ministerpräsident Carstensen, haben an der Universität Kiel studiert. Das ergibt einen faden Beigeschmack.

Wie sah das Verhältnis zur Uni Kiel während der Proteste in Lübeck aus?

Heinecke: Da muss man differenzieren. Die Kieler Studenten haben uns stark unterstützt, dass finden wir echt toll. Auch der AStA hat uns sehr geholfen. Das Kieler Universitätspräsidium macht allerdings weiterhin Hinterzimmerpolitik. Erst 2009 soll sich das Präsidium mit Jost de Jager getroffen haben, um mögliche Sparpläne zu besprechen, die eine Schließung unseres Standortes beinhalteten. Dieser Vorschlag ist offenbar exakt von der Haushaltsstrukturkommission übernommen worden: Der Uni Lübeck sollte das Herz herausgerissen werden, damit meine ich den Bereich Medizin. Alternative Vorschläge, die Einsparungen zwischen den beiden Standorten solidarisch zu schultern, hat de Jager abgelehnt.

Am 16. Juni fand die Großdemo in Kiel statt. Wie wurde das organisiert – ein Professor soll sogar einen Sonderzug gechartert haben?

Heinecke: An dem Protestzug waren Studenten aus Flensburg, Kiel und Lübeck beteiligt, die sich gemeinsam zu einer Kundgebung vor dem Landtag getroffen haben. Was die Organisation angeht, kann ich nur für uns Lübecker sprechen: Es gab einen Sonderzug mit rund tausend Studenten, in dem auch der Uni-Präsident und Pressevertreter mitgefahren sind. Wir hatten eine ganze Reihe Busse, ein paar Fahrradfahrer sowie Leute, die mit Auto und Bahn angereist sind. Auch die Ortsverbände von CDU und FDP wollten Busse anmieten – das hat nicht geklappt, weil der Lübecker AStA bereits alle gemietet hatte.

Wer hat das Geld für diese Aktionen gegeben?

Heinecke: Das waren sehr viele. Wir haben Spenden gesammelt, aber auch lokale Firmen und Einrichtungen wie etwa die Possehl-Stiftung haben etwas beigetragen. Auf unserer Internetseite haben wir genau aufgelistet, wer uns unterstützt hat. Ohne die große Hilfe aus der ganzen Stadt hätten wir das niemals geschafft.

Trotz Facebook und Twitter: Ohne klassische Medien lässt sich keine Politik machen. Was die über euch berichtet haben, hat euch zum Teil nicht in den Kram gepasst.

Heinecke: Wir waren oft unzufrieden mit der Berichterstattung. Über die 14.000 Studenten in Kiel hat die Tagesschau zum Beispiel nichts gebracht. Über einen späteren Sternmarsch in Lübeck gab es einen Bericht, das hat uns entschädigt. Man muss aber auch sagen, dass wir zu Beginn noch gar keine Erfahrung mit Pressearbeit hatten. Später sind wir da routinierter geworden, in vielen Medienhäusern hatten wir feste Ansprechpartner. Zu guter Letzt haben auch viele überregionale Zeitungen und Rundfunkstationen über die Rettung berichtet.

Eine Szene aus Kiel ist besonders im Gedächtnis geblieben: Wissenschaftsminister de Jager ist von Studenten umringt und wird von Polizisten abgeschirmt. Dann kommt es zum Sturz. Die Kieler Nachrichten haben geschrieben, Studenten hätten den Minister gerempelt.

Heinecke: Dieses Gerücht hat der Minister wohl selbst in die Welt gesetzt, ich weiß es aber nicht genau – das war insgesamt sehr unschön. Denn in einem Video ist genau dokumentiert, wie de Jager auf dem Rasen ohne Fremdeinwirkung ausrutscht, da ist kein Student in der Nähe. Die Polizei hat uns das später bestätigt.

An der Uni wird jetzt nicht mehr gespart, aber die Einschnitte im Landeshaushalt treffen dennoch viele Menschen in Schleswig-Holstein.

Heinecke: Dass gespart werden muss, darin sind sich doch alle einig. Trotzdem sind einige Punkte an diesem Sparpaket sehr fragwürdig. Das betrifft ganz besonders die Bildung, aber auch zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Es gibt etwa momentan Privatisierungspläne für das Uniklikum Schleswig-Holstein an den Standorten Kiel und Lübeck. Das Schlimmste am derzeitigen Sparpaket ist, dass wegen der akuten Finanznot alte Vereinbarungen über Bord geworfen werden. Da brauchen wir dringend mehr politischen Widerstand, um die nötigen Einsparungen gerechter zu gestalten.

Jugendliche Medien in Mainz – und der Blogger mittendrin!

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Werte Leser, ich grüße euch. Und zwar von den Jugendmedientagen in Mainz, genauer gesagt aus dem Newsroom der Messezeitung politikorange, die in den Räumlichkeiten des ZDF Quartier bezogen hat. Es geht um Fernsehen und bewegte Bilder.

Was geht? Voll Medien, ey!

Mein Schreibstil dürfte euch befremden. Er ist ja jetzt auch fruchtig, frisch, jugendlich. Frische Presse braucht frischen Stil. Hier arbeite ich in der Redaktion eines Periodikums, das eine erstaunliche Tradition hat. Weil mir eine Teilnahme am normalen Programm zu unspektakulär und passiv war, bin ich jetzt Teil eines Team von ambitionierten Ehrenamt-Redakteuren. Darunter Politik- und Publizistik-Studenten. Das ZDF lässt uns alle erdenkllichen Freiräume, sodass sich dieses Medium wirklich unabhängig nennen darf.

