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Nachgewiesen: Ralf Bremer macht hervorragende Lobbyarbeit für Google Deutschland

Das Original um kurz vor 17 Uhr im E-Mail-Newsletter von Turi2.

Zweimal täglich sammelt der Aggregator Turi2 die interessantesten Fakten und Zitate aus der Medienwelt – und verschickt sie per E-Mail. Heute staunte ich nicht schlecht, als ich nachmittags im Newsletter das folgende Zitat von Ralf Bremer las: “Es gibt vieles, das Google macht, von dem man nichts weiß.” Das Zitat allein ist nicht bemerkenswert. Bemerkenswert ist schon eher, dass Ralf Bremer Googles offizieller Sprecher in Deutschland ist und diese Aussage bei einem Besuch des Online-Magazins “Gründerszene.de” in den eigenen Räumlichkeiten gemacht haben soll. Quasi ein offizielles Eingeständnis der Verschwiegenheit des Google-Imperiums. Klingt aber auch wie eine Drohung: Ihr wisst ja gar nicht, was wir als nächstes so planen. Die Redaktion von Turi2 sah das offenbar ähnlich und schrieb unter Berufung auf den Artikel unter das Zitat: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, gibt sich bedeckt, was er mit seinem siebenköpfigen PR-Team eigentlich macht.”

Später am Abend lautete das Zitat plötzlich ganz anders: “Vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, ist gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst.” Und Turi2 änderte auch die Kommentierung: “Ralf Bremer, Leiter für politische PR im Berliner Google-Büro, will das mit seinem siebenköpfigen PR-Team ändern.” Die Original-Passage im “Gründerszene”-Artikel ist ebenfalls entsprechend überarbeitet worden.

Die überarbeitete Turi2-Version am Abend.

Nun, es ist erstaunlich, wie sich Zitate binnen Stunden ändern können. Vielleicht ist das dem exklusiven Besuchsrecht von “Gründerszene” geschuldet, schließlich soll man sich als Gast ja benehmen. Aber das Ganze lässt mich auch erleichtert aufatmen. Ich dachte nämlich schon, Google mache am Ende noch vieles, von dem man nichts weiß. Doch jetzt ist mir endlich klar, dass lediglich vieles von dem, was Google macht und wofür Google steht, gerade den politischen Akteuren in Berlin nicht bewusst ist. Ich glaube, jetzt wird mir wiederum einiges bewusst über die Arbeitsweise des Herrn Bremer. Ein Vollprofi eben.

P.S.: Über dem fraglichen Absatz in dem Artikel steht die Zwischenzeile: “Lobbyismus – Google verschafft sich Gehör”.

Update 19.05.2012, 12:27 Uhr: Nachdem Gründerszene nicht auf Anfragen via Twitter und Kommentarfunktion reagiert hat, tut das Ralf Bremer nun selbst. Er schreibt via Twitter: “recherche statt verschwoerungstheorie empfiehlt @ralfbremer das Zitat war einfach falsch.” Demnach hat sich der anwesende Redakteur wohl einfach verhört. Eine entsprechende Update-Mitteilung hätte im Zweifel auch dem Artikel des Magazins gut getan.

Update 29.05.2012, 12:26 Uhr: Der zuständige Autor begründet die nachträgliche Änderung wie folgt. “Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass die ursprüngliche Formulierung des Zitats außerhalb des Kontextes durchaus missverstanden werden kann, weshalb ich es umformuliert habe. An der Aussage hat sich jedoch nichts geändert.”

Anhand konkreter Zahlen: Führende deutsche Online-Redaktionen haben eine miserable Frauenquote

Vielleicht ist es ja einfach so, dass Frauen ungern ihren Klarnamen über die eigenen Artikel setzen – sie benutzen lieber ihr Kürzel. Vielleicht recherchieren sie enorm akribisch, schreiben entsprechend selten und sahnen später die dicken Preise ab. Oder sie schreiben für ganz viele Medien gleichzeitig, streuen ihre Artikel über unzählige Publikationen und tauchen deshalb seltener auf den einzelnen Online-Portalen auf. Vielleicht schreiben sie nur jämmerliche Meldungen, sind in den Redaktionen vornehmlich mit Redigiertätigkeiten oder Kaffee-Kochen beauftragt – eine wenig erquickliche Vorstellung.

Vielleicht muss man aber einfach sagen, dass in führenden deutschen Redaktionen erschreckend wenig auf die Frauenquote geachtet wird. Anhand einer ansatzweise vollständigen Erfassung von Autoren-Nennungen auf vielen deutschen Nachrichtenwebsites kann ich das untermauern.

Wusste ich anfangs noch nicht so recht, was ich mit meinem Journalisten-Aggregator The Newsroom List anfangen sollte, entpuppt sich der fleißige Artikel-Auswerter inzwischen als brauchbares Tool, um generelle Trends und handfeste Zahlen über deutsche Online-JournalistInnen zu ermitteln. Die nächtelange Programmierarbeit hat sich also gelohnt – seit Oktober 2010 sind nun viele Tausend Datensätze zusammengekommen.

Zur Erhebungsmethode

Mein Aggregator arbeitet im Prinzip recht simpel: Er crawlt ausgewählte Nachrichtenangebote und wertet dabei die Autorenzeilen der Artikel aus. Irgendwann soll daraus eine Bachelorarbeit werden. Für die vorliegende Auswertung habe ich nur jene AutorInnen berücksichtigt, deren Profil bereits freigeschaltet, zuvor manuell geprüft wurde. Außerdem fließen nur jene AutorInnen in die Bewertung mit ein, zu denen mindestens fünf Artikel mit Klarnamen-Nennung vorliegen – also berücksichtige ich nur regelmäßige SchreiberInnen, die diese Mindestmarke überschritten haben. Artikel mit reiner Kürzel-Nennung werden ignoriert.

In die Bewertung fließen zudem nach Möglichkeit nur Artikel aus Ressorts ein, die als redaktionell/journalistisch gelten. Ausschließlich auf Werbung oder Drittinhalten basierende Ressorts fließen nicht ein. Der Erhebungszeitraum ist je nach Medium unterschiedlich, da die Portale nach und nach in den Aggregator integriert wurden – er liegt zwischen Mitte Oktober 2010 und dem heutigen Tag, beträgt in der konkreten Auswahl aber mindestens zehn Wochen.

Dies alles als wissenschaftlich belastbar zu bezeichnen, wäre falsch – eine absolut lückenlose Erfassung ist schon rein technisch nicht möglich. Auch die Autorenerkennung ist nicht perfekt, aber dennoch in den allermeisten Fällen völlig zutreffend.

Die Ergebnisse: FAZ.net ist mit 77 Prozent am männlichsten

Bei aller Vorsicht, mit der die Ergebnisse zu genießen sind, das Erschreckende vorab: Unter den zwölf ausgewählten Nachrichtenportalen, darunter überregional, regional sowie primär lokal ausgerichtete, findet sich nirgends eine einigermaßen ausgeglichene Geschlechterquote. Lediglich die Lokalnachrichten von DerWesten.de können eine mäßige Frauenquote von 44 Prozent (422 regelmäßige Autorinnen) ausweisen – dort fließen bislang aber wirklich nur die Artikel aus den Lokalredaktionen ein. Den schlechtesten Frauenanteil insgesamt erreicht das Portal FAZ.net mit nur 23 Prozent weiblichen Autorinnen. Auch Spiegel Online (26 Prozent) und Zeit Online (28 Prozent) haben offensichtlich ein Frauen-Quotenproblem.

