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Das S-Bahn-Trauma im Ruhrgebiet: “Die S1 zerstört mein Leben”

Das gewohnte Bild: An der Universität warten die Pendler auf die verspätete S1. Quelle: Philipp Leser, flickr.com

Das gewohnte Bild: An der Universität warten die Pendler auf die verspätete S1. Quelle: Philipp Leser, flickr.com

Verspätungen, Ausfälle, keine Lautsprecherdurchsagen: Seit Jahren ist die S-Bahn-Linie S1 zwischen Dortmund und Düsseldorf ein Synonym für Unzuverlässigkeit. Davon können nicht nur tausende Studenten, die täglich mit der S1 zur Dortmunder Universität fahren, ein Lied singen. Mitte Juni hat der zuständige Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) das nun detailliert bewiesen und der Deutschen Bahn endlich den Vertrag gekündigt. Am Fahrplan ändern wird das erst einmal nichts – und auch nicht an den Verspätungen. Die Bahn begründet das Desaster mit Baustellen und ständiger Überlastung. Im Internet häufen sich derweil die Erfahrungsberichte empörter Bahnpendler.

Die S-Bahn ist der Pendlerschreck Nummer eins

Die S1 ist eine wichtige Linie. Auf dem Weg zwischen Düsseldorf und Dortmund macht sie an 29 Stationen Halt – unter anderem in Duisburg, Essen und Bochum. Für diese Strecke benötigt sie laut Fahrplan 91 Minuten. Dass diese Zeit von der Bahn fast permanent überboten wird, können die geplagten Studenten der TU Dortmund bezeugen. Die erste Information, die ich als Erstsemester-Student über meine neue Lernstätte erhielt, war: “Die S1 kannst du vergessen. Die ist nie pünktlich.”

Sieben Minuten, die die Welt bedeuten

In den ersten Wochen ärgerte ich mich noch, wenn ich den frühen Abend mal wieder auf dem überfüllten Bahnsteig verbringen musste. Meine Wut wandelte sich schließlich in stumpfsinnigen Fatalismus – denn eine echte Alternative zur S1 gibt es nicht. Die Busfahrt mit mehrmaligem Umsteigen ist noch zeitaufwändiger. Und der Feierabendverkehr auf Dortmunds Straßen ist auch nicht ohne – und welcher Student kann sich den Sprit noch leisten? So werden die sieben Minuten, die fahrplanmäßig zwischen der Haltestelle “Dortmund Universität” und dem Dortmunder Hauptbahnhof liegen, immer wieder zur unüberwindbaren Hürde.

Die Anklage: Was die Studenten der Bahn vorwerfen

Quelle: Hubert Hager, Bahnbilder.de

Quelle: Hubert Hager, Bahnbilder.de

Man mag die Fäuste ballen oder Stoßgebete gen Himmel schicken. Erfahrungsgemäß ändert das nichts an den Missständen – aber vielleicht ändert sich ja etwas, wenn ich die Beschwerden der Studenten hier mal zusammenfasse:

  • Verspätungen: Eine, zwei, meinetwegen auch drei Minuten sind noch vertretbar. Dann aber ist die Toleranz der meisten Pendler aufgebraucht – denn die regionalen Anschlusszüge am Hauptbahnhof warten nicht. Die S1 kommt praktisch nie pünktlich. Von zwei bis 60 Minuten Verspätung habe ich schon alles mitgemacht.
  • Schlechter Informationsservice: Mit den Ansagen nimmt man es bei der Bahn nicht so genau. Auf Informationen über “Verzögerungen im Betriebsablauf” müssen die Studenten auf dem Bahnsteig weitgehend verzichten. Und wenn mal eine genervte Stimme aus den Lautsprächern krächzt, sollen es erst “einige”, dann fünf, dann zehn Minuten sein. Anscheinend weiß das Personal selbst nicht so genau, wann die Bahn kommt – das überlässt man wohl eher dem Zufall. Nur schade für die Kunden: So manch einer wäre noch zum Bus gerannt, wenn er gewusst hätte, dass die Bahn nicht später, sondern gar nicht mehr kommt.
  • Ausfälle und spontane Fahrplanänderungen: Leider sind auch komplette Zugausfälle keine Seltenheit. “Weichenstörungen” oder schlicht “Verzögerungen” müssen im Zweifelsfall dafür herhalten. Wer zeitnah nach Hause kommen will, hat Pech gehabt. Auch witzig: Spontane Fahrplanänderungen wie “Achtung! Diese S-Bahn fährt ohne Halt bis Bochum Hauptbahnhof!” Wer diese Ansage im allgemeinen Gemenge nicht mitbekommen hat, wird es spätestens in Grönemeyers Heimatstadt merken.
  • Überlastung: Was geschieht, wenn ein Zug in der Rush Hour eine halbe Stude zu spät kommt? Richtig – Gedränge bis zur Atemnot und subtropische Temperaturen in den Waggons sind die Folge. Schweißausdünstungen und komprimierte Körperwärme führen zu erstaunlich hoher Luftfeuchtigkeit. Und viele bleiben auf dem Bahnsteig zurück, weil der Zug hoffnungslos überfüllt ist – da hilft auch kein Schieben mehr. Wofür bezahle ich eigentlich mein Semesterticket?
  • Defizite in der Infrastruktur: Gibt es mal einen längeren Regenguss, läuft gleich ein ganzer Tunnel voll Wasser und die S-Bahn-Strecke ist nicht mehr befahrbar. So zumindest lauten die abenteuerlichen Geschichten, die ich aus meinem Bekanntenkreis bereits mehrfach gehört habe.
  • Verschmutzung und übler Gestank: Die Tageszeit spielt eigentlich keine Rolle – Müll, Essensreste, zerrissene Zeitungen und ausgelaufene Bierflaschen sind in der S1 keine Ausnahme. Auch wenn sich die Situation nach meiner Einschätzung insgesamt gebessert hat, ist der Gestank teilweise unerträglich.
Die gravierenden Folgen des S1-Traumas sind noch weitgehend unerforscht. Quelle: blu3105, flickr.com