Danksagung

Einziges Manko: Die reguläre Unterbringung ist katastrophal. An dieser Stelle möchte ich einem Dortmunder Journalistik-Studentenpärchen danken, das mir auf sehr freundliche Art und Weise Asyl gewährt hat. Ansonsten hätte ich nämlich in einer kalten Turnhalle auf einer millimeterdünnen Isomatte in einem überaus schlecht gefütterten Schlafsack übernachten müssen. Und wieder einmal zeigt sich: Das Dortmunder Journalisten-Netzwerk funktioniert. Freunde in der Not finden sich über den Institutsverteiler. Vielen Dank – ich habe sehr gut auf eurer Couch geschlafen und freue mich schon auf zwei weitere geruhsame Nächte.

P.S.: Meine überaus freundliche Sitznachbarin sowie Redaktionskollegin Susanne möchte an dieser Stelle gegrüßt werden. Gerne komme ich dieser Bitte nach. Liebe Susi, ich grüße dich und danke dir für abwechslungsreiche Kurzkonversationen während der gefürchteten Mittagsdurchhänger!

Assessment Center: Simuliertes Haifischbecken oder Stress-Spielerei?

Assessment Center sind längst nicht mehr das Nonplusultra in der Personalauswahl – zumindest wenn man den Artikeln in der Süddeutschen Zeitung und bei Welt Online glaubt. Wer gutes Führungspersonal sucht, sollte demnach auf den berüchtigten “AC” entweder ganz verzichten oder ihn professionell betreuen lassen.

Seit Jahren liegt das AC-Verfahren voll im Trend – niemand kommt mehr um diese “Übung” herum. Bücher sind darüber geschrieben worden und in ganzen Workshop-Reihen werden künftige Teilnehmer darin geschult, sich selbst in drei Minuten zu präsentieren oder den Postkorb zu sortieren. Im AC werde der harte Wettbewerb des Arbeitsmarktes simuliert, so die Hoffnung vieler anspruchsvoller Arbeitgeber.

Kein Richtig oder Falsch: Eine höchst subjektive Gruppenveranstaltung

In der Praxis sieht das oft anders aus. Nach einem Wochenend-Seminar zu diesem Thema stand für mich als Quintessenz eigentlich nur fest: Was im AC ermittelt wird, ist höchst subjektiv. Meine Selbstpräsentation fanden einige Teilnehmer solide, andere waren begeistert. Wieder andere sagten, ich sei nicht impulsiv genug gewesen, während andere meine Sachlichkeit schätzten.

Letztlich laufen alle Versuche, sich durch Training im AC zu “verbessern” auf den Versuch hinaus, eine andere Person zu spielen – vermeintliche Schwächen soll man kaschieren und angebliche Stärken hervorheben. Wer aber nicht gerade Schauspieler ist, sollte das lassen und sich auf den Grundsatz “just be yourself” besinnen.

Aus eigener Erfahrung: Grundsätzliche Tipps

Wer sich auf den Assessment Center vorbereiten will, sollte sich zunächst einmal über die Firma und deren Erwartungshaltung informieren. Es gibt nur einige wenige Übungen, mit denen man vorab vertraut sein sollte. Wichtiger ist meiner Meinung nach, dass man möglichst gelassen und konzentriert an die Sache herangeht. Denn große Schauspielerei, Schaumschlägerei oder übereifriger Aktionismus könnten auch das Gegenteil bewirken, falls unter den Beobachtern nicht nur die üblichen Laien, sondern echte AC-Profis sein sollten.

Aufgabenbeispiel Selbstpräsentation: Alles oder nichts in fünf Minuten


“Stellen Sie sich bitte in maximal fünf Minuten den anderen Teilnehmern vor. Denken Sie daran, dass sie einem Fremden wichtige Dinge aus Ihrem Leben mitteilen sollen. Vergessen Sie auch nicht, Einblicke in Ihre Persönlichkeit zu geben. Können Sie auch ein Vorbild aus Ihrem Leben nennen?”

Allein die Lektüre dieser Aufgabenstellung nimmt etwa eine Viertelminute in Anspruch. Entsprechend schwierig ist es, die Selbstpräsentation zur Zufriedenheit der Teilnehmerrunde und der Personalchefs über die Bühne zu bekommen – die Selbstinszenierung sollte gut geplant sein. Wer sich verquatscht oder chaotisch berufliche Stationen aufzählt, hat bereits nach wenigen Sätzen verloren. Trotzdem soll alles souverän, unverkrampft und authentisch beim Zuhörer ankommen.

Was ist also zu beachten?