Man kann es nun drehen und wenden, man kann diesen aggregierten Zahlen als unzuverlässig abtun. Allerdings bezweifle ich, dass deutsche Redaktionen in einer wissenschaftlich fundierten Vollerhebung wesentlich besser abschneiden würden. So deckt sich etwa meine ermittelte Quote von Spiegel Online auffällig genau mit einer internen Erhebung der Hamburger Print-Redaktion von Januar 2011 (siehe auch Zapp-Beitrag): Die Redaktion ermittelte 28 Prozent Frauenquote, mein Aggregator spuckt 26 Prozent aus – für die Nachrichten-Website wohlgemerkt.

Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn ich die AutorInnen weiterer Online-Portale in der Newsroom List freigeschaltet habe, bietet sich etwa die Untersuchung von Bild.de und taz.de an – ob sich hier wohl besonders krasse Unterschiede finden lassen?

Sollten die jeweiligen Redaktionen an den nun erhobenen Zahlen Zweifel hegen, rufe ich zu Widerspruch auf. Allerdings müsst ihr mir dann schwarz auf weiß darlegen, dass es in eurem Haus in Sachen Frauenquote doch gar nicht so schlecht aussieht. Oder ihr erklärt mir, warum eure Journalistinnen ihre Online-Texte lieber mit Kürzel als mit Klarnamen versehen.

Zum Weiterlesen: Medium Magazin – An der Qualität liegt es nicht (2007)

Das ZDF, Karl Marx und die böse Oma

Den Sounddesignern vom ZDF muss ihr Job großen Spaß machen. Anders kann ich mir nicht erklären, wieso sie für eine Folge der Doku-Reihe „Die Deutschen II“, die derzeit sonntags im ZDF läuft, auf einen Audio-Ausschnitt aus einem YouTube-Video zurückgegriffen haben.

Schauen Sie selbst:

Die Folge lief am 5. Dezember 2010 um 19.30 Uhr und befasste sich mit Karl Marx und seinem Werk „Das Kapital“. Zu einem Schwarzweiß-Film, der das Hinterhof-Treiben in einer Arbeitersiedlung um die Jahrhundertwende zeigt (Minute 36:40, Mediathek-Link), setzten die Sounddesigner unter anderem einen kurzen Ausschnitt aus dem populären YouTube-Video einer wütenden Seniorin (Link) ein.

Aus urheberrechtlicher Sicht dürfte das nicht ganz unproblematisch sein. Auf der anderen Seite beweist es, dass das ZDF ein paar kreative Köpfe mit dem Sounddesign beauftragt hat, die mit sehr viel Liebe fürs Detail vorgehen.

Feuer im Motorraum oft zu spät bemerkt

Erschienen in der Main-Post, 09.03.2010:

Bad Brückenau. Als am vergangenen Freitag der Reisebus der schwedischen Band Takida auf der A7 in der Nähe von Bad Brückenau (Lkr. Bad Kissingen) ausbrannte, hatte das einen Hauch von Ironie: Die Bandmitglieder konnten sich zwar alle retten, aber sie fuhren in einem deutschen Bus – in einem schwedischen Fahrzeug wäre der Brand wohl wesentlich glimpflicher abgelaufen. Denn in Skandinavien gelten andere Vorschriften für den Brandschutz. In Deutschland aber verzichten viele Busunternehmer auf Schutzmaßnahmen, die im Zweifelsfall Menschenleben retten können.

“Im Reisebereich kann man jährlich von etwa 200 Bränden ausgehen, die den Versicherungen bundesweit gemeldet werden”, sagt Markus Egelhaaf von der Dekra-Unfallforschung in Stuttgart. Wenn ein Reisebus Feuer fängt, so Egelhaaf in einer Studie, dann meistens während der Fahrt und im Motorraum. Das Problem: Während der Fahrt ist der Motor gut durchgelüftet, sodass sich der Qualm schnell nach außen verflüchtigt und die Insassen nichts von dem Feuer mitkriegen. Für den Busfahrer sei es oft schwierig, einen Motorbrand frühzeitig zu erkennen.

500 Euro für ein Stück Sicherheit

Seit 2005 empfiehlt die Dekra den Busunternehmen deshalb, einen Feuermelder in den Motorraum montieren zu lassen. Der alarmiert den Fahrer im Brandfall und lässt den Passagieren Zeit, den Bus rechtzeitig zu verlassen. Kostenpunkt: rund 500 Euro. Eine Löschanlage, die ein Feuer im Motorraum automatisch bekämpft, “dient dem Sachwertschutz und ist für die Sicherheit der Passagiere nicht unbedingt notwendig”, sagt Egelhaaf – sie schützt den Unternehmer vor einem Totalschaden, wenn es brennt.

Die Dekra-Studie nahm der Bundesverband deutscher Omnibusunternehmer (bdo) im vergangenen Jahr zum Anlass, seinen Mitgliedern den Einbau von Brandschutzvorrichtungen zu empfehlen – “auf freiwilliger Basis”, wie die Münchener Sprecherin Kirstin Neumayr sagt. Denn obwohl die Geräte günstig und zuverlässig sind, zögern viele Unternehmer, ihre Fahrzeuge nachzurüsten.

“Technisch ist das nicht ohne Weiteres umsetzbar”, sagt Franz-Josef Grasmann, Busunternehmer aus Hafenlohr (Lkr. Main-Spessart). Die Nachrüstung sei kompliziert und umfangreich: “Wir können nicht einfach am Bus herumschrauben und Kabel verlegen, sonst erlischt die Betriebserlaubnis.” Er kenne keinen Kollegen, der Löschanlagen in seine Busse eingebaut habe. “In Bayern fahren 30 000 Busse, die können Sie gar nicht alle nachrüsten.” Grasmann hält einfache Rauchmelder im Fahrgastinnenraum für ausreichend und verweist auf die regelmäßigen Wartungen der Busse – dadurch lasse sich das Risiko eines Brandes minimieren. Für die Sicherheitsvorkehrungen im Motorraum seien die Fahrzeughersteller verantwortlich.

Anders sieht das Markus Stille von der Brandschutzfirma Revoma in Neustadt (Wiedt). “Busunternehmer und Hersteller schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu”, schimpft er. Seine Produkte hätten längst Serienreife, seien TÜV-geprüft und unkompliziert einzubauen.

“Das ist richtig”, sagt auch der Sprecher des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA), Alexander von Gersdorff. Derzeit arbeiteten einige Omnibus-Hersteller an einer freiwilligen Selbstverpflichtung, wonach sie ab Mitte 2010 ihre Neufahrzeuge serienmäßig mit einem Motor-Feuermelder ausstatten wollen.

Gesetzlich vorgeschrieben sind solche Brandmelder frühestens ab 2013 – bis dahin müssen Buspassagiere mit dem Gefühl leben, dass ein entstehender Motorbrand unentdeckt bleiben könnte.

Dahinter steckt anscheinend ein fragliches Kalkül: Viele Busunternehmer gehen lieber das geringe Risiko eines Totalschadens ein, zumal die Versicherungen momentan keine ermäßigten Beiträge für Busse mit Brandschutz anbieten. Ein Feuermelder sei momentan “kein tarifvergünstigendes Merkmal”, sagt Christian Lübke vom Verband der deutschen Versicherungswirtschaft. “Die jetzige Situation ist vergleichbar mit der Airbag-Debatte vor zehn Jahren”, resümiert VDA-Sprecher Gersdorff – damals war der das Sicherheits-Extra Luxus, heute ist es Standard.

Von der Kunst Elite zu sein

Erschienen in der Main-Post, 03.04.2010:

Hotel Rebstock in Würzburg, Silvaner-Saal, 19.20 Uhr: Thomas Bormann ist erst wenige Minuten im Raum, da hat er bereits die Regie übernommen. Alle Augen richten sich auf den Ehrengast. Er wird über Werte sprechen, so steht es im Programm. Dazu wird es “Feldsalat mit gebratener Blutwurst und Riesengarnelen an Petersilienwurzelkrem” geben, so steht es im Menü.