Die gravierenden Folgen des S1-Traumas sind noch völlig unerforscht. Quelle: blu3105, flickr.com

Individuelle Bewältigungsstrategien: Zur Not das Taxi nehmen

Jeder Pendler geht mit dem Trauma der S1 auf seine eigene Weise um: Manch einer sucht sich im wunderschönen Ruhrgebiet eine neue Unterkunft, um auf die stressbeladene Anreise zu verzichten. Vor wichtigen Prüfungen habe ich in meiner Zeit als Pendler bei einem Freund übernachtet, der direkt am Campus wohnt – das Risiko wäre zu groß gewesen, dass die S1 mir ein Strich durch die Rechnung macht. Ein Kommilitone nahm sich ein Taxi zur Uni, als er am Prüfungstag Opfer eines Bahnausfalls zu werden drohte.

Selbsthilfegruppen im Internet: Hoffnungsloser Protest

Im Internet laufen die Pendler Sturm. Im StudiVZ formiert sich der hoffnungslose Protest gegen das S-Bahn-Desaster: Zu den beliebtesten Gruppen zählen “Die S1 zerstört mein Leben“, “S1 – Die S-Bahn fällt wegen einer Betriebsstörung …” und “Wir warten auf die S1…“. Ein Hobbyfilmer hat der S-Bahn-Linie ein ganzes Filmprojekt gewidmet: Er will die Missstände schonungslos dokumentieren. Der folgende Trailer zum Film hat bereits viel Aufmerksamkeit und Lob erhalten.

Eine Detailanalyse der unzähligen Beschwerden wäre an dieser Stelle zu umfangreich. Stattdessen habe ich eine Liste der interessantesten Erfahrungsberichte erstellt – denn mit jeder Minute Verspätung stirbt ein Stück Lebensfreude in den gepeinigten Pendlerseelen des Ruhrgebiets.

Quelle: klara.kristina, flickr.com

Quelle: klara.kristina, flickr.com

Medienberichte zu diesem Thema im Internet:

  • Der Spiegel – Nahverkehr: “Es geht ans Eingemachte” (23. Juni 2008)
  • Audio: WDR Mediathek regional – VRR wirft Bahn Betrug vor (13. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional – VRR – Was jetzt? (13. Juni 2008)
  • DerWesten – Politik – Kommentar zur Vertragskündigung (12. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional – VRR ohne Bahn? (12. Juni 2008)
  • DerWesten – Westfalen – Die S-Bahn-Hoffnung heißt ET 422 (9. Juni 2008)
  • Video: WDR Mediathek regional – Zoff zwischen Bahn und VRR (22. Januar 2008)

  • Erfahrungsberichte zur S1 im Internet:

  • Zahlenpeter’s Weblog – Verspätung an der S1 (22. Juli 2008)
  • Forumsdiskussion: Meinews.de – Duesseldorf Hbf: verspaetete Bereitstellung von S-Bahnen (25. Januar 2008)
  • Bahnsinn – Essen-Dortmund-Kley mit der S1 (24. Oktober 2007)
  • merkseite.de – 4 x Bahn und 1 x Bus (17. August 2005)
  • ciao.de – Erfahrungsbericht – Verkehrsverbund Rhein-Ruhr, VRR – Fahrplan, S1 und Schneechaos im VRR (28. Januar 2002)

  • Sonstiges zu diesem Thema im Internet:

  • StudiWiki TU Dortmund – Anmerkung zu den S-Bahn-Verspätungen
  • 2 Kommentare

    1. [...] NilsOle.net: “Das S-Bahn-Trauma im Ruhrgebiet: ‘Die S1 zerstört mein Leben’” (Aufzählung der Probleme der S1 mit weiterführenden Links) [...]

    2. Studentin sagt:

      Ich kann davon auch ein Lied singen. In einer Woche fiel die Bahn 3 mal aus, einmal wurden wir in Essen Steele einfach rausgeworfen und ich brauchte 4 Stunden alleine um von Essen Hbf nach Duisburg Hbf zu kommen. Und dann jedesmal der Mist auf dem Weg zur Uni Dortmund mit “Die S-Bahn fährt nur noch bis Bochum Hbf…”

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