Archiv für die Kategorie ‘Anmerkungen’

Jugendliche Medien in Mainz - und der Blogger mittendrin!

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Im ZDF wird gearbeitet: Die Redaktion der "politikorange" hat sich hier breit gemacht.

Werte Leser, ich grüße euch. Und zwar von den Jugendmedientagen in Mainz, genauer gesagt aus dem Newsroom der Messezeitung politikorange, die in den Räumlichkeiten des ZDF Quartier bezogen hat. Es geht um Fernsehen und bewegte Bilder.

Was geht? Voll Medien, ey!

Mein Schreibstil dürfte euch befremden. Er ist ja jetzt auch fruchtig, frisch, jugendlich. Frische Presse braucht frischen Stil. Hier arbeite ich in der Redaktion eines Periodikums, das eine erstaunliche Tradition hat. Weil mir eine Teilnahme am normalen Programm zu unspektakulär und passiv war, bin ich jetzt Teil eines Team von ambitionierten Ehrenamt-Redakteuren. Darunter Politik- und Publizistik-Studenten. Das ZDF lässt uns alle erdenkllichen Freiräume, sodass sich dieses Medium wirklich unabhängig nennen darf.

Danksagung

Einziges Manko: Die reguläre Unterbringung ist katastrophal. An dieser Stelle möchte ich einem Dortmunder Journalistik-Studentenpärchen danken, das mir auf sehr freundliche Art und Weise Asyl gewährt hat. Ansonsten hätte ich nämlich in einer kalten Turnhalle auf einer millimeterdünnen Isomatte in einem überaus schlecht gefütterten Schlafsack übernachten müssen. Und wieder einmal zeigt sich: Das Dortmunder Journalisten-Netzwerk funktioniert. Freunde in der Not finden sich über den Institutsverteiler. Vielen Dank - ich habe sehr gut auf eurer Couch geschlafen und freue mich schon auf zwei weitere geruhsame Nächte.

P.S.: Meine überaus freundliche Sitznachbarin sowie Redaktionskollegin Susanne möchte an dieser Stelle gegrüßt werden. Gerne komme ich dieser Bitte nach. Liebe Susi, ich grüße dich und danke dir für abwechslungsreiche Kurzkonversationen während der gefürchteten Mittagsdurchhänger!

Assessment Center: Simuliertes Haifischbecken oder Stress-Spielerei?

Assessment Center sind längst nicht mehr das Nonplusultra in der Personalauswahl - zumindest wenn man den Artikeln in der Süddeutschen Zeitung und bei Welt Online glaubt. Wer gutes Führungspersonal sucht, sollte demnach auf den berüchtigten “AC” entweder ganz verzichten oder ihn professionell betreuen lassen.

Seit Jahren liegt das AC-Verfahren voll im Trend - niemand kommt mehr um diese “Übung” herum. Bücher sind darüber geschrieben worden und in ganzen Workshop-Reihen werden künftige Teilnehmer darin geschult, sich selbst in drei Minuten zu präsentieren oder den Postkorb zu sortieren. Im AC werde der harte Wettbewerb des Arbeitsmarktes simuliert, so die Hoffnung vieler anspruchsvoller Arbeitgeber.

Kein Richtig oder Falsch: Eine höchst subjektive Gruppenveranstaltung

In der Praxis sieht das oft anders aus. Nach einem Wochenend-Seminar zu diesem Thema stand für mich als Quintessenz eigentlich nur fest: Was im AC ermittelt wird, ist höchst subjektiv. Meine Selbstpräsentation fanden einige Teilnehmer solide, andere waren begeistert. Wieder andere sagten, ich sei nicht impulsiv genug gewesen, während andere meine Sachlichkeit schätzten.

Letztlich laufen alle Versuche, sich durch Training im AC zu “verbessern” auf den Versuch hinaus, eine andere Person zu spielen - vermeintliche Schwächen soll man kaschieren und angebliche Stärken hervorheben. Wer aber nicht gerade Schauspieler ist, sollte das lassen und sich auf den Grundsatz “just be yourself” besinnen.