Thomas Bormann, 65, ist Geschäftsführer der Würzburger Unternehmensberatung “bhs consulting”. Bormann ist groß, trägt Brille, Krawatte und Anzug, hat einen zielstrebigen, scharfen Blick. Er ist Leistungsträger, und heute kann er aus dem Vollen schöpfen, soll erklären wie das geht mit der Verantwortung im Geschäftsleben. Seine Zuhörer sind die Führungskräfte von morgen, 18 bis 20 Jahre alt, acht Auserwählte. Bormann steht vor ihnen, sie reichen ihm die Hand zur Begrüßung, weichen noch etwas schüchtern zurück. Julia und Lisa erröten leicht. Aber diese Nervosität soll sich bald legen. Man ist ja unter sich.

Orientierung für Überflieger

Hier trifft sich die “Elite”, und so stellt sich der Verein das auch vor. Vier Damen und vier Herren, alle Jahrgangsbeste an ihren Schulen, wurden von den Rektoren einzeln ausgewählt und durften sich schriftlich bewerben für den Sonderförderverein “Jugend Aktiv – Förderkreis Franken”. Finanziert wird der gemeinnützige Verein von Spendern und Sponsoren aus der Wirtschaft.

Sara Berberich, 18 Jahre alt, ist Mitglied im Verein. Sie besucht das Wirsberg-Gymnasium in Würzburg und bereitet sich momentan auf das Abitur vor. Spitzennoten und ehrenamtliches Engagement haben ihr die Teilnahme am Förderungsprogramm von “Jugend Aktiv” eingebracht. Sie engagiert sich beim Africa Festival, Cello und Klavier gehören zu ihren Hobbys. “Ich glaube, man sollte vielseitig aufgestellt sein, um in den Verein zu kommen”, sagt sie.

Eine persönliche Stärken- und Schwächeanalyse und ein Rhetorikseminar hat Sara bereits durchlaufen. Sie steht wie viele Hochbegabte vor dem Problem, dass ihr alle Wege offen stehen. “Erst habe ich an Psychologie gedacht. Ich habe mich aber jetzt für ein Medizinstudium entschieden, weil ich einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt habe. Ich kann später immer noch auf Psychologie umschwenken.”

Intelligent mögen sie alle sein, eloquent und bürgerlich engagiert sowieso – aber um Elite zu sein, braucht man auch Manieren. Wer in die Chefetage will, muss sich zu Tisch benehmen können. Daher die Garnelen, daher die Nervosität, daher die ganze Festlichkeit. Knigge-Coach Frank Wissmann, 26, gibt den Musterschülern heute Nachhilfe in Sachen Tischmanieren. “Das Seminarprogramm für die Manager von morgen”, hat ein Sponsor ins Begleitheft geschrieben. Und damit es nicht nur nach steifer Etikette aussieht und man dem Bildungsauftrag des Vereins nachkommt, ist Unternehmer Bormann zum Wertegespräch geladen. Die Gesellschaft schreitet zur Tafel.

Im Kerzenschein stehen fünf unterschiedliche Gläser an jedem Platz, drei Gabeln, drei Messer, zwei Löffel. Eine Blumenverzierung prangt in der Mitte des Tisches, dort nimmt Bormann Platz und hebt an. “Mein Lebensweg gestaltete sich so, wie es ein amerikanischer Manager einmal sagte: Ich habe alle sieben, acht Jahre etwas Neues gemacht.” Bormann blickt in die Runde. Respektvolles Schweigen, die Schüler schauen wie im Unterricht. Einer von ihnen macht sich eifrig Notizen.

“Ich habe schon Leute im Fahrstuhl akquiriert.”

Er habe immer mit Personal zu tun gehabt, erklärt der Diplom-Volkswirt, “und das heißt lenken, führen, leiten.” Erst war er bei der Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg, später dann bei Alpina, “da habe ich eine Optikdivision aufgebaut.” Die Kellnerin bringt den Aperitif. Immer sei es darum gegangen, mit Menschen in Kontakt zu kommen: “Ich habe schon Leute im Fahrstuhl akquiriert”, erzählt Bormann. Die Kellnerin serviert Brothäppchen und Butter. “Also, man darf kein Autist sein.” Die künftigen Führungskräfte lauschen, denn der Erfolg gibt dem Ehrengast recht: Bormann berät sonst nur namhafte Firmen. Zeit für den ersten Gang.

“Ich denke mal”, setzt Bormann im ruhigen Ton der Selbstverständlichkeit fort, “Sie alle streben internationale Positionen an.” Das Personal serviert die Garnelen. “Es geht in solchen Positionen um Vorbildhaftigkeit”, sagt er, hebt die Stimme und wird jetzt ernst. “Man muss Werte leben, wenn man führen will.”

Diese Kunstpause nutzt Knigge-Coach Wissmann, um einzuwerfen: “Wir legen die Menükarte links neben den Teller und jetzt tunken wir unsere Hände etwas in die Fingerbowle – die Garnelen müssen ja geschält werden.” Dabei lächelt er in die Runde wie ein gutmütiger Lehrer vor der Klassenarbeit. “Ihr schafft das schon”, sagt sein Blick. Ins kalte Wasser springen, das müssen künftige Führungskräfte vertragen.

Unsicher greifen die Jugendlichen ins Zitronenwasser und beginnen, die Meerestiere zu enthäuten. Das ist glitschig, fettig, mühsam und ungewohnt. Coach Wissmann demonstriert die richtigen Handgriffe. Langsam weicht die Zögerlichkeit.

“Wir waren beim Thema Führung stehen geblieben”, sagt Bormann. “Führung heißt Vorbild sein, in jeglicher Hinsicht.” Mahnend klingt seine Stimme, und die Botschaft ist klar: “Wenn der Chef sagt, die Mitarbeiter sollen um 8 Uhr da sein, und der Chef trudelt um 9.30 Uhr ein, dann ist das nicht so gut.” Der Weg zur Spitze sei anstrengend, aber stetig: “Machen Sie sich mit der Führung keine Gedanken, da kommen Sie ganz automatisch rein.” Bormann widmet sich dem Essen.

“Wir führen die Gabel von außen nach innen”, erinnert Frank Wissmann, der zu seiner Linken sitzt. Konzentriertes Schweigen in der Runde, skeptisches Tasten auf den Tellern. Weil die Schüler mit ihrem Besteck beschäftigt sind, geht der Etikette-Coach zum Grundsätzlichen über: “Der Teller sollte immer leer gegessen werden.” Es mache keinen guten Eindruck, etwas übrig zu lassen. Und wegwerfen wolle ja niemand etwas, auch aus ethischen Gründen: “Ich bin trotz der Etikette der Meinung, dass man an die ärmeren Menschen auf diesem Planeten denken sollte.” Ein Rest auf dem Teller, “das ist dekadent”, unterstreicht Thomas Bormann.

Konzept für “höhere Kreise”

Die Gabeln klappern, die Teilnehmer sitzen aufrecht und schauen auf ihren Teller. Garnele um Garnele wird gehäutet, der Anlass will es so. “Knigge ist seit einigen Jahren wieder im Trend”, hatte der Coach am Nachmittag erläutert. Viele Spitzenunternehmen seien dazu übergegangen, frische Bewerber zuerst am Essenstisch zu testen. Da komme es auf Souveränität, Gelassenheit und Fingerspitzengefühl an, sagt Wissmann. Wer den Knigge-Kodex nicht kennt, scheitert schon am Anfang.

“Ich habe jetzt ein Konzept, wie ich mich in höheren Kreisen verhalten sollte”, versucht Teilnehmerin Sara ein Fazit. Zwar will sie nicht in der Wirtschaft arbeiten. Aber sollte sich die angehende Medizinerin mal auf eine Stelle als Chefärztin bewerben, kann sie beim Bewerbungsessen den Autoritäten das Wasser reichen.