  • Erstens: Sich kurz ins Gedächtnis zurückrufen, um welche Stelle man sich bewirbt und welche exakten Anforderungen an den Bewerber gestellt werden. Zu diesen Anforderungen können z.B. Organisationsfähigkeit und Sozialkompetenz gehören, wenn es um eine Stelle als Filialleiter geht.
  • Zweitens: Die eigenen Kompetenzen glaubwürdig nennen, erklären und vor allem belegen können.
  1. Dazu zählt in erster Linie die Fachkompetenz, soll heißen: Welche Qualifikationen besitze ich welche berufsqualifizierenden Abschlüsse habe ich, welche Berufserfahrungen und Zusatzausbildungen oder -kenntnisse kann ich vorweisen?
  2. In der Kategorie zwei geht es um die Methodenkompetenz: Welche methodischen Fähigkeiten qualifizieren mich besonders für diesen Beruf? Hier können Dinge genannt werden wie analytisches Denken, Projekt- und Zeitmanagement. Hier ist es extrem wichtig, dass man vermitteln kann, wo man diese Fähigkeiten erworben hat und wo sie sich als hilfreich erwiesen haben.
  3. Im dritten Bereich – der sozial-kommunikativen Kompetenz – geht es um die berüchtigten Soft Skills: Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Kollegialität. Diese Fähigkeiten unter Beweis zu stellen ist Sinn und Zweck vieler AC-Aufgaben, da sich diese “Qualifikationen” nur in der Praxis zeigen. Darüber in epischer Breite zu referieren macht hier also weniger Sinn – man sollte diese Dinge aber kurz erwähnen. So zeigt man, dass man sich über deren Wichtigkeit im Klaren ist.
  4. Im Bereich “Aktivitätspotenzial” geht es um Dinge wie Eigeninitiative, Kreativität, Selbstvertrauen und Belastbarkeit – wie kommt mir meine Persönlichkeitsstruktur bei der Arbeit zugute? Menschen, die zwar sehr zuverlässig und motiviert, dafür aber leider nicht besonders kreativ sind, sollten nicht in einer Werbeagentur anheuern. Persönliche Stärken sollte herausgekehrt und begründet werden. Schwächen sollten je nach Anforderung genannt werden, um sie für den eigenen Vorteil zu benutzen. Beispiel: “Ich hatte lange Zeit Schwierigkeiten, mit dem ständigem Arbeitsdruck umzugehen. Mittlerweile habe ich diese Schwäche überwunden – regelmäßige Workshops und Weiterbildungen bzgl. Zeitmanagement und flexibler Arbeitsaufteilung haben mir geholfen, am Ende des Tages das erledigt zu haben, worauf es wirklich ankommt.”
  • Drittens: In der eigentlichen Qualifikation sollte man auf einen positiven und ehrlichen Tenor achten. Dazu zählen Augenkontakt, eine ausgewogene Gestik und vor allem sicheres, ruhiges Sprechen. Für die Präsentationsstrategie sollte gelten: Wichtiges zuerst nennen – Qualifikation und Beruf sollten am Anfang stehen. Auch sollten Persönlichkeitsschwächen nie zu sehr betont und nur am Rande genannt werden. Es gibt es keinen Königsweg, um diese Aufgabe zu meistern – typisch Assessment Center eben.

Tipp: Um sich an die Situation zu gewöhnen, lässt sich die Selbstpräsentation am besten in der Gruppe üben. Mit der Stoppuhr wird darauf geachtet, dass der Redner seine fünf Minuten nicht überschreitet. In der anschließenden Auswertung können Redner und Teilnehmer den Auftritt aus ihren verschiedenen Perspektiven bewerten und diskutieren. Das macht Spaß und schult den selbstkritischen Blick – schließlich gilt gerade im Assessment Center: Nobody’s perfect.


Mehr zu diesem Thema im Internet:

Das S-Bahn-Trauma im Ruhrgebiet: “Die S1 zerstört mein Leben”

Das gewohnte Bild: An der Universität warten die Pendler auf die verspätete S1. Quelle: Philipp Leser, flickr.com

Das gewohnte Bild: An der Universität warten die Pendler auf die verspätete S1. Quelle: Philipp Leser, flickr.com

Verspätungen, Ausfälle, keine Lautsprecherdurchsagen: Seit Jahren ist die S-Bahn-Linie S1 zwischen Dortmund und Düsseldorf ein Synonym für Unzuverlässigkeit. Davon können nicht nur tausende Studenten, die täglich mit der S1 zur Dortmunder Universität fahren, ein Lied singen. Mitte Juni hat der zuständige Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) das nun detailliert bewiesen und der Deutschen Bahn endlich den Vertrag gekündigt. Am Fahrplan ändern wird das erst einmal nichts – und auch nicht an den Verspätungen. Die Bahn begründet das Desaster mit Baustellen und ständiger Überlastung. Im Internet häufen sich derweil die Erfahrungsberichte empörter Bahnpendler.

Die S-Bahn ist der Pendlerschreck Nummer eins

Die S1 ist eine wichtige Linie. Auf dem Weg zwischen Düsseldorf und Dortmund macht sie an 29 Stationen Halt – unter anderem in Duisburg, Essen und Bochum. Für diese Strecke benötigt sie laut Fahrplan 91 Minuten. Dass diese Zeit von der Bahn fast permanent überboten wird, können die geplagten Studenten der TU Dortmund bezeugen. Die erste Information, die ich als Erstsemester-Student über meine neue Lernstätte erhielt, war: “Die S1 kannst du vergessen. Die ist nie pünktlich.”

Sieben Minuten, die die Welt bedeuten

In den ersten Wochen ärgerte ich mich noch, wenn ich den frühen Abend mal wieder auf dem überfüllten Bahnsteig verbringen musste. Meine Wut wandelte sich schließlich in stumpfsinnigen Fatalismus – denn eine echte Alternative zur S1 gibt es nicht. Die Busfahrt mit mehrmaligem Umsteigen ist noch zeitaufwändiger. Und der Feierabendverkehr auf Dortmunds Straßen ist auch nicht ohne – und welcher Student kann sich den Sprit noch leisten? So werden die sieben Minuten, die fahrplanmäßig zwischen der Haltestelle “Dortmund Universität” und dem Dortmunder Hauptbahnhof liegen, immer wieder zur unüberwindbaren Hürde.