Aus eigener Erfahrung: Grundsätzliche Tipps

Wer sich auf den Assessment Center vorbereiten will, sollte sich zunächst einmal über die Firma und deren Erwartungshaltung informieren. Es gibt nur einige wenige Übungen, mit denen man vorab vertraut sein sollte. Wichtiger ist meiner Meinung nach, dass man möglichst gelassen und konzentriert an die Sache herangeht. Denn große Schauspielerei, Schaumschlägerei oder übereifriger Aktionismus könnten auch das Gegenteil bewirken, falls unter den Beobachtern nicht nur die üblichen Laien, sondern echte AC-Profis sein sollten.

Aufgabenbeispiel Selbstpräsentation: Alles oder nichts in fünf Minuten


“Stellen Sie sich bitte in maximal fünf Minuten den anderen Teilnehmern vor. Denken Sie daran, dass sie einem Fremden wichtige Dinge aus Ihrem Leben mitteilen sollen. Vergessen Sie auch nicht, Einblicke in Ihre Persönlichkeit zu geben. Können Sie auch ein Vorbild aus Ihrem Leben nennen?”

Allein die Lektüre dieser Aufgabenstellung nimmt etwa eine Viertelminute in Anspruch. Entsprechend schwierig ist es, die Selbstpräsentation zur Zufriedenheit der Teilnehmerrunde und der Personalchefs über die Bühne zu bekommen – die Selbstinszenierung sollte gut geplant sein. Wer sich verquatscht oder chaotisch berufliche Stationen aufzählt, hat bereits nach wenigen Sätzen verloren. Trotzdem soll alles souverän, unverkrampft und authentisch beim Zuhörer ankommen.

Was ist also zu beachten?

  • Erstens: Sich kurz ins Gedächtnis zurückrufen, um welche Stelle man sich bewirbt und welche exakten Anforderungen an den Bewerber gestellt werden. Zu diesen Anforderungen können z.B. Organisationsfähigkeit und Sozialkompetenz gehören, wenn es um eine Stelle als Filialleiter geht.
  • Zweitens: Die eigenen Kompetenzen glaubwürdig nennen, erklären und vor allem belegen können.
  1. Dazu zählt in erster Linie die Fachkompetenz, soll heißen: Welche Qualifikationen besitze ich welche berufsqualifizierenden Abschlüsse habe ich, welche Berufserfahrungen und Zusatzausbildungen oder -kenntnisse kann ich vorweisen?
  2. In der Kategorie zwei geht es um die Methodenkompetenz: Welche methodischen Fähigkeiten qualifizieren mich besonders für diesen Beruf? Hier können Dinge genannt werden wie analytisches Denken, Projekt- und Zeitmanagement. Hier ist es extrem wichtig, dass man vermitteln kann, wo man diese Fähigkeiten erworben hat und wo sie sich als hilfreich erwiesen haben.
  3. Im dritten Bereich – der sozial-kommunikativen Kompetenz – geht es um die berüchtigten Soft Skills: Teamfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Kollegialität. Diese Fähigkeiten unter Beweis zu stellen ist Sinn und Zweck vieler AC-Aufgaben, da sich diese “Qualifikationen” nur in der Praxis zeigen. Darüber in epischer Breite zu referieren macht hier also weniger Sinn – man sollte diese Dinge aber kurz erwähnen. So zeigt man, dass man sich über deren Wichtigkeit im Klaren ist.
  4. Im Bereich “Aktivitätspotenzial” geht es um Dinge wie Eigeninitiative, Kreativität, Selbstvertrauen und Belastbarkeit – wie kommt mir meine Persönlichkeitsstruktur bei der Arbeit zugute? Menschen, die zwar sehr zuverlässig und motiviert, dafür aber leider nicht besonders kreativ sind, sollten nicht in einer Werbeagentur anheuern. Persönliche Stärken sollte herausgekehrt und begründet werden. Schwächen sollten je nach Anforderung genannt werden, um sie für den eigenen Vorteil zu benutzen. Beispiel: “Ich hatte lange Zeit Schwierigkeiten, mit dem ständigem Arbeitsdruck umzugehen. Mittlerweile habe ich diese Schwäche überwunden – regelmäßige Workshops und Weiterbildungen bzgl. Zeitmanagement und flexibler Arbeitsaufteilung haben mir geholfen, am Ende des Tages das erledigt zu haben, worauf es wirklich ankommt.”
  • Drittens: In der eigentlichen Qualifikation sollte man auf einen positiven und ehrlichen Tenor achten. Dazu zählen Augenkontakt, eine ausgewogene Gestik und vor allem sicheres, ruhiges Sprechen. Für die Präsentationsstrategie sollte gelten: Wichtiges zuerst nennen – Qualifikation und Beruf sollten am Anfang stehen. Auch sollten Persönlichkeitsschwächen nie zu sehr betont und nur am Rande genannt werden. Es gibt es keinen Königsweg, um diese Aufgabe zu meistern – typisch Assessment Center eben.