Das Training jedenfalls zeigt Wirkung: Noch bevor Unternehmer Bormann auf die richtige Verhandlungsstrategie bei Einstiegsgehältern zu sprechen kommt, haben alle acht Knigge-Kandidaten ihre Teller leer gegessen. Die Unsicherheit in den Gesichtern ist einem Ausdruck der Zufriedenheit gewichen. Elite sein ist nicht einfach, aber machbar. Zeit für die nächsten drei Gänge.

Gekaufte Berichterstattung? Wie “Bild” einer Hamburger Schönheitsklinik einen Gefallen tut

Quelle: Bild.de

Bei manchen Sensationen wird man skeptisch. Da soll sich eine Schweinfurterin für nur 2,57 Euro eine Brust-Operation ersteigert haben, wie Bild am Mittwoch berichtete. Wer aber etwas genauer hinschaut, entdeckt schnell: Es handelt sich möglicherweise um eine reine Werbeaktion des Spinger-Konzerns.

Ob Julia R., die vermeintliche Käuferin des Schnäppchens, tatsächlich existiert, weiß ich nicht. Auch ist nicht klar, ob es jemals zu der bestellten Operation kommen wird. Fest steht: Die Auktion, die über das Versteigerungsportal “hammerdeal.de” angeboten wurde, gab es wirklich – glaubt man zumindest dieser Seite. Seltsam ist, dass die Auktion laut der Internetseite schon am 30. Juni abgelaufen ist. Zeitnahe Berichterstattung sieht anders aus.

Hammerdeal wird in dem fraglichen Bild-Artikel direkt verlinkt, und diese Internet-Links haben einen großen Marketing-Wert. Ebenso wird die “Hamburger Nobel-Klinik” von Bild mit einem Internetverweis beschenkt, und es drängt sich die Frage auf: Wurden diese Links gekauft, in Auftrag gegeben von Hammerdeal und der besagten “Beauty-Klinik an der Alster”?

Der Verdacht, dass es sich hierbei um Werbung und nichts als Werbung handelt, erhärtet sich, wenn man sich den Text der Auktion mal im Detail durchliest. Dort steht:

“Die Brustvergrößerung soll im Rahmen einer medialen Begleitung erfolgen (voraussichtlich durch einen TV Partner, gegebenenfalls auch durch Print-und / oder Onlinemedien). Diese Begleitung beinhaltet u.a. Interviews mit der Auktionsgewinnerin, evtl. Dreh einer Homestory, Aufnahmen in der Klinik (vor, während und nach OP), evt. Interviews mit Freunden und Familienangehörigen.”

Das ist wirklich ein Hammerdeal - allerdings für die Klinik, weniger für die öffentlich Operierte. Quelle: Hammerdeal.de

Die freiwilligen oder unfreiwilligen “Partner” erfüllen ihre Pflicht: Das Springer-Blatt “Hamburger Morgenpost” berichtet, die Billig-OP war gestern bereits Thema in der ProSieben-Sendung “Taff”. Und der Berliner Kurier berichtet brav über die PR-Aktion, als sei es eine Sensation. Sensationell dämlich. Wenn die Operation bereits am 20. August stattfinden soll, werden vermutlich die einschlägigen TV-Boulevardmagazine dabei sein – um die Werbebotschaft kostenlos unters Volk zu bringen.

Eine Kollegin aus der Redaktion wird für die Main-Post versuchen, weitere Hintergründe zu recherchieren: Gibt es die Frau tatsächlich? Einen Anruf ist es wert…

Geldmacherei oder Anteilnahme? Loveparade-Souvenirs aus Duisburg werden bei eBay versteigert

Quelle: eBay

„Bei der Loveparade 2010 in Duisburg war ich als Eventfotograf unterwegs und kam an diesen Presse-Pass. Eigentlich wollte ich den Pass als Erinnerung behalten, jedoch quält mich ständig der Gedanke daran, dass Presseleute und VIP einen tunnelfreien Ein- und Ausgang hatten. Daran möchte ich nicht ständig erinnert werden. Wer diesen Pass mit dem Loveparade – The Art Of Love Schlüsselband haben möchte – ich gebe ihn hiermit gerne ab!“

So beschreibt ein eBay-Verkäufer seine Motivation, einen grünen Pressepass aus Duisburg bei eBay an den Meistbietenden abzutreten. Heute Abend um 18 Uhr endet die Auktion, bisher gab es 16 Gebote. Der aktuelle Preis: 35,50 Euro. Wer bietet mehr?

Trauer-Devotionalien zu versteigern

Quelle: eBay

Mehrere solche Auktionen gibt es mittlerweile bei eBay, und Kaufinteressenten gibt es anscheinend zur Genüge. So verkauft ein eBay-Laden ein Gedenkshirt, Modell „Warum?“, zum Festpreis von 14,95 Euro – zuzüglich 2,20 Euro für den Versand. 5 Euro gehen nach eigenen Angaben als Spende an das Deutsche Rote Kreuz in Duisburg, wie der Artikelbeschreibung zu entnehmen ist: „Wir möchten uns nicht bereichern, sondern auch einen Beitrag leisten. Das schaffen wir am besten hier, weil wir hier sehr viel mehr Menschen erreichen als anderswo.“ Den Artikel bezeichnet der Verkäufer als „Charityshirt“ und gibt gleich die Kontoverbindung des DRK mit an. Drei Warum-Shirts wurden bereits verkauft.

Mehrere andere eBay-Nutzer verkaufen ihre Pfandmarken von der Loveparade 2010: Als „Relikt das leider auch mit Trauer einhergehen muß“ bezeichnet ein Anbieter seine Ware.

Quelle: eBay

Ein Presse-Vertreter zeigt seine kommerzialisierte Anteilnahme

Solche Auktionen anlässlich von Großveranstaltungen hat es immer schon gegeben, denn Festivalsouvenirs sind begehrt: In der Regel sind sie nur in begrenzter Stückzahl vorhanden und haben einen hohen ideellen Wert. Mit Armbändern, T-Shirts oder Pfandbons lässt sich zeigen: Ich war live dabei bei einem legendären Event, ich stehe hinter den Werten und den Erfahrungen, die ich auf einer Großveranstaltung gemacht habe.

Doch hier drängt sich die Frage auf, ob sich einige wenige Loveparade-Besucher an einer Katastrophe und ihrer medialen Reichweite bereichern wollen. Dass es ausgerechnet ein Kollege von der Presse ist, der hier seine Devotionalien vertickt, ist für die gesamte Journaille beschämend. Neben seinem Presse-Badge verkauft der Benutzer auch einen USB-Stick mit Presseinfos der Veranstalter: „Eigentlich wollte ich den Artikel als Erinnerung behalten, jedoch nehmen mich die aktuellen Ereignisse so sehr mit, dass ich ihn lieber doch nicht behalten möchte.“

Nebelkerzen statt Transparenz: Wie Bahnchef Grube mit “Fakten” verwirrt

Quelle: ARD/Das Erste.

Seit die Thermometer in ganz Deutschland verrückt spielen, geht es auch bei der Bahn hitzig zu. Viele ICE-Züge mussten bereits, wie es bei der Bahn so schön heißt, einen „außerplanmäßigen Halt“ einlegen. Grund sind Klimaanlagen, die vor den Extremtemperaturen kapitulieren.

Rüdiger Grube, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bahn, eilt seither von Interview zu Interview und lässt keine Gelegenheit aus, kommunikativ und volksnah die Misere zu erklären. Offensichtliche Probleme werden dabei im besten PR-Sprech zu „Herausforderungen“ (siehe Tagesthemen-Video).