Die Anklage: Was die Studenten der Bahn vorwerfen

Quelle: Hubert Hager, Bahnbilder.de

Quelle: Hubert Hager, Bahnbilder.de

Man mag die Fäuste ballen oder Stoßgebete gen Himmel schicken. Erfahrungsgemäß ändert das nichts an den Missständen – aber vielleicht ändert sich ja etwas, wenn ich die Beschwerden der Studenten hier mal zusammenfasse:

  • Verspätungen: Eine, zwei, meinetwegen auch drei Minuten sind noch vertretbar. Dann aber ist die Toleranz der meisten Pendler aufgebraucht – denn die regionalen Anschlusszüge am Hauptbahnhof warten nicht. Die S1 kommt praktisch nie pünktlich. Von zwei bis 60 Minuten Verspätung habe ich schon alles mitgemacht.
  • Schlechter Informationsservice: Mit den Ansagen nimmt man es bei der Bahn nicht so genau. Auf Informationen über “Verzögerungen im Betriebsablauf” müssen die Studenten auf dem Bahnsteig weitgehend verzichten. Und wenn mal eine genervte Stimme aus den Lautsprächern krächzt, sollen es erst “einige”, dann fünf, dann zehn Minuten sein. Anscheinend weiß das Personal selbst nicht so genau, wann die Bahn kommt – das überlässt man wohl eher dem Zufall. Nur schade für die Kunden: So manch einer wäre noch zum Bus gerannt, wenn er gewusst hätte, dass die Bahn nicht später, sondern gar nicht mehr kommt.
  • Ausfälle und spontane Fahrplanänderungen: Leider sind auch komplette Zugausfälle keine Seltenheit. “Weichenstörungen” oder schlicht “Verzögerungen” müssen im Zweifelsfall dafür herhalten. Wer zeitnah nach Hause kommen will, hat Pech gehabt. Auch witzig: Spontane Fahrplanänderungen wie “Achtung! Diese S-Bahn fährt ohne Halt bis Bochum Hauptbahnhof!” Wer diese Ansage im allgemeinen Gemenge nicht mitbekommen hat, wird es spätestens in Grönemeyers Heimatstadt merken.
  • Überlastung: Was geschieht, wenn ein Zug in der Rush Hour eine halbe Stude zu spät kommt? Richtig – Gedränge bis zur Atemnot und subtropische Temperaturen in den Waggons sind die Folge. Schweißausdünstungen und komprimierte Körperwärme führen zu erstaunlich hoher Luftfeuchtigkeit. Und viele bleiben auf dem Bahnsteig zurück, weil der Zug hoffnungslos überfüllt ist – da hilft auch kein Schieben mehr. Wofür bezahle ich eigentlich mein Semesterticket?
  • Defizite in der Infrastruktur: Gibt es mal einen längeren Regenguss, läuft gleich ein ganzer Tunnel voll Wasser und die S-Bahn-Strecke ist nicht mehr befahrbar. So zumindest lauten die abenteuerlichen Geschichten, die ich aus meinem Bekanntenkreis bereits mehrfach gehört habe.
  • Verschmutzung und übler Gestank: Die Tageszeit spielt eigentlich keine Rolle – Müll, Essensreste, zerrissene Zeitungen und ausgelaufene Bierflaschen sind in der S1 keine Ausnahme. Auch wenn sich die Situation nach meiner Einschätzung insgesamt gebessert hat, ist der Gestank teilweise unerträglich.
Die gravierenden Folgen des S1-Traumas sind noch weitgehend unerforscht. Quelle: blu3105, flickr.com

Die gravierenden Folgen des S1-Traumas sind noch völlig unerforscht. Quelle: blu3105, flickr.com

Individuelle Bewältigungsstrategien: Zur Not das Taxi nehmen

Jeder Pendler geht mit dem Trauma der S1 auf seine eigene Weise um: Manch einer sucht sich im wunderschönen Ruhrgebiet eine neue Unterkunft, um auf die stressbeladene Anreise zu verzichten. Vor wichtigen Prüfungen habe ich in meiner Zeit als Pendler bei einem Freund übernachtet, der direkt am Campus wohnt – das Risiko wäre zu groß gewesen, dass die S1 mir ein Strich durch die Rechnung macht. Ein Kommilitone nahm sich ein Taxi zur Uni, als er am Prüfungstag Opfer eines Bahnausfalls zu werden drohte.

Selbsthilfegruppen im Internet: Hoffnungsloser Protest

Im Internet laufen die Pendler Sturm. Im StudiVZ formiert sich der hoffnungslose Protest gegen das S-Bahn-Desaster: Zu den beliebtesten Gruppen zählen “Die S1 zerstört mein Leben“, “S1 – Die S-Bahn fällt wegen einer Betriebsstörung …” und “Wir warten auf die S1…“. Ein Hobbyfilmer hat der S-Bahn-Linie ein ganzes Filmprojekt gewidmet: Er will die Missstände schonungslos dokumentieren. Der folgende Trailer zum Film hat bereits viel Aufmerksamkeit und Lob erhalten.

Eine Detailanalyse der unzähligen Beschwerden wäre an dieser Stelle zu umfangreich. Stattdessen habe ich eine Liste der interessantesten Erfahrungsberichte erstellt – denn mit jeder Minute Verspätung stirbt ein Stück Lebensfreude in den gepeinigten Pendlerseelen des Ruhrgebiets.