Tipp: Um sich an die Situation zu gewöhnen, lässt sich die Selbstpräsentation am besten in der Gruppe üben. Mit der Stoppuhr wird darauf geachtet, dass der Redner seine fünf Minuten nicht überschreitet. In der anschließenden Auswertung können Redner und Teilnehmer den Auftritt aus ihren verschiedenen Perspektiven bewerten und diskutieren. Das macht Spaß und schult den selbstkritischen Blick – schließlich gilt gerade im Assessment Center: Nobody’s perfect.


Mehr zu diesem Thema im Internet:

Das S-Bahn-Trauma im Ruhrgebiet: “Die S1 zerstört mein Leben”

Das gewohnte Bild: An der Universität warten die Pendler auf die verspätete S1. Quelle: Philipp Leser, flickr.com

Das gewohnte Bild: An der Universität warten die Pendler auf die verspätete S1. Quelle: Philipp Leser, flickr.com

Verspätungen, Ausfälle, keine Lautsprecherdurchsagen: Seit Jahren ist die S-Bahn-Linie S1 zwischen Dortmund und Düsseldorf ein Synonym für Unzuverlässigkeit. Davon können nicht nur tausende Studenten, die täglich mit der S1 zur Dortmunder Universität fahren, ein Lied singen. Mitte Juni hat der zuständige Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) das nun detailliert bewiesen und der Deutschen Bahn endlich den Vertrag gekündigt. Am Fahrplan ändern wird das erst einmal nichts - und auch nicht an den Verspätungen. Die Bahn begründet das Desaster mit Baustellen und ständiger Überlastung. Im Internet häufen sich derweil die Erfahrungsberichte empörter Bahnpendler.

Die S-Bahn ist der Pendlerschreck Nummer eins

Die S1 ist eine wichtige Linie. Auf dem Weg zwischen Düsseldorf und Dortmund macht sie an 29 Stationen Halt - unter anderem in Duisburg, Essen und Bochum. Für diese Strecke benötigt sie laut Fahrplan 91 Minuten. Dass diese Zeit von der Bahn fast permanent überboten wird, können die geplagten Studenten der TU Dortmund bezeugen. Die erste Information, die ich als Erstsemester-Student über meine neue Lernstätte erhielt, war: “Die S1 kannst du vergessen. Die ist nie pünktlich.”

Sieben Minuten, die die Welt bedeuten

In den ersten Wochen ärgerte ich mich noch, wenn ich den frühen Abend mal wieder auf dem überfüllten Bahnsteig verbringen musste. Meine Wut wandelte sich schließlich in stumpfsinnigen Fatalismus - denn eine echte Alternative zur S1 gibt es nicht. Die Busfahrt mit mehrmaligem Umsteigen ist noch zeitaufwändiger. Und der Feierabendverkehr auf Dortmunds Straßen ist auch nicht ohne - und welcher Student kann sich den Sprit noch leisten? So werden die sieben Minuten, die fahrplanmäßig zwischen der Haltestelle “Dortmund Universität” und dem Dortmunder Hauptbahnhof liegen, immer wieder zur unüberwindbaren Hürde.