Seine PR-Berater scheinen ihn für die medialen Auftritte exzellent gebrieft zu haben: Die Strategie von Grube besteht offenkundig darin, sein Publikum mit möglichst vielen und möglichst großen Zahlen zu verwirren. Scheinbare Fakten setzt er dermaßen wahllos aneinander, dass der Leser vollkommen den Überblick verliert.

Das lässt sich sehr gut anhand von drei Interviews aus den vergangenen Tagen verdeutlichen:

Schauen wir also mal, wie Grubes Nebelkerzen-Strategie in den besagten Interviews funktioniert:

Erstens: Werfen sie mit großen Zahlen um sich, um das Problem klein zu reden!

Deutschlandfunk
Spiegel
Tagesthemen
Grube: [...] denn natürlich gibt es hier keine Entschuldigung. Ich möchte mich aber bei allen Kunden, die diese schlechten Erfahrungen am letzten Wochenende gemacht haben, da entschuldige ich mich für, denn das ist nicht akzeptabel. Da brauchen wir nicht um den heißen Brei herumzureden. Ich sage immer, der Ausfall eines Zuges ist schon ein Zug zu viel.

[...]

Grube: [...] Wir betreiben 255 ICE-Züge, die unterschiedlich, was die Zeit beziehungsweise das Jahr betrifft, wo sie zugelassen worden sind, im Einsatz sind. Insgesamt haben wir 255 Züge.

Grube: [...] Wir haben täglich 252 ICE-Züge im Einsatz und machen 1400 Fahrten am Tag. Wenn Sie nun sehen, dass am Freitag vorvergangener Woche ein ICE 2, am Samstag 16, am Sonntag 7 und am Montag 8 Züge wegen Problemen mit der Klimaanlage ausgefallen sind, dann ist das zwar ein kleiner Prozentsatz und noch kein Notstand auf der Schiene. Aber trotzdem, Sie haben recht: Jeder ausgefallene Zug ist einer zu viel. Und deshalb kann ich mich nur bei unseren Kunden in aller Form entschuldigen. Grube: [...] Ich möchte aber auch anmerken, dass wir jeden Tag 34000 Zugfahrten machen, wir transportieren jeden Tag über fünf Millionen Menschen. Wir haben 253 ICEs, davon 800 Fahrten jeden Tag, und in den letzten 14 Tagen sind 0,32 Prozent ausgefallen. Das rechtfertigt überhaupt nichts und hier hilft auch keine Statistik, und ich sage immer: Jeder Zug, der ausfällt, ist ein Zug zu viel. [...]

Zweitens: Geben Sie dem Klimawandel die Schuld! Möglichst viele Temperaturen nennen!

Deutschlandfunk
Spiegel
Grube: […] Der ICE 1 beispielsweise aus den Anfängen der 90er-Jahre ist zugelassen bei der Klimaanlage von Minus 20 bis Plus 32 Grad. Der ICE 2, der ’95 in Betrieb gegangen ist mit 44 Fahrzeugen, hat auch bei der Klimatemperatur Plus 32 bis Minus 20 Grad. Das heißt nicht, dass sie nicht darüber auch noch arbeiten, aber das ist die genormte regelkonforme Auslegung. Aber bereits der ICE 3 ist schon auf 35 Grad ausgelegt. Der ICE 3, der im nächsten Jahr kommt, ist schon auf 40 Grad ausgelegt. Und der Zug – darf ich das noch ganz kurz sagen -, den wir dann ab 2014 bestellen, ist bereits auf 45 Grad ausgelegt. Sie sehen: wir haben einen Klimawandel, der sich ganz klar reflektiert auch in den Gesetzen, denn es ist ja nicht so, dass die Deutsche Bahn die Normen für eine Klimaanlage festlegt, sondern …

Meurer: Aber der Klimawandel ist jetzt nicht Schuld gewesen?

Grube: Wir beobachten, wir haben natürlich jetzt auch im Zusammenhang mit der Klimaanlage die Wettersituation analysiert und dabei festgestellt, in 20 Jahren gab es fünf Tage, die wärmer als 37 Grad waren, und davon waren allein drei Tage am letzten Wochenende.

Meurer: Aber es reichen ja wärmer als 32 Grad. Wer ist denn auf die Idee gekommen – das war vor Ihrer Zeit; Sie sind ja erst ein gutes Jahr Bahnchef, Herr Grube – zu sagen, 32 Grad sind genug?

Grube: Und zwar: Die Auslegung einer Klimaanlage ist nicht die Angelegenheit des Betreibers, also der Deutschen Bahn, sondern da gibt es eine internationale Eisenbahnnorm, die so genannte UIC, und auch das Eisenbahnbundesamt, und dort werden die Normen festgelegt, wie eine Klimaanlage für einen Zug, der in Deutschland eingesetzt wird, ausgelegt wird. Das ist nicht in den Händen der Deutschen Bahn.
Ich sage Ihnen ganz offen: Wir reflektieren das ja und auch übrigens die Regelwerke, und nicht umsonst ist ja ein Zug, den man zum Beispiel jetzt in den nächsten Jahren auslegt und auch zulässt, nicht auf 32 oder 35 Grad, sondern auf 45 Grad ausgelegt.

SPIEGEL: Zu welchem Ergebnis ist der Krisenstab gekommen? Es hieß, die Klimaanlage sei zu niedrig dimensioniert.

Grube: Die Baureihe wurde Anfang der neunziger Jahre entwickelt, damals waren die Sommer in Deutschland noch nicht so heiß. Seit 1991 gab es beispielsweise in Berlin an fünf Tagen Temperaturen über 37 Grad – zwei Tage davon waren in der letzten Woche. Laut nationaler und internationaler Eisenbahnnorm mussten die Klimaanlagen in unserer geografischen Lage damals nur bis zu Temperaturen von 32 Grad ausgelegt sein, was aber keineswegs heißt, dass die Anlage bei ein paar Grad mehr gleich zusammen- bricht. Die Kühlleistung nimmt dann ab. Heute würde man sagen, die Klimaanlagen müssten größer dimensioniert sein. Wir werden ab November alle 44 ICE 2 generalüberholen. Und uns dann auch die Kühlsysteme nochmals genau ansehen.

SPIEGEL: Und was ist mit dem ICE 3?

Grube: Beim neueren ICE 3 reicht der Funktionsbereich schon bis 35 Grad. Die nächste ICx-Generation, über deren Bestellung wir gerade verhandeln, ist sogar für Temperaturen bis 45 Grad ausgelegt.

Drittens: Stellen Sie sich vor die schwitzenden Mitarbeiter – so vermitteln Sie Teamgeist und Geschlossenheit!

Deutschlandfunk
Spiegel
Tagesthemen
Grube: […] aber ich habe es bisher nicht eine Minute bedauert, diese Aufgabe zu übernehmen, und zwar ganz besonders auch deshalb, weil ich hier Mitarbeiter vorgefunden habe, da muss ich sagen, da würden andere Unternehmen sich die Finger nach lecken. Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter und auf die Führungskräfte. Das motiviert mich jeden Tag wieder. Grube: […] Aber eins sei auch klipp und klar gesagt: Gegen Vorverurteilungen verwahre ich mich ebenso wie gegen eine pauschale Verunglimpfung unseres Zugpersonals. Die machen einen sehr guten Job und genießen meine volle Unterstützung. Grube: […] Aber ich kann auch für unsere Mitarbeiter sagen: Die Mitarbeiter haben hier wirklich eine großartige Aufgabe gemanagt. Und wir sind seit sechs Tagen wirklich wieder stabil. Man sieht – natürlich hat auch das Wetter hier geholfen – aber man sieht, wir haben hier die Themen angepackt und wir haben auch den Betrieb insgesamt wesentlich stabilisieren können.

Viertens: Seien Sie menschlich und bereuen Sie – nobody’s perfect!