Quelle: klara.kristina, flickr.com

Quelle: klara.kristina, flickr.com

Medienberichte zu diesem Thema im Internet:

  • Der Spiegel – Nahverkehr: “Es geht ans Eingemachte” (23. Juni 2008)
  • Audio: WDR Mediathek regional – VRR wirft Bahn Betrug vor (13. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional – VRR – Was jetzt? (13. Juni 2008)
  • DerWesten – Politik – Kommentar zur Vertragskündigung (12. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional – VRR ohne Bahn? (12. Juni 2008)
  • DerWesten – Westfalen – Die S-Bahn-Hoffnung heißt ET 422 (9. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional – Zoff zwischen Bahn und VRR (22. Januar 2008)

  • Erfahrungsberichte zur S1 im Internet:

  • Zahlenpeter’s Weblog – Verspätung an der S1 (22. Juli 2008)
  • Forumsdiskussion: Meinews.de – Duesseldorf Hbf: verspaetete Bereitstellung von S-Bahnen (25. Januar 2008)
  • Bahnsinn – Essen-Dortmund-Kley mit der S1 (24. Oktober 2007)
  • merkseite.de – 4 x Bahn und 1 x Bus (17. August 2005)
  • ciao.de – Erfahrungsbericht – Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, VRR – Fahrplan, S1 und Schneechaos im VRR (28. Januar 2002)

  • Sonstiges zu diesem Thema im Internet:

  • StudiWiki TU Dortmund – Anmerkung zu den S-Bahn-Verspätungen
  • Streit um HDTV eskaliert: BITKOM spricht von “Körperverletzung”

    Quelle: EICTA.org

    Quelle: EICTA.org

    Das sei “fast schon Körperverletzung”, sagt Achim Berg im Bild-Interview – gemeint ist das analoge Fernsehsignal. Berg ist Vizepräsident des Verbandes BITKOM und hauptberuflich Geschäftsführer von Microsoft Deutschland. Er kann nicht begreifen, warum die Deutschen so zögerlich auf den neuen Standard “High Definition” (HD) reagieren, der den TV-Zuschauern doch exzellente Bildqualität bietet.

    Im Ringen um die Etablierung dieses neuen Sendestandards wird der Ton rauer: Denn auch drei Jahre nach der Markteinführung gibt es kaum TV-Programme, die in HD-Qualität ausgestrahlt werden. Pünktlich zur Internationalen Funkausstellung in Berlin reden sich die Interessenvertreter in Schwung. Und wo sachliche Argumente nicht mehr reichen, da muss eben rhetorisch nachgeholfen werden. Interessant ist allerdings, dass während des Interviews nicht klar wird, in welcher Funktion Achim Berg hier spricht: Denn er redet nicht nur von HDTV, sondern auch von dem Internet-Fernsehen IPTV. Wohl nicht rein zufällig, denn Microsoft liefert unter anderem die Software für das Internet-Fernsehen von T-Home und dürfte an Umsatzsteigerungen in diesem Bereich kräftig mitverdienen.

    Von wegen Revolution: Die Geräte sind “HD ready” – das Programm noch nicht

    Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

    Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

    “20 Prozent der Haushalte haben heute schon Flachbildschirme, die das hochauflösende Fernsehen HDTV darstellen können”, sagt Berg in dem Interview. Selbst wenn diese Zahl stimmt, bleibt es dabei: Bis auf Weiteres müssen deutsche TV-Konsumenten auf High Definition im laufenden Programm verzichten. Aber warum ist Deutschland nicht schon längst das Paradies der hochauflösenden Glotzen, so wie es Branchenvertreter und die verärgerten Kunden fordern? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, und nur teilweise sind verschlafene TV-Anstalten dafür verantwortlich.

    Problem 1: Längst nicht jeder hat bereits digitales Fernsehen

    Wer HD genießen will, braucht dafür ein digitales Signal – das herkömmliche, mittlerweile veraltete Analog-TV ist für den neuen Standard nicht geeignet. Nach aktuellen Zahlen ist aber erst knapp die Hälfte der deutschen Haushalte auf Digital-Fernsehen umgestiegen. Nach wie vor sehen viele Konsumenten also keinen Grund für Innovationen – obwohl der Umstieg denkbar einfach und kostengünstig ist.

    Problem 2: Der Umstieg auf HD-Produktion ist teuer

    Fernsehproduktionen und -ausstrahlungen in HD sind teuer und technisch aufwändig. Kein Wunder also, dass es in Deutschland noch keiner der bundesweit frei empfangbaren Sender gewagt hat, ein Dauerprogramm in HD auf die Beine zu stellen. Komplizierte neue Technik muss installiert, das Personal umgeschult werden – das alles kostet viel Zeit und Geld. Allein das ZDF hat für diesen Wandlungsprozess 100 Millionen Euro an Gebührengeldern eingeplant.

    Quelle: Garry518, STOCKXPERT

    Quelle: Garry518, STOCKXPERT

    Problem 3: Technisches Kuddelmuddel beim Kabelempfang

    Wer Kabel hat und HDTV will, guckt derzeit noch in die Röhre. Zu groß ist noch das technische Durcheinander, denn bislang konnte man sich bei den Kabelnetzbetreibern auf keine verlässliche Norm einigen. “Zu umständlich” sei der HD-Umstieg für den Kabelnutzer, sagt Verbraucherschützer Michael Gundall im Interview mit dem Digitalmagazin. Er bezeichnet das digitale Kabelfernsehen als “große Baustelle”.

    Problem 4: HDTV über Antenne – leider Fehlanzeige

    Zwar wird der digitale Antennenempfang (DVB-T) in Kürze deutschlandweit und flächendeckend möglich sein. Noch gibt es noch kein HD-Signal für die drahtlose Technik, für die man nur eine kostengünstige Zimmerantenne benötigt.

    HDTV: Optische Täuschung oder Non Plus Ultra?

    Es ist also längt nicht so einfach, wie viele Kritiker in diesen Tagen behaupten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich vorgenommen, im Jahr 2010 regulär auf HDTV umzusteigen – das ist vielen Käufern von HD-Geräten einfach zu langsam. Die privaten Sender hatten bislang auch ihre Probleme mit der neuen Technik und stellten das Programm nach einem Pilotprojekt wieder ein. Bislang senden nur der Bezahlsender Premiere, Arte und Anixe HD in der neuen hochauflösenden Qualität.