Die Anklage: Was die Studenten der Bahn vorwerfen

Quelle: Hubert Hager, Bahnbilder.de

Quelle: Hubert Hager, Bahnbilder.de

Man mag die Fäuste ballen oder Stoßgebete gen Himmel schicken. Erfahrungsgemäß ändert das nichts an den Missständen - aber vielleicht ändert sich ja etwas, wenn ich die Beschwerden der Studenten hier mal zusammenfasse:

  • Verspätungen: Eine, zwei, meinetwegen auch drei Minuten sind noch vertretbar. Dann aber ist die Toleranz der meisten Pendler aufgebraucht - denn die regionalen Anschlusszüge am Hauptbahnhof warten nicht. Die S1 kommt praktisch nie pünktlich. Von zwei bis 60 Minuten Verspätung habe ich schon alles mitgemacht.
  • Schlechter Informationsservice: Mit den Ansagen nimmt man es bei der Bahn nicht so genau. Auf Informationen über “Verzögerungen im Betriebsablauf” müssen die Studenten auf dem Bahnsteig weitgehend verzichten. Und wenn mal eine genervte Stimme aus den Lautsprächern krächzt, sollen es erst “einige”, dann fünf, dann zehn Minuten sein. Anscheinend weiß das Personal selbst nicht so genau, wann die Bahn kommt - das überlässt man wohl eher dem Zufall. Nur schade für die Kunden: So manch einer wäre noch zum Bus gerannt, wenn er gewusst hätte, dass die Bahn nicht später, sondern gar nicht mehr kommt.
  • Ausfälle und spontane Fahrplanänderungen: Leider sind auch komplette Zugausfälle keine Seltenheit. “Weichenstörungen” oder schlicht “Verzögerungen” müssen im Zweifelsfall dafür herhalten. Wer zeitnah nach Hause kommen will, hat Pech gehabt. Auch witzig: Spontane Fahrplanänderungen wie “Achtung! Diese S-Bahn fährt ohne Halt bis Bochum Hauptbahnhof!” Wer diese Ansage im allgemeinen Gemenge nicht mitbekommen hat, wird es spätestens in Grönemeyers Heimatstadt merken.
  • Überlastung: Was geschieht, wenn ein Zug in der Rush Hour eine halbe Stude zu spät kommt? Richtig - Gedränge bis zur Atemnot und subtropische Temperaturen in den Waggons sind die Folge. Schweißausdünstungen und komprimierte Körperwärme führen zu erstaunlich hoher Luftfeuchtigkeit. Und viele bleiben auf dem Bahnsteig zurück, weil der Zug hoffnungslos überfüllt ist - da hilft auch kein Schieben mehr. Wofür bezahle ich eigentlich mein Semesterticket?
  • Defizite in der Infrastruktur: Gibt es mal einen längeren Regenguss, läuft gleich ein ganzer Tunnel voll Wasser und die S-Bahn-Strecke ist nicht mehr befahrbar. So zumindest lauten die abenteuerlichen Geschichten, die ich aus meinem Bekanntenkreis bereits mehrfach gehört habe.
  • Verschmutzung und übler Gestank: Die Tageszeit spielt eigentlich keine Rolle - Müll, Essensreste, zerrissene Zeitungen und ausgelaufene Bierflaschen sind in der S1 keine Ausnahme. Auch wenn sich die Situation nach meiner Einschätzung insgesamt gebessert hat, ist der Gestank teilweise unerträglich.
Die gravierenden Folgen des S1-Traumas sind noch weitgehend unerforscht. Quelle: blu3105, flickr.com

Die gravierenden Folgen des S1-Traumas sind noch völlig unerforscht. Quelle: blu3105, flickr.com