Deutschlandfunk
Spiegel
Meurer: Noch mal ganz kurz die Frage, Herr Grube: Schließen Sie aus, dass es am Wochenende wieder zu solchen Szenen kommt wie letztes Wochenende?

Grube: Wir geben uns alle Mühe, dass so etwas nicht vorkommt, aber wenn ich Ihnen heute sage, das kann man völlig ausschließen, dann würde ich lügen, das mache ich auch nicht. Das weiß man nie bei diesen extremen Witterungen. Ich kann nur eines sagen – und das ist mir sehr wichtig: Die Bahn ist nach wie vor das sicherste Verkehrsmittel. Vergleichen Sie das mal mit der Straße, wo knapp in einer Woche 100 Tote kommen. Bei der Bahn gab es glücklicherweise keine tödlichen Unfälle.

SPIEGEL: Können Sie denn ausschließen, dass es in diesem Sommer noch mal zu ähnlichen Szenen wie in der vorvergangenen Woche kommen wird?

Grube: Wenn ich sagen würde, es fällt diesen Sommer nie wieder eine Klimaanlage aus, dann würde ich lügen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass wir Tag und Nacht arbeiten werden, um die Probleme in den Griff zu kriegen.

Fünftens: Strahlen sie Autorität aus – die Fakten kennen nur Sie!

Deutschlandfunk
Meurer: [...] Herr Grube, die Gewerkschaft der Lokführer sagt, bei den Wartungen wird Geld gespart für den Börsengang. Der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Deutschen Bundestages, Winfried Hermann, sagt, es wird Geld gespart bei den Wartungen und weniger gewartet. Sie sagen, nein, das stimmt nicht. Wem sollen wir glauben?

Grube: Herr Meurer, ich glaube, ich habe den besten Überblick, was die Zahlen betrifft. [...]

Protestieren, bis der Bund einspringt: Wie die Uni Lübeck gerettet wurde

Protestler in Kiel

Eine Stadt sieht gelb: Lübecker Demonstranten in Kiel. Quelle: StudentenPack (flickr.com); AstA Uni Lübeck

„Die Universität zu Lübeck ist nach Schließung des Fachbereichs Medizin in Lübeck nicht überlebensfähig.“ Dieser bürokratisch anmutende Satz hat in der schleswig-holsteinischen Stadt Ende Mai für Aufregung gesorgt. Die Kieler Landesregierung unter Peter Harry Carstensen plante, die Uni Lübeck faktisch dem Tode zu weihen.

Kahlschlag-Carstensen gegen das Protestbündnis

Was folgte, war ein enormer Proteststurm. Schnell wurde klar, was das Aus der Uni für die ohnehin strukturschwache Region bedeuten könnte: Noch weniger Arbeitsplätze, noch weniger Dynamik, noch weniger Perspektive. Auch in Flensburg bestand die Gefahr, dass hier auf akademischer Ebene bald tote Hose sein könnte – Carstensen und Kumpanen setzten auf Kahlschlag.

Dabei standen die Spar- und Bündelungspläne im krassen Widerspruch zu der von Kanzlerin ausgerufenen Parole, in Krisenzeiten dürfe an der Bildung nicht gespart werden. Bezeichnenderweise war es dann auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung, das mit einer Millionenzahlung schließlich aushalf und die Uni vor dem Garaus bewahrte.

In der Zwischenzeit hatten sich Studenten, Wirtschaft und Lokalpolitik in und um Lübeck zusammengetan und penetrant protestiert. Auf der Straße setzte eine ganze Stadt das in die Tat um, was zuvor via Internet organisiert worden war: Nein sagen und Paroli bieten. Im Interview erklärt ein Beteiligter, warum das zum Erfolg geführt hat.

Ein Protestler im Interview: “De Jager hat komplett versagt”

Ivo Heinecke (21) ist freier Mitarbeiter im AStA der Universität Lübeck. Der Informatik-Student hat über Wochen Demonstrationen mitorganisiert und erklärt im Interview unter anderem, wie man in wenigen Stunden ein Protest-Portal aufbaut und einen Wissenschaftsminister gehörig unter Druck setzt.

NilsOle.net: Ivo, ist der Kampf jetzt gewonnen?

Ivo Heinecke: Ja und nein. Beim Kampf um die Uni ging es im Kern darum, dass der Bereich Medizin wegfallen sollte. Dieser Bereich ist relativ bedeutend, ohne den läuft an der Uni nicht viel: Wir haben fünf Studiengänge, über 50 Prozent der Studierenden sind für Medizin eingeschrieben. Die anderen Studiengänge hängen an der Medizin, wie zum Beispiel das Fach „Medizinisches Ingenieurswesen“. So etwas kann man nicht einfach wegsparen, nur weil es um 25 Millionen Euro geht. Da die Medizin jetzt erhalten werden soll, scheint der Kampf gewonnen, so ganz trauen wir dem Braten jedoch noch nicht.

Die Rettung kam von dort, wo man es nicht erwartet hatte: Aus Berlin.

Heinecke: Der Bund hat jetzt die Finanzierung des Instituts für Meeresforschung in Kiel zu 90 Prozent übernommen, und damit kann das Land Schleswig-Holstein die 25 Millionen Euro woanders einsparen. Mein Vertrauen in die Aktion ist allerdings begrenzt – man hat gesehen, dass hier recht viel Hinterzimmerpolitik gemacht wird.

Der Bund trickst also herum, weil das Land sich nicht bewegen wollte?

Heinecke: Ja, kann man so sagen. Am Institut für Meeresforschung soll es darüber auch Unmut geben, weil dem Institut dadurch angeblich Finanzierungsmöglichkeiten wegfallen. Nach meinen Informationen ist es aber weiterhin möglich, Drittmittel anzuwerben in Zusammenarbeit mit der Uni Kiel. Der Bund hat mit der Aktion aber die Landesregierung gerettet – diese hat eine Stimme Mehrheit, bereits fünf Abgeordnete hatten zu dem Zeitpunkt bereits klar gemacht, dass sie der Unischließung nicht so zustimmen werden.

Zurück nach Lübeck: Geht die Uni jetzt gestärkt aus den Protesten, oder hat das Gezerre euch vielleicht sogar geschwächt?

Heinecke: Ich denke, wir gehen gestärkt aus den vergangenen Wochen. Wir konnten einige Punkte durchsetzen: Die Universität bleibt mit allen Studienplätzen erhalten, wir werden eine Stiftungs-Uni nach niedersächsischem Vorbild. Dadurch soll das Land entlastet werden. Wir als AStA werden allerdings die Drittmittelvergabe kritisch begleiten.

An vielen Unis ist nach den Bildungsstreiks im Herbst 2009 Ernüchterung eingetreten, weil nur wenig durchgesetzt werden konnte. Warum hat das bei euch geklappt?

Heinecke: Der Protest war existenziell für uns. An den Bildungsstreiks hatten sich in Lübeck nur relativ wenige Studenten beteiligt, hier gab es keine Hörsaalbesetzungen. Aber jetzt, als es um unsere Uni ging, war der AStA sehr gut aufgestellt, sowohl finanziell als auch personell. Das Ganze hat sehr viel Kraft gekostet und wir sind jetzt ziemlich erschöpft, aber es ging dabei einfach um alles.

Wer hat den Protest gestartet?

Heinecke: Als AStA haben wir glücklicherweise ein Gremien-Wochenende miteinander verbracht, kurz nachdem die Sparpläne bekannt geworden sind. Wir konnten uns also vorbereiten und eine Strategie entwickeln. So war es auch möglich, sehr viele Aktionen zu starten. Finanziell, materiell und logistisch kam die Hilfe mitten aus der Bevölkerung. Unser Kopierer hat mittlerweile 130.000 Exemplare auf dem Zähler, so viele Poster und Flyer haben wir gedruckt. Das ist wirklich unglaublich.