    Premiere bezeichnet sich gerne als Vorreiter in Sachen HD, erntet dafür aber auch kritische Userkommentare im Internet. In einem Bericht bei heise.de wird deutlich, dass Premiere durch seine HD-Lobbyarbeit vor allem wohl die eigenen Geschäftsnöte lindern will. Zu einer regelrechten Eskalation der Diskussion kam es, als die ARD in einem Ratgeberbericht offenbar dem TV-Konsumenten empfahl, sich beim Neukauf für ein herkömmliches Röhrengerät zu entscheiden. Empört reagierte ein Technikportal auf die selbstgefällige Formulierung, die Öffentlich-Rechtlichen seien “Vorreiter” beim HDTV. Daraufhin wurde der ARD-Artikel offenkundig überarbeitet – die kritisierten Passagen jedenfalls sind nicht mehr aufzufinden. Und um dem Ganzen mehr Sachlichkeit zu verleihen, ergänzte man nachträglich noch ein Experteninterview.

    Fazit: Kommt Zeit, kommt HD – hektische Rhetorik ist sinnlos

    Quelle: Brian Lary, stock.xchng

    Quelle: Brian Lary, stock.xchng

    Eines steht für mich nach stundenlanger Recherche fest: HD ist seiner Zeit voraus – denn die Kunden und Sender sind noch nicht bereit für diese Technik. Und wer durch bloße Rhetorik die Nachfrage nach dem digitalem TV-Genuss herbeischreit, wird gegen die Windmühlen der Fernsehanstalten ohnehin nicht ankommen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger – Medien – Digitales Fernsehen: Neue Geräte müssen her (28. August 2008)
  • Wie ihr euch gegen Nazis wehren sollt: Die Kommunen bekommen Nachhilfe vom Verfassungsschutz

    NPD-Demonstration in Frankfurt, 2007. Quelle: tetedelacourse, flickr.com

    NPD-Demonstration in Frankfurt, 2007. Quelle: tetedelacourse, flickr.com

    Was soll ein Schulleiter tun, wenn Neonazis auf seinem Schulhof CDs mit rechtsradikaler Musik verteilen? Wie soll ein Immobilienmakler verhindern, dass er ein Haus versehentlich an Rechtsextreme verkauft? Und wie soll der Hausherr reagieren, wenn NPD-Vertreter plötzlich seine Podiumsdiskussion stören? Mögliche Antworten auf diese Fragen versucht jetzt eine neue Broschüre zu geben, die die Verfassungsschutz-Behörden der Länder Brandenburg und Sachsen gestern der Öffentlichkeit präsentiert haben (siehe Pressemitteilung).

    Was planen die Nazis? Lagebild aus zweiter Hand

    Dass es akuten Anlass dazu gibt, zeigen unter anderem die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg – da lagen die braunen Parteien jeweils deutlich vor der FDP und den Grünen. Weil die Rechten seit längerem über Landesgrenzen hinweg zu kooperieren scheinen, haben nun die beiden Bundesländer einen gemeinsamen Bericht über rechtsextreme Aktivitäten vorgelegt. In diesem “Lagebild” (siehe Abbildung) wird deutlich, wie vielfältig verzahnt die rechte Szene bereits ist. Neben ausführlichen Beschreibungen der Parteien NPD und DVU sowie der autonomeren Kameradschaften finden sich auch Informationen zu der jüngst in die Schlagzeilen geratenen HDJ. Erschreckend sind auch die Angaben zu ortsansässigen rechtsextremen Plattenfirmen und Merchandising-Händlern:

    Die großen Vertriebsunternehmen verfügen erfahrungsgemäß über mehrere Tausend Kunden im In- und Ausland, ihr jährlicher Umsatz dürfte mehrere 100.000,- Euro betragen.

    Bemerkenswert: Die Quellen, die der Verfassungsschutz in seinem Bericht nennt, sind wenig verlässlich. So beziehen sich die Verfassungsschützer oft nur auf offizielle Verlautbarungen der rechtsextremen Vereinigungen. Auch wurden Informationen, die nach einem Hack der Website eines rechten Online-Händlers in die Öffentlichkeit gerieten, vom Verfassungschutz ausgewertet. Das scheint der Preis für “saubere” Quellen zu sein: Weil der Verfassungsschutz mit V-Männern vorsichtig geworden ist, erhält er kaum noch Informationen aus erster Hand.

    Was kann man tun? “Handlungsleitfaden” für die Kommunen

    Konkrete Anleitungen für den “wehrhaften Umgang mit Extremisten” verspricht ein neuer Leitfaden, den die beiden Behördern erarbeitet haben. In dieser Broschüre wollen sie den Kommunen aufzeigen, dass sie den Nazis nicht wehrlos ausgesetzt sind. Ich wundere mich zwar, warum es solch einen Leitfaden erst jetzt gibt. Aber prinzipiell ist das eine gute Idee – vor allem vor dem aktuellen Hintergrund, dass selbst Medienmenschen manchmal nicht wissen, wie sie mit rechtsextremen Pressemitteilungen umgehen sollen.

    Seit längerem gibt es die zum Beispiel die Tendenz, dass Neonazis Immobilien kaufen und sie zu rechtsextremistische Treffpunkten umfunktionieren. Hier gibt der Leitfaden konkrete Hinweise, wie ein Mietvertrag gestaltet sein muss, um rechtsextreme Aktivitäten zu erschweren. Und auch der ratlose Schulleiter findet Hilfe: Eine Änderung der Hausordnung einer Schule kann verhindern, dass rechtsextreme Schulhof-CDs verteilt werden. Und wenn Nazis den örtlichen Sportverein unterwandern, hilft die frühzeitige Vernetzung mit Beratungsstellen. Auch dem Moderator einer von Nazis gestörten Podiumsdiskussion werden konkrete Handlungsweisen nahe gelegt (siehe Abbildung).