Individuelle Bewältigungsstrategien: Zur Not das Taxi nehmen

Jeder Pendler geht mit dem Trauma der S1 auf seine eigene Weise um: Manch einer sucht sich im wunderschönen Ruhrgebiet eine neue Unterkunft, um auf die stressbeladene Anreise zu verzichten. Vor wichtigen Prüfungen habe ich in meiner Zeit als Pendler bei einem Freund übernachtet, der direkt am Campus wohnt - das Risiko wäre zu groß gewesen, dass die S1 mir ein Strich durch die Rechnung macht. Ein Kommilitone nahm sich ein Taxi zur Uni, als er am Prüfungstag Opfer eines Bahnausfalls zu werden drohte.

Selbsthilfegruppen im Internet: Hoffnungsloser Protest

Im Internet laufen die Pendler Sturm. Im StudiVZ formiert sich der hoffnungslose Protest gegen das S-Bahn-Desaster: Zu den beliebtesten Gruppen zählen “Die S1 zerstört mein Leben“, “S1 - Die S-Bahn fällt wegen einer Betriebsstörung …” und “Wir warten auf die S1…“. Ein Hobbyfilmer hat der S-Bahn-Linie ein ganzes Filmprojekt gewidmet: Er will die Missstände schonungslos dokumentieren. Der folgende Trailer zum Film hat bereits viel Aufmerksamkeit und Lob erhalten.

Eine Detailanalyse der unzähligen Beschwerden wäre an dieser Stelle zu umfangreich. Stattdessen habe ich eine Liste der interessantesten Erfahrungsberichte erstellt - denn mit jeder Minute Verspätung stirbt ein Stück Lebensfreude in den gepeinigten Pendlerseelen des Ruhrgebiets.

Quelle: klara.kristina, flickr.com

Quelle: klara.kristina, flickr.com

Medienberichte zu diesem Thema im Internet:

  • Der Spiegel - Nahverkehr: “Es geht ans Eingemachte” (23. Juni 2008)
  • Audio: WDR Mediathek regional - VRR wirft Bahn Betrug vor (13. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional - VRR - Was jetzt? (13. Juni 2008)
  • DerWesten - Politik - Kommentar zur Vertragskündigung (12. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional - VRR ohne Bahn? (12. Juni 2008)
  • DerWesten - Westfalen - Die S-Bahn-Hoffnung heißt ET 422 (9. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional - Zoff zwischen Bahn und VRR (22. Januar 2008)

  • Erfahrungsberichte zur S1 im Internet:

  • Zahlenpeter’s Weblog - Verspätung an der S1 (22. Juli 2008)
  • Forumsdiskussion: Meinews.de - Duesseldorf Hbf: verspaetete Bereitstellung von S-Bahnen (25. Januar 2008)
  • Bahnsinn - Essen-Dortmund-Kley mit der S1 (24. Oktober 2007)
  • merkseite.de - 4 x Bahn und 1 x Bus (17. August 2005)
  • ciao.de - Erfahrungsbericht - Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, VRR - Fahrplan, S1 und Schneechaos im VRR (28. Januar 2002)

  • Sonstiges zu diesem Thema im Internet:

  • StudiWiki TU Dortmund - Anmerkung zu den S-Bahn-Verspätungen
  • Streit um HDTV eskaliert: BITKOM spricht von “Körperverletzung”

    Quelle: EICTA.org

    Quelle: EICTA.org

    Das sei “fast schon Körperverletzung”, sagt Achim Berg im Bild-Interview - gemeint ist das analoge Fernsehsignal. Berg ist Vizepräsident des Verbandes BITKOM und hauptberuflich Geschäftsführer von Microsoft Deutschland. Er kann nicht begreifen, warum die Deutschen so zögerlich auf den neuen Standard “High Definition” (HD) reagieren, der den TV-Zuschauern doch exzellente Bildqualität bietet.