Welche Instrumente, außer Infoblättern, habt ihr eingesetzt?

Heinecke: In erster Linie haben wir Demonstrationen organisiert. Und es gab die Website, über die wir gut Druck aufbauen konnten. Selbst Daniel Günther, hochschulpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion in Schleswig-Holstein, hat gesagt, seine erste Informationsquelle zu dem Thema sei unsere Internetseite gewesen – dabei war die Landes-CDU doch unser politischer Gegner. Während der ganzen Zeit gab es eine ganze Reihe kreativer Aktionen, wie etwa die Exilvorlesung in Berlin, die wirklich Spaß gebracht haben. Außerdem noch Flash-Mobs, oder Smartmobs, wie sie ja heißen, wenn es um etwas Politisches geht.

Dreh- und Angelpunkt ist euer Online-Portal “Lübeck kämpft”. Wie baut man so eine Basis auf?

Heinecke: Zum Glück haben wir erfahrene Informatiker an der Uni, die Plattform haben wir gleich am ersten Wochenende gestartet. Mit Hilfe der WordPress-Software und verschiedenen Erweiterungen lässt sich so etwas recht schnell realisieren. Zu Beginn hatten wir das Problem, dass das System den vielen Zugriffen nicht standgehalten hat. Nach einigen Ausbesserungen lief die Seite dann aber reibungslos.

Kommen wir mal zu dem politischen Streit. Wie sah die Kommunikation mit den Landespolitikern aus?

Heinecke: Direkt mit den Politikern zu reden war ziemlich schwierig, weil die immer ihre Wir-müssen-sparen-Platte abgespielt haben. Der Wirtschafts- und Wissenschaftsminister Jost de Jager (CDU) hat einmal sinngemäß gesagt, man müsse eben zwei Stücke aus der Torte herausnehmen, damit man die Sahnehaube erhalten kann. Mit den Tortenstücken waren die Uni-Standorte Lübeck und Flensburg gemeint, mit der Sahnehaube die Uni Kiel. Solche Aussagen sind ein Unding.

Dialogbereitschaft haben die Landespolitiker aber schon gezeigt, etwa am 1. Juli, als man sich zu einer öffentlichen Diskussion in Lübeck getroffen hat.

Heinecke: Von einem echten Dialog kann doch keine Rede sein. Bei der besagten Diskussion sind keine wirklich neuen Punkte genannt worden. Zu Beginn der Proteste sind wir mit einigen Bussen nach Berlin gefahren, wo Jost de Jager und Peter Harry Carstensen im Landeshaus getagt haben. Während der Demo sind die Herren dann zu uns gekommen und wollten sich angeblich unseren Fragen stellen. Was wir erlebt haben, war aber eher ein Monolog: Als es um inhaltliche, tiefgreifende Fragen gehen sollte, haben sich die beiden wieder zurückgezogen. Das war typisch – als aber die Rettung aus Berlin kam, haben die verantwortlichen Politiker ihre Kommunikationsstrategie geändert.

Inwiefern wurde die Strategie geändert?

Heinecke: Die Leute, die uns zunächst wegsparen wollten, stellen sich plötzlich als Sieger dar, die durch viel Verhandlungsgeschick eine Universität gerettet haben. Die Wahrheit ist allerdings, dass die Abstimmung über die Sparpläne für die Landesregierung zum Desaster geworden wäre, denn mehrere Mitglieder der Koalition haben offen gegen die Uni-Schließung protestiert und hätten wohlmöglich ihre Zustimmung verweigert. Dann wäre die Regierung in Kiel gescheitert.

Trotzdem haben die Politiker sich zumindest euer Anliegen angehört.

Heinecke: Das stimmt. Verschiedene Landtagsabgeordnete haben den AStA besucht, darunter Gerrit Koch (FDP) und Daniel Günther (CDU). Die Kommunikation mit de Jager allerdings hat sich im Wesentlichen darauf beschränkt, dass einige Studenten sein Fahrzeug per Sitzblockade festgesetzt haben, als er mal in Lübeck war. Mittlerweile gibt es hier eine recht starke Abneigung gegen diesen Minister, auch auf persönlicher Ebene.

Woher kommt diese Abneigung?

Heinecke: Da gibt es verschiedene Gründe. Der Dialog war sehr schwierig, auf kritische Fragen gab es keine ehrlichen Antworten. Stattdessen hat de Jager wie ein Wasserfall von oben herab gepredigt, wir konnten ihm nichts vermitteln – so war zumindest mein Eindruck. In einem Interview hat er die Großdemonstration in Kiel als „sportliche Herausforderung“ bezeichnet. Der Mann hat wohl vergessen, dass es sich hierbei um die größte Kundgebung in der Geschichte von Schleswig-Holstein gehandelt hat. Seine Aussage ist in diesem Zusammenhang völlig inakzeptabel.

Während der Demo in Kiel schien die Stimmung tatsächlich recht aufgeheizt. Ist es noch in Ordnung, wenn Akademiker einen Landesminister als „Versager“ beschimpfen?

Heinecke: Ich finde, Jost de Jager hat komplett versagt. Er hat blauäugig und wissend um die wirtschaftlichen Folgen den Wissenschaftsstandort Lübeck riskiert. Es ist diesem Wirtschaftsminister offenbar nicht möglich gewesen, irgendeine Art von Risikoanalyse für den Wegfall der Medizin zu machen. Zum Vergleich: Die Industrie- und Handelskammer Lübeck hat das in zwei Wochen geschafft. Laut IHK hängen rund 10.000 regionale Betriebe am Uni-Standort Lübeck. In einer stichprobenartigen Befragung hat die IHK herausgefunden, dass 19,1 Prozent dieser Betriebe im Falle einer Uni-Schließung abgewandert wären. Für die ganze Region hätte das katastrophale Folgen gehabt.

Es wurde viel über die Hintergründe gemunkelt, warum es gerade den Standort Lübeck treffen sollte.

Heinecke: Man muss wissen, dass Jost de Jager eine gewisse Vorgeschichte hat. Bereits 2005 hatte er in seiner Funktion als Staatsminister geplant, die Uni-Standorte Lübeck und Kiel miteinander zu fusionieren. Es gibt Dokumente, die belegen: Die Uni Kiel sollte dabei bevorzugt werden. Die Sparpläne, die der Minister jetzt umsetzen wollte, waren im Grunde also nur aufgefrischt worden. Wenn man sich das Kieler Kabinett ansieht, fällt zudem auf: Auffallend viele Minister, darunter Ministerpräsident Carstensen, haben an der Universität Kiel studiert. Das ergibt einen faden Beigeschmack.

Wie sah das Verhältnis zur Uni Kiel während der Proteste in Lübeck aus?

Heinecke: Da muss man differenzieren. Die Kieler Studenten haben uns stark unterstützt, dass finden wir echt toll. Auch der AStA hat uns sehr geholfen. Das Kieler Universitätspräsidium macht allerdings weiterhin Hinterzimmerpolitik. Erst 2009 soll sich das Präsidium mit Jost de Jager getroffen haben, um mögliche Sparpläne zu besprechen, die eine Schließung unseres Standortes beinhalteten. Dieser Vorschlag ist offenbar exakt von der Haushaltsstrukturkommission übernommen worden: Der Uni Lübeck sollte das Herz herausgerissen werden, damit meine ich den Bereich Medizin. Alternative Vorschläge, die Einsparungen zwischen den beiden Standorten solidarisch zu schultern, hat de Jager abgelehnt.

Am 16. Juni fand die Großdemo in Kiel statt. Wie wurde das organisiert – ein Professor soll sogar einen Sonderzug gechartert haben?