    Die Demonstrations-Problematik: Juristendeutsch statt Gegen-Demo

    Quelle: Fabio Panico, flickr.com

    Quelle: Fabio Panico, flickr.com

    Die Tipps sind zwar gut gemeint, stoßen aber schnell an ihre Grenzen. Die Möglichkeiten, rechtsextremistische Demonstrationen zu verbieten, sind zum Beispiel nicht gerade zahlreich. Hier vermisse ich auch konkrete Vorschläge, wie sich wirkungsvolle Gegendemonstrationen organisieren lassen. Nach meiner Einschätzung wollen Rechtsextreme bei öffentlichen Kundgebungen vor allem ihre Macht demonstrieren – nur wer eine bürgerliche Gegenmacht auf der Straße bildet, kann die Pläne der Verfassungsgegner durchkreuzen. Davon ist aber keine Rede im Kapitel “Demonstrationen”. Stattdessen gibt es eine trockene, ernüchternde Rechtsbelehrung im Juristendeutsch – das ist wenig hilfreich.

    Trotzdem lohnt die Lektüre der sachlichen Dokumente – denn in einer Zeit, in der rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sollte man sich den braunen Fakten einmal stellen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • tagesspiegel.de – Bürgermeister erhalten Leitfaden gegen Neonazis (28. August 2008)
  • Focus Online – Rechtsextreme NPD bekommt Unterstützung aus Sachsen (27. August 2008)
  • Journalistik: Rechtfertigungsversuche eines Kanalarbeiters

    Ich habe es nicht leicht. Wenn mich jemand nach meinem Studiengang fragt, nehme ich all meine Kraft zusammen, hole tief Luft und sage: “Journalistik“. Was dann folgt, läuft immer nach dem selben Schema ab, die Reaktionen sind immer die gleichen: “Was is das denn?!” – “Willste Journalist werden oder wie?!”

    Das Problem ist nicht einmal, dass die Leute sich nichts unter so einem Nischen-Studiengang vorstellen können – sie erahnen zumindest, dass es etwas mit Journalismus zu tun haben muss. Hätte ich “Jura”, “Medizin” oder “BWL” gesagt, wären sie zufrieden gewesen. Sie unterstellen, Journalist könne ja jeder werden – das stimmt. Und dass man dafür keine Ausbildung benötige – da bin ich anderer Meinung.

    Journalisten: Diese widerlichen Faktenverdreher!

    Das Problem liegt ganz woanders: Journalisten haben einen sehr schlechten Ruf. Und dass jemand an die Universität geht, um dort zum widerlichen Reporter ausgebildet zu werden, macht die Leute tatsächlich aggressiv. Journalisten sind ja im Volksmund die, die so lange rumschnüffeln und blöde Fragen stellen, bis sie sich ihre “Wahrheit” zurecht recherchiert haben. Das sind verlogene, schmierige und hinterhältige Empathie-Heuchler, die für eine gute Story auch ihre Oma verkaufen würden.

    Ein Jurymitglied der Studienstiftung reagierte im Bewerbungsgespräch spontan so: “Aha, Sie studieren also … ähm … Journalistik. Jetzt sagen Sie mal: Jedes Mal, wenn ich Journalisten was erzähle, schreiben die was ganz Anderes in die Zeitung, lauter Unsinn. Warum machen die das?!” Mein Gegenüber schien geradezu erbost über meine Studienwahl und unterstellte mir gleich schlechte Manieren. Kein Wunder, dass die FAZ die Bachelor-Studenten der Journalistik als “Kanalarbeiter” bezeichnet hat.

    Fakten: Warum es sich lohnt, in Dortmund anzuheuern

    Journalistik hört sich nach Beliebigkeit an, nach Schwammigkeit, nach Verlegenheitswahl und Pillepalle. Das stimmt nicht. Ich kann nur immer wieder die Vorzüge des Dortmunder Journalistik-Studiums betonen (siehe Studienführer):

    • Praxisnähe: Wir sind keine verstaubten Theoretiker, die nach dem Studium unvorbereitet in die Berufswelt stolpern. Wer nach Dortmund kommt, hat bereits ein Minimum an journalistischer Erfahrung. Unsere Lehrredaktionen sowie zahlreiche praktische Veranstaltungen und Projekte sorgen dafür, dass man den Bezug zur Arbeitsrealität nicht verliert. Darüber hinaus werden über das Institut für Journalistik viele Praktikumsplätze und Jobangebote vermittelt.
    • Integriertes Volontariät: Nach vier Semestern geht es ins einjährige Volontariatspraktikum bei einem unserer zahlreichen Kooperationspartner – Tageszeitungen, Radiosender, Fernsehredaktionen sowie Nachrichtenagenturen halten hochkarätige Volo-Plätze für die Dortmunder Studenten bereit.
    • Vielfältige Lehrveranstaltungen: Ein breit gefächertes Angebot an unterschiedlichen Vorlesungen und Seminaren sorgt dafür, dass sich jeder sein eigenes Fachgebiet suchen kann. Kommunikationswissenschaften, Medienökonomie, Medienrecht und journalistische Vermittlung sind nur einige Beispiele.
    • Guter Ruf: Das IfJ genießt nicht nur im Ruhrgebiet einen guten Ruf. Ein solider Abschluss und praktische Erfahrungen signalisieren dem Arbeitgeber, dass man den Willen und das Zeug zum Journalisten hat. Hier sprach die FAZ hämisch vom “Dortmund-Stempel”.

    Aber: Journalist sein ist kein Wunschkonzert!