    Im Ringen um die Etablierung dieses neuen Sendestandards wird der Ton rauer: Denn auch drei Jahre nach der Markteinführung gibt es kaum TV-Programme, die in HD-Qualität ausgestrahlt werden. Pünktlich zur Internationalen Funkausstellung in Berlin reden sich die Interessenvertreter in Schwung. Und wo sachliche Argumente nicht mehr reichen, da muss eben rhetorisch nachgeholfen werden. Interessant ist allerdings, dass während des Interviews nicht klar wird, in welcher Funktion Achim Berg hier spricht: Denn er redet nicht nur von HDTV, sondern auch von dem Internet-Fernsehen IPTV. Wohl nicht rein zufällig, denn Microsoft liefert unter anderem die Software für das Internet-Fernsehen von T-Home und dürfte an Umsatzsteigerungen in diesem Bereich kräftig mitverdienen.

    Von wegen Revolution: Die Geräte sind “HD ready” - das Programm noch nicht

    Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

    Neues Gerät, schlechtes Bild: Nach dem Kauf kommt daheim die große Ernüchterung. Quelle: andresr, STOCKXPERT

    “20 Prozent der Haushalte haben heute schon Flachbildschirme, die das hochauflösende Fernsehen HDTV darstellen können”, sagt Berg in dem Interview. Selbst wenn diese Zahl stimmt, bleibt es dabei: Bis auf Weiteres müssen deutsche TV-Konsumenten auf High Definition im laufenden Programm verzichten. Aber warum ist Deutschland nicht schon längst das Paradies der hochauflösenden Glotzen, so wie es Branchenvertreter und die verärgerten Kunden fordern? Dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, und nur teilweise sind verschlafene TV-Anstalten dafür verantwortlich.

    Problem 1: Längst nicht jeder hat bereits digitales Fernsehen

    Wer HD genießen will, braucht dafür ein digitales Signal - das herkömmliche, mittlerweile veraltete Analog-TV ist für den neuen Standard nicht geeignet. Nach aktuellen Zahlen ist aber erst knapp die Hälfte der deutschen Haushalte auf Digital-Fernsehen umgestiegen. Nach wie vor sehen viele Konsumenten also keinen Grund für Innovationen - obwohl der Umstieg denkbar einfach und kostengünstig ist.

    Problem 2: Der Umstieg auf HD-Produktion ist teuer

    Fernsehproduktionen und -ausstrahlungen in HD sind teuer und technisch aufwändig. Kein Wunder also, dass es in Deutschland noch keiner der bundesweit frei empfangbaren Sender gewagt hat, ein Dauerprogramm in HD auf die Beine zu stellen. Komplizierte neue Technik muss installiert, das Personal umgeschult werden - das alles kostet viel Zeit und Geld. Allein das ZDF hat für diesen Wandlungsprozess 100 Millionen Euro an Gebührengeldern eingeplant.

    Quelle: Garry518, STOCKXPERT

    Quelle: Garry518, STOCKXPERT

    Problem 3: Technisches Kuddelmuddel beim Kabelempfang

    Wer Kabel hat und HDTV will, guckt derzeit noch in die Röhre. Zu groß ist noch das technische Durcheinander, denn bislang konnte man sich bei den Kabelnetzbetreibern auf keine verlässliche Norm einigen. “Zu umständlich” sei der HD-Umstieg für den Kabelnutzer, sagt Verbraucherschützer Michael Gundall im Interview mit dem Digitalmagazin. Er bezeichnet das digitale Kabelfernsehen als “große Baustelle”.

    Problem 4: HDTV über Antenne - leider Fehlanzeige

    Zwar wird der digitale Antennenempfang (DVB-T) in Kürze deutschlandweit und flächendeckend möglich sein. Noch gibt es noch kein HD-Signal für die drahtlose Technik, für die man nur eine kostengünstige Zimmerantenne benötigt.

    HDTV: Optische Täuschung oder Non Plus Ultra?