Heinecke: An dem Protestzug waren Studenten aus Flensburg, Kiel und Lübeck beteiligt, die sich gemeinsam zu einer Kundgebung vor dem Landtag getroffen haben. Was die Organisation angeht, kann ich nur für uns Lübecker sprechen: Es gab einen Sonderzug mit rund tausend Studenten, in dem auch der Uni-Präsident und Pressevertreter mitgefahren sind. Wir hatten eine ganze Reihe Busse, ein paar Fahrradfahrer sowie Leute, die mit Auto und Bahn angereist sind. Auch die Ortsverbände von CDU und FDP wollten Busse anmieten – das hat nicht geklappt, weil der Lübecker AStA bereits alle gemietet hatte.

Wer hat das Geld für diese Aktionen gegeben?

Heinecke: Das waren sehr viele. Wir haben Spenden gesammelt, aber auch lokale Firmen und Einrichtungen wie etwa die Possehl-Stiftung haben etwas beigetragen. Auf unserer Internetseite haben wir genau aufgelistet, wer uns unterstützt hat. Ohne die große Hilfe aus der ganzen Stadt hätten wir das niemals geschafft.

Trotz Facebook und Twitter: Ohne klassische Medien lässt sich keine Politik machen. Was die über euch berichtet haben, hat euch zum Teil nicht in den Kram gepasst.

Heinecke: Wir waren oft unzufrieden mit der Berichterstattung. Über die 14.000 Studenten in Kiel hat die Tagesschau zum Beispiel nichts gebracht. Über einen späteren Sternmarsch in Lübeck gab es einen Bericht, das hat uns entschädigt. Man muss aber auch sagen, dass wir zu Beginn noch gar keine Erfahrung mit Pressearbeit hatten. Später sind wir da routinierter geworden, in vielen Medienhäusern hatten wir feste Ansprechpartner. Zu guter Letzt haben auch viele überregionale Zeitungen und Rundfunkstationen über die Rettung berichtet.

Eine Szene aus Kiel ist besonders im Gedächtnis geblieben: Wissenschaftsminister de Jager ist von Studenten umringt und wird von Polizisten abgeschirmt. Dann kommt es zum Sturz. Die Kieler Nachrichten haben geschrieben, Studenten hätten den Minister gerempelt.

Heinecke: Dieses Gerücht hat der Minister wohl selbst in die Welt gesetzt, ich weiß es aber nicht genau – das war insgesamt sehr unschön. Denn in einem Video ist genau dokumentiert, wie de Jager auf dem Rasen ohne Fremdeinwirkung ausrutscht, da ist kein Student in der Nähe. Die Polizei hat uns das später bestätigt.

An der Uni wird jetzt nicht mehr gespart, aber die Einschnitte im Landeshaushalt treffen dennoch viele Menschen in Schleswig-Holstein.

Heinecke: Dass gespart werden muss, darin sind sich doch alle einig. Trotzdem sind einige Punkte an diesem Sparpaket sehr fragwürdig. Das betrifft ganz besonders die Bildung, aber auch zum Beispiel den Gesundheitsbereich. Es gibt etwa momentan Privatisierungspläne für das Uniklikum Schleswig-Holstein an den Standorten Kiel und Lübeck. Das Schlimmste am derzeitigen Sparpaket ist, dass wegen der akuten Finanznot alte Vereinbarungen über Bord geworfen werden. Da brauchen wir dringend mehr politischen Widerstand, um die nötigen Einsparungen gerechter zu gestalten.

Demand Media kommt: Deutsche Verlage suchen Billigproduzenten für Google-Futter

Sie sind kurz, verschlagwortet und passen immer haargenau auf die Suchmaschinen-Anfragen von möglichst vielen Internetnutzern: die Artikel und Videos von Ratgeber-Portalen wie Helpster und WieGehtDas.TV. Wenn es nach dem Willen der Betreiber geht, sollen hier massenhaft werberelevante Klickmonster aus der Taufe gehoben werden – die Nutzer generieren dabei genau das, wonach andere Nutzer suchen. Hauptsache, die großen Firmen fühlen sich neben den Artikeln wohl. Den großen Werbeanteil bekommt freilich der Betreiber, der lediglich die Technik zur Verfügung stellt.

Am Fließband, bitte

Wer soll das ungerecht finden? Man sei keine Manufaktur, sondern eine Inhaltefabrik, betonte jüngst Firmengründer Andre Zalbertus, der seinem deutschen Produktionsunternehmen dann auch diesen Namen gab – “Inhaltefabrik GmbH”. An Erfahrung in Sachen User-Content mangelt es dem Investor nicht. Nun will er mit seinem Portal “WieGehtDas.TV” in Deutschland nachmachen, was die hocheffiziente US-amerikanische Produktionsfirma DemandMedia bereits mit Seiten wie eHow.com erreicht hat: Möglichst viele Klicks und Werbung generieren, und gleichzeitig die Kosten gering halten. Geld verdienen mit Online-Werbung ist bekanntlich kein Zuckerschlecken.

Die Inhalte dürfen also fast nichts kosten. So wunderte es Anfang 2010 nicht, dass eine ganze Reihe von alt-etablierten Medien mal wieder das Ende des kostbaren Manufaktur-Journalismus befürchteten. Schließlich kooperiert DemandMedia in den USA bereits mit journalistischen Online-Diensten. Verlage brauchen gerade in Krisenzeiten klicksicheren Inhalt, und den liefern die Stichwort-Analysten garantiert und ohne lästige Agentur-Abos.

Anzahl der Videos mal Pauschale = Honorar

Wer sind die emsigen Fabrikarbeiter, die den Firmen ein wohliges Umfeld für ihre Werbebanner bereiten? In einem Beitrag von 3sat erklärt ein superfleißiger Highspeed-Video-Journalist, wie er in möglichst kurzer Zeit möglichst viele Videos dreht und so seinen Lebensunterhalt bestreitet. Kurze Wege, kurze Einsprecher, kurz angebunden und immer auf dem Sprung. Rückfragen sind zu aufwändig, schließlich gibt Google vor, was wichtig ist.

Wer in Deutschland allerdings noch auf den Zug aufspringen möchte, sollte sich beeilen – denn der ist fast schon abgefahren. Die Verlage verfluchten das Modell, um es dann schnell zu imitieren. Die Gruppe Georg von Holtzbrinck etwa, immer wieder für Web-Experimente offen, hat kürzlich ihr eigenes Ratgeber-Klickmonster erschaffen. Und wie viel verdient der Fabrikarbeiter auf Helpster.de? Pro Beitrag gibt es pauschal zehn Euro.

Ratgeber-Portale konkurrieren mit Lokalzeitungen um das geringste Honorar

Zehn Euro klingen nicht nach viel. Aber seien wir nicht so vermessen: Mal angenommen, wir setzen die Hungerlöhne von vielen Printmedien als Maßstab, dann sind zehn Euro durchaus konkurrenzfähig. Wer als freier Mitarbeiter etwa 60 Zeilen Zeitungstext für je 15 Cent vergütet bekommt (keine Seltenheit mehr, siehe Honorarspiegel), verdient damit gerade mal neun Euro in der Redaktion. Wer aber kleine Online-Textchen für das Ratgeber-Portal produziert, kann sich zugleich die Anrufe bei Ämtern, Pressesprechern und weiteren journalistischen Quellen sparen.

Holtzbrinck wäre aber kein echter deutscher Verlag, legte er nicht höchste Maßstäbe an. So reicht allein die Bereitschaft, für eine Pauschale von zehn Euro zu schreiben, bei weitem nicht aus. Wer für Helpster die Suchmaschinen füttern will, muss laut Anmeldeformular folgendes beachten: „wichtig sind Ihr Schreibtalent, perfekte deutsche Rechtschreibkenntnisse, sowie korrekte und hilfreiche Inhalte.“ Auf dass es Google honorieren möge.