    Dass man deswegen aber automatisch eine Festanstellung als Redakteur bekommt, soll jetzt keiner glauben. Man sollte nicht nur zeitlich und geographisch flexibel arbeiten können, um sich auf dem Markt über Wasser zu halten. Eine böse Erinnerung habe ich an das erste Semester, als wir im Fach Medienökonomie die Vorzüge der Künstlersozialkasse für freie Journalisten kennen lernen durften. Auch empfahl der Dozent, sich bei der VG Wort anzumelden: “Wenn Sie als Redakteur viel schreiben, können Sie damit jährlich mehrere hundert Euro rausschlagen.” Festanstellung und Tarifbezahlung sind in den Redaktionen die Ausnahme geworden – da hilft auch der “Dortmund-Stempel” nicht weiter.

    Zynismus und Galgenhumor sind also unbedingte Voraussetzung für ein Journalistik-Studium, wenn man sich trotz des guten Abiturs auf das Wagnis des Medienberufes einlassen will. Aber nur wer wagt, der gewinnt!

    Mehr zu Medien-Studiengängen im Internet:

  • Zeit Online – Irgendwas mit Medien: Studienfächer wie Publizistik sind begehrt (15. Mai 2008)
  • Journalismus.com – Journalismus an der Uni
  • medienstudienfuehrer – Die Suchmaschine der Medienmöglichkeiten
  • studieren.de – Journalismus: Berufsziel Journalist
  • Modernes Texas: Bewaffnete Lehrer sollen Amokläufer erschießen

    In einem Bezirk in Texas dürfen Lehrer ab kommenden Montag mit dem Colt zum Unterricht erscheinen (siehe unter anderem Star Telegram sowie Spiegel Online). Damit sollen nicht etwa unartige Schüler in Schach gehalten werden – vielmehr sollen die Lehrer das Gesetz selbst in die Hand nehmen, falls es zu einem Amoklauf kommen sollte.

    Das Bizarre an der Geschichte: In dem besagten Bezirk gibt es nur eine Schule, an der nicht mehr als 110 Schüler unterrichtet werden. 50 Lehrer und sonstiges Personal, inklusive angrenzendem Kindergarten, dürfen jetzt mit der Waffe am Gürtel herumlaufen. Schließlich ist die nächste Polizeistation weit entfernt.

    Dass die Amerikaner Angst vor Amokläufen haben, ist berechtigt: Die Liste der jüngsten Vorfälle an Schulen und Universitäten ist lang. Doch anstatt speziell ausgebildete Sicherheitsbeamte einzustellen, wie es in anderen Einrichtungen üblich ist, schicken die Texaner ihre Lehrer zum Schießtraining. Auch verfügt die besagte Schule bereits über eine Sicherheitsschleuse und Videoüberwachung.

    Texanische Logik: Mehr Waffen bedeuten mehr Sicherheit

    Man sollte die 110 Schüler stattdessen zur regelmäßigen psychologischen Untersuchung schicken, um Amokläufen vorzubeugen. Denn dass mehr Waffen automatisch auch mehr Sicherheit bedeuten, glaubt man wohl nur noch in Texas. “Er finde es gefährlicher, die Waffen aus der Schule rauszuhalten, als sie mit reinzunehmen”, gibt Spiegel Online den verantwortlichen Schulinspektor wieder.

    Man stelle sich das mal vor: Ein Amokläufer in der Schule, Panik bricht aus. Mittendrin stehen Lehrkräfte, die den Held markieren und den Amokschützen im Kreuzfeuer niederstrecken wollen. Da sind menschliche Kollateralschäden vorprogrammiert, auch wenn die Lehrer zuvor an einem Programm zur Konfliktbewältigung teilnehmen und einen Waffenschein erwerben mussten.

    Verfassungsgericht bestätigt Recht auf Waffenbesitz

    Hoffnung machen die vielen kritischen Stimmen, die nach dem Entschluss zu hören waren: Was, wenn ein Schüler dem Lehrer seine Waffe entwendet? Oder was geschieht, wenn eine Lehrkraft selbst die Kontrolle verliert und zum Amokläufer wird? Die Gefahr dürfte sich durch die vielen Waffen nicht verringern, sondern im Gegenteil erheblich erhöhen.

    Für uns Europäer klingt das alles absurd. Dass die Uhren in Sachen Waffenbesitz in den Vereinigten Staaten etwas anders ticken, zeigt auch eine Entscheidung des obersten Gerichtshofes, wonach jeder US-Bürger das Recht auf Waffenbesitz hat. Und in Texas darf schon im Verdachtsmoment geschossen werden: Wer am schnellsten zieht, bekommt auch vor Gericht den Zuschlag – ginge es dabei nicht um Leben und Tod, könnte man darüber sogar lachen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • stern blogs – American Venture – Texas Gun Control (21. August 2008)
  • Welt Online – USA: Lehrer in Texas dürfen bewaffnet unterrichten (17. August 2008)
  • UniSpiegel – USA / Amokläufe: Bewaffnet zur Vorlesung (14. April 2008)

  • Mehr zur amerikanischen Waffenkultur im Internet:

  • stern.de – Selbstjustiz in Texas: Joe Horn macht kurzen Prozess (1. Juli 2008)
  • Spiegel – USA: “Man kann von Besessenheit reden” (30. Juni 2008)
  • sueddeutsche.de – Debatte um Waffengesetze in den USA (18. April 2008)
  • Welt Online – Kriminalität: Die Stadt, in der Waffenbesitz Pflicht ist (26. März 2007)
  • Spiegel – Texas: Rücklings erschießen (20. März 1995)

  • Film-Tipp zu diesem Thema:

  • Michael Moore: Bowling for Columbine (2002)Trailer