    Es ist also längt nicht so einfach, wie viele Kritiker in diesen Tagen behaupten. Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich vorgenommen, im Jahr 2010 regulär auf HDTV umzusteigen - das ist vielen Käufern von HD-Geräten einfach zu langsam. Die privaten Sender hatten bislang auch ihre Probleme mit der neuen Technik und stellten das Programm nach einem Pilotprojekt wieder ein. Bislang senden nur der Bezahlsender Premiere, Arte und Anixe HD in der neuen hochauflösenden Qualität.

    Premiere bezeichnet sich gerne als Vorreiter in Sachen HD, erntet dafür aber auch kritische Userkommentare im Internet. In einem Bericht bei heise.de wird deutlich, dass Premiere durch seine HD-Lobbyarbeit vor allem wohl die eigenen Geschäftsnöte lindern will. Zu einer regelrechten Eskalation der Diskussion kam es, als die ARD in einem Ratgeberbericht offenbar dem TV-Konsumenten empfahl, sich beim Neukauf für ein herkömmliches Röhrengerät zu entscheiden. Empört reagierte ein Technikportal auf die selbstgefällige Formulierung, die Öffentlich-Rechtlichen seien “Vorreiter” beim HDTV. Daraufhin wurde der ARD-Artikel offenkundig überarbeitet - die kritisierten Passagen jedenfalls sind nicht mehr aufzufinden. Und um dem Ganzen mehr Sachlichkeit zu verleihen, ergänzte man nachträglich noch ein Experteninterview.

    Fazit: Kommt Zeit, kommt HD - hektische Rhetorik ist sinnlos

    Quelle: Brian Lary, stock.xchng

    Quelle: Brian Lary, stock.xchng

    Eines steht für mich nach stundenlanger Recherche fest: HD ist seiner Zeit voraus - denn die Kunden und Sender sind noch nicht bereit für diese Technik. Und wer durch bloße Rhetorik die Nachfrage nach dem digitalem TV-Genuss herbeischreit, wird gegen die Windmühlen der Fernsehanstalten ohnehin nicht ankommen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • Kölner Stadt-Anzeiger - Medien - Digitales Fernsehen: Neue Geräte müssen her (28. August 2008)
  • Wie ihr euch gegen Nazis wehren sollt: Die Kommunen bekommen Nachhilfe vom Verfassungsschutz

    NPD-Demonstration in Frankfurt, 2007. Quelle: tetedelacourse, flickr.com

    NPD-Demonstration in Frankfurt, 2007. Quelle: tetedelacourse, flickr.com

    Was soll ein Schulleiter tun, wenn Neonazis auf seinem Schulhof CDs mit rechtsradikaler Musik verteilen? Wie soll ein Immobilienmakler verhindern, dass er ein Haus versehentlich an Rechtsextreme verkauft? Und wie soll der Hausherr reagieren, wenn NPD-Vertreter plötzlich seine Podiumsdiskussion stören? Mögliche Antworten auf diese Fragen versucht jetzt eine neue Broschüre zu geben, die die Verfassungsschutz-Behörden der Länder Brandenburg und Sachsen gestern der Öffentlichkeit präsentiert haben (siehe Pressemitteilung).

    Was planen die Nazis? Lagebild aus zweiter Hand

    Dass es akuten Anlass dazu gibt, zeigen unter anderem die Ergebnisse der Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg - da lagen die braunen Parteien jeweils deutlich vor der FDP und den Grünen. Weil die Rechten seit längerem über Landesgrenzen hinweg zu kooperieren scheinen, haben nun die beiden Bundesländer einen gemeinsamen Bericht über rechtsextreme Aktivitäten vorgelegt. In diesem “Lagebild” (siehe Abbildung) wird deutlich, wie vielfältig verzahnt die rechte Szene bereits ist. Neben ausführlichen Beschreibungen der Parteien NPD und DVU sowie der autonomeren Kameradschaften finden sich auch Informationen zu der jüngst in die Schlagzeilen geratenen HDJ. Erschreckend sind auch die Angaben zu ortsansässigen rechtsextremen Plattenfirmen und Merchandising-Händlern:

    Die großen Vertriebsunternehmen verfügen erfahrungsgemäß über mehrere Tausend Kunden im In- und Ausland, ihr jährlicher Umsatz dürfte mehrere 100.000,- Euro betragen.

    Bemerkenswert: Die Quellen, die der Verfassungsschutz in seinem Bericht nennt, sind wenig verlässlich. So beziehen sich die Verfassungsschützer oft nur auf offizielle Verlautbarungen der rechtsextremen Vereinigungen. Auch wurden Informationen, die nach einem Hack der Website eines rechten Online-Händlers in die Öffentlichkeit gerieten, vom Verfassungschutz ausgewertet. Das scheint der Preis für “saubere” Quellen zu sein: Weil der Verfassungsschutz mit V-Männern vorsichtig geworden ist, erhält er kaum noch Informationen aus erster Hand.

    Was kann man tun? “Handlungsleitfaden” für die Kommunen

    Konkrete Anleitungen für den “wehrhaften Umgang mit Extremisten” verspricht ein neuer Leitfaden, den die beiden Behördern erarbeitet haben. In dieser Broschüre wollen sie den Kommunen aufzeigen, dass sie den Nazis nicht wehrlos ausgesetzt sind. Ich wundere mich zwar, warum es solch einen Leitfaden erst jetzt gibt. Aber prinzipiell ist das eine gute Idee - vor allem vor dem aktuellen Hintergrund, dass selbst Medienmenschen manchmal nicht wissen, wie sie mit rechtsextremen Pressemitteilungen umgehen sollen.

    Seit längerem gibt es die zum Beispiel die Tendenz, dass Neonazis Immobilien kaufen und sie zu rechtsextremistische Treffpunkten umfunktionieren. Hier gibt der Leitfaden konkrete Hinweise, wie ein Mietvertrag gestaltet sein muss, um rechtsextreme Aktivitäten zu erschweren. Und auch der ratlose Schulleiter findet Hilfe: Eine Änderung der Hausordnung einer Schule kann verhindern, dass rechtsextreme Schulhof-CDs verteilt werden. Und wenn Nazis den örtlichen Sportverein unterwandern, hilft die frühzeitige Vernetzung mit Beratungsstellen. Auch dem Moderator einer von Nazis gestörten Podiumsdiskussion werden konkrete Handlungsweisen nahe gelegt (siehe Abbildung).

    Die Demonstrations-Problematik: Juristendeutsch statt Gegen-Demo

    Quelle: Fabio Panico, flickr.com

    Quelle: Fabio Panico, flickr.com

    Die Tipps sind zwar gut gemeint, stoßen aber schnell an ihre Grenzen. Die Möglichkeiten, rechtsextremistische Demonstrationen zu verbieten, sind zum Beispiel nicht gerade zahlreich. Hier vermisse ich auch konkrete Vorschläge, wie sich wirkungsvolle Gegendemonstrationen organisieren lassen. Nach meiner Einschätzung wollen Rechtsextreme bei öffentlichen Kundgebungen vor allem ihre Macht demonstrieren - nur wer eine bürgerliche Gegenmacht auf der Straße bildet, kann die Pläne der Verfassungsgegner durchkreuzen. Davon ist aber keine Rede im Kapitel “Demonstrationen”. Stattdessen gibt es eine trockene, ernüchternde Rechtsbelehrung im Juristendeutsch - das ist wenig hilfreich.

    Trotzdem lohnt die Lektüre der sachlichen Dokumente - denn in einer Zeit, in der rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, sollte man sich den braunen Fakten einmal stellen.

    Mehr zu diesem Thema im Internet:

  • tagesspiegel.de - Bürgermeister erhalten Leitfaden gegen Neonazis (28. August 2008)
  • Focus Online - Rechtsextreme NPD bekommt Unterstützung aus Sachsen (27. August 2